Immer mal wirft es mich um, ein vertrautes Stück Musik im fremden Gewand zu hören. Beispiele: In Beethovens Violinkonzert setzt nach dem Vorspiel eine Gitarre ein. Chet Baker & Paul Desmond adaptieren ein bekanntes Gitarrenkonzert. Im "Serail" wird das Orchester passend von orientalischen Instrumenten unterstützt. "Can't help falling in love with you" ist als fröhlicher Reggae völlig schmalzfrei, wenn auch mit einem großzügig falschen Akkord. Led Zeppelin wird vom London Symphony Orchestra interpretiert. "Bilder einer Ausstellung" gibt es in mehreren Varianten rockig oder elektronisch und sind selbst schon eine Bearbeitung der originalen Klavierfassung.
Ein fröhliches Hin und Her. Ist die Neufassung gut, bleibt dabei das Stück erhalten, bekommt aber eine unerwartete Farbe. Dieselbe Geschichte wird aus völlig anderer Sicht erzählt.
Ein aktueller Fall passiert derzeit im Kinofilm "Shame": Nur von einem sparsamen Klavier begleitet, trägt da eine junge Sängerin "New York, New York" vor, sehr still und sehr langsam, ganz bei sich. Ihr trauriges Gesicht füllt die ganze Zeit die Leinwand. Man ist diesen Titel doch mit schmetternder Bigband, Broadwaytreppe und Sich-in-die-Brust-Schlagen gewohnt. Hier nun schrumpfte der amerikanische Traum zum Singen im finstren Wald. Diese Frau glaubt längst nicht mehr daran, es zu machen, sie wiederholt nur brav offizielle Vorgaben.
Wer Problemfilme in Bergman-Art nicht mag, könnte immerhin an den sehr ästhetischen Bildern Freude finden. Doch was mir im Gedächtnis bleiben wird, sind diese paar herzzerreißenden Minuten Lied.