Das Erdbeermädchen
Neben unserem Einkaufscenter befand sich seit kurzem ein neuer Verkaufsstand in Form einer überdimensionalen Erdbeere.
Es war gerade Juni und somit die hohe Zeit der Erdbeeren. Präziser, die sogenannte Haupternte jener verlockenden Feldfrüchte.
Hinter dem Verkaufstresen stand ein Mädchen oder besser gesagt, eine junge Frau in einem roten Nylonkittel mit grünem Kragen und verkaufte die begehrten süßen roten Feldfrüchte gleich körbchenweise.
Die obersten beiden Kittelknöpfe, die übrigens wie auch alle anderen Knöpfe an ihrem Kittel grün waren, ließ sie offenstehen. Bei der
extremen Schwüle dieses ohnehin feuchtheißen Wetters natürlich auch kein Wunder.
Sie war selbst von weitem betrachtet, sogar ziemlich hübsch und eigentlich auch sonst ausgesprochen reizend anzuschauen. Ihr langes brünettes Haar hatte sie zu einem süßen Pferdeschwanz zusammengebunden und unter ihrem großen Pony saß eine hochmodische Brille mit dunklem Rahmen
auf ihrer Nase. Jedes Mal wenn ich von der Arbeit an ihrem Stand vorbeikam, bediente sie gerade auffallend viele männliche Kunden. Die meisten der Männer kauften bei ihr kurioserweise auch gleich ein ganzes Spankörbchen voll mit frischen, leuchtend roten Erdbeeren ein, was ich nach einigen
Tagen dann allerdings doch ziemlich ungewöhnlich fand. Nach einem Zufall sah es mir allerdings eher immer weniger aus...
Irgendetwas war mit ihr und es musste fraglos einen absolut triftigen Grund geben, warum sie im wahrsten Sinne des Wortes, ihre Erdbeeren so überaus erfolgreich an den Mann, respektive an die Frau bringen konnte.
Ich meine, Erdbeeren gab es im Augenblick doch beinahe fast schon, wie Sand am Meer. In jedem Supermarkt und in jedem Discounter wurden jetzt überall gerade Erdbeeren zu einem unschlagbaren Sonderpreis gehandelt. Nicht so an diesem Erdbeerstand und trotzdem boomte gerade bei ihr das Geschäft mit diesen leckeren, süßen Früchtchen.
Tags darauf, als ich gerade wieder vorbei kam, standen zum wiederholten Mal etliche Kunden an ihrer komplett aufgeklappten Riesenerdbeere an und kauften bei der jungen Frau gleich Unmengen jener saftig, süßen, geschmackvollen Genuss-Beeren ein.
Das Wetter war auch an diesem Tag erneut wieder schwül und drückend. Dennoch harrten die designierten, zumeist männlichen Käufer der Erdbeeren tapfer aus, bis sie an der Reihe waren. Auch wenn sich jenes seltsame Gebilde aus schwitzenden und Schlange stehenden männlichen Kunden nur im sprichwörtlichen Schneckentempo ihrem Verkaufstresen näherte. Aus purer Neugier reihte ich mich hinten in die Schlange der Wartenden mit ein. Vielleicht konnte ich ja
inzwischen das unerklärliche Phänomen des Verkaufsgeheimnisses jener Brünetten lüften und ganz nebenbei könnte ja bestimmt auch ein Körbchen von ihren roten, sündhaft süßen Vitaminbomben gewiss nichts schaden.
Ich verrenkte mir beinahe schon den Hals, um wenigstens etwas von dem zu erhaschen, was dort vorn an ihrem Tresen passierte. Aber außer, dass diese attraktive junge Frau dort unentwegt ihre leckeren Erdbeeren verkaufte, geschah eigentlich überhaupt nichts...
Schon gar nichts wirklich Weltbewegendes.
Sie plauderte angenehm mit den Kunden über dies und jenes und schenkte einem jeden von ihnen, ein immer gleichbleibendes, anmutig bezauberndes Lächeln. Aber nur mit einem hübschen Lächeln allein, macht man noch
gewiss noch keinen richtig gewinnbringenden Umsatz. Es musste also doch noch etwas mehr dahinter stecken. Während sie zugleich das Geld kassierte und dem Kunden einen vollen Erdbeerkorb von der Palette reichte, bewegte sie sich elegant zwischen der Palette und dem Verkaufstisch hin und her.
Als ich ihr eine Weile dabei zugeschaut hatte, glaubte ich plötzlich den Grund für das so überaus erfolgreiche Erdbeergeschäft erkannt zu haben und mir ging sogleich der berühmte Seifensieder auf...
Diese Riesenerdbeere stand seitlich im spätnachmittäglichen Licht der schon etwas tieferstehenden Sonne. Ihre goldenen Strahlen umschmeichelten unsere junge Erdbeerverkäuferin mit einem sehr schönen
und extrem plastischen Seitenlicht, welches ihre Figur noch einmal besonders vorteilhaft zur Geltung brachte. Ihre wohlgeformten Brüste schwangen bei jeder ihrer weich fließenden Körperbewegungen elegant mit.
Die faszinierenden Konturen ihrer formvollendeten Brüste wurden durch dieses famose Seitenlicht noch um ein weites Mal kräftig betont und schimmerten daher überdeutlich sichtbar, durch den hauchdünnen Nylonstoff ihres knapp sitzenden Arbeitskittels hindurch. Denn darunter trug sie sonst nichts, als ihre samtene Haut. Für diese fabelhafte, jedoch bedauerlicherweise leider nur temporäre Aussicht, kaufte Mann von der liebreizenden Erdbeerfrau schon gerne auch mal etwas mehr, als nur eine Handvoll
Erdbeeren ein. Dann war es soweit und endlich war ich an der Reihe. Gerade eben wollte ich fest entschlossen noch etwas sagen und lenkte, bevor sie es bemerkte, meinen Blick rasch von ihren bezaubernden Brüsten fort, hin zu ihren sinnlichen Lippen. Mit einem Schlag begriff ich plötzlich auch, warum dieser ansonsten so rotzige Klaus Kinski damals so verrückt nach ihrem roten Erdbeermund war...
Einen Moment lang starrte ich wie gelähmt auf ihre leicht geöffneten, verführerischen roten Lippen. Ganz offensichtlich hatte die hübsche Erdbeerverkäuferin meine Verunsicherung bemerkt und sprach mich nun lächelnd an,
»Und was kann ich für Sie tun, mein Herr?«
Ich begann ganz gegen meine Gewohnheit völlig überrascht etwas zu stottern,
»Ich, ich, … ich hätte gern ein paar von... Ihren süßen Erdbeeren«, hörte ich mich wie aus weiter Ferne sagen. Sie schaute mich mit einem charmanten Lächeln an, öffnete ihren verführerisch sinnlichen Mund und sagte dann grinsend zu mir,
»Bedaure, aber das geht leider nicht, denn die sind nämlich unverkäuflich. Ich könnte Ihnen dafür im Gegenzug aber welche von Karl’s Erdbeerhof anbieten, die verkaufe ich dann allerdings auch gleich in einem Körbchen, sogar in zwei unterschiedlichen Größen, wenn Sie es so wollen...«
Eine Sekunde später hatte mein Gesicht bereits dieselbe Farbe wie Karl’s Erdbeeren angenommen. Die junge Mutter neben mir feixte plötzlich über das ganze Gesicht.
Ich nickte nur stumm, bezahlte anstandslos den geforderten Preis und ergriff das gefüllte Spankörbchen, welches sie mir mit einem anmutigen Lächeln von der Palette reichte. Das war‘s. Schade, dachte ich. Schon aus und vorbei. Altermirano, du bist vielleicht ein hirnrissiger Volltrottel. Denn ich hatte meine Chance vertan und stand nun mit meinem Erdbeerkörbchen ziemlich deppert in dem feierabendlichen Gewimmel vor der stark frequentierten Einkaufspassage...
**
Der nächste Sonntag brachte der Stadt wieder so ein schwülwarmes Wetter und ich beschloss, wenigstens am Vormittag mit
meinem Bike an den Baggersee zu fahren, der knapp zehn Kilometer außerhalb lag. Nach dem Frühstück ließ ich deshalb meine Maschine an und zog los.
An dem Baggersee, der einstmals eine ergiebige Kiesgrube gewesen war, lagen nur ein paar vereinzelte Pärchen nackt im weißen Kiessand und genossen diesen sonnigen schwülwarmen Tag. Hier wurde nur nackt gebadet, denn das Areal um den Baggersee herum lag ziemlich abseits und war mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln so gut, wie gar nicht oder nur sehr umständlich zu erreichen.
Für den Nachmittag hatte der Wetterdienst schwere Gewitter angesagt und ich wollte beizeiten zurück sein, um mit dem Bike nicht noch in ein heftiges Unwetter zu geraten.
So stellte ich die Maschine sicher an dem Böschungshang ab und ging hinunter zum Seeufer. Kein Lüftchen regte sich und mir wurde immer heißer. Logisch, denn es gab ja auch keinen Fahrtwind mehr, der mich hätte kühlen können. Am Strand sah ich ein Mädchen auf einem großen Badehandtuch liegen. Sie war ebenfalls nackt und las auf dem Bauche liegend, in einem dicken Buch. Schon beim Näherkommen hatte ich das untrügliche Gefühl, dieses Mädel, das kennst du doch. Die hast du irgendwo schon mal gesehen. Als ich nahe genug herangekommen war und mir ein Herz gefasst hatte, sprach ich sie an,
»Hallo, schöne Frau, bitte erschrecken Sie nicht, aber ich glaube wir kennen uns. Kann
das sein?« Sie wandte mir ganz langsam ihr Gesicht zu und obwohl ihre große dunkle Sonnenbrille ihr hübsches Gesicht zum großen Teil verdeckte, wusste ich sofort, dass ich sie tatsächlich schon mal gesehen hatte.
Sie lächelte,
»Ach, Sie sind es, der Stotterer…«
Peng, das saß. Selbstverständlich wusste ich auf Anhieb, wer sie war. Sie war nämlich jenes sympathische Erdbeermädchen...
»Darf ich Ihnen trotzdem ein wenig Gesellschaft leisten? Ich verspreche auch, nicht mehr zu stottern.«
»Nur wenn du mir versprichst, mich nicht zu nerven«, meinte sie einlenkend und wandte sich mit einem Lächeln wieder ihrer Lektüre zu. Hocherfreut über den Dammbruch der
Förmlichkeit, rollte ich meine Bastmatte auseinander und legte mein Handtuch drüber. Dann schlüpfte ich aus meinen Klamotten und legte mich ebenfalls nackt in einem gesittet, gebührlichen Abstand neben sie in die Sonne.
Eine Zeitlang lagen wir uns gegenseitig anschweigend, nebeneinander und ich vernahm nur hin und wieder das Rascheln des Papiers, wenn sie eine weitere Seite in ihrem Buch umblätterte. Es war ein Roman in dem sie las, sogar ein richtig dicker Liebesroman. Dem häufigen Umblättern zufolge, musste sie allerdings auch ziemlich schnell lesen können. »Was tust du eigentlich, wenn du gerade keine Erdbeeren verkaufst?«, fragte ich nach einer Weile, als ich mich ein wenig mutiger geworden fühlte. Wieder wandte sie mir
hintergründig lächelnd ihre riesigen dunklen Sonnenbrillengläser zu,
»Im Sommer verkaufe ich Erdbeeren und im Winter verleihe ich sie, ansonsten studiere an der hiesigen Uni Sozialpädagogik. Und was machst du, wenn du nicht gerade Erdbeeren kaufst, die du eigentlich gar nicht haben wolltest?«, kam postwendend ihre Antwort.
Hoppla, dachte ich, touché.
»Nicht schlecht, eins zu null für dich«, grinste ich. »Ich schreibe Programme für intelligente Maschinen, Computer und so’n Kram, was aber nicht unbedingt immer auch wirklich intelligent oder gar interessant sein muss«, antwortete ich ihr leichthin.
Während der Nachhall ihrer Worte in meinem Kopf noch eine ganze Weile mehrmals hin und
her echote, bis sich für mich letztendlich dabei nur eine einzige Frage herauskristallisierte,
»Wie zum Teufel, verleiht man im Winter Erdbeeren?«
Das Erdbeermädchen lächelte noch immer. Dann drehte sie sich demonstrativ auf die Seite und lenkte damit meine Blicke unweigerlich auf ihre wundervollen Brüste.
»Würdest du sie dir entgehen lassen, wenn du im Winter Lust auf Erdbeeren verspürst?«
Ich schluckte heftig und schon wieder hatte mein Gesicht die Farbe von Karl’s Erdbeeren angenommen. Ich schüttelte verunsichert den Kopf,
»Keine Ahnung...«
»Wusst‘ ich’s doch…«, lachte sie und drehte sich wieder auf den Bauch. »Ich tu‘ das nur,
um mein Studium damit zu finanzieren und es ist ehrlich verdientes Geld. Wenn ich meinen Master gemacht habe, ist definitiv Schluss damit. Bist du nun schockiert?«
»Schockiert sicher nicht, wohl eher etwas überrascht, dass so ein Mädchen wie du…«
»Ha‘, denkst du etwa, jemand schenkt mir was, nur weil mein süßes Frätzchen so hübsch lächelt? Dazu bedarf es dann doch schon etwas mehr, denn ich werde von Erdbeer-Kalle nur nach Provision bezahlt«, unterbrach sie mich grinsend.
Ich war echt baff, denn damit hatte ich nicht gerechnet. Langsam erhob sie sich, stellte sich provokatorisch splitterfasernackt vor mich hin und stützte ihre Arme in die Hüfte,
»Was ist, Programmierer, gehen wir eine
Runde schwimmen, oder hat es dir jetzt etwa die Petersilie verhagelt?«, lachte sie.
»Okay, wenn’s weiter nichts ist«, sagte ich erfreut, »deswegen bin ich ja auch hier.« Ich sprang auf, ergriff ihre Hand und rannte mit ihr jauchzend in das erfrischend kühlende Nass.
Wir lagen noch bis zum späten Nachmittag an den weißen Gestaden des Baggersees und genossen die Wärme der Sonne ebenso, wie die Sinnlichkeit der Unterhaltung. Als sich der Himmel bereits mit hochdramatischen Gewitterwolken zu beziehen begann, fragte sie mich, ob ich sie denn mit meinem Bike noch bis in die Stadt mitnehmen könnte.
Was war das denn nur für eine Frage? Dabei war es allein schon diese Frage, die mich im Nu sogar mehr als überglücklich machte.
Ich ließ meine Maschine an, während sie sich den Reservehelm aufsetzte. Dann schwang sie sich elegant hinter mir auf den Rücksitz und legte ihre Arme um mich. Dabei presste sie ihren Oberkörper fest an meinen Rücken.
»Können wir?«, fragte ich und sie hob ihren linken Daumen.
Als ich Gas gab, fielen schon die ersten fetten Regentropfen in den trocknen Staub und nach gut fünf Minuten Fahrt waren wir beide bereits klatschnass durchgeweicht. Ich spürte durch mein dünnes T-Shirt ihre harten Erdbeeren an meinem Rücken, was mich schier unglaublich heftig inspirierte und mir selbst bei diesem satten Gewitterguss ein äußerst angenehmes Gefühl bescherte.
»Wie heißt du eigentlich?«, brüllte ich bei
Tempo 80 durch den Regen nach hinten.
»Tessa von Brennert…«, brüllte sie zurück.
»Verarmter Adel und du…?«
»Ich heiße Karl Friedrich, aber ohne von...«, schrie ich wieder nach hinten zurück. Ich spürte, wie Tessas Körper zuckte und sie hinter meinem Rücken laut zu lachen anfing.
In der City hielt ich in der Nähe einer U-Bahnstation unter einem schützenden Tankstellendach an. Der warme Sommerregen rauschte nun in schier endlosen Sturzbächen vom Himmel. Uns war es längst egal, denn all unsere Sachen trieften inzwischen ohnehin schon nur so vor Nässe, als kämen sie geradewegs aus der Waschmaschine.
»Nun, Tessa von Brennert, kann ich dich wiedersehen?«, fragte ich sie, nachdem ich
den Helm abgenommen hatte.
»Du weißt ja, wo du mich finden kannst, Karl Friedrich…«, lachte sie schelmisch und drückte mir ihren Helm in die Hand.
Zu meiner Überraschung gab sie mir noch einen bezaubernden Kuss auf die Wange, der mein Herz sogleich schneller schlagen ließ. Daraufhin ging sie ein paar Schritte rückwärts, winkte mir zum Abschied noch einmal zu und verschenkte lächelnd einen Kuss durch den strömenden Regen in meine Richtung, welchen sie mir anschließend auf ihrer offenen Handfläche hinüberhauchte. Erst dann drehte sie sich um und stieg langsam die steinernen Treppenstufen zur Station der Untergrundbahn hinab...
***
Impressum
Cover: selfARTwork
Text: Bleistift
© by Louis 2013/6 last Update: 2026/5