Romane & Erzählungen
Schreiben, um zu sterben - 2. Kapitel

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"Schreiben, um zu sterben - 2. Kapitel"
Veröffentlicht am 17. Januar 2022, 18 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Schreiben, um zu sterben - 2. Kapitel

Schreiben, um zu sterben - 2. Kapitel

Kapitel 2: Ein müder Anfang

Bald bin ich auf der Autobahn. Nur das Geräusch des Motors ist zu hören. Ab und an überholt mich ein anderes Auto. Es ist zwar langweilig, aber das Radio muss ausbleiben; unbedingt. Seit dem Tod von Martin kann ich keine Musik mehr hören; darf ich keine Musik mehr hören. Musik ist voller Erinnerungen. Und Erinnerungen bedeuten Gefühle. Und die habe ich gerade genug.

Meine Gedanken wandern zu dem Gespräch mit Herrn Bremer zurück. Dass ich meine Liebesbeziehungen aufschreiben soll, finde ich merkwürdig.

Schließlich will ich das Leben beenden und nicht darauf zurückblicken. Und überhaupt: Wie kann der Mann eigentlich so viele Lachfalten haben? Er hat doch jeden Tag mit dem Tod zu tun.

Mit wem fang´ ich denn nun diese merkwürdige Liste an? Mit Oliver?  Ich war süße zehn. Dann mit 14 kam Jürgen; meine Ferienliebe. Sechs Wochen: Sonne, Strand, Schwimmen und Jürgen. Am besten ist es, ich mach mir zuhause einen Zettel. Irgendwo auf dem Dachboden müssen auch noch meine Tagebücher sein.

Ein LKW überholte mich hupend.

Erschrocken sehe ich auf den Tacho: Ich fahre gerade mal 80! 120 ist erlaubt und die Autobahn ist leer. Kein Wunder, dass der Typ gehupt hat. Ich muss besser aufpassen: Einen Unfall kann ich jetzt wirklich nicht gebrauchen! Ich muss schreiben! Ohne Nachzudenken drücke ich den Anschaltknopf des Radios und fahre summend nach Hause.

Als ich in meine Straße einbiege, kündigt der Sprecher „One day in your life“ von Anastacia an. Der Song fängt wunderbar ruhig an. Doch nach zehn Takten beginnt der Beat und er packt mich umgehend. Bumm-Bumm-Bumm. Ich drehe das Radio auf, trommele mit

den Fingern auf´s Lenkrad, singe lautstark mit. One day in your life….

Dann sehe ich mein Haus: Groß, massig und still; totenstill. Mit dunklen Fenstern und einer Einfahrt, die einzig von Unkraut belebt ist. Anklagend meldet sich eine Stimme in meinem Kopf: „So, so, Dir geht´s also schlecht. Was soll das also? Du amüsierst Dich hier und singst!“ Ich verstumme. Das Radio dröhnt ungerührt weiter: „Is it time to say goodbye?“ Was habe ich getan? Schnell schalte ich das Radio ab.

Grau, Schwere und Tränen wabern in mein Auto, füllen jede Ritze aus, das

Atmen fällt mir schwer. Ich parke den Wagen in der Einfahrt und gehe mit bleiernen Schritten die Stufen zur Haustür hoch. Ein Geruch von verbrauchter Luft kommt mir aus dem Flur entgegen. Im Haus ist es still. Und dunkel. Wie in einer Gruft! Etwa meiner Gruft?

Hektisch laufe ich ins Wohnzimmer, ziehe die Rollläden hoch und reiße die Fenster auf. Tief atmend stehe ich am geöffneten Fenster. Erschöpft lege ich mich aufs Sofa und schlafe sofort ein. Nur kurz wache ich fröstelnd auf, schließe das Fenster, decke mich mit der Wolldecke zu und schlafe weiter.

Mitten in der Nacht reiße ich die Augen auf und bin hellwach! Ich muss schreiben. Jetzt! Ich stehe auf, koche mir einen Tee, hole Papier und Stift und setze mich an den Tisch. Okay, wie geht’s los? Zuerst Oliver, dann Jürgen. Soweit war ich schon. Dann kam glaub ich Kai. Nein doch noch nicht. Mehrmals streiche ich einen Namen durch, schreibe einen neuen auf oder mache einen Pfeil. Dass das so schwierig ist, hätte ich nicht gedacht. So viele Männer hatte ich ja nun auch wieder nicht. Aber Herr Brenner wollte alle Beziehungen haben, auch die unwichtigen und kurzen. Endlich bin ich fertig. Zwischen allen möglichen Kritzeln und Pfeilen stehen folgende Namen:

Oliver

Jürgen

Karnevalsbekanntschaft I: Den Namen weiß ich nicht mehr

Kai

Karnevalsbekanntschaft II: Jules

Drei Kürzestbeziehungen (Bernhard, Markus, Rainer)

Jörg

Martin.

Ich schreibe alles ab und mir wird klar: Das wird `ne Weile dauern. Ich schaue auf die Küchenuhr: Halb drei nachts? Ich habe Hunger. Und ich bin müde. Ich

öffne den Kühlschrank: Vielleicht finde ich noch irgendetwas Essbares. Ich nehme mir ein Stückchen Käse, trinke etwas Milch. Dann geh ich ins Bett.

Am Morgen wache ich gerädert auf: Ich hatte einen schrecklichen Alpraum. Eine einstürzende Brücke hatte Martin in einen tosenden Fluss gerissen. Ein paar Mal war sein Kopf noch aus der Strömung aufgetaucht, dann war er in den Fluten verschwunden.

Ich brauche einen starken Kaffee, quäle mich aus dem Bett und schleiche in die Küche. Auf dem Küchentisch liegt die Liste der letzten Nacht. Ich lese sie noch

einmal und lasse den Zettel mutlos sinken. Ich muss es irgendwie schaffen. Ich will das Gift, ich brauche es. Also muss ich Schreiben. Vielleicht hilft es ja, einfach anzufangen. Am Besten gleich mit Oliver; das ist schön einfach. Ich mache mir also einen Kaffee, setze mich an den Tisch, lege mir Blätter und Stift hin und versuche mich, zu erinnern: Oliver! Wie war das noch?

Oliver

Oliver war mein Freund in der vierten Klasse. Meine Eltern hatten ein Haus im Süden Berlins gekauft. Wir drei

Kinder mussten deshalb die Schule wechseln. In meiner neuen Klasse war Oliver. Oliver hatte blonde Haare und nette, braune Augen. Und genauso war er auch: Nett!

An mehr kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern. Frustriert lege ich den Stift hin, stütze mein Gesicht in die Hände. Wie soll ich das bloß schaffen? Doch Halt! ... Moment! … Ich erinnere mich noch wie wir zusammengekommen sind!

Ich fand Oliver ziemlich toll, nahm

meinen ganzen Mut zusammen und lud ihn zu meinem Geburtstag ein; es war der 10. Geburtstag. An dem Tag selber trudelten nach und nach die Geburtstagsgäste ein. Mann, war ich aufgeregt! Schließlich erschien Oliver. Ich strahlte ihn an. Er murmelte ein trockenes „herzlichen Glückwunsch“, drückte mir sein Geschenk in die Hand und ging schnurstracks zu den anderen Kindern. Mich ließ er einfach in der Haustür stehen. Irgendwie hatte ich mir das romantischer vorgestellt. Ich sah auf das Geschenk: Was es wohl war? Ich schüttelte es und horchte: Es machte kein Geräusch. Also riss ich die Verpackung auf und erstarrte: Drei

mit Veilchen bestickte Polyacryl-Taschentücher und daneben eine Schachtel mit Anstecknadeln, und zwar einer gelben, einer roten und einer blauen, dicken, fetten Plastik-Schildkröte! Was für ein grässliches Geschenk! Ich schüttelte den Kopf. Egal! Es war von Oliver! Und es war für mich!

Zwei Monate später hatte er Geburtstag. Wir spielten `Kuss-Einkriege`. Die Regeln waren einfach: Wen man gefangen hatte, den durfte man küssen. Das hört sich jetzt langweilig an, aber damals war es irre aufregend! Ich war an der Reihe und

rannte los: Natürlich wollte ich Oliver fangen. Und natürlich hab´ ich ihn auch gefangen. Er hat es mir aber auch leicht gemacht. Noch ganz außer Atem drückte ich meine Lippen auf seine Wange. Oooh, dieser Kuss! Er fühlte sich wunderbar zart und weich an! Ich werde ihn nie vergessen, meinen ersten Kuss. Tja, und von diesem Kuss an, `gingen wir miteinander`; so einfach können manche Dinge sein.

Der Rest dieser Freundschaft plätscherte ohne weitere Dramatik dahin: Wir tauften meine Katzen-Babys, machten Radtouren und spielten Fußball. Was man halt so tat

mit 10. Ich gab Oliver mein Poesiealbum und er schrieb mit in seiner schönsten Schrift einen bedeutenden Rat. Ich weiß ihn noch heute, denn ich hatte ihn sofort auswendig gelernt: „Sei wie das Veilchen im Moose: sittsam, bescheiden und rein. Nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein.“

In der fünften Klasse ging ich auf eine andere Schule und wir verloren uns aus den Augen. Was er wohl heute macht? Ob er ein Veilchen oder eine Rose gefunden hat? Ich jedenfalls … war ganz eindeutig eine Rose geworden.

Puuuh, ich lege das beschriebene Blatt auf die Seite. Jetzt brauche ich eine Pause. So langsam dämmert mir, dass das eine Patt-Situation ist: Zwar kann ich das Gift bekommen, aber dafür muss ich … schreiben. Und das Schreiben kommt mir gerade vor wie ein ´Zehntausender´: Ich bin viel zu müde für den Aufstieg. Ich will einfach nur alleine sein. Einfach nur alleine! Aber auf diese Weise werde ich nie fertig. Vielleicht schaffe ich es ja, wenigstens noch eine Beziehung aufzuschreiben?

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PuckPucks

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Memory 
Liebe Judith,
fast hätte ich deine beiden Bücher verpasst, sie sind bei mir total untergegangen.
Zum Glück wurde ich heute fündig und bin sehr froh darüber.
Dein Schreibstil sagt mir sehr zu, denn trotz der Schwere des Themas liest sich dein Text leicht und flüssig.
Das Thema nimmt mich aus verscheidenen Gründen ebenfalls sehr mit und ich möchte unbedingt wissen, wie es nun weitergeht.
Obwohl es ja zu ahnen ist, bin ich gespannt, wie du den Faden weiterspinnst.
Danke für diese beiden Bücher!
Lieben Gruß
Sabine

PS. Ich habe gerade das Buch "Der Club der Lebensmutigen" von Josefine Weiss gelesen. Ich könnte mir vorstellen, dass das Buch für dich auch interessant wäre.
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Danke dir, liebe Sabine. Ja, die ersten Fassungen dieser Geschichte trieften nur so vor Unglück, Schwermut und Hoffnungslosigkeit. Immer wenn ich daran schrieb, rutschte meine Stimmung in den Keller. Also musste ich aufhören oder was ändern :o) Inzwischen lächel ich beim Lesen und Schreiben, trotz aller Schwere des Themas.
Ich freu mich, wenn du mit mir weitergehst.
Liebe Grüße
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
Bleistift 
"Schreiben, um zu sterben - 2. Kapitel..."
Ich glaube, dafür würde man auch unter heutigen Verhältnissen nirgendswo eine Genehmigung erhalten, denn ein solcher emotionaler Tiefstand, der muss ja auch noch nicht gleich das AUS des eigenen Lebens bedeuten, selbst wenn es sich für die betreffende Protagonistin
im Moment scheinbar so anfühlen mag...
Ich, als Leser hätte diese Geschichte vielleicht besser gern in der Vergangenheitsform gelesen, weil mir die Gegenwartsvariante der Ich-Erzählerin dazu irgendwie nicht richtig passend erscheint...
Was aber auf den Inhalt der Story für mich keinerlei Auswirkung hat,
denn diese interessante Geschichte werde ich ohnehin gewiss bis zu Ende lesen wollen... ...smile*
LG
Louis :-)
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Lieber Louis, ich habe alle Varianten ausprobiert: Vergangenheit, Gegenwart, Ich-Erzählerin, Erzähler-Perspektive .... Und die hier vorliegende erschien mir am besten. Tja, du Lieber, da musst du jetzt durch :o)
Was den `emotionalen Tiefstand` angeht, hast du bestimmt Recht. Die Geschichte ist in der Realität so bestimmt nicht möglich. Ich würde sagen: Sie spielt in einer Art `Parallel-Universum` :o))
Liebe Grüße
Judith
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
Enya2853 Liebe Judith,
spannend, interessant und lebensnah erzählt, gefällt mir richtig gut.
Aber ich denke, deine Ich-Erzählerin ist auch gedanklich noch nicht am Ende angelangt, nicht wirklich bereit zum Sterben.
Nun bin ich gespannt und hoffe, dass das Schreiben sie letztlich in die Spur bringt.
Liebe Grüße
Enya
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Ja, liebe Enya, die Idee zu dieser Geschichte hatte ich, als ich wegen meiner schweren Gehirnblutung brach lag und alles, alles verloren glaubte. Ein Kurs in "kreativem Schreiben" hat mir wieder Lebenskraft und Lebenslust gebracht. Vielleicht geht es Frederike ja auch so?
Liebe Grüße
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
FLEURdelaCOEUR Sehr mitreißend und lebendig erzählt, das gefällt mir sehr.
LG fleur
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Danke, liebe fleur.
Das ist ein Buch, das jahrelang in meiner Schublade lag. Und jetzt, nach gründlichem Abstauben, ist es auch für mich wie ein Jungbrunnen. Wie schön, dass das hier auf myStorys geht, kapitelweise zu schreiben. Ich freu mich, dass du dabei bist.
Liebe Grüße
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
Loraine Eine tolle interessante Geschichte die noch einige Seiten zum Schreiben "bezwingen" darf um den gefühlten Zehntausender erreichen zu können.
Lebendig erzählt mit allen Gefühlen - Gedanken - Erinnerungen die diese Situation wohl ausmacht.
LG Loraine
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Danke, liebe Loraine, dass du beim Bezwingen dabei ist. Wird nen harter Aufstieg. Freu mich, wenn du mich begleitest.
Liebe Grüße
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
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