Aufgespiesst und angenagelt
Ein Aufsatz
von Seiner Exzellenz,
dem Arbeitsschutzschuh…
Nur wer die Baustellen unserer schönen deutschen Republik kennt, der weiß einen guten, sicheren Arbeitsschutzschuh wirklich zu schätzen. Okay, er mag vielleicht nicht gerade todschick aussehen, aber möglicherweise kann er unter Umständen das fatale Missgeschick, welches seinen Träger so völlig unvorbereitet traf, in seinen allerschlimmsten Auswirkungen vielleicht etwas abmildern…
Die Rede ist von einem solchen, mit einer
integrierten Stahlsohle, welche völlig im Verborgenen, sozusagen Undercover, ganz geschickt alles Mögliche verhindern soll. Zum Beispiel, dass sich ein garstiger rostiger Nagel in einem alten vergammelten Betonschalbrett erst einmal seinen Weg durch die gummierte Sohle, danach durch die Arbeitssocken und schließlich durch die Haut, durch Muskeln, Sehnen, Blutgefäße, Nerven und Knochen, vehement nach oben bahnt und um es einmal klar und deutlich zu formulieren, diesen dabei mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit selbstverständlich auch findet...
Damit ist jedoch die destruktive Reise jenes Nagels aber längst noch nicht zu Ende. Zerstörerisch geht es oberhalb des rasant durchstoßenen Spanns weiter durch das
Sockengewebe, um schließlich mit seiner Spitze das Oberleder zu passieren und so seinem neuen Besitzer neben dem rasenden Schmerz auch optisch zu signalisieren,
»Hallo, hier bin ich jetzt, mein Lieber. Schön, dass dein Fuß mich gefunden hat, denn nun bin ich endlich auch ein Teil von dir. Sieh nur, wie schön ich jetzt wieder in der Sonne glänze. Und prima, dass ich meinen ganzen Dreck und all die fiesen Entzündungskeime, die mich permanent begleitet haben, am Ende so vermehrungsfreudig in dir deponieren konnte…«
Mit Krokodilstränen in den Augen erzählt er dir lachend, welchen Schaden er auf seinem Weg durch deine untere Extremität angerichtet hat und du beginnst jetzt tief in deinem Innersten
verbittert zu ahnen, dass er dir womöglich erst die halbe Wahrheit verklickert hatte. Denn den ganzen nachfolgenden üblen Klartext, den erfährst du dann höchstwahrscheinlich von dem diensthabenden Chirurgen deines dich notärztlich versorgenden Operationsteams...
Noch viel besser ist natürlich ein geradezu genialer Arbeitsschutzschuh, der eine kompakte Einheit aus einer eingearbeiteten Stahlsohle mit einer zusätzlich integrierten Stahlkappe bildet, die im Fall der Fälle deine sensiblen Zehen vor einer möglicherweise hochgradigen Zerstörung bewahren kann.
Dass du den falschen Schuh, zur falschen Zeit, am falschen Ort getragen hast, das merkst du spätestens dann, wenn sich durch einen dummen Zufall eine etwa zwanzig
Kilogramm schwere Holzbohle im zweiten Stockwerk, des gerade von dir errichteten Baugerüstes, selbstständig auf den Weg macht. Einen Weg, den sie so eigentlich gar nicht hätte nehmen sollen, oder zumindest nicht gerade jetzt. Nämlich genau in diesem Augenblick und das auch noch unkontrolliert abwärts...
Was bedeutet, es geht nur nach unten und das mit einer rasenden Geschwindigkeit von gut gerechnet, zehn Meter pro Sekunde. Und das Ziel dieser freifliegenden Bohle sollten ausgerechnet deine Zehen sein?
Nee, falsch, ganz falsch, es sind nämlich immer deine Zehen…
Denn blind herabfallende Bohlen haben genau genommen immer ein Ziel. Es macht ja wohl
überhaupt keinen Sinn, wenn eine aus dem zweiten Stockwerk nach unten fallende Holzbohle, einfach nur so in den versifften Baustellenmorast klatschen würde.
Oder hast du in den Nachrichten schon je einmal diesen Satz gehört: "Berlin... Auf der Baustelle des Berliner Flughafens BER fiel gestern unkontrolliert eine Holzbohle vom zweiten Stockwerk eines Baugerüstes in die Tiefe..."? Nein, das wäre in der Tat echt langweilig und würde niemanden wirklich interessieren, geschweige denn vom Hocker reißen.
Erst wenn dieses kapitale Monster wirklich sein Ziel erreicht, dann und nur dann, wird es erst richtig interessant. Bestürzte Kollegen, dein Bauleiter, der Notarzt, die Feuerwehr, der
Rettungswagen, Medien, Krankenkasse, Berufsgenossenschaft und etliche andere mehr treten alle erst dann auf den Plan, wenn dieses zum Geschoss mutierte Bauteil, sein Ziel auch tatsächlich getroffen hat...
Hier die relevanten Ereignisse kurz und bündig zusammengefasst. Nachdem also das im freien Fall fliegende Holzteil inzwischen ordentlich an Fahrt gewonnen hat, ist die Reise eigentlich auch schon fast wieder zu Ende. Zuerst trifft nämlich die Bohlenkante auf die todschicke Oberfläche deiner funkelnagelneuen Fußbekleidung von Adidas. Dass dabei die Socke darunter, quasi im Sekundenbruchteil, eine komplett andere Form annimmt, wie du sie in Erinnerung hattest, als du sie heute Morgen erst über
deinen noch intakten Fuß gezogen hattest, ist bei dem jetzigen Stand der Dinge eher bedeutungslos.
Erst als dir der diensthabende Chirurg in der Rettungsstelle des Krankenhauses in einem sehr persönlich gehaltenen Gespräch mitteilt, dass von dem großen Zeh lediglich der Metatarsal I, also der erste größere der Zehenknochen, noch halbwegs als ein solcher erkennbar war, dass er aber, wie übrigens alle anderen in dieser breiigen Zehenmasse auch, aus Gründen der Sicherheit leider ebenfalls notamputiert werden musste…
Und dass man letztentlich verdammte Mühe damit hatte, diesen matschigen Brei aus Kalziumsplittermasse, Blut, Muskeln, Sehnen und Sockengewebe vermischt mit diversen
Leinenstückchen eines übelst zerlederten Sportschuhs, überhaupt auseinander zu halten. Erst da realisierst du, dass dieser folgenschwere Unfall definitiv nicht auf einem Sportplatz, und ausgerechnet während der Turnstunde passiert sein konnte...
Damit liegt klar auf der Hand, wie wichtig ein guter und sicherer Arbeitsschutzschuh wirklich ist. Das dies aber eine absolute Garantie dafür sein soll, dass einem nun auf einer deutschen Baustelle nichts Bösartiges mehr widerfahren kann, das gehört in das Reich der Mythen und Legenden.
Nicht einmal Siegfried war deshalb sicher, als er nach dem erfolgreichen Kampf mit einem Drachen, hernach in dessen Blute gebadet hatte und sich daraufhin seine Haut auf
wundersame Weise, in einen gehörnten Panzer umstrukturierte. Aber auf die Nibelungen mit Siegfried und seiner Kriemhilde, werden wir an späterer Stelle, ganz gewiss noch einmal zurückkommen...
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Impressum
Cover: selfARTwork
Text: Bleistift
© by Louis 2017/11 Update: 2020/3