Kurzgeschichte
Emil und Anneliese - 20. Autoren-Challenge

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"Emil und Anneliese - 20. Autoren-Challenge"
Veröffentlicht am 16. Oktober 2017, 12 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Andrea Minutillo
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Ich - eindeutig rot - freiheitsliebend - in mir drin schon mal unsicher, beinahe verklemmt - nach außen der Fels in der Brandung - die Person, auf die man sich verlassen kann - auch mal anlehnen, kein Problem - ein dunkles samtiges Rot also - richtig viel Farbe - dicke Haufen davon auf der Leinwand - Struktur - Kunstschule Zürich - zahlreiche Ausstellungen in der Region - flippig - flapsig - bunt in mir drin - auch mal ...
Emil und Anneliese - 20. Autoren-Challenge

Emil und Anneliese - 20. Autoren-Challenge

Emil und Anneliese

Gleißendes Licht. Die Sonne blendet. Geschäftiges Treiben um mich herum.

Der Kaffee dampft.

Das Stück Torte lächelt mich verschwörerisch an.

Kleine, sehr rote Kirschen glänzen verlockend. Gedankenverloren streiche ich meinen Bart entlang.

Ordne kurz mit Daumen und Zeigefinger den Schnauzer, ehe ich mich der Verführung hingebe. Weiß ich doch, dass sich sonst die Sahne nur allzu gern in seinen Haarspitzen verkrümelt. Ich genieße und schweige und denke nach. Habe es getan.

Tatsächlich!

Und jetzt? Wie weiter?

Daran hatte ich überhaupt keinen Gedanken verschwendet.


Als dieser Tag begann.

Von den Sonnenstrahlen geweckt. Wachgeküsst! Wachgeküsst von Anneliese. Meiner Anneliese.

Schon Jahrzehnte. Meine Anneliese.

Wie viele denn nun?

Habe den Überblick verloren.

Streiche meinen Bart entlang und lasse mir die Torte schmecken.

Sie sagte zu mir.

Es war beim Morgentee.

Die gute Kamille, damit mein Magen nicht rebelliert.

Sie sagt, der Tee ist besser für mich.

Während sie in ihrer Kaffeetasse rührt.

Ich lasse sie und kippe das Gebräu runter.

Sie sagt, ich brauche eine Jacke. Nein, besser einen Mantel!

Denn der Winter kommt. Ich sehe meine Anneliese an.

Sage, es sei doch nicht der erste Winter.

Und im letzten Jahr hatte ich doch auch eine Jacke. Wofür also eine neue kaufen?

Sie rollte theatralisch mit ihren großen Kulleraugen, das hatte ich genau mitbekommen.


Und sie meinte zu mir, „werd doch mal erwachsen!“

Ich streiche meinen Bart entlang.

Das mache ich gern.

Er ist lang und weich und weiß. Na ja, nicht ganz. Ein paar graue Haare sind dazwischen. Und es lässt sich gut nachdenken, während man sich über den Bart streicht.

Anneliese hat davon keine Ahnung.

Wie denn auch?

Sie meinte, „wenn es erst richtig kalt wird, dann gibt es keine Auswahl mehr.“

Umso besser, dachte ich mir und verkniff mir das Grinsen.


Etwas Teig, Sahnecreme und eine sehr rote Kirsche wandern in meinen Mund.

Ich schließe die Augen.

Vollkommenes Glück.

Wäre da nicht die Anneliese. Meine Anneliese. Sie wartet beim Herrenausstatter.

Ich habe das Auto geparkt und soll nachkommen.

Sie trifft die Vorauswahl.

Damit es für mich nicht so schwierig ist.

Was soll schwierig sein?

Beim Kauf einer Jacke, die ich nicht brauche?

Genieße den Gaumenschmaus.

Mag mich nicht stören lassen. Vertreibe die dummen Gedanken und schmiede Pläne.

Wie es weitergeht.

Könnte einfach nach Hause fahren und meine Sachen packen.

Aber wie kommt Anneliese dann nach Hause? Würde sie mit dem Bus fahren?

Nein, sicher würde sie das Taxi bevorzugen. Viel zu teuer!

Allein käme sie sicher nicht über die Runden!

Ich richte mich auf, ziehe meine Weste glatt. Meine Weste, die mich all die Zeit begleitet hat.

Unverwüstlich. Zeitlos.

„Geschmacklos“, sagt Anneliese.

Ich mag sie, die Weste.

Meine Weste! Schon seit Jahrzehnten.

Wie viele? Ich habe den Überblick verloren. Könnte nicht ohne sie.

Könnte ich ohne Anneliese? Bestimmt!

Ohne Augendrehen und ohne Kamillentee. Nehme einen Schluck aus der Kaffeetasse. Vielleicht? Wenn sie mich auf ihre jugendliche Art wachküsst.

Ja, dann ist es schön.

Wenn sie den Tee auftischt, weniger.

Und wenn sie an mir herumnörgelt, schon gar nicht. Aber wenn wir am Mittag an der warmen Hauswand sitzen und gemeinsam die Wolkenbilder mit unserer Phantasie zum Leben erwecken!

Ja, dann ist es wunderbar.

So grandiose Geschichten!

Und wenn sie die Tasten der Fernbedienung nicht erkennt, dann helfe ich immer gern.

Sie freut sich dann und lächelt mich an.

So liebevoll und dankbar.

Und wenn wir unsere Träume austauschen! Wem sollte ich meine Träume erzählen?

Wer würde sie verstehen, außer meiner Anneliese? Anneliese!

Sie hat bestimmt schon etwas für mich gefunden.

Vorauswahl!

Kratze die letzten Krümel zusammen.

Fahre ich einfach?

Einfach weg?

Ich brauche keine Jacke und auch keinen Mantel. Ich habe meine Weste.

Schon seit Jahrzehnten.

Und Anneliese.

Ja, Anneliese auch.

Raffe mich auf.

Drücke mich aus dem Stuhl und verreibe den kleinen Kirschkuchenfleck. Zum Auto oder zum Herrenausstatter?

Es gibt immer zwei Möglichkeiten. Ich wähle den Herrenausstatter.

Ich wähle die Wolkengeschichten und meine Anneliese. Nehme die Jacke in Kauf.


Und als ich sie sehe, meine Anneliese, wie sie so vor dem Geschäft auf und ab geht, bricht ihr Gesicht auf.

Eilig kommt sie mir entgegen.

Schluchzend.

„Ich dachte schon …“ Mehr brachte sie nicht heraus. Sie vergräbt sich in meinem Bart. Zitternd.

Und ich zittere mit.


„Die Sonne scheint so herrlich, mein Schatz“, flüstere ich, während ich ihre Stirn küsse. Ein wenig strenger sieht sie an mir hoch.

„Sie haben so ein Ding hier – mit Ärmeln dran!“ und zupft an meiner Weste mit dem Kirschkuchenfleck.

„Das wäre doch was, oder?“ Ich nicke und

Hand in Hand betreten wir den Herrenausstatter …

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Hörbuch

Über den Autor

Frettschen
Ich
- eindeutig rot
- freiheitsliebend
- in mir drin schon mal unsicher, beinahe verklemmt
- nach außen der Fels in der Brandung
- die Person, auf die man sich verlassen kann
- auch mal anlehnen, kein Problem
- ein dunkles samtiges Rot also
- richtig viel Farbe - dicke Haufen davon auf der Leinwand
- Struktur
- Kunstschule Zürich
- zahlreiche Ausstellungen in der Region
- flippig - flapsig - bunt in mir drin
- auch mal nachdenklich
- manchmal introvertiert
- stets auf der Suche nach Neuem
- in meinem Bereich versteht sich
- Sternzeichen Löwe
- Querdenker und Rebell
- reiße mir die guten Seiten des Alltags unter die Nägel
- manchmal erwische ich auch die weniger Guten,
doch die schüttele ich hastig ab

ich liebe:
- einsame Orte
- den Wind
- das Geklapper der Taue an den Masten
- ob an Fahnen oder Booten, ist mir egal
- die Ruhe im Wald
- der Schutz eines Baumes - wenn man sich darauf einlässt
- das Eintauchen in die Arbeit an der Staffelei
- wenn`s gelingt
- das sichere und untrügliche Gefühl,
etwas Besonderes entstehen zu lassen
- das Spielen mit unserer Sprache
- gutes Essen
- ein unerwartetes Lächeln
- Musik - alle Richtungen
- am besten schön laut
- Tanzen
- Ausdruck
- Profil
...

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erato 
Eine rundum "mag ich" Geschichte -
wie aus dem wirklichen Leben.
HERZliche Grüße
Thomas
Vor langer Zeit - Antworten
KaraList Was wäre, wenn einer der beiden den Stecker ziehen würde? Dunkelheit für den anderen.
Eine tolle Geschichte ... gut beobachtet! :-))
LG
Kara
Vor langer Zeit - Antworten
Andyhank Hab ich schon was zu deiner Geschichte geschrieben, oder hab ich dir schon was dazu gesagt? Naja, hab ja eh schon drübergelesen, bevor du sie eingestellt hast. Aber nun hier und jetzt noch öffentlich:

Einfach göttlich, was dir so nebenbei einfällt ... :D
Vor langer Zeit - Antworten
mohan1948 Interessante Geschichte! Habe auch den Stecker vermisst (doch gefunden)
gerne gelesen
liebe Grüße
Hannelore
Vor langer Zeit - Antworten
Memory 
Klasse!
Von der "Schreibe" her, wieder frettchenmäßig gut. Das Kopfkino läuft an und ich sehe so einige mir bekannte Leutchen vor Augen.
Ansonsten muss ich auch zugeben, dass ich erst mal den Stecker gesucht habe. Ich glaube, ich hab ihn im letzten Absatz gefunden.
Ach Frettschen, ich mag deine Geschichten!
Lieben Gruß
Sabine
Vor langer Zeit - Antworten
Frettschen 
Er wollte den Stecker ziehen - war drauf und dran - und dann ... er hat es nicht geschafft - zu verwachsen mit seiner Anneliese - und lieb hat er sie ja doch, selbst wenn sie ...
Vor langer Zeit - Antworten
welpenweste Anelise, oh Aneliese,
was wäre ich nur ohne diese.
Ich wär allein, nicht zu zwei'n,
könnte selber machen
mit meinen sieben Sachen,
würde mich sehr eigen geben,
Leider so ganz ohne Leben.
Günter
Vor langer Zeit - Antworten
MerleSchreiber Da hat der gute Emil wohl schon vor Jahrzehnten einen Stecker gezogen. Den Stecker, der Annelieses Wünsche und Bedürfnisse in seine Richtung transportiert. Ja, er hat sich`s gut eingerichtet neben ihr.... Es kommt einem alles so bekannt vor, lässt einen schmunzeln und an X Bekannte denken. Ja, da ist`s genauso. Bei uns? Neiiiiin, natürlich gar keine Übereinstimmung. Null, Komma null?!
Ein schönes Selbstgespräch. Hab ehrlich gesagt, oft lesen müssen, um an den Stecker ranzukommen. War zu Beginn irgendwie anders gepolt ;-) Die Machart: typisch frettschen, ohne Umwege. Passend zu Emils Ehephilosophie.
Liebe Grüße, Merle
Vor langer Zeit - Antworten
Kornblume Eine nette kleine Alltagsehegeschichte, wie sie sicher täglich vorkommt. Aus der Sicht Emils zum Schmunzeln über seinen letztendlichen Sieg. Aus der Sicht von Anneliese eher nicht.Ob sie weiß wie ihr Emil wirklich tickt. Sie sollte mal einen Kurs buchen oder sich mal wieder mit ihren ehemaligen Freundinnen zum Mädelsabend treffen.Ob Emil das passt oder nicht käme auf einen Versuch an. Also so liebe Anneliese mein Tipp an Dich: "Zieh endlich den Stecker raus, kauf Dir ein neues Kleid, geh zum Friseur, lass Dir die Haare färben, buch für Dich allein ein Wellnesswochenende mit allem Pipapo und wenn ein Mann Dich anlächelt ,auch wenn er jünger ist, lächle zurück und lass Dich überraschen was passiert. Für Emil kannst Du ja für die paar Tage vorkochen, Sahnetorte Stückchenweise einfrieren und für seine Bequemlichkeit den Jogginganzug bereitlegen . Er braucht dann nicht aus dem Haus, schont Weste, Hose, Hemd und die Nachbarn merken auch nichts. Als Termin empfehle ich Dir die Zeit während der Fussballweltmeisterschaft etc.
Mit einem Augenzwinkern schickt Schmunzelgrüße von Frau zu Frau die Kornblume.

Vor langer Zeit - Antworten
FLEURdelaCOEUR 
Perfekt, genauso ticken wir, Mann und Frau!
Ein paar eitle Fatzken mal ausgenommen, die glauben, sich durch stylische Klamotten selbst aufwerten zu können ...

Lieben Gruß
fleur
Vor langer Zeit - Antworten
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