Kurzgeschichte
Des Fährmanns Frau

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"Ich könnte alles Mögliche sagen, nicht aber, dass meine Schulferien jemals langweilig waren..."
Veröffentlicht am 29. Dezember 2016, 38 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über den Autor:

Mit Vorliebe schreibe ich Drabbles, Krimis und Kurzgeschichten... Ich liebe diese fabelhaft pointierten Miniatur-Geschichtchen. Zur Abwechslung schreibe ich auch gern mal eine erotische Geschichte... Ansonsten hoffe ich auf viele geneigte Leser und freue mich über jeden ehrlich gemeinten Kommentar. Zwei Städte sind mir neben Berlin besonders wichtig: Paris und Venedig... 09.Mai 2015 Ich habe heute erfahren müssen, dass Silvi ...
Ich könnte alles Mögliche sagen, nicht aber, dass meine Schulferien jemals langweilig waren...

Des Fährmanns Frau

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Des Fährmanns Frau


  Kurzgeschichte

Des Fährmanns Frau


Schon seit meiner frühesten Kindheit hatte mich die Frage beschäftigt, was denn der Grund dafür wäre, warum es essenziell zweierlei Menschen auf diesem Planeten gibt, nämlich... Männer und Frauen... Und was denn vor allem ihre besondere Bestimmung in diesem Leben wäre. Dabei empfand ich selbst als junger Knabe immer schon, dass Frauen in aller Regel sowohl die lieblicheren, als auch die weit aus interessanteren Geschöpfe auf Erden waren. Sie hatten nämlich größtenteils ein deutlich schöneres Äußeres, sie rochen zudem meist auch sehr viel besser und ihre Hände

streichelten eindeutig mehr, als dass sie wirklich ernsthaft straften.

Umso widerwärtiger erschienen mir damals bereits schon jene fiesen Kerle, die Frauen schlugen, oder sie vor den Augen anderer demütigten, sie erniedrigten und sie damit in höchst unwürdiger Weise entzauberten… …und Sommer sind, die meiner Kindheit schönsten Erinnerungen... Die älteste Schwester meines Vaters, Tante Helene, besaß früher in Berlin eine kleine Druckerei, allerdings mit einem völlig überalterten Maschinenpark. Sie betrieb diese Druckerei, die noch aus anno knippi‘s Zeiten stammte, bis in die Mitte der fünfziger Jahre hinein und verkaufte sie zu diesem Zeitpunkt

sogar noch zu einem stattlichen Preis. Von dem Erlös erstand sie eine alte, ziemlich heruntergekommene Vorstadtvilla, welche an einem dieser wunderschönen Berliner Seengewässer gelegen war und ließ das eigentlich marode Haus mit etwas schmalerer Geldbörse wieder instand setzen. Zuweilen vermietete sie im Sommer einige der wiederhergerichteten Zimmer. Auf Nachfrage auch kurzfristig an solvente Feriengäste, welche die Abgelegenheit, sowie die stille Verschwiegenheit dieser alten Villa aus der Belle Époque sehr wohl zu schätzen wussten. Ich war damals gerademal vierzehn geworden und durfte meine Tante gelegentlich für ein, zwei Wochen in den Sommerferien besuchen. Für mich als Stadtkind war es eines der

schönsten Abenteuer, allein mit Tantchen‘s kleinem Ruderboot auf den Gewässern umherfahren zu dürfen. War doch das Rudern auf den Seen für mich weit mehr, als nur ein Gefühl von Freiheit. Unter mir die tiefen und unergründlichen Wasser der Berliner Seen und im Rücken immer das jeweilige Nahziel, welches ich mir selber gesetzt hatte. Ich fuhr jeden Tag mit dieser winzigen Nussschale von Boot auf den See und die angrenzenden Gewässer hinaus, wo ich dann oftmals für viele Stunden verschwunden blieb, gelegentlich sogar bis in die frühen Abendstunden hinein. Wenn ich allein auf den Wassern rudern durfte, dann glitt diese typische märkische Uferlandschaft mit ihren gepflegten Seegrundstücken, ihren im Schilf

versteckten heimlichen Badestellen und den manchmal bis an das Ufer heranreichenden Kiefernwäldern langsam an mir vorbei. Ich genoss die Einsamkeit dieser Gewässer, denn ich konnte an den jeweils freien Stellen überall anlegen und baden gehen, oder mich in die Sonne legen, wie es mir gerade gefiel.

In meiner grenzenlosen Phantasie war ich dann Kapitän, oder Pirat. Ziemlich oft aber auch Tom Sawyer, oder Huckleberry Finn. Mitunter sprang ich sogar mitten auf dem See vom Boot aus ins Wasser, wenn es mir um die Mittagszeit zu heiß wurde. Auf eine Badehose, wie auch auf ein Handtuch konnte ich dabei gut und gerne verzichten, denn meistens war ich bei diesen Gelegenheiten ohnehin allein und die wärmenden Strahlen der Berliner

Sommersonne hatten mich nach kurzer Zeit bald von selbst wieder trockengeleckt. So blieben mir bestenfalls knapp zwei Wochen, bis die schöne Zeit in Tante Helenes Haus am See für dieses Jahr schon wieder vorüber war. Leider hatte ich immer noch kein Thema für den obligatorisch anstehenden Schulaufsatz, den wir immer zu Beginn eines jeden neuen Schuljahres im Deutschunterricht schreiben mussten. Jeder Schüler sollte über sein bedeutendstes Ferienerlebnis in diesen Sommerferien schreiben und ich hatte in diesem Sommer noch rein gar nichts erlebt. Wie zum Teufel sollte ich denn meine Ruderambitionen auf dem Wasser auch beschreiben. Und mal ganz ehrlich, niemand will doch wirklich wissen, was mir am Rudern

so viel Spaß machte und Penkoleit, unserer Deutschlehrer gewiss gleich gar nicht. Es gab also bis dato überhaupt kein interessantes Ferienerlebnis. Es gab halt einfach nur die unbeschwerten Sommerferien eines Vierzehnjährigen, sonst nichts. Ich stieg also ohne ein Ziel, oder eine zünftige Idee zu haben wieder in die Jolle, stieß mich vom Steg ab und begann in Ufernähe einfach drauf los zu rudern. Vielleicht kam mir ja beim Rudern tatsächlich noch eine irgendeine Idee. Während ich gedankenverloren so vor mich hin ruderte, vernahm ich plötzlich hinter mir einen lauten

Warnruf,

»He, he, aufgepasst, junger Mann, Fährfahrt! Hier findet Fährbetrieb statt, also Augen

auf…« Erschrocken tauchte ich beide Ruderblätter sofort tief ins Wasser und bremste damit die Fahrt der Jolle deutlich ab. Nur einen Augenblick später schon rauschte eine vollbesetzte eiserne Fähre, in welcher die Fahrgäste zu viert nebeneinander und in sechs Reihen hintereinander, auf grün lackierten Holzbänken saßen, mit einem kräftig aufheulenden Motor an mir vorbei.

Der Fährmann mit seiner dunkelblauen Schiffermütze auf dem Kopf grinste während der Vorbeifahrt über das ganze Gesicht und hinterließ auf dem Wasser mit seinem leistungsstarken Heckmotor zwei große Bugwellen. Während die erste davon meine Nussschale schon recht heftig schwanken lies.

Ein aufgeregt bellender Schäferhund hatte seine Vorderpfoten auf die Steuerbord Reling gelegt und schien mir aus der Fähre heraus sein überaus lautstarkes Missfallen zu bekunden. Während ich unterdessen jedoch nur mit den Augen den Weg der Fähre bis an das gegenüberliegende Ufer verfolgte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nicht einmal gewusst, dass es hier überhaupt einen Fährbetrieb gab, obwohl ich bestimmt schon einige dutzend Male an dieser, den See einengenden Landzunge vorbeigerudert war. Inzwischen hatten die Fahrgäste die Fähre verlassen und neue stiegen wieder hinzu. Kurz darauf kam das Fährboot mit nur zwei jungen Damen und ihren Fahrrädern an Bord zurück. Routiniert steuerte der Fährmann sein

Trajekt an den Steg und ließ die Nase seines eisernen Bootes sanft gegen eine am Ufer befestigte Karkasse eines ausgedienten alten Autoreifens stupsen. Im nächsten Moment schon hatte er in Windeseile ein Seil um den Poller geschlungen und befestigte die Fähre fachmännisch am Steg. Danach war er den jungen Damen beim Aussteigen behilflich und reichte ihnen mit einem Scherz auf den Lippen nun ihre Fahrräder aus dem Boot heraus. Kichernd fuhren die beiden hübschen Damen in ihren luftigen bunten Sommerkleidern in Richtung Stadt davon, während ihnen der sonnengebräunte Fährmann mit seiner ins Genick geschobenen Schiffermütze lächelnd nachblickte.

»Hör mal, sind die nicht süß, die beiden?«,

fragte er mich in seinem ausgeprägten Kölner Dialekt und zeigte lächelnd mit dem Daumen auf die von dannen radelnden jungen Damen. Ich zuckte mit den Schultern und nickte, merkte aber, dass ich sofort einen roten Kopf bekam. »Du brauchst gar nicht rot zu werden, mein Freund, das ist doch nur normal, wenn einem Mann so wat jefällt. Haste dat denn jesehen, die beiden Hübschen da, die hatten noch nicht einmal einen BH drunter...« Natürlich hatte ich es gesehen und wenn es noch eines einzigen weiteren Wortes bedurft hätte, dann wäre ich gewiss so feuerrot wie eine Tomate im Gesicht angelaufen. Indes, der charismatische Fährmann aber lachte nur verschmitzt und winkte mir, ihn ans Ufer zu folgen. Überrascht band ich die Jolle an einen

im Wasser stehenden Pfahl fest und kletterte aus dem schaukelnden Boot an Land, während der athletisch gebaute Fährmann zügig auf einen alten zweirädrigen Bauwagen zuging, der zwischen dichten Büschen aufgebockt, im Schatten einer mächtigen Platane stand. »Mein Bienenkorb, das Domizil zwischen den Fahrten, aber nun ist erst einmal Tischzeit, denn von eins bis drei ruht hier der Fährverkehr. Da leg‘ ich mich sonst immer etwas aufs Ohr und halte ab und an ein kurzes Nickerchen, aber heut‘ ist es viel zu heiß zum Schlafen. Wenn du willst, kannst du mir ja ein bisschen Gesellschaft leisten, denn hierher verirrt sich um die Mittagszeit sonst eigentlich niemand«, sagte er und schloss die Tür auf.

Im nächsten Augenblick kam uns ein Schwall heißer Luft aus dem Innern des Bauwagens entgegen, als er die Tür sperrangelweit geöffnet hatte. Sie roch nach einer Mischung aus abgestandenem Tabakrauch und einer alten muffigen Sommerlaube. »Phuuu, ich glaub', wir gehen besser auf die Rückseite meines Wägelchens, da ist es wenigstens schattig und auch eine Holzbank, auf die wir uns setzen können, meinte er, denn hier drinnen herrscht so eine Affenhitze, dat dat kein Schwein nich aushält. Einverstanden?« Ich nickte, während er mir grinsend seine riesige Pranke darbot, »Ich bin übrigens Johannes, der hiesige Fährmann.«

»…Martin, erwiderte ich nach einigem Zögern, und bin hier nur in den Ferien bei meiner

Tante zu Besuch.« Ich ergriff etwas unsicher seine große ausgestreckte Hand. Aber der Fährmann nickte nur freundlich, »Natürlich bist du der Martin, und nun bist‘e also mit der Emma da... griente er. Wat für ein schöner Name. Von vorne will se’ wie ne‘ richtige Frau gerudert werden und von hinten wird se‘ besäugt...« Er lachte laut, aber herzlich wie über einen guten Scherz und ich hatte nicht die Spur einer Ahnung, was der Fährmann wohl damit gemeint haben könnte. Als mir aber nach und nach die Bedeutung seiner Worte bewusst wurde, schoss mir erneut die Röte ins Gesicht. "Emma“ war nämlich der Name der Jolle und der prangte außen in schwarzen Lettern an der Nussschale. Ich hatte ihn allerdings nur

noch niemals von rückwärts gelesen, geschweige denn, mir jemals irgendwelche Gedanken darüber gemacht. Johannes hatte selbstverständlich wieder mein rot angelaufenes Gesicht bemerkt und fing erneut an laut zu lachen. Sein ausgestreckter Zeigefinger wies jetzt auf mich. »Ja wat denn, haste etwa noch nie die Titten von einer richtigen Amme gesehen? Dat sind sonne‘ Granaten, mein Lieber. Dat haut einen richtig um«. Dabei formte er seine Hände, als umfasste er damit einen Laib Käse. »Dat war früher mal ein richtiger Beruf, sag ich dir und die besten Ammen, die kamen aus dem Spreewald und haben de' Kleinen von de‘ reichen Berliner gesäugt, weil sich die Weiber von den feinen Pinkels zu schade dafür

waren, ihren Gören die Brust zu geben...«

Er winkte ab, »Lass' uns lieber wat trinken«, meinte er, griff in einen vollen Wassereimer unter dem Bauwagen und zog zwei Flaschen heraus. Eine Flasche Bier für sich und eine Flasche mit grüner Waldmeisterlimonade für mich. Wir ließen die Keramikverschlüsse ploppen und stießen miteinander an. Dann fasste Johannes noch einmal in den Wassereimer und förderte daraus eine ovale Aluminiumdose zutage. »So bleibt et' wenigstens immer schön frisch. Haste Hunger, Martin?« Ich nickte. Johannes zog den Deckel von seiner Brotdose ab und entnahm der großen glänzenden Blechbüchse ein in Pergamentpapier eingeschlagenes Stullenpaket. Dann ließ er sein Federmesser

aufspringen und schnitt das Brotpaket einfach mitten durch. Eine Hälfte reichte er mir, »Lass' et' dir schmecken, mein Junge, dat hat meine Frau jemacht.« Das Schinkenbrot schmeckte in der Tat einfach herrlich. Nach dieser köstlichen Brotzeit unterhielten wir uns noch eine ganze Stunde lang und er erklärte mir, dass er früher einmal Binnenschiffer auf dem Rhein und später dann auch auf der Elbe gewesen sei. Wenn man seinen Geschichten Glauben schenken konnte, dann kannte er zwischen dem Bodensee bis nach Rotterdam hinauf und von Hamburg bis hinunter zum Elbsandsteingebirge wohl alle Mädels, die für Geld, oder auch nur für gute Worte zu haben waren. Na ja, vielleicht nicht alle, aber die meisten vielleicht wohl schon, schränkte er

zum Abschluss jedoch schmunzelnd ein.

Plötzlich schaute er auf seine Uhr und ließ seine Hände laut aufklatschend auf seine Oberschenkel fallen.

»So mein Lieber, jetzt isset kurz vor drei, ich muss dann mal wieder los«, sagte er und erhob sich. Dann wies er auf das jenseitige Ufer, »Die Leute da, die warten schon zum Übersetzen, also bis dann. Mach‘ et' jut, Martin. Kannst ja bei Gelegenheit immer mal wieder vorbeigucken, solange du noch da bist. Aber nur, wenn et' dir nich zu langweilig is.«

Er reichte mir grinsend zum Abschied wieder seine braungebrannte, sehnige Hand und ging zu seiner Fähre, während ich anschließend die "Emma“ klar zum Ablegen machte.

Selbst am Abend ging mir der Fährmann mit

seinen abenteuerlichen Geschichten noch immer nicht aus dem Sinn und so beschloss ich ihn am nächsten Tag erneut zu besuchen. Als ich in der größten Mittagsglut des nächsten Tages die Jolle wieder an dem Pfahl festmachte, sah ich die eiserne Fähre bereits wieder fest vertäut am Anlegersteg liegen. Da wird der Johannes sicherlich schon mit dem Mittag fertig sein, dachte ich frohgemut, kletterte aus der Jolle und begab mich zu seinem Bauwagen. Aber Johannes war nirgends zu entdecken, also wandte ich mich der Rückseite seines Bauwagens zu. Als ich gerade um die Ecke biegen wollte, erstarrte ich im gleichen Moment zur Salzsäule. Dort stand eine wunderschöne Frau mit halblangen brünetten Haaren. Irgendwie erinnerte sie

mich ein bisschen an eine sehr attraktive Schauspielerin aus einem der vielen Mantel, und Degenfilme, die gerade in den Kinos rauf und runter liefen. Allerdings stand diese Dame hier gänzlich nackt vor den dichten Büschen und wusch sich ihren bezaubernden Körper aus einem Zinkeimer heraus. Sie hatte den Eimer auf die Bank gestellt und tauchte ein gelbes Stück Kernseife immer wieder ins Wasser, um sich dann damit einzuseifen. Die bunten Schaumblasen schillerten auf ihren wohlgeformten Brüsten im Sonnenlicht in allen Regenbogenfarben und ihre üppigen Brustwarzen bildeten einen unglaublich phantastischen Blickfang, während das behaarte magische Dreieck zwischen ihren Beinen mit reichlich Seifenschaum aufgefüllt

war. Ich wagte einfach nicht näherzutreten, um dieses faszinierende Schauspiel nicht zu unterbrechen und genoss auf diese Weise einige kostbare Minuten lang aus dem dunklen Schatten des Bauwagens heraus diesen wundervollen Anblick, den mir diese Frau allein mit ihrem überaus faszinierenden Körper bot. Plötzlich legte sich von hinten eine kräftige Hand fest auf meine Schultern und eine bekannte Männerstimme mit einem starken Kölner Dialekt flüsterte mir leise ins Ohr, »Ist sie nicht herrlich, meine Aphrodite?«

Ich zuckte erschrocken zusammen, denn ich war bis eben noch wie verzaubert in einer mir bis dahin völlig unbekannten Welt versunken. Langsam wandte ich mich der Stimme zu und

erwartete von Johannes eine saftige Schelte zu bekommen. Aber nichts dergleichen geschah, im Gegenteil ich konnte nur ein leises verstehendes Lächeln in seinem braungebrannten Gesicht erkennen. So beobachteten wir beide noch eine Weile wie sich diese wunderschöne Frau den restlichen Seifenschaum von ihrem Alabasterkörper spülte, indem sie sich das Wasser aus dem Eimer nun gänzlich über ihren Körper goss und dabei laut juchzte. Dann stellte sie den Eimer wieder lässig auf der Bank ab, drehte sich in unsere Richtung und stemmte ihre Hände in die Hüfte, »So Jungs, ihr könnt jetzt rauskommen, die Show ist zu Ende. Ich hoffe, es hat euch gefallen, was ihr bisher gesehen habt«, sagte

die hübsche Frau lachend und griff nach einem fipsig kleinen, blau-schwarz karierten Handtuch, welches sie von einem der Büsche herunterzog. Grinsend wandte Johannes mir wieder sein Gesicht zu, »Erwischt…«, meinte er nur und wir traten ins Freie. Dann stellte er mir kurzerhand die Dame seines Herzens vor, »Dat is' meine Frau, die Mathilde. Mathilde, und dat is' der Martin…«

Des Fährmanns Frau reichte mir in ihrer Nacktheit ungeniert lächelnd ihre gepflegte schmalgliedrige Hand, »Ich hab‘ schon viel von dir gehört, Martin«, sagte sie mit einer Stimme, die jeden Eisblock vom Nordpol sofort zum Schmelzen gebracht hätte. Dabei verströmte sie in der beinahe

unerträglichen Glut der Mittagshitze einen unglaublich frischen Duft von Melisse, als sie mir einen Bussi auf meine glühende Wange drückte. Ich hätte vor Scham im Erdboden versinken mögen, aber für den Fährmann und dessen Frau war es anscheinend nichts weiter Ungewöhnliches. Ich wagte es dennoch nicht, sie weiterhin so anzustarren und schaute deshalb auch absichtlich nicht in ihre Richtung, obwohl ich es gewiss gern getan hätte. Nachdem sie sich abgetrocknet hatte, verschwand sie in Johannes Bauwagen und kam kurze Zeit später mit einem luftigen gelben Sommerkleid bekleidet wieder heraus. Sie setzte sich eine riesige italienische Sonnenbrille auf, küsste den Fährmann auf den Mund und winkte mir freundlich zu,

»Ich muss dann mal wieder, Männer. Und Tschüss, Martin…«, sagte sie leichthin, nahm ihr himmelblaues Fahrrad und radelte lächelnd in Richtung der Stadt davon. »Tja, da fährt se‘ hin, meine Süße. Hat se‘ dir also auch jut jefallen?« Ich nickte, »Sie ist wunderschön…«, brachte ich jedoch nur mühsam über die Lippen. Johannes nickte ebenfalls und begann seine klobige Tabakspfeife zu stopfen, »Dat is‘ ja das Problem und se‘ weiß et‘ selber auch, dass sie eine echte Schönheit is«, brummte er kopfschüttelnd und zündet sich die Tabakspfeife an. Nachdenklich paffte er seine Rauchwolken in den azurblauen Berliner Himmel. An diesem Tag redeten wir nicht mehr viel miteinander und ich verabschiedete

mich alsbald vom Fährmann.



Am folgenden Tag hatte Tante Helene extra mein Lieblingsessen für mich gekocht und bat mich ihr ein wenig dabei zu helfen, eines der letzten Zimmer in der ersten Etage leerzuräumen. Denn sie hatte vor, es im kommenden September malermäßig instand setzen zu lassen. Da konnte ich ihr schlecht absagen und so dauerte es bis viertel vor drei Uhr nachmittags, als wir endlich damit fertig waren. An diesem Tag brauchte ich also erst gar nicht mehr zu Fähranlegestelle zu rudern, denn Johannes würde nur so zum Plaudern garantiert keine Zeit mehr für mich haben.

Tags darauf war ich um die Mittagszeit aber

wieder pünktlich zur Stelle und hoffte, dass Johannes an diesen heutigen Tag eine deutlich beredtere Stimmung haben würde, als wir uns zuletzt gesehen hatten. Wieder blieb ich abermals wie vom Donner gerührt stehen, als ich um den Bauwagen herumgehen wollte. Was ich dort allerdings sah, verschlug mir nicht einfach nur die Sprache, sondern es haute mich fast um. Johannes und seine Frau Mathilde, beide nackt, wie Gott sie geschaffen hatte waren zwischen den Büschen hinter dem Bauwagen emsig damit beschäftigt, sich gegenseitig mit den Wonnen der Liebe zu überschütten.

Mathilde kniete vor ihm nieder und küsste diesen einen bestimmten Teil seines Körpers so intensiv, dass jenes gewisse Körperteil

daraufhin fast vollständig in ihrem sinnlichen Mund verschwand, während ihre Hände seine Pobacken fest umklammert hielten und sie dabei den hochgradig erregten Mann mit geradezu hungrigen Augen unentwegt anschmachtete...

Ich prallte zurück, als wäre ich gegen eine unsichtbare Mauer gelaufen. Natürlich hatte ich in der Schule hinter vorgehaltener Hand von Klassenkameraden schon davon gehört, konnte mir allerdings kaum vorstellen, dass so etwas überhaupt möglich war. Nun aber war ich sogar selbst zu einem Augenzeugen jenes unglaublichen Vorganges geworden und das war etwas völlig anderes. Mit einem Schlag begriff ich, das ganze geheimnisvolle Getue und den Rummel um den Ablauf einer solchen

Sache. Mit anderen Worten, nach diesem gravierenden Schlüsselerlebnis glaubte ich praktisch irgendwie erwachsen geworden zu sein und rein gefühlsmäßig verstanden zu haben, was Männer so sehr an Frauen faszinierte und natürlich auch umgekehrt.

Es war die unsichtbare Aura des Sexappeals, welche den jeweiligen Menschen umgab.

Es war nur die Chemie und die musste einfach stimmen, um irgendetwas in Gang zu setzen.

Ich weiß nicht, was geschehen wäre, wenn ich mich damals bemerkbar gemacht hätte. Aber ich fühlte in diesem Augenblick instinktiv, dass man sich einfach nur taktvoll verhalten sollte und zog mich so diskret, wie nur möglich zur Anlegestelle zurück, wo ich umgehend wieder in die Jolle stieg und eilig zu meiner Tantes

einsamen Vorstadtvilla zurückruderte...

Erst drei Tage nach diesem ungewöhnlichen Ereignis unternahm ich erneut einen weiteren Versuch, Johannes wieder zu begegnen und ich beschloss ihn allerdings auf keinen Fall darauf anzusprechen, komme was da wolle.

Und diesmal wollte ich auch gleich zu Beginn seiner Pausenzeit am Anlegesteg sein, um nicht noch einmal in eine solche Situation zu geraten. Als ich aber zu dem Bauwagen kam, saß dort ein völlig anderer, auch deutlich älterer Fährmann auf den hölzernen Stufen der kurzen Bauwagentreppe und rauchte an einem Zigarillo. Ich grüßte den älteren Mann dennoch höflich und erkundigte mich nach jenem anderen Fährmann, namens Johannes.

Der Alte spuckte verächtlich in den Sand.

»Der ist nicht da und überhaupt, wozu willst du das wissen?«, fragte er mürrisch zurück.

»Wir haben uns hier verabredet. Er wollte mir etwas über das Leben und die Arbeit eines Fährmannes erzählen. Das brauche ich für meinen Schulaufsatz«, baute ich ihm rasch eine Brücke, die mir begehbar erschien.

Der Alte nickte nun verstehend, »Aha, na das sieht ihm ähnlich, aber den Hannes, den wirst du nun vergessen können, denn der ist nämlich abgehauen, verduftet und außerdem wird er jetzt noch von der Polente gesucht. Denn diesmal hat er es eindeutig zu weit getrieben und einen Stadtrat windelweich geprügelt, auf dass der jetzt sogar mit ner' gebrochenen Nase im Krankenhaus liegt.« »Und was ist mit seiner Frau?«, entfuhr es mir

ungewollt. Der Alte winkte energisch ab, »Der Johannes ist nicht verheiratet.«

»Aber ich kenne sie, denn sie war doch mal mit ihm zusammen hier…«, rief ich verdutzt. Der Alte starrte mich geradezu ungläubig an, »Hier? Etwa so eine hübsche Brünette, die man glatt mit Sofia Loren verwechseln könnte und die immer mit so 'nem blauen Fahrrad unterwegs ist?« Ich nickte kommentarlos.

Der Fährmann schnalzte laut mit der Zunge, »Das ist nicht seine Frau, das ist nur die 'wilde Mathilde'. Diese Frau ist ein kleines Flittchen und sie ist zu allem Überdruss auch noch mit diesem Stadtrat verheiratet«,

brummte er und stieß dabei eine blaue Rauchwolke in die Luft. »Und sie ist zugleich auch der Grund, warum der Hannes den

Stadtrat so heftig vermöbelt hat. Denn dieser Pinsel, den das ganze Amt nur Eckhard, den Armleuchter nennt, der hat die Mathilde gleich grün und blau geschlagen, wann immer er meinte, dafür einen Grund zu haben. Sogar in aller Öffentlichkeit, aber das hat er nun davon. Denn nun liegt er allerdings im Spital und hat genügend Zeit darüber nachzudenken, dieser Laffe. Aber der Hannes ist und bleibt trotzdem ein Depp, was musste er sich auch mit diesem Weibsbild einlassen, wo er doch ganz genau wusste, dass er längst nicht der Einzige war, dem das hübsche Luder den Kopf verdreht hatte…« ***









Impressum Cover: selfARTwork

Covermotiv: unknown Artist Text: Bleistift © by Louis 2016/12 last Update: 2026/4

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Über den Autor

Bleistift
Mit Vorliebe schreibe ich Drabbles, Krimis und Kurzgeschichten...
Ich liebe diese fabelhaft pointierten Miniatur-Geschichtchen.
Zur Abwechslung schreibe ich auch gern mal eine erotische Geschichte...
Ansonsten hoffe ich auf viele geneigte Leser und freue mich über jeden ehrlich gemeinten Kommentar.
Zwei Städte sind mir neben Berlin besonders wichtig:
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09.Mai 2015
Ich habe heute erfahren müssen, dass Silvi Bredau am Samstag, dem 25. April 2015
ihren Kampf gegen den Krebs endgültig verloren hat...
Ich schäme mich meiner Tränen nicht...
Louis

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Enya2853 Lieber Louis,
puh, wieder eine tolle Geschichte von dir, die ich noch nicht kannte.
Du erzählst wirklich so, dass man meint, dabei zu sein. Hoher Spannungsbogen mit überraschender Wendung am Schluss. Super!
Das ist so eine Sache mit diesen Schulaufsätzen über das besondere Ferienerlebnis. Ich musste so was mal in Englisch schreiben.
Martin konnte natürlich sein prickelndes Erlebnis nicht in die Schule tragen.
Er wird es in denkwürdiger Erinnerung behalten haben ...
Liebe Grüße aus dem sonnigen Darmstadt.
Enya
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AngiePfeiffer oh, là, là - mein lieber Louis.
Jugendträume?
Gern noch einmal gelesen und das mit einem Schmunzeln.
LG
Angie
Vor langer Zeit - Antworten
monalisa592107 gern noch einmal gelesen lg monika
Vor langer Zeit - Antworten
MarieLue Eine witzige Geschichte die immer ihren Spannungsbogen hält! Gern gelesen!
Herzliche Grüße
Marie Lue
Vor langer Zeit - Antworten
Memory 
Wunderbar erzählst du deine Erlebnisse.
Zu sehr haben dich die "Ansichten" offensichtlich nicht schockiert und das ist gut so.
Mir gefällt das ausgetauschte Coverbild auch viel besser. Mit dem anderen bist du auch mir zu sehr mit der Tür ins Haus gefallen.
Liebe Grüße zu dir
Sabine
Cons werden nachgereicht, gehe mit leeren Taschen ins neue Jahr
Vor langer Zeit - Antworten
Gabriele Lieber Louis :-)
was für eine Geschichte - da hast du aber einzigartige Ferien erlebt.
Der Flair zwischen Mann und Frau - ich hoffe doch mal, dass diese abschließende "Ernüchterung" dem jungen Mann keinen Abbruch an der Freude getan hat?! :-)
Sehr schön geschrieben und das Cover absolut klasse ausgesucht.
Mit lieben Grüßen für einen guten Start ins neue Jahr, Gabriele
Vor langer Zeit - Antworten
Herbsttag Ja so ein Pech aber auch! Da erlebt man in den Ferien endlich was und dann kann es wieder in keinem Schulaufsatz stehen. Immerhin konntest Du es hier zum besten geben.
Einen guten Jahreswechsel und alles Liebe 2017. Ira
Vor langer Zeit - Antworten
Herbsttag Danke für die Münzen. Die Sammlung wächst. Ira
Vor langer Zeit - Antworten
Elizabeth Das kann man aber wirklich "Ferien" nennen ;-)
lg
Lisa
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FLEURdelaCOEUR 
Das neue Coverbild ist spitze! ;-)

Liebe Grüße
fleur
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