Gedichte
Das Fenster zum Hof

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"Das Fenster zum Hof"
Veröffentlicht am 18. August 2008, 8 Seiten
Kategorie Gedichte
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Über den Autor:

Es fällt mir nicht leicht, etwas über mich zu schreiben. Also ganz kurz: 52 Jahre alt,glücklich geschieden, Mutter von drei Superkindern, Psychologisch-technische Assistentin - fühle mich viel jünger als ich bin. Noch Fragen, dann fragt ruhig, ich stehe jederzeit Rede und Antwort.
Das Fenster zum Hof

Das Fenster zum Hof

Der Arzt hatte mir verboten, zur Arbeit zu gehen,

so hatte ich Zeit, am Fenster zu stehen

und in den Hinterhof zu sehen.

Ich sah, wie jemand ein Fenster geöffnet hat,

sah ein altes Gesicht, faltig und matt,

die Frau sah einmal kurz zum Fenster hinaus,

dann schlurfte sie zurück in ihre Wohnung im Haus.

Sie hatte kurz Blickkontakt zu mir aufgenommen,

dass ich da stand, hat sie mitbekommen.

 

Dann wurde es hektisch im Hinterhof.

Ein kleines Kind rief: „Ali ist doof.“

Mehrere Fenster wurden aufgerissen,

vergessene Pausenbrote aus den Fenstern geschmissen.

Unten im Hof sah ich Kinder tollen und spielen.

Eigentlich sollte ich mich wohl dabei fühlen,

doch in mir drin war nur ein Gesicht.

Die alte Frau, ich vergaß sie nicht.

So traurig war ihr Blick gewesen.

Ich konnte mich nicht davon lösen.

Ich hatte diese Frau noch nie gesehen.

Was in so einem Haus für Dinge geschehen,

da lebt man jahrelang Tür an Tür,

doch für den Nachbarn fehlt das Gespür.

Wir haben keine Zeit, reden wir uns ein,

oder die Menschen wollen lieber alleine sein.

Doch der Blick dieser Frau war leer,

als wäre das Leben für sie zu schwer.

Vielleicht solltest du mal rübergehen,

vielleicht mal nach dem Rechten sehen,

so habe ich bei mir gedacht,

mein Fenster danach zugemacht.

 

Schon nach wenigen Tagen war ich wieder gesund.

Bei meiner Arbeit ging es mehr als rund.

So vergaß ich die Frau mit dem traurigen Gesicht

und ich vermisste sie auch nicht.

 

Als ich bald darauf von der Arbeit kam,

Sommer war es, ziemlich warm,

konnte ich von weitem das Blaulicht sehen.

Was war in unserem Haus geschehen?

Ein Sarg wurde herausgetragen,

verstaut in einem schwarzen Wagen.

„Die Maier ist’s, habt ihr das gehört?“

Sagte eine Nachbarin total verstört.

„Gestunken hat’s wie Aas und Geier.

Es stank sonst niemals bei der Maier.

Sie ist schon 14 Tage tot,

wenn ich daran denke OhGottohGott.“

Dann hat diese Frau sich abgewandt.

Ich bin in meine Wohnung gerannt,

habe schnell die Tür hinter mir zugemacht

und endlich wieder an die Frau gedacht.

Vielleicht habe ich sie als letzter gesehen.

Weshalb wollte ich nicht zu ihr rübergehen?

Vielleicht wäre das hier dann nicht geschehen.

 

Ich schäme mich dafür, das gebe ich zu.

Ich komm seitdem nicht mehr so richtig zur Ruh.

Ich sehe es ständig vor mir, dieses Gesicht,

diese fragenden Augen, warum kümmerst du dich nicht.

Sie ist doch nur eine arme alte Frau gewesen.

Weshalb ist zum Schluss niemand bei ihr gewesen?

Weshalb musste sie tagelang tot in der Wohnung liegen?

Weshalb wurde sie gefunden nur durch Gestank und Fliegen?

 

Schau auch mal bei dem Nachbarn rein,

lass alte Menschen nicht allein,

Geschichten wie diese müssen nicht sein.

 

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Hörbuch

Über den Autor

Chrissy55
Es fällt mir nicht leicht, etwas über mich zu schreiben. Also ganz kurz: 52 Jahre alt,glücklich geschieden, Mutter von drei Superkindern, Psychologisch-technische Assistentin - fühle mich viel jünger als ich bin. Noch Fragen, dann fragt ruhig, ich stehe jederzeit Rede und Antwort.

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Chrissy55 Re: Ja -
Zitat: (Original von rumpi am 18.08.2008 - 21:59 Uhr) so ist es und so wird es auch bleiben.Immer wird weg gesehen.Jeder macht nur sein Ding und niemand interessiert sich mehr für die Sorgen anderer.
Bis es zu spät ist.

LG,Karsten


Danke, Karsten, weißt du, genauso, wie mich all die vielen Kinderschicksale berühren, berührt es mich auch immer wieder, wenn ich lesen muss, dass irgendjemand gestorben ist und wochenlang in seiner Wohnung gelegen hat, ohne dass es jemand bemerkt hat. Was wissen wir eigentlich noch voneinander? Sind uns unsere Mitmenschen wirklich so egal? Ich finde das traurig.
LG Chrissy
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rumpi Ja - so ist es und so wird es auch bleiben.Immer wird weg gesehen.Jeder macht nur sein Ding und niemand interessiert sich mehr für die Sorgen anderer.
Bis es zu spät ist.

LG,Karsten
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