Kurzgeschichte
Das große, gelbe "M"

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"Das große, gelbe "M""
Veröffentlicht am 31. Juli 2013, 20 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Das große, gelbe "M"

Das große, gelbe "M"

Beschreibung

BEITRAG STORYBATTLE 26 - Wir sind doch glücklich, oder? Glücklich trotz des Lochs in der Decke, durch das der Schnee fällt. In ihrem Zimmer zieht es immer. Genau wie in dem Krankenhausbett, in dem ich sie gefunden habe, als sie kaum größer als ein Weißbrot war. Da konnte ich sie doch nicht einfach da liegen lassen...

 

 

Mit klammen Fingern hebe ich die Tannenzapfen auf. Sie sind vom vielen Schnee ganz matschig, aber Maya hat es so gern, wie sie im Feuer knistern. Der Rand von meinem altrosa Kleid ist schon dreckverschmiert, durch die Löcher dringt die Kälte. Nur mit einem Kniefall schaffe ich es, die braunen Dinger unter der Parkbank zu erreichen. Dann ist mein Korb voll. Es fängt schon wieder an zu schneien. Ich sehe nach oben. Sterne. Maya hat mir von bunten Nebeln im Himmel erzählt, die sie im Fernsehen gesehen hat, in irgendeiner Kindernachrichtensendung. Sonnenwind oder so hat sie es genannt. Hier habe ich sowas noch nie gesehen. In der Ferne brennt das große, gelbe M, bis es anfängt zu flackern und schließlich ganz erlischt. Ich öffne mein Notizbuch, um etwas aufzuschreiben.

 

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Ich lege den Korb in den Einkaufswagen. Der Plastikgriff ist schon teilweise abgerissen. Ich schließe die Tür auf und trete über die Post. Scheiß Rechnungen. Bald habe ich wieder Kohle, ganz bestimmt... Ich sehe ich sie am Klavier sitzen. Ihre kleinen, dünnen Finger fliegen über die Tastatur. Bestimmt ist sie dafür geboren worden. Sie spielt schon wieder dieses Lied. Lilium, glaube ich. Es gefällt mir nicht. Es ist so traurig. Wir sind doch glücklich, oder? Glücklich trotz des Lochs in der Decke, durch das der Schnee fällt. Ihre Stirn schimmert feucht. Ihre Wangen sind ganz rot. Vielleicht hat sie sich erkältet. In ihrem Zimmer zieht es immer. Genau wie in dem Krankenhausbett, in dem ich sie gefunden habe, als sie kaum größer als ein Weißbrot war. Da konnte ich sie doch nicht einfach da liegen lassen.

 

 

 

 

Ich habe Tannenzapfen dabei.“, sage ich und werfe drei, vier in den Kamin. „Das ist toll.“, sagt Maya und ich sehe ihre braunen Augen glitzern. Sie haben die Farbe von süßem Kakao. Ich mag Kakao. „Was habt ihr heute in der Schule gemacht?“, frage ich sie und streiche ihr durch ihre blonden Locken. Sonst sind sie so weich. Ich muss bald wieder Shampoo kaufen. Ich glaube, in der Sofaritze klemmt irgendwo noch ein Zwei-Euro-Stück.

 

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Wir sollten einen Stammbaum schreiben.“, sagt Maya mit ihrer Engelsstimme. Ihre Hand liegt auf dem Rücken der grauen Katze. Yoshi hat sie sie genannt, glaube ich. Wie den Dino aus den Mariospielen. „Die anderen haben alle etwas über ihre Omas und Opas geschrieben. Aber ich konnte das nicht. Warum nicht, Mama? Wieso habe ich keine Oma und keinen Opa?“ Blöde Schule. Das Kind wird noch zu schlau. „Ach, die lügen doch alle. Sowas wie Omas und Opas gibt es nicht. Märchen wie die Krokodile in der Kanalisation oder der Weihnachtsmann.“ Ich sehe Zweifel in ihren Augen. „Na gut,“, sagt sie. Mehr nicht. Einige Minuten schweigt sie, dann antwortet sie: „Mir ist kalt.“ Oh nein. Dann wird sie also doch krank?

 

 

„Das bildest du dir ein. Es ist gar nicht kalt. Die Flammen halten uns warm.“ „Ich will zum Doktor.“ Wir können nicht zum Arzt. Die stellen immer zuviele Fragen. „Das geht nicht.“, sage ich. „Warum nicht?“ Sie fragt ohne Vorwurf in der Stimme. „Es geht nicht.“ „Das sagst du jedesmal! Sag mir, warum!“, fordert sie nun, und ich höre, dass sie energischer wird. Früher hat sie das nicht getan. Früher war sie – mein kleiner Engel. „Du bist bestimmt gar nicht meine richtige Mama!“Geh in dein Zimmer!“, schreie ich laut. „Geh doch selber!“, schreit die noch lauter. Dann schnappt sie sich ihre Jacke vom Haken und rennt nach draußen. Ich kann ihr nicht folgen, sie ist zu schnell für mich. Geh doch! Lass deine alte Mutter im Stich! Mein Blick fällt auf den Flügel, der jetzt einsam und verlassen da steht.

 

 

Ohne mich wäre sie nie so gut geworden im Klavierspiel. Vielleicht hätte ihre wahre Familie ihr gar kein Klavier bieten können. Ich kann es. Ich habe dafür gesorgt, dass sie diese wunderbare Verwandlung vom hässlichen Entlein zum Singvogel vollbringen konnte. Aufblühte in der Dunkelheit. Ich stolpere ins Bett, trete unterwegs in Katzenpisse. Egal.

Konfuzius sagt, was man lieb hat, muss man frei lassen. Sie kommt wieder – und dann gehört sie mir. Für immer.

 

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Die ganze Nacht liege ich alleine da. Kann nicht schlafen. Es ist so dunkel draußen. Ich mache mir Sorgen, aber ich weiß nicht, was ich tun soll. Maya ist noch so klein. Vielleicht klaut sie jemand und verschleppt sie nach Afrika. Ich weiß es nicht. Langsam steige ich wieder aus dem Bett und gehe auf die Straße. Hab vergessen, mir die Schuhe anzuziehen. Es schneit noch immer. "Maya!", schreie ich laut. Aber niemand antwortet mir, "Maya!" "Halt die Fresse, du alte Hexe!", bellt mein Vermieter aus dem unteren Stockwerk. Ich schulde ihm noch Geld, aber zum Glück scheint ihn das gerade nicht zu interessieren. Hastig schreibe ich mit zitternden Händen:

 

 

 

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Ich renne durch den Park. Schreie, rufe. Aber sie antwortet nicht. Dumme Göre. Soll sie doch bleiben, wo der Pfeffer wächst, denke ich mir, als ich in Glasscherben trete. Meine Füße bluten und ziehen eine rote Spur durch den Schnee. Ein Penner bittet mich um Kleingeld, ein anderer um eine flotte Nummer. "Zieht Leine!", sage ich. Die ganze Nacht suche ich nach ihr. Selbst auf dem Spielplatz, aber dort wiegt sich nur einsam die Schaukel im Wind. Wieder komme ich an dem kaputten Emblem vorbei. Vielleicht hätte ich Maya ein Happy Meal kaufen sollen, damit sie wieder gesund wird. Sie liebt die. McDonalds hat die ganze Nacht geöffnet, habe ich gehört. Zuhause liegen noch zwei Euro in der Sofaritze. Vielleicht wartet sie da auf mich. Langsam zünde ich mir eine Kippe an und gehe zurück.

 

 

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Aber es ist niemand da. Ob ich hier auf sie warten soll? Sie hat keinen Schlüssel. Wenn sie vor der Tür steht und niemand macht auf, erfriert sie. Mit einem Knopfdruck schalte ich den Fernseher an, während ich an der billigen Aldi-Wein-Tüte nippe. Im Programm steht, sie bringen heute was über eine Kampusch. Ich schalte um. Raumschiff Enterprise. Schon besser, auch wenn ich Weltall und sowas nicht mag. Als ich das nächste Mal auf die Uhr sehe, ist es halb drei. Maya kommt heute bestimmt nicht mehr. Die Tüte ist leer, eine zweite steht daneben.

 

 

 

 

In der Morgendämmerung werde ich von lauten Sirenen geweckt. Als ich aufstehe, sehe ich blaue, blinkende Lichter, die von außen durch die zerschlissenen Vorhänge hereinscheinen. Bestimmt die defekte Lichtreklame. Aber dann klopft es laut an der Tür. „Aufmachen, Polizei.“ Bestimmt hat Maya wieder zu laut gespielt. Aber ich höre nichts. Nur diese laute Aufforderung, die in meinem Kopf dröhnt wie eine Lawine. Was wollen die denn? Sie dürfen sie mir nicht wegnehmen! Sie ist doch mein Engel!

 

 

 

Als ich mit Handschellen an den Armen hinaustrete, sehe ich Maya am Eingang des Hauses stehen. Demut liegt in ihrem Gesicht. „Ich habe dich lieb, Mama. Es tut mir leid.“ Man setzt mich in das Auto. Tränen rinnen ihr Gesicht hinunter. „Es tut mir leid.“ Ich blicke an ihr vorbei, aus dem Fenster. Etwas hat meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

 

 

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Yunavi

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baesta Einen wohlverdienten ersten Platz - hast Du Dir mit dieser Geschichte erschrieben. Leider komme ich erst so nach und nach zum Lesen, deshalb erst jetzt auch meine Glückwünsche für diese reife Leistung. Alles andere wurde von Enya bereits ausführlich beurteilt und dem kann ich mich nur anschließen.

LG Bärbel
Vor langer Zeit - Antworten
Enya2853 Liebe Yunavi! - Deine Geschichte hat mich wirklich beeindruckt und auch sehr nachdenklich gemacht.

Auf wunderbare Weise hast du die Handlungen mit den Gedankengängen deiner Protagonistin verknüpft, alles fließt ineinander und auch ohne ausschweifende Beschreibung bekommt der Leser einen sehr guten Eindruck von der Situation. Beispiel: Das 2-Euro-Stück in der Sofaritze, es ist nicht nötig, mehr zu umschreiben, um die Verhältnisse deutlich zu machen)
Dass sich die Protagonistin diese Notizen macht, zeigt mir, wie strukturlos, sinnentleert ihr Leben eigentlich verläuft.
Auch die Wertigkeit macht traurig. "Shampoo kaufen" wird genauso notiert wie "aufpassen, dass Maya wiederkommt."

Öfter hast du die Worte "glaube ich" oder "vielleicht" benutzt, was sehr gut zeigt, wie Zweifel, Nicht-Wissen, Halt- und Hilflosigkeit die Protagonistin gefangen nehmen, ja gar lähmen.

Eine sehr starke Frustration hat wohl eine Art Realitätsflucht bewirkt und gipfelt auch sofort in Aggression, als Maya an der Wahrheit rührt.

Verzweiflung gepaart mit einem Rest an Hoffnung (Wir sind doch glücklich, oder?), die eigentlich nur eine Illusion ist machen diese Geschichte so anrührend, atmosphärisch dicht.

Wenn letztlich nur noch bleibt, sich an das große, gelbe M zu klammern, dann ist das bitter.
Es ist neben dem Titel auch in der Geschichte hervorragend platziert, führt gleichsam einen Bogen über dem Erzählten

Obwohl die "erzählte Zeit" ja wenig Raum einnimmt, hat man den Eindruck, beinahe ein halbes Leben serviert zu bekommen.

Sehr schön finde ich, dass du trotz der Geschlossenheit der Geschichte dem Leser Raum für eigene Gedanken lässt, z.B.: Welche persönlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse führen dazu, dass die Protagonistin derart agiert? Wurde Maya aufgegriffen oder hat sie selbst die initiative übernommen und sich Hilfe geholt, aus der Co-Abhängigkeit zu befreien? Welche Chancen wird die Protagonistin in unserer Gesellschaft haben?
Das sind wunderbare Ansätze nachzudenken, sich damit auseinander zu setzen, wie so etwas überhaupt möglich ist.
So viel Arges ?blüht im Dunklen?, ist verborgen, weil es nicht in unser Bild passt, weil man allzu gern wegschaut und bittere Wahrheiten nicht sehen will.

Neben dem Inhalt ist deine Geschichte auch sprachlich und stilistisch gelungen. Zitat und Cover passen hervorragend.

5 Sterne und Favo von mir.

Liebe Grüße und noch einmal ?Herzlichen Glückwunsch?!
Enya
Vor langer Zeit - Antworten
Montag Herzlichen Glückwunsch zum gewonnenem Story-Battle. Ein echt gut gelungener Beitrag.
LG Montag
Vor langer Zeit - Antworten
Fianna Eine sehr schöne Geschichte ist dir gelungen, die einen tollen roten Faden hat. Dieses Einfügen der Notizen passt sehr gut und die ganze Szenerie nimmt einen irgendwie gefangen. Man denkt auch nach dem Lesen noch eine ganze Weile über diese Situation nach.
Gibt eigentlich nichts, was ich daran bemängeln könnte. (außer Seite 3: "Ich sehe ich sie am Klavier sitzen.")

Herzlichen Glückwunsch zum 1. Platz :-)

Liebe Grüße
Fianna
Vor langer Zeit - Antworten
Gelixx Herzlichen Glückwunsch - und ich bin gespannt auf das neue Thema
LG Geli
Vor langer Zeit - Antworten
FLEURdelaCOEUR Herzlichen Glückwunsch - und ein gutes Händchen in der neuen Jury!
Ich kann leider nicht dabei sein, weil ich im September verreise.

LG fleur
Vor langer Zeit - Antworten
Ephraim Herzlichen Glückwunsch zum 1. Platz - LG Ephraim
Vor langer Zeit - Antworten
Milan01 S 3 Ich sehe ich sie....Sollte wahrscheinlich - Da sehe ich sie..heißen.
Deine Geschichte ist echt toll geschrieben und sehr berührend.
Hat mir sehr gut gefallen. Während ich den Kommentar schreibe, bin ich immer noch im Gedanken bei dieser Geschichte.
Beeindruckend.
Viel Erfolg fürs Battle.
5* und Favo von mir.
Lg Milan01
Vor langer Zeit - Antworten
KatharinaK Optisch, ... - ... technisch und inhaltlich eine Super-Idee, gekonnt umgesetzt. Beeindruckt,

Katharina
Vor langer Zeit - Antworten
schnief eine tolle Geschichte ,die mir sehr gut gefällt. Die vorgegebenen Wörter solltest du besser hervorheben.
LG
Schnief
Vor langer Zeit - Antworten
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