Die Stille
Paul Reimann war Eisenbahner.
Genauer gesagt, war er Lokomotivführer.
Zumindest war er es bis zu seiner Pensionierung. Er wohnte mit seiner Frau Marta am nordöstlichen Stadtrand in einem unscheinbaren Reihenhaus, welches zu einer kleinen Eisenbahnersiedlung gehörte. Paul liebte seine Frau von Herzen und ohne sie hätte er diesen Job überhaupt nicht machen können. Marta war immer da, sie kümmerte sich um die Tochter, das Häuschen und um alles, was so anfiel, denn ihr Paul war ja ständig auf Achse mit seiner Lokomotive und fuhr damit quer durch Deutschland. Als Heizer hatte er damals bei der Bahn angefangen und
sich später dann zum Lokomotivführer qualifiziert.
Bis zuletzt befuhr er mit seiner geliebten Dampfeisenbahn vor allem die Strecke Berlin-Saarbrücken, wo an der französischen Grenze lediglich die Lok getauscht wurde, zur direkten Weiterfahrt nach Paris.
Ach Paris, allein der Name dieser Stadt ließ alle Herzen höher schlagen. Paul hatte es mit seiner Marta nie bis nach Paris geschafft.
Anschließend fuhr er den Expresszug aus Paris wieder zurück nach Berlin. Er kannte zwischen Saarbrücken und Berlin jeden einzelnen Kilometer seiner Bahnstrecke und natürlich auch jeden noch so kleinen Bahnhof in, und auswendig. Und in seinen Träumen fuhr er immer noch auf seinem dampfenden
Stahlross nach Saarbrücken.
Hinter ihm stand sein Heizer und schaufelte unermüdlich ganze Berge von schwarz-
glänzender Steinkohle in den feurig heißen Schlund dieses ewig hungrigen Ungetüms. Der Mann hatte die Statur eines olympischen Athleten und die trainierte Muskulatur eines championverdächtigen Preisboxers.
Zu Dienstbeginn erschien der Heizer immer in einem sauberen weißen Hemd und um den Hals trug er stets ein weißes Schweißtuch. Wenn Paul auf seine Maschine stieg, meldete ihm der Heizer die Betriebsbereitschaft der Lokomotive, denn er hatte zuvor schon die Räder und Bremsen geprüft, Öl in die Lager gefüllt und Fett in die Buchsen gepresst. Ebenso hatte er die Asche entfernt und den
Kessel vorgeheizt. Wasser nehmen und Kohle bunkern, das war Sache des Lokführers.
Paul konnte förmlich noch die Wärme spüren, die von der Maschine ausging, wenn er an den Rädern drehte und die blanken Steuerhebel betätigte. Auch würde er wohl den Geruch von Dampf, Öl und heißem Eisen in seinem Leben niemals vergessen können.
Einmal Lokführer, immer Lokführer...
Was zählten da schon die paar Jahre, die er nach der Umschulung, auf einer Diesellok quer durch Deutschland gefahren ist. Paul war mit Leib und Seele Dampflokomotivführer gewesen und diese Erinnerung daran, die würde ihn auch niemand mehr nehmen können...
Morgendliche Sonnenstrahlen glitten nun über ihn hinweg und kitzelten sein Gesicht, als er lächelnd erwachte.
Heute war Sonntag und das Wetter war einfach wunderschön. Er würde nach dem Frühstück mit dem Rad, in seinem kleinen Garten an den Bahndamm fahren und die dicken saftig-blauen Pflaumen aufsammeln, die gestern und in der Nacht von seinem Lieblingsbaum gefallen waren.
Die heruntergefallenen Pflaumen würden einen wunderbaren Pflaumenkuchen auf Hefeteig ergeben, den seine Marta davon backen würde. Der Duft des frisch gebackenen Pflaumenkuchens lag ihm jetzt schon verführerisch in der Nase. Er lächelte erneut vor sich hin. Eine fabelhafte Idee.
Er drehte sich zu seiner Frau um und stutzte einen Moment lang, denn ihr Bett war leer. War sie etwa schon aufgestanden und hatte das Frühstück zubereitet? So musste es wohl sein. Er drehte sich noch einmal zurück und starrte an die Decke. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass um ihn herum irgendetwas anders war, anders als sonst. Er konnte zwar nicht genau sagen was es war, aber irgendwie spürte er es. Ein ungewohntes, seltsames Gefühl machte sich in ihm breit, ein recht eigentümliches Gefühl der Stille und der Einsamkeit.
Er stand auf, zog sich Hemd und Hose an und ging in das Nebenzimmer.
»Marta?«, rief er leise ins Wohnzimmer hinein, nachdem er die Tür einen kleinen Spalt weit
geöffnet hatte.
Es kam keine Antwort.
Er öffnete die Tür zum Wohnzimmer nun vollständig. Aber hier war sie auch nicht. Bestimmt bereitet sie das Frühstück zu, dachte er und platschte barfuß in die Küche. Aber auch in der Küche keine Spur von Marta. Seltsam, dachte er, das gibt es doch gar nicht. Sie konnte doch nicht einfach so früh am Morgen aus dem Haus gehen und ihm nicht einmal sagen, wo sie hingeht oder wann sie wiederkommt. Sie hätte ihm doch wenigstens einen Zettel schreiben und ihn dann auf den Küchentisch legen können, wie sie es immer tat, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert war. Paul schüttelte nachdenklich den Kopf. Merkwürdig, diese seltsame Stille.
Diese Stille rings um ihn herum wurde jetzt immer unerträglicher. Sie gellte ihn fast schon schmerzlich in den Ohren. Was war denn hier heute bloß los? Ratlos schaute er sich um.
Alles schien wie sonst, wenn da nicht diese wahnsinnig machende Stille gewesen wäre.
In Ordnung, dann brüh‘ ich mir erst einmal Kaffee, dachte er, das wird mich ein wenig aufmuntern und vielleicht sehen wir ja dann etwas klarer. Er nahm den Wasserkessel und hielt ihn unter den Wasserhahn. Paul drehte den Hahn auf. Aber es kam kein einziger Tropfen Wasser aus der Leitung. Er drehte den Wasserhahn mehrmals auf und zu, aber es änderte sich nichts, es kam einfach kein Wasser. Auch das noch, dachte er halb belustigt, halb ärgerlich. Was fällt den
Stadtwerken eigentlich ein, uns sogar am heiligen Sonntag einfach das Wasser abzustellen?
Dann erinnerte er sich, dass sie zum Glück gestern erst zwei Flaschen Mineralwasser mit Kohlensäure im Supermarkt gekauft hatten. Die würden mit Sicherheit erst einmal reichen, um wenigstens einen vernünftigen Kaffee davon zu kochen.
Im Küchenschrank fand er dann nach längerem Suchen auch das Mineralwasser. Paul öffnete eine der Flaschen und goss den Inhalt in den Wasserkessel. Dann riss er ein Streichholz an und öffnete den Gashahn am Herd. Schon wollte er wie gewohnt den Kessel auf den Brenner stellen, als er feststellte, dass das verbrennende Streichholz das Gas
überhaupt nicht entzündet hatte. Verblüfft hielt er inne und betrachtete den geöffneten Gashahn und das brennende Streichholz wie ein Alien, welches das erste Mal eine Bild-Zeitung in der Hand hält und ungläubig die fetten Lettern der Balkenüberschrift studiert.
Sein unsteter Blick wanderte über den Wasserkessel zum Gashahn und von dort zurück, zum Wasserhahn. Er schloss den Hahn am Gasherd und öffnete ihn erneut.
Ein weiterer Versuch mit einem zweiten brennenden Streichholz brachte aber auch diesmal das Gas nicht zum Brennen.
Paul glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Er stellte den Wasserkessel auf den Herd zurück, drehte den Gashahn zu und ließ sich völlig resigniert auf den Küchenstuhl niedersinken.
Fassungslos betrachtete er all die Dinge, die ihm seit Jahren so vertraut waren und nun auf einmal nicht mehr funktionierten. Er konnte absolut keine logische Erklärung dafür finden. Hinzu kam diese unglaublich seltsame, den Nerv tötende Stille um sich herum.
»Paul Reimann, verblödest du jetzt total oder wie soll ich diesen ganzen Quatsch hier verstehen?«, sagte er laut zu sich selbst und es klang so dumpf, als würde seine Stimme gegen eingesteckte Ohrstöpsel ankämpfen müssen.
Schließlich stand er auf, ging zur Küchentür und betätigte entschlossen den Lichtschalter für das Küchenlicht. Auf welches Ergebnis er dabei hoffte, dass wusste er selbst nicht. Als sich aber auch das Licht nicht einschalten ließ,
entfuhr ihm ein scheinbar alles verstehendes,
»Aha!«...
Aber er verstand es trotzdem nicht.
Was war hier in seinem Haus zwischen dem gestrigen Abend und dem heutigen Morgen geschehen? Er begann zu rekapitulieren, was sich in der vergangenen Nacht hier bei ihm zuhause abgespielt haben könnte. Moment, Sekunde, dachte er, zuerst haben wir zu Abend gegessen. Es gab diese leckere Salami, die ihm immer so gut schmeckte, sogar auf frischem Bauernbrot. Paul lächelte.
Ja, daran erinnerte er sich noch ganz genau. Marta hatte fabelhaften schwarzen Tee in der Glaskanne zubereitet und das war natürlich Earl Gray, der so wunderbar nach Bergamotte duftete. Zu diesem Zeitpunkt waren also das
Wasser und das Gas noch nicht abgestellt gewesen. Und diesen verdammten Strom muss es auch noch gegeben haben, denn sie hatten sich ja im Anschluss an das Abendbrot noch die bunte Musiksendung vom Rhein im Fernsehen angeschaut. Gemeinsam hatten sie dabei noch eine Flasche ihres geliebten Rheinhessen-Weins geleert. Kurz nach elf Uhr abends, war Marta dann allein zu Bett gegangen, weil sie einfach schon zu müde war.
Er selbst hatte sich in seinem alten mirabellenfarbigen Ledersessel sitzend, auf N24 noch den interessanten Dokumentarfilm angeschaut. Als der Film dann zu Ende war, ist er auch zu Bett gegangen.
Nichts Besonderes also und doch war heute
alles so anders, als sonst. Gedankenverloren ging er ins Wohnzimmer und setzte sich grübelnd in den alten ledernen Sessel.
»Paul!«..., rief Marta entsetzt, als sie ihren Mann in seinem Ledersessel sitzen sah. Das Frühstückstablett mit dem frisch gebrühten Kaffee glitt ihr aus der Hand und fiel polternd auf den Dielenfußboden...
Die Beerdigung erfolgte in aller Stille und nur im Kreise der engsten Familienangehörigen. Die schlichte Trauerrede hielt ein Vertreter der Deutschen Bahn, der Paul Reimann als einen der zuverlässigsten Dampflokführer der Bahn bezeichnete, der je für das Unternehmen gefahren ist...
***
In Memoriam für Peter G.
dem Dampflok-Heizer
Impressum
Cover: selfARTwork
Text: Bleistift
© by Louis 2013/3 last Update: 2026/3