Biografien & Erinnerungen
Erlebniswelt DDR - der 3. Teil

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"Erlebniswelt DDR - der 3. Teil"
Veröffentlicht am 09. November 2012, 42 Seiten
Kategorie Biografien & Erinnerungen
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Erlebniswelt DDR - der 3. Teil

Erlebniswelt DDR - der 3. Teil

Beschreibung

Für die freundliche Mitarbeit bedanke ich mich bei meinen Mitschreibern petjula007 und PorterThomson

So begann mein Weg ins Leben

Geboren bin ich im Dezember 1946 in Quedlinburg. Meine Mutti mußte mit ihrer Familie aus Stettin fliehen, mein Vati kam Anfang 1946 aus amerikanischer Gefangenschaft. Sie lernten sich beide in Quedlinburg kennen. Das Produkt dieser Verbindung war ich. Mir folgten dann im Zweijahresrythmus noch sechs Brüder. Meine Eltern hatten beide den Krieg kennen gelernt und wollten so etwas nie wieder erleben. Vati wurde aus diesem Grund Polizist. Beide Elternteile wurden Parteimitglieder und wir in diesem Sinn erzogen. Mein Vater wurde von einem Ort zum anderen versetzt. Am Abend bekam er den Befehl und am anderen Tag wurde umgezogen. Polizeilastwagen, ein paar Kollegen zum helfen und am Abend wohnten wir schon in einem neuen Ort. Wir Kinder fanden das ja ganz spannend, aber  Mutti hat oft geweint. Es war eben eine andere Zeit.

Als ich sechs Jahre alt war wohnten wir in Stiege. Dort trieb sich längere Zeit ein Mann herum, der auf Menschen schoss und auch zwei Menschen tötete. Es war ein ehemaliger SS-Mann, der es besonders auf  Bürgermeister abgesehen hatte, die im Sinne der Regierung handelten. Mein Vater war dann auch aktiv an der Festnahme des Mannes beteiligt, der dabei erschossen wurde. Ab da war Vati vielen Anfeindungen ausgesetzt. Eines Abends, als meine beiden Eltern nicht zu Haus waren, wurden große Steine in unser Kinderzimmerfenster geworfen. Meine beiden Brüder schrien und mir war auch zum heulen, aber ich bin mit ihnen in den großen Schlafzimmerschrank meiner Eltern gekrochen. Dort hockten wir, bis sie nach Haus kamen.

Gut kann ich mich auch noch  an den Tag erinnern, als Stalin starb. Meine Eltern hängten eine Fahne mit Trauerflor aus dem Fenster und heulten mit anderen Genossen um die Wette. Bei dieser Gelegenheit wurde mir auch wieder eingebleut, das alle Menschen für den Frieden kämpen müssen. Ich wollte das auch unbedingt. Schon als Kind wurde ich also in die richtige Richtung geschoben.

Mein Vati war inzwischen Offizier der Volkspolizei und wurde mal wieder an wichtiger Stelle eingesetzt. Wir wohnten dann in Elbingerode. Dieser Ort gehörte zum Grenzkreis. Auch hier war immer was los. Wir Kinder mußten alle paar Tage in Wald und Flur, um Flugblätter auf zu sammeln. Das waren Zettel, mit denen die Bewohner aufgefordert wurden, in den Westen zu kommen. Oft waren auf diesen Zetteln Bilder von Leuten abgebildet, die im Ort bekannt und in den Westen "getürmt" waren. Wir bekamen strenge Order, ja nicht diese Post des Klassenfeindes zu lesen. Gelesen haben wir trotzdem. Kinder und Neugier vertragen sich eben nicht so gut.

Ich kann mich erinnern, das wir einmal ein"Westpaket bekamen. Das war komisch, denn wir hatten keinerlei Verwandten im anderen Teil Deutschlands. Auch der Absender war nicht bekannt. Geschmeckt hat die Schokolade doch und Vati war stinkwütend, daß Mutti das Paket zum Aufessen frei gegeben hatte. Das das Paket vom "Klassenfeind " kam, war uns Kindern eigentlich herzlich egal.

petjula007

Alle Jahre wieder

Ne ne! Nicht was Ihr jetzt vielleicht denkt! Es war noch viel aufregender als Weihnachten! Einmal im Jahr traf sich die gesamte Sippschaft bei uns zu Haus und zwar genau an dem Wochenende zu oder nach meinem Geburtstag, also mitte September. Meine Sippe ist übrigens groß, hatte doch meine Mutter drei Schwestern und mein Vater sage und schreibe elf Geschwister!! Viele Kinder zu haben war wohl damals vor, während und nach dem Krieg, weit verbreitet.

Aber ich lenke vom Thema ab. Wie gesagt, trafen sich diese gefühlten hunderttausend Menschen an meinem Geburtstag bei mir zu Hause und eine gewaltige Kolonne aus Trabis, Wartburgs, Ladas, Skodas und Dacias setzte sich in Bewegung. Diese gefühlten hunderttausend Menschen fiehlen dann am frühen Morgen über die brandenburgischen Kiefernwälder bei Buckow her um diese von wirklich allen Maronen, Pfifferlingen, hin und wieder einmal ein paar Steinpilzen, Ziegenlippen, Samtkappen und als absolute Rarität vielleicht einer Krause Glucke zu befreien! Die Heerscharen verteilten sich, schon fast militärisch präzise, in den Wäldern und ernteten Pilze was das Zeug hielt! Waren die Spankörbe voll wurden die Kinder zurück ins "Basislager", also die im Wald geparkten Autos, geschickt um die Körbe in großen mitgebrachten Kinderbadewannen zu entleeren. Am späten Nachmittag traffen sich dann die Truppenteile im Camp. Die Kinderbadewannen waren voll, angesichts der fetten Beute waren alle gut gelaunt und so ließ man sich zu einem munteren Kaffee und Kuchen nieder. Die Frauen haben den Kuchen schon Tage zuvor gebacken und jede brachte was mit! Es waren Unmengen an Kuchen! "Oh mein Gott!" sage ich da heute nur noch. War der Kuchen vernichtet, zogen sich die Heerscharen aus den Buckower Wäldern zurück und die Kolonne aus Trabis, Wartburgs, Ladas, Skodas und Dacias fuhr wieder zu uns nach Hause.

Wer nun glaubt das war´s, der irrt! Jetzt ging der Zauber erstmal richtig los. Drei oder vier Kinderbadewannen voller Pilze wollten geputzt, gespült, nicht gebadet, und eingekocht werden! Die Heerscharen verteilten sich in unserer viereinhalb Zimmerwohnung. Generalstabsmäßig wurden alle für diverse Tätigkeiten eingeteilt. Viele Leute putzten die Pilze, zeitgleich spülten zwei oder drei Personen die Einweckgläser. Sobald genug Pilze geputzt waren, beschickten zwei oder drei Frauen die gereinigten Gläser mit den geputzten und vorher gespülten Pilzen und wieder andere hatten den Einkocher unter ihren Fittichen. Jeder wurde mit eingespannt. Die großen Kinder spielten an diesem Tag Babysitter für die kleineren. Der Abend wurde lang, sehr sehr lang! Erst wenn das letzte Glas Pilze eingeweckt war, und die komplette Küche mit Pilzgläsern zu gestellt war, wurde es gestattet Feierabend zu machen. Und dieser Spaß wiederholte sich jedes Jahr an meinem Geburtstag! Hurra, super, klasse, toll!! Ich habe es bereits nach dem dritten mal gehasst! Andere Kinder feiern schön Kindergeburtstag, so mit Topfschlagen, Blinde Kuh und Süssigkeiten bis zum abwinken und so! Aber ich? Großkampftag in den Pilzen! Danke! Das ging so bis ich ungefähr 12 oder 13 Jahre alt war. Da schlief das mit den Pilzen zum Glück ein wenig ein und ich konnte dann irgendwann auch mal so richtig Geburtstag feiern.   

 

Porter Thomson

 

Mein Weg der \"Selbstfindung\"

Ach was war das für Drama damals! Ich wechselte 1981 oder 82 in der vierten Klasse die Schule, da meine Mutter in einem Krankenhaus in Luckenwalde die Stelle der leitenden Hebamme besetzen konnte. Also packten wir unsere sieben Sachen und zogen von Dahme/Mark nach Luckenwalde. War ja alles kein Ding! Die neue Schule war ja auch irgendwie cool auf seine Art. Die Schule bestand aus zwei Gebäuden, die sich gegenüber standen. In dem einen Gebäude, ein alter Rotziegelbau, wurde die Unterstufe unterrichtet und in dem anderen unwesentlich jüngeren Gebäude, von dem schon stellenweise der graue Putz von der Hauswand bröckelte, wurde die Oberstufe unterrichtet. Links von dem Oberstufengebäude waren die Schülerklo´s, die Aula, in Form eines Barackenbaus und die, unheimlich wirkende, uralte Turnhalle. Zwischen Turnhalle und Unterstufengebäude waren noch die Fahrradständer, die aber noch nicht betoniert waren. Drei Tropfen Regen, und die Fahrradständer war eine einzige Schlammpiste.

Rechts vom Oberstufengebäude war das eiserne hohe Gittertor des Haupteinganges. Diesem Tor schloss sich eine wenigstens vier Meter hohe Mauer an, die sich hin zog bis zum Unterstufengebäude. Hinter dieser Mauer befand sich der Komplex der Post. Deswegen wurde diese Schule, welche ja eigentlich Wilhelm Pieck hieß, auch Postschule genannt. Ich glaube nach der Wende auch hieß sie tatsächlich so. Wilhelm Pieck war wohl nicht mehr so angesagt.

Zwischen diesen Gebäuden, dieser Mauer und diesem hohen Stahlgittertor lag der Schulhof, komplett in .... Asphalt gehalten. Also die Ausstrahlung dieser Schule war so richtig "cool". Stand man in der Mitte des Hofes und schaute sich um, hatte man als Neuer, der ich ja damals war, den Eindruck, man befände sich in einem Hochsicherheitsgefängnis.

Das war also meine neue Schule, in die ich mich auch ziemlich schnell eingewöhnte, ein paar Freunde fand und mehr oder weniger gute schulische Leistungen an den Tag legte. Ganz schlimm war dabei der Sportunterricht, dem ich so garnichts positives abringen konnte. Zum einen waren dort die doch erheblichen Anforderungen an uns Kinder und Jugendliche. Zum anderen war da noch der Sportlehrer, der da glaubte ein Drillsergant sein zu müssen und hielt es für nötig ab und an mal den einen oder anderen Schüler als unfreiwilligen Sparringspartner zu benutzen. Da ich damals rein von der Statur her nicht unbedingt die Sportskanone gewesen bin, lang und dürr, war ich auch heil froh wenn die zwei mal Sport in der Woche vorrüber waren. Die restliche Woche brauchte mir auch keiner mehr mit Sport kommen.

Aber irgendwann ging es los. Der Drillsergeant nahm mich beiseite. "Jeder in der Oberstufe muss an einer Sport AG teilnehmen!"

"Ach Du Sch...!" dachte ich mir.  "Auch das noch!"

"Hör mir zu! Du bist lang! Da steckt Potenzial für den Muskelaufbau drin! Du machst ab sofort zwei mal die Woche Gewichtheben."

Da begann mein Weg der "Selbstfindung". Wie vom Drillsergeant befohlen fand ich mich bei dieser Gewichtheber AG ein. Der Hausmeister der Schule leitete diese AG. War ja auch alles garnicht so schlimm! Ich lernte was Stoßen und was Reißen ist, wie bei der jeweiligen Technik die Hände zu halten waren, wie die Füße zu stehen hatten, wie man allgemein schwere Lasten hebt, nämlich immer aus dem Hohlkreuz heraus und den Schwerpunkt nach unten verlagernd. Das war alles super interessant! Das habe ich mir auch behalten, bis heute! Aber dann! Dann waren genug der Worte gewechselt. Dann ging das los mit Liegestütze, Beugestütze am Barren, Bankdrücken, Sit ups auf die alte ostdeutsche Art mit Gewichten. Ih Äh! Das ging ja garnicht! Ich glaube mein dritter Besuch bei der Gewichtheber AG war auch mein letzter.

Der Drillsergeant war wütend und hüpfte wie ein HB-Männchen durch die Gegend. "Was ich mir einbilde? Was bin ich für ne Flasche?!" waren da noch seine harmlosen Worte. Drillsergeant steckte mich in eine Ringer AG. Das war ja fast noch schlimmer! Nur das dort neben diesem ganzen Kraftmist auch noch der Umgangston untereinander nicht so dolle war und ich den Ringkampf einfach nur als brutal empfand. Aber ich gab mir Mühe und habe dort immerhin zwei Wochen ausgehalten.

Nun war Drillsergeant endlich auf den Trichter gekommen, dass Kraftsportarten nichts für mich sind. Drillsergeant steckte mich in eine Handball AG. Ja super! Endlich keine Liegestützen mehr, keine Brutalität mehr, die Leute waren auch ganz nett. Aber! Hey Du bist ja da die ganze Zeit nur am herum rennen! Och nö das war ja nun mal garnichts für mich! Der Trainer steckte mich in den Kasten! Habt Ihr eine Vorstellung wie so ein blöder Handball im Gesicht weh tun kann? Nach einer Woche stand ich erneut beim Drillsergeant auf der Matte.

"Ich weiß nicht, was ich mit Dir noch machen soll!" waren seine Worte. "Es muss doch einen Sport für Dich geben!" Vor lauter Verzweiflung steckte er mich in eine Radsport AG. Aber ob das so eine gute Idee war? Ich fuhr von nun an also Fahrrad, zwei mal die Woche. Ich bekam sogar ein schmuckes silbernes Rennrad gestellt. Aber auf Dauer war das auch nichts für mich. Jede Trainingsstunde ging es diesen besch... Frankenfelder Berg hoch. Dazu kam, dass es so richtig frustrierend war, dass die anderen alle um ein so vieles besser waren als wie ich. Ich bildete prinzipiell das Schlusslicht. Nach zwei, drei Wochen war mir das dann auch zu blöd.

Drillsergeant resignierte und ließ mich ohne Sport AG abtreten. HÄ hä hä hä!!!

Aber Ihr werdet es kaum glauben! Ich saß ein paar Wochen zu Hause ohne Sport AG, bis mein großer Bruder versuchte mich zu übereden, ihn doch mal zu seinem Judo-Club zu begleiten.

"Och nö!" sagte ich. "Das ist doch bestimmt sowas wie Ringen!"

"Nein!" erwiderte er "Das ist was ganz anderes. Ringen ist was für Holzhacker und Grobiane! Judo ist ein Sport, bei dem man versucht den meisten Erfolg durch gute Technik, Gewichtsverlagerung und mentaler Ausgeglichenheit zu erreichen."

Ich ließ mich erweichen und ging mit zum Judo. Dabei blieb ich dann auch mehrere Jahre bis meine Lehre begann und ich Luckenwalde verlassen musste. Ganz ohne Drillsergeant!

 

Porter Thomson

 

 

 

Lernen für´s Leben

Man kann nun wirklich nicht behaupten, dass unsere Bildung in der DDR schlecht gewesen wäre. Unser Bildungsniveau war schon mit den damaligen westlichen Standarts gleich zu setzen, trotz unser begrenzten technischen Möglichkeiten. Das wir noch mit dem Rechenschieber rechneten, während im Westen der Taschenrechner ein alltäglicher Gebrauchsgegenstand war oder wir nicht so schicke Pelikan- oder Gehafüller oder diese quietsch bunten Filzstifte hatten, ließ uns zwar manchmal neidisch auf die vereinzelten Mitschüler werden, deren Oma mal im Westen war, aber na und? Es ging doch auch ohne! Ich habe neulich mal ein paar Kollegen hier im Westen gezeigt wie man mit einem Tafelwerk die Quadratwurzel heraus bekommen kann, so ganz ohne Taschenrechner. Die waren fasziniert!

Aber ich weiche wieder einmal vom Thema ab. Unsere Bildung war so umfassend, dass wir sogar gelernt haben wie man so schnell wie möglich eine Kleinkaliber Maschienenpistole, sozusagen die kleine Schwester der Kalaschnikow, auseinander baut und wieder zusammen setzt. Kein Schüler von heute wird doch wissen, wie man am besten eine Handgranate wirft oder wie man sich am schnellsten eine Gasmaske überzieht oder einen ABC-Schutzanzug anlegt. Das nannte sich dann vormilitärische Ausbildung in einer Art Trainingscamp irgendwo in der brandenburgischen Pampa. Es war schon faszinierend was wir da alles gelernt haben! Bewegen und Tarnen im Gelände, Schiessen mit besagter Maschinenpistole, Geländelauf unter Vollschutz, Schwimmen in Bekleidung und vieles mehr, was eben so ein 14 oder 15 jähriger so zum Leben braucht! Mir entzieht sich bis heute die Einsicht in die Notwendigkeit dieser Militärlager für Jugendliche. Das dumme ist ja, genau den selben Mist durfte ich mir ein paar Jahre später, während meiner Lehrausbildung noch einmal antun, und ein drittes mal, als ich dann wirklich zur Armee kam! Das alles gab es schon einmal noch vor der DDR. Zuerst war es nur die Hitlerjugend, dann wurde aus ihr Hitlers letzte Reserve im schrecklichsten Krieg aller Zeiten.

Was man unweigerlich in der DDR gelernt hat, war die Fähigkeit verfügbare Informationen zu hinterfragen und neu zu interpretieren. Man konnte sich das ganze rote Gelabere etwas weg denken und vom restlichen Informationsmaterial ein halbwegs reales Bild machen. Der durchschnittliche DDR-Bürger lernte es in Zeitungen und Illustrierten zwischen den Zeilen zu lesen. Einige Schreiberlinge wussten das und versteckten unliebsame Wahrheiten geschickt in ihren Texten.

Aus der Not heraus lernte der DDR-Bürger den sozialen Umgang mit den Mitmenschen. Frei nach dem Motto: "Wenn wir enger zusammen rücken wird das Leben leichter!" und "Hilfst Du mir helfe ich Dir!" Was hat man damals beispielsweise nicht alles angestellt nur um an ein paar Sack Zement oder Kalk zu kommen, um bei sich im Garten die Laube etwas schicker zu machen. Da hat man dann schon mal einem Bekannten beim Hausbau geholfen, nur um ihm am Ende ein paar Säcke Zement oder Kalk ab zu schwatzen. Oder man hat im Kieswerk ne Kiste Bier "vergessen". Und oh Wunder, am nächsten Morgen lag da ein riesen Haufen Sand vor dem Garten!

Der gemeine DDR-Bürger hat es sich zu eigen gemacht, sich in Geduld zu üben und sich immer hübsch an zu stellen. Es gab immer einen Grund sich an zu stellen. Ob das nun ab und an Bananen waren, grüne Orangen aus Cuba, Lizenzschallplatten im Buchladen oder Feuerwerk an Silvester. Überall konnte man sich anstellen. Dieser Volkssport nannte sich dann Schlange stehen. Ein Höhepunkt der Woche war für uns Jugendliche immer Mittwoch. Mittwochs kamen immer die Lizenzplatten in den Buchladen. Wir hatten zwar keine Ahnung was für Platten rein kamen, aber egal! Anstehen lohnte sich immer. In den Ferien habe ich dann auch ein paar mal Schlange gestanden und war dann stolz wie Bolle, als ich das eine mal Born in the USA vom Boss und das andere mal ne Scheibe von Van Halen ergatterte. Natürlich hat man sich auch schonmal ungewollt für Roland Kaiser oder Roger Whittacker angestellt! Da hat sich dann halt meine Mutter oder mein Vater darüber gefreut.

Ja und Geduld brauchte man in der DDR auch oft. Für einen Trabi brauchte man sogar 13 Jahre Geduld und 18 Jahre gar für einen Wartburg . Auch bei DDR-Behörden musste man sich in Geduld üben. Da hat sich bis heute nicht viel geändert!

Zum damaligen sozialen Umgang zählte auch, dass man den Kontakt zu Nachbarn, Kollegen und Freunden pflegte, auch wenn man gerade keine komerziellen Interessen hegte. Die damalige Zeit von Mangelwirtschaft und und politischer Ohnmacht waren eh schon hart genug. Gerade da war ein gesundes soziales Umfeld von größter Wichtigkeit. Dass es dann doch einige "Freunde" unter uns gab, die ganz andere Interessen hegten, nämlich sich unser Leben zu eigen zu machen um es einer Obrigkeit zu unterbreiten, stimmte viele DDR-Bürger während und nach der Wende sehr traurig und ließ sie in ein tiefes Loch fallen. Weil ich Angst vor diesem tiefen Loch hatte, habe ich bis heute keine Einsicht in meine Stasiakte verlangt. Dass es eine Stasiakte von mir gibt, steht so ziemlich fest, da ich meinen Grundwehrdienst bei den Grenztruppen verrichten musste.

Als Fazit zu diesem Thema kann ich sagen, unser Leben im Osten hat uns in einer Art und Weise geprägt, die uns in unserer Lebensweise zu etwas besonderem werden ließ. Doch leider ist dies alles größten Teils vergänglich und wächst sich langsam aus unseren Köpfen heraus. Wir leben heute in einer Zeit der großen Freiheit, der Demokratie und der freien Marktwirtschaft. Der Überfluss, der einigen mehr und viel zu vielen weniger zu gute kommt, lässt diese glorreichen Tugenden wie das soziale miteinander statt des sozialen nebeneinanders einschlafen. In unserer Gesellschaft ist jeder viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, hat viel zu sehr mit seinen eigenen Problemen zu kämpfen, dass er für ein solches miteinander gar keine Muße mehr hat. Jeder muss zusehen wie er sein Leben gemeistert bekommt. Die Zeiten von damals, wo es der Staat für nötig hielt, für jeden seiner Bürger verantwortlich zu sein, ist vorbei! Heute kümmert sich kein Parteisekretär und/oder LPG-Vorsitzender mehr darum, dass auch der herunter gekommene Dorfalkoholiker zur Arbeit kommt, ins Kollektiv integriert und von diesem getragen, mitgezogen wird. Heute gibt es erst die Kündigung, dann Arbeitslosengeld, dann Hartz IV und dann wenn es ganz schlecht läuft die Strasse und die Brücke!

Ich möchte jetzt nicht die DDR hoch jubeln! Dazu lief zu vieles schief und war zu viel Unrecht in diesem Land! Es gab keine Meinungsfreiheit, keine Wahlfreiheit und keine uneingeschränkte Religionsfreiheit, nicht zu vergessen die Reisefreiheit. Gleichwohl ich diese damals garnicht mal so vermisst habe. Die wirtschaftliche Misere tat ihr übriges, dass es mit der DDR immer weiter bergab ging, was ja schlussendlich zur Wende führte. 

 

Porter Thomson

Aus der Not eine Tugend machen

Jedem ist es bestimmt noch in bleibender Erinnerung, dass es damals nicht immer so einfach war, mal eben in den Konsum oder den HO zu gehen und sich den Kühlschrank immer genau mit dem zu füllen was man wollte. Oftmals war es doch so, dass man sich seinen Kühlschrank mit dem füllte was da war! Und wem die Möglichkeiten gegeben waren, der legte fleißig Vorräte an, von Dingen die es ab und an mal gab und nicht gerade zugeteilt wurden.

Bei einigen von uns gab es den glücklichen Umstand, dass es Freunde oder Verwandte gab die daheim bei sich ein paar Schweine hatten. Bei uns waren es meine Großeltern. Da hieß es dann einmal im Jahr Schlachtefest!!! Jau war das immer ein Spaß!

Einmal im Jahr, immer im Winter, bepackten wir unseren schicken rot - weißen 311er Wartburg mit dem allernötigsten um die weite Reise von ca. 300 km zu meiner Oma anzutreten. Das heißt natürlich erst dann, wenn wir drei Geschwister uns denn irgendwann einmal geeinigt hatten, wer denn nun auf dieser, für damalige Verhältnisse, doch recht langen Reise in der Mitte der Rücksitzbank saß. Wir waren drei Geschwister, es gab aber nur zwei Fensterplätze. Den rechten Fensterplatz bekam immer meine Schwester. Ja und den linken? Heute bewundere ich die Geduld meiner Eltern, die sie damals bei diesen immer wieder kehrenden Streitritualen aufbrachten, zumindest eine Zeit lang. Na ja! Am Ende zog dann immer der kleinste den kürzeren, und das war leider ich.

Endlich ging es los! Wir brausten in unserem schicken rot - weißen 311er Wartburg los. Erst bis nach Niemegk, und dann auf die heutige A9 bis nach Halle. Diese ewig lange Autobahnfahrt bis nach Halle. Das war so langweilig! Die Langeweile wurde nur zwei drei mal unterbrochen, wenn meiner Schwester wieder einmal übel wurde und sie sich übergeben musste. Also fuhr mein Vater rechts ran. Damals gab es noch keine Standstreifen auf den Autobahnen. Tür auf Schwester raus, sich noch einmal alles durch den Kopf gehen lassen und weiter. Wenn meine Schwester sich nicht gerade am übergeben war, zählten wir immer Westautos und bestimmten sie nach Marke und Modell. Damals war die Anzahl der Westautos auf DDR-Autobahnen noch recht überschaubar, wie überhaupt der damalige Verkehr auf unseren Strassen. Auch wenn wir nicht einen Stau hatten, was in der DDR eigentlich fast nie vorkam, brauchten wir doch geschlagene vier Stunden bis zu meiner Oma, die in einem kleinen Dorf bei Sangerhausen wohnte. Ja ja! Rasen gab es damals noch nicht! Zum einen gab es das normale Standardauto des Ostens, der Trabbi oder der Wartburg mit ihren 100 bis 120 km/h nicht her, zum anderen war mein Vater ein recht vorbildlicher Kraftfahrer und zum dritten war der Zustand unserer Strassen streckenweise doch recht "abenteuerlich".

Irgendwann waren wir dann auch endlich da, wir Kinder konnten es kaum erwarten aus unserem schicken rot - weißen 311er Wartburg heraus zu kommen um als aller erstes nach der Begrüßung von Oma, Opa und Onkel und Tante den alten Bauernhof mit seinem riesigen Garten unsicher zu machen.

Es war immer wieder schön bei Oma und Opa. Dieser alte Bauernhof war einfach nur ein Traum! Auch wenn sich mein Opa nach langem wehren der Übermacht von Partei und Staat geschlagen geben musste und schließlich der LPG beigetreten wurde, hat er sich doch immer redlich, und im Rahmen seiner damaligen Mittel, Mühe gegeben den Charakter seines Hofes als Bauernhof zu erhalten. Was damals an Eigenwirtschaft erlaubt war, hat er auch konsequent in Anspruch genommen. So war es eben, dass mein Opa und meine Oma bis zu seinem Tod jede Menge Getier bei sich auf dem Hof hatten. Da waren frei laufende Enten und Hühner, mehrere Schweinekoben mit jeweils zwei Schweinen, jede Menge Kaninchen, also richtige große, schwere Kaninchen zum schlachten versteht sich, zwei bis drei Ochsen und bis Anfang der Siebziger, habe ich noch ganz schwach in Erinnerung, sogar ein paar Milchkühe. Es war einfach nur ein Traum für so kleine Wänster wie wir es waren. Jedes mal wenn wir da waren, gab es neue Abenteuer zu bestehen. Ob ich nun den alten Speicher über dem Kuhstall ausgekundschaftet habe oder in der alten Scheune herum geturnt bin. Immer ist etwas passiert. Ich hatte ein Händchen für sowas. Mal habe ich mir an irgendeinem scharfen Ding die Wade aufgeschnitten, dass sie sogar genäht werden musste, mal bin ich im Winter in den alten Feuerlöschteich gefallen, ich konnte natürlich noch nicht schwimmen, oder ich habe nähere Bekanntschaft mit der Jauchegrube geschlossen, ein großes stinkendes Loch hinter dem Misthaufen, in dem sich alle Abwässer von Mensch und Tier sammelten. Es war immer Action wenn ich bei meinen Großeltern war, ob nun in den Sommerferien oder wie just zu diesem großen Schlachtefest im Winter.

Schon am nächsten Morgen in der Frühe, die Sonne hat es noch nicht über den Horizont geschafft, ging es auch schon los. Mein Großonkel aus dem Nachbardorf, seines Zeichens Metzgermeister, rückte an, wetzte schon das Messer und lud das Bolzenschussgerät, während mein Vater, mein Onkel und mein Opa bewaffnet mit zwei Türblättern und einer Decke sich daran machten das Schwein, das schon Tags zuvor nichts mehr zu Fressen bekommen hatte, aus dem Koben zu leiten. Anders konnte man das nicht nennen. Denn getrieben hätte man einen solchen Koloss nicht bekommen. Man muss sich vorstellen, damals durften die Schweine noch erwachsen werden, bevor sie geschlachtet wurden. Wenn ich sage, dass das Schwein damals wenigstens 200kg gewogen hat, ist das nicht übertrieben. Ein solches Tier muss überzeugt werden seinen Koben, den es als kleines Ferkel betreten hat, wieder zu verlassen. Man ging also mit den beiden Türen in den Koben, und engte die arme Sau ein, und zwar so, dass es merkte, dass es nach hinten nicht mehr weiter ging. Das Schwein setzt die Flucht nach vorne an und rennt in den noch finsteren Morgen. Erst wenn die Stalltür hinter ihm verschlossen war ging die Hofbeleuchtung an. Flankiert von den beiden Türblättern wurde das Schwein auf mehr oder weniger direktem Wege dem Metzger am Schlachteplatz zugeführt. Dann ging alles sehr schnell. Gekonnt setzt der Metzger das Bolzenschussgerät an, drückt ab, Schwein fällt betäubt zu Boden und mit einem gekonnten Stich läßt der Metzger das Schwein "zur Ader". Die Oma hält geschickt eine große Schüssel unter und fängt das wertvolle Blut auf, aus dem später so lecker Sachen wie Rotwurst, Kuddelwürstchen oder einfach nur Grützwurst werden würde. Vier Männer, mein Vater, der Onkel, der Opa und der Metzger bändigten irgendwie das zappelnde Schwein. Es war natürlich schon längst tot, das waren nur die letzten Zuckungen, ausgelöst durch die letzten verebbenden Nerven. War das Schwein ausgeblutet, wurde es mit kochendem Wasser abgebrüht. Mit sogenannten Schabglocken wurden flink alle Borsten entfernt und mit speziellen Haken an den Glocken die Klauen abgezogen.

Nun kam die Leiter ins Spiel! Die Hinterläufe des toten Schweins wurden mittels eines derben Holzes, welches durch die Sehnen an den Sprunggelenken gezogen wurde, fixiert. Mit einem Flaschenzug und vereinten Kräften wurde das Schwein mit dem Kopf nach unten eine Leiter hinauf gehievt, welche schräg an die Hauswand der Waschküche gelehnt war. Jetzt wurde das Schwein aufgeschnitten auf das alle inneren Organe entfernt werden konnten. Eine faszinierend grausige Angelegenheit! Diese ganzen Sachen, wie Lunge, Leber Herz und Nieren in Natura zu sehen, ihre Größe, ihre Farbe und ihre Konsistenz, ließen schnell meinen anfänglichen Ekel in wissbegieriges Interesse umschlagen. Alles wurde entfernt und fein säuberlich beiseite getan. Von diesem Schwein wurde nichts, wirklich nichts weg geschmissen. Alles wurde gebraucht. Na gut! Die Borsten und die Klauen wurden auf den Misthaufen geschmissen.

Hing das Schwein ausgenommen am Haken, gab es das erste Frühstück, ein Korn für die Männer und einen Likör für die Frauen. Die Kinder bekamen selbst gemachten Apfelsaft von der Oma. Nach dem ersten Frühstück gab es dann das richtige Frühstück im Haus. Wobei jedoch immer einer draußen beim Schwein blieb, nicht dass sich eine der vielen Katzen auf dem Hof an dem Schlachtkörper vergriffen!

So wurde im Verlaufe des Tages das ganze Schwein, im wahrsten Sinne des Wortes, feierlich zerlegt, verwurstet oder durch den Fleischwolf gedreht. Es wurde Wurst in Därmen, Wurst im Glas hergestellt. Wurst wurde gebrüht, Wurst wurde geräuchert, Fleisch wurde gepökelt und geräuchert, Fleisch wurde eingekocht!  Alles wurde verarbeitet! Am Ende blieb noch die Schweinehaut, die Ohren und das Ringelschwänzchen übrig. Ohren und Ringelschwänzchen bekamen die Katzen Die Haut wurde gesalzen und zum Gerber im Dorf gebracht. Selbst die Brühe, in der die Brühwürste gebrüht wurden, wurde noch als sogenannte Wurstsuppe eingekocht. Ganz köstlich! Man hat immer absichtlich zwei kleinere Würste beim Brühen angestochen, damit die Wurstsuppe auch die richtige Würze erhielt. Interessiert schauten wir dem Metzger bei der Arbeit zu, wie er die verschiedenen Wurstbrete herstellte und diese dann mit einer speziellen Maschine, die von einer Handkurbel angetrieben wurde, in die vorher gespülten Därme stopfte. So manches mal ließ er uns vom warmen, dampfenden Wurstbret kosten. Oder wir formten aus gewürztem Hackfleisch kleine Klöschen und ließen sie in der Wurstsuppe kochen. Unvergesslich! Ein Fest für alle Geschmacks und Geruchssinne. Am Ende des Tages packten mein Vater und meine Mutter ein halbes Schwein in unseren schicken rot - weißen 311er Wartburg. Außer die Räuchersachen, die wurden später geholt. Weil das mit dem Räuchern immer eine Weile dauerte. Nun wisst ihr auch, warum wir nur mit dem allernötigsten zu meinen Großeltern gefahren sind. Zuhause wurde das halbe Schwein, in Form von Würsten und Einmachgläsern, eingelagert und versorgte uns wenigstens ein halbes Jahr mit Wurst, Fleisch und Suppe.  Diese Schlachtefeste bei meinen Großeltern werden mir wohl auf ewig als ein schönes Kapitel meines Lebens in der DDR in Erinnerung bleiben. Habe ich doch die Gewissheit, dass so etwas schönes, heute garnicht mehr möglich wäre, sind doch die hygienischen Auflagen für ein solches Fest fast unerfüllbar.

 

Porter Thomson

Telefone

Es war ja noch lange vor Verbreitung der Handys. Wer ein Telefon zu Haus hatte, hatte eben Glück und gehörte nicht immer, aber meist zu Funktionären oder Managern. Das normale Fußvolk nutzte fleißig die Apparate am Arbeitsplatz und stand Schlange vor den Telefonzellen an der Straßenecke. Aus dem Prenzlauer Berg ist mir ein Telefon an einer Hauswand in Erinnerung, ohne alles Drumherum. Marode Relais aus den 30er Jahren wurden von der Post mal hier und mal da eingesetzt, um die Kundenbeschwerden gleichmäßig zu verteilen. Und rief man nach Westberlin an, brauchte man keine Ortsangabe zu machen, denn: "Ja, ich höre es am Knacken und Rauschen."

Welche Nummer wurde am häufigsten gewählt? Notruf, Versandhaus Leipzig, die vielen Restaurants im "Ballast der Republik"? Falsch: Die Zeitansage. Man traf minutengenau früh im Büro ein und stand zehn Minuten vor Ende der 8,75 Stunden im Mantel am Schreibtisch, einer lauschte gebannt der Ansage "sechzehn Uhr... dreiundvierzig...". Auf den Schlag genau ergoß sich so der Strom der Schreibtischtäter über Flure und Straßen. Korrektheit, die für den Charakter der Arbeit oder der Angestellten sprach.

Ein Institut der Universität befaßte sich mit Zufall und Statistik, und dort kamen Mitarbeiter auf die Idee, mit der Monte-Carlo-Methode herauszufinden, wieviel Telefonanschlüsse es in der Hauptstadt gäbe: Würfle zufällig 100 Nummern und zähle, wie oft die Antwort kommt "Kein Anschluß unter dieser Nummer". Sind das vielleicht 30, so sind etwa 70% der theoretisch möglichen Telefonnummern in Gebrauch.
Gesagt, getan.
Ein Angerufener meldete sich, sie entschuldigten sich höflich mit "Leider verwählt", legten auf und wollten die nächste Zufallszahl testen. Doch war derselbe Herr noch immer dran und forderte sie zum Sprechen auf... Zufällig hatten sie die Nummer eines speziellen Ministeriums getroffen; heute sagt man Dienst dazu. Erst nach etwas Überreden gab der Mann das Telefon der Wissenschaftler wieder frei.

Eine Weile nach der Wiedervereinigung hatte dann jeder, der wollte, seinen Privatanschluß. Zumeist natürlich ein Segen, manchmal auch ein Fluch wegen Spam, Anrufen der Arbeitgeber oder...


Brubeckfan

Nach der Maueröffnung

DDR-Bürger konnten die erlernte Kunst geduldigen Schlangestehens sehr gebrauchen: zwei Stunden am Grenzübergang, zwei bei der Ausgabe des Begrüßungsgeldes, und dann weiter bei Aldi, Uhse oder Thalia. Hier und da drängten sich Männer an Lkws eines Supermarktes, erkämpften wie bei einer Raubtierfütterung im Zoo Tüten mit einer Schokolade und einem Kaffeepäckchen und brachten sie ihren Frauen, die bereits fünf dieser Dinger in der Hand hielten. Überhaupt tauchten plötzlich auch auffällig jene Mitbürger auf, die sonst mietfrei der Alkoholkrankheit nachgingen und nur zum Besorgen von Nachschub ihre Höhle verließen.

Manche Läden nahmen DDR-Mark entgegen, zum Schwindelkurs von 7:1. Vor Beate Uhse standen die DDRler hemmungslos in ihren stone-washed Jeans -- wo sich Altbundesbürger eher heimlich bei Nacht hinschlichen... Als ich in Hannover meinen ersten derartigen Laden besah, fiel mir eine teure Seifendose auf, mit der sich ein einsamer Mann anfreunden sollte; deprimiert schlurfte ich hinaus.

Es war eine mystische Zeit, die plötzliche Maueröffnung war ja gar nicht das Ziel der Wende und zeigte nun unerwartet eine andere, fremde Welt. So manche Westverwandtschaft, die immer über die bösen Kommunisten geschimpft hatte, verstummte auf einmal. Wir hatten mehr Glück, wurden sofort eingeladen und lernten erst Kreuzberg, dann bald Amsterdam und Brüssel kennen. Zugleich machte man in der noch bestehenden DDR die Erfahrung, daß Forderungen von Bürgern etwas bewirkten. Z.B. riefen heute Demonstranten "Stasi in den Tagebau", und ein paar Tage später wurden dort personelle Lücken tatsächlich mit Lauschern und Eckenstehern aufgefüllt.

Für die einen war klar, daß nun endlich ernst gemacht wird mit den erklärten Zielen des besseren Deutschland; für die anderen war klar, das ist das Ende und man muß sein Schäfchen ins trockne bringen. Jeder sah endlich ein Ziel und lief mit glänzenden Augen herum.


Brubeckfan

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liebetraumfee

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Gast Gutes Buch, was hab ich gelacht! Bin an die gleiche Schule wie der Porter Thornson in Luckenwalde gegangen..... ja, die hatte schon was Knast ähnliches :)
Ich war aber im gegensatz zum Porter nen guter Sportler, da konnte man es mit dem besagtem Sportlehrer schon aushalten ..... die, die nicht so gut drauf waren hattens da schwerer, nen kleiner Brustrempler war dann immer drinn...... na, geschadet hats uns nicht und der Walter, ja der Walter der lebt noch, spielt sogar ab und zu Tennis mit meinem Vater :D
BRGDS Heiko
Vor langer Zeit - Antworten
KateJadzia Weckt alte Erinnerungen und - ich kann Misspelled und den 'Prinzen' nur zustimmen - Es war nicht alles schlecht. Es war eben mehr wie bei Familie Feuerstein. Wir hatten fast alles, aber eben alles eine Nummer einfacher und nicht so viel.
Manches hatten wir nicht, z.B die Reisefreiheit, dafür aber im befreundeten soz. Ausland das Gefühl , Menschen 2.Klasse zu sein.
Ein wirklich interessantes Buch! Hat mir gefallen.

LG Kate
Vor langer Zeit - Antworten
Misspelled Da werden alte Erinnerungen wach ... - ... immer heißt es in der DDR war alles Schei... nein war es nicht. Es war nur anders.

Es gab viele Dinge, die wirklich schön waren. Einige waren nicht so schön aber es gibt auch heute Dinge die mir nicht gefallen.

Ein schönes Buch und gute Arbeit. Nicht alles deckt sich mit meinen Gedanken und meinem Erlebten aber das ist wohl überall so und nicht typisch DDR.

Eine gelunge Arbeit und verschiedene Meinungen zu verschiedenen Themen.

Einfach gut gelungen.

Lg Misspelled
Vor langer Zeit - Antworten
Brigitte Durch unsere Aktivitäten bei den lustigen Spielen habe ich auch mal bei Dir reingeschaut und die DDR Bücher entdeckt. Das war schon sehr interessant, da ich auch dort aufgewachsen bin und diese Erinnerungen auch in meine Bücher "Ein Leben " verarbeitet habe. Eine tolle Idee , die Du da hattest. Es hat mir sehr gut gefallen . Herzliche Grüße aus Bremen sendet Dir Brigitte
Vor langer Zeit - Antworten
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