Wie soll ich mir die Wut von der Seele schreiben, wenn ich geradezu koche? Mein Blut brodelt, mein Herz pocht wild in meiner Brust. Ich habe das Gefühl, ich könnte ihn umbringen, auch heute noch.
Manchmal frage ich mich, ist es wirklich Charakterstärke, den Kindern – seinen Kindern – gegenüber von all den Dingen, die um sie herum ablaufen, nichts zu erzählen, um das Verhältnis zwischen ihnen nicht zu verschlechtern. Ich nehme Rücksicht, ja, und er? Hat er jemals in seinem Leben Rücksicht auf mich genommen? Hat er jemals gefragt, wie es mir geht? Hat er jemals anerkannt, dass ich die Familie über Wasser gehalten habe? Hat er mich jemals gefragt, ob und wie lange ich das schaffe, Arbeit, Haushalt, Kinder, Tiere, Finanzen und was an so einer Familie noch alles dranhängt. Wie oft habe ich gedacht, dass ich das Ganze nicht mehr länger aushalte? Wie oft habe ich mit dem Gedanken gespielt, einfach Schluss zu machen.
Ich sehe die Situation noch heute vor mir. Ich fuhr zum Einkaufen, war erst vor wenigen Minuten von ihm völlig niedergemacht worden. Vor lauter Tränen konnte ich kaum etwas erkennen. Nur vage nahm ich den Trecker vor mir wahr. Einfach draufhalten, dachte ich, einfach nicht die Geschwindigkeit drosseln. Es ist nur ein kurzer Moment und alles ist vorbei, kein Stress mehr, keine psychische Folter, keine Überlastung, keine Tränen, keine Niedergeschlagenheit.
Aber dann spielte plötzlich im Radio das damalige Lieblingslied meiner Tochter und brachte mich schlagartig in die Wirklichkeit zurück. Ich riss das Steuer herum, fuhr an dem Trecker vorbei, zog wieder auf die rechte Spur und hielt an der nächsten Bushaltestelle an.
Hier atmete ich erst einmal tief durch. Was hätte ich da beinah getan? War er das wert? Was wäre aus den Kindern geworden? Wie tief bin ich gesunken?
Ich ließ die Tränen einfach laufen. Inzwischen war der Trecker wieder an mir vorbeigefahren. Der Fahrer sah mich an, schüttelte ungläubig den Kopf und setzte dann seinen Weg fort.
Langsam kam ich wieder zu mir.
Das Lieblingslied meiner Tochter lief noch. War es Fügung? War es eine höhere Macht? Wer hat mir (und meinen Kindern) zur rechten Zeit dieses Lied gesandt?
Ich sagte mir, es könne nicht meine Bestimmung sein, den Rest meines Lebens mit diesem Menschen zu verbringen und dabei selbst vor die Hunde zu gehen.
Ich sagte mir, ich müsse an mich selbst denken, etwas für mich tun, um für meine Kinder stark sein zu können.
Ich sagte mir, dass ich auf eigenen Beinen stehen kann, dass ich auf ihn nicht angewiesen bin. Liebe, was ist das? Ich weiß es nicht, aber eines weiß ich sicher: Wenn jemand einen Menschen liebt, dann behandelt er ihn nicht so, wie er mich all die Jahre behandelt hat.
Gott sei Dank habe ich es geschafft, all diese Dinge vor den Kindern zu verbergen. Aber ich merkte, dass meine Kraft in dieser Beziehung nachließ. Wie lange würde ich den Schein noch wahren können? Wie lange würde ich diese Fassade noch aufrechterhalten können, ohne laut loszuschreien, ohne die Beherrschung zu verlieren?
Ich würde alles tun, damit meine Kinder nicht leiden, aber stillhalten und die Demütigungen weiter hinnehmen, das würde ich gewiss auch nicht tun. Vieles würde sich nun ändern, das stand für mich fest.
Dieser Tag war der Beginn vom Ende unserer Ehe, aber es war noch ein langer Weg.