Man kann keinen Vater so nennen, der gar keiner war.
Erst viel zu spät wurde mir das klar.
Jahrelang dachte ich daran,
dass man einen Vater auch lieben kann,
der selbst keine Liebe geben kann.
Als Entschuldigung habe ich daran gedacht,
dass es ihm nie jemand richtig hat beigebracht,
auch seine Eltern haben sehr viel falsch gemacht.
Von Schlägen wurde sehr viel erzählt,
dass es wichtig ist, wenn man Kinder so quält,
dass Reden bei Kindern gar nichts bringt,
dass sie nur verstehen, wenn der Rohrstock singt,
dass man sich bei Kindern nur Respekt verschafft,
wenn man sie schlägt und barsch anblafft,
dass kleine Kinder noch nichts verstehen,
dass sie nicht richtig hören und sehen.
So wurde er, der Vater, dereinst erzogen
und damit um so viel Liebe betrogen.
Ich habe es als Mutter völlig anders gemacht,
hab früh mit den Kindern geredet, gelacht,
habe ihnen das Leben vorgemacht.
Bei uns hat es Bitte und Danke gegeben.
Gemeinsam genossen wir das Leben,
zumindest wenn er nicht Zuhause war.
Auch das wurde mir erst viel später klar.
Kinder gehörten zu seinem Leben zwar dazu,
doch eigentlich wollte er nur seine Ruh.
Er wollte nicht gerne mit ihnen verreisen,
am liebsten sogar ohne sie speisen.
Als seine Kinder galten sie dann,
wenn sie mal etwas wirklich Gutes getan.
Dann hat er sie förmlich vorgeführt.
Ich weiß nicht, ob ein Kind das spürt.
Als nach zwei Söhnen unsere Tochter zur Welt gekommen,
hat er sich bei ihr plötzlich ganz anders benommen.
Jeden Wunsch las er ihr von den Augen ab,
hat sein Prinzesschen verwöhnt und zwar nicht zu knapp.
Die Söhne mussten für sie vieles machen,
hatten selbst dabei aber nichts zu lachen.
Erst als sie 18 war, habe ich mich getrennt.
Oft frag ich mich: Hab ich den richtigen Zeitpunkt verpennt?
Würden meine Kinder sich besser verstehen,
wäre ich früher bereit gewesen zu gehen?
Was hab ich im Leben falsch gemacht?
Ich habe doch nur an die Kinder gedacht.
Ich wollte, dass sie als Kinder einen Vater haben,
dem sie früher einen Großteil ihrer Liebe gaben.
Doch wurden die Söhne reifer und älter
und das Verhältnis zu ihm kälter.
Wäre vielleicht alles etwas anders gelaufen?
Hab ich allen die Chance genommen, sich zusammenzuraufen?
Habe ich wirklich alles falsch gemacht?
Habe ich wirklich nur an die Kinder gedacht?
Hätte ich ihn stärker beeinflussen müssen,
ihm viel mehr erzählen von Schmusen, Liebe und Küssen?
Ich glaube, wir haben uns alle voneinander entfernt.
Ich glaube, er hat niemals Liebe kennen gelernt.
Ich befürchte, er hat niemals eine Chance gehabt.
Liebe lebt man und ist dazu nicht begabt.
Doch er ist ein Vater, der nie einer war.
Auch heute ist er nur für seine Tochter da,
wenn er es für sich einrichten kann.
Er ist kein Vater, aber ein einsamer Mann.