Kurzgeschichte
August 2008

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"August 2008"
Veröffentlicht am 21. Juni 2012, 10 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über den Autor:

Ich studierte in Deutschland und habe dort zehn wunderschöne, aber auch teils schwere Jahre verbracht. Deutschland ist für mich die zweite Heimat.
August 2008

August 2008

Beschreibung

Noch ein Kapitel aus dem Buch

Aber zwei Mal habe ich mein zweites Heimatland zumindest nicht geliebt – erstes Mal, als meine Schwester zur Promotion nach Deutschland kommen wollte und zweites Mal im August 2008.

Meine Schwester ist Deutschlehrerin seit 1987. Eine sehr gute Deutschlehrerin. Sie schloss ihr Studium mit Auszeichnung (rotes Diplom) ab. Hunderten Kindern brachte sie deutsch bei, begeisterte sie für Deutschland und seine Kultur. Ende 90-er Jahre beschloss sie, nach Deutschland zu kommen und zu promovieren. Einerseits wollte sie an einem sehr interessanten Thema arbeiten und zweitens, sich von dem harten Leben der Lehrer in Georgien erholen.

Schnell fand ich einen Doktorvater für sie. Auch Zulassung bekam sie von der Uni. Sie beantragte das Einreisevisum an der deutschen Botschaft. Wir waren sicher, daß sie bald ihr Promotionsstudium in Deutschland aufnehmen würde.

Aber das deutsche Konsulat dachte anders. Ihr Antrag wurde abgelehnt. Ohne Angabe der Gründe. Ich kenne aber diese Gründe: Sie könnte eventuell in Deutschland heiraten und hier bleiben. Eine hübsche Frau, eine Lehrerin mit Doktortitel und mit perfektem Deutsch. Sie darf hier nicht bleiben! (Wobei, wenn sie in Deutschland bleiben wollen würde, hätte sie genügend Gelegenheiten gehabt, denn sie wollte nicht das erste Mal nach Deutschland reisen). Aber die Herren oder die Damen aus dem Konsulat sind anscheinend nie deutsche Fußgängerzonen entlang gelaufen. Wie viele Asylbewerber leben in Deutschland. Die meisten haben ihren Antrag nicht einmal glaubhaft begründen können. Aber sie dürfen unbefristet hier leben. Viele davon saugen wie Blutegel das Blut des deutschen Staates – sie können kein Deutsch, haben auch nicht vor es zu lernen (warum denn auch, „scheiß Deutschland“ können sie ja alle irgendwie artikulieren), sie sind eine Bedrohung für die Läden in Deutschland ...

 

Ich könnte die Liste weitermachen. Andererseits schaffen diese Menschen Arbeitsplätze: je mehr solche Menschen in Deutschland leben, desto mehr Detektive werden in Läden gebraucht, desto mehr Gerichtsverhandlungen werden geführt und desto mehr Dolmetscher braucht man fürs Gericht. Auch eine Arbeitsmöglichkeit für mich. Also, ich sollte vielleicht dankbar sein, daß so viele Asylanträge bewilligt werden.

Aber meine Schwester darf nicht einreisen. Ich war bereit, aus Protest Deutschland zu verlassen und nie in meinem Leben deutsch zu unterrichten. Später überlegte ich anders, denn dies würde niemanden was nützen.

Im August 2008 habe ich mein zweites Heimatland zweites Mal nicht geliebt. Nein, das ist falsch ausgedrückt! Das war mehr als „nicht lieben“! Die ersten russischen Bomben fielen in meiner Heimatstadt.

 

Sie liegt nicht ein Mal zwanzig Kilometer weit vom Kriegsgebiet entfernt. Mir wurde klar, daß es kein Konflikt mehr, sondern ein Krieg zwischen Russland und Georgien war.

Meine Frau war hochschwanger und der Tag war ihr Geburtstag. Da ich bei uns keine schönen Rosen gefunden hatte, fuhr ich nach Gori, um Rosen zu kaufen. Nach fünfzehn Minuten war ich schon in Gori, wo ich die erste Bombardierung der Stadt miterleben dürfte. Mir wurde das ganze Ausmaß des Krieges langsam klar. Ich fuhr sofort zurück (leider ohne Rosen) und sagte meiner Frau, sie solle sofort in die Hauptstadt fahren. Ich dachte, dort sei sicherer. Sie wollte nichts davon hören, sondern unbedingt bei mir bleiben, aber als sie merkte, wie sich das Baby im Bauch jedes Mal erschrak, wenn sich die Bomben einschlugen, widersprach sie nicht mehr und fing an, ihre Sachen zu packen.Am nächsten Tag fuhr sie mit meiner Cousine zusammen in die Hauptstadt.

 

Gerade rechtzeitig, denn nach ein Paar Stunden war unsere Stadt vom restlichen Land abgeschnitten. Ich war froh, daß meine Frau doch gefahren ist. Ich hatte Angst, daß dem Krieg Plünderungen und Raub von Besatzern folgen würden und da wollte ich nicht unbedingt mit einer schwangeren Frau zu Hause sein. Gott sei Dank ist unsere Stadt, wie durch ein Wunder, verschont geblieben (wie sich später herausstellte, haben wir das einem russischen Offizier zu verdanken, der georgische freunde hatte und drei LKW ossetische Räuber nicht in unsere Stadt reinließ). Am nächsten Tag zogen unsere Truppen zurück und fast die ganze Technik ist durch unsere Stadt Richtung Wälder gezogen. Für den Zeitpunkt hatte fast die ganze Bevölkerung die Stadt durch die Waldwege verlassen gehabt. Es folgten zwei Tage und Nächte, an denen russische Flugzeuge die Wälder uns herum pausenlos bombardierten, um die dort versteckte Technik und Truppen zu vernichten.

 

Ich kann genau erinnern, wie lange deutsche Politiker zögerten, bis sie sich zu Wort meldeten. Und dann ... sie hätten lieber gar nichts gesagt. Ich habe mir gewünscht, daß ein russischer „Iskander“, der in Gori eingeschlagen ist, auch vorm Reichstag einschlägt und deutsche Außenpolitiker wachrüttelt.

Die nächste Enttäuschung waren die Äußerungen auf den deutschen Internetforen. Da wurde mir klar, warum einige renommierte deutsche Medienvertreter seit zwei Jahren antigeorgische Propaganda betrieben hatten. Arme Opfer russischer Propaganda und deutscher Berichterstattung!

Sobald ich versucht habe, den armen Menschen etwas zu erklären, zu sagen, daß ich direkt am Kriegsgebiet wohne und einiges sei anders, als sie das denken, kamen Beiträge, wie „Ja, klar. Und ich wohne auf dem Mond“, „wenn du in Georgien am Kriegsgebiet wohnst, woher hast du dann Internet?“ oder „wie viel bekommst du vom georgischen Geheimdienst?“ Ich sah keinen Sinn mehr, mit den Menschen weiter zu diskutieren und wer immer noch glaubt, Russen hätten im August 2008 in Georgien etwas Gerechtes getan, der tut mir echt leid.

 

 

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Giorgi
Ich studierte in Deutschland und habe dort zehn wunderschöne, aber auch teils schwere Jahre verbracht. Deutschland ist für mich die zweite Heimat.

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kullerchen Politik, - ist Krieg, von je her und nur wenige verstehen das auch so. Wer in der Politik "sein Unwesen" treibt hat oft mächtige Leute hinter sich, die denjenigen lenken, so wie es grad gebraucht wird.

In der Demokratie zumindest sollte es nicht so sein, doch ich bezweifle, dass da nicht auch fettige Gelder fließen. Schau nir, wie betriebsblind die Leute im Konsulat waren, sind. Sie sehen nicht den Menschen, nicht die einzelnen Schicksale, nur dass, was ihnen auferlegt wird, an Hand von Gesetzen, von Statistiken.

Gut, dass du dich für dein Land eingesetzt hast. Solche Stimmen müssen mehr sein und lauter. Berichterstattung ist ein eignes Geschäft und was denkst du steht oft dahinter? Politik, Macht und Geld.

Dass sich unserer Regierung raushält, kann man ihr nicht mal verübeln. Zum Schutz des deutschen Volkes UND immer noch mit einer Art Wiedergutmachungspflicht. Ich will das nicht entschuldigen und auch nicht gutheißen, doch auch Regierungen geraten an ihre Grenzen.

Was ich von Putin halte würde ich gerne rausschreien, doch dass es nicht geschieht, hat nicht nur mit Angst zu tun. An dem "Guten Mann" kann man sehen, wie korrupt es in Russland zugeht, wie dort was funktioniert.

Es macht mich traurig, war Gorbie doch schon so viel weiter auf dem Weg für ein offenes Russland.

Georgie sei nicht leise, nur klug und erzähle was du denkst, welche Gründe damals vorlagen, wirkliche Gründe. Doch verbaue dir nicht deinen Weg, zurück in die Heimat.

So das wars für heute, obwohl ich so viel noch zu sagen hätte.

Auf Wiederlesen und sorry für die Ungerechtigkeiten, die meine Landsleute so fabrizieren.

LG Kullerchen!
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