Kurzgeschichte
Regen

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"Regen"
Veröffentlicht am 15. März 2012, 6 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über den Autor:

Hi, ich bin ein laufendes Paradox. Ich war hier schonmal angemeldet, war nun aber einige Monate inaktiv und habe deshalb beschlossen, mich einfach nochmal neu anzumelden. Vielleicht werde ich auch etwas meiner alten Sachen hochladen, deshalb nicht wundern, falls euch etwas bekannt vorkommt. Soviel zu mir. Adios.
Regen

Regen

"Woran denkst du gerade?", fragte sie. Sie saßen auf einer Bank, mit Abstand zueinander. Sie sahen sich nicht an, sondern hatten den Blick starr nach vorne gewandt, ins Nichts und doch ins überall. Heute war nicht viel los, es war grau, doch trotzdem sehr warm. "Eigentlich müsste es jetzt regnen," antwortete er "und ich bräuchte deinen Regenschirm." Sofort glitt ihre Hand Richtung Tasche und sie sagte "Ich habe einen." Er aber brauchte keinen, sondern spannte mit einer Handbewegung den imaginären Schirm auf, hob ihn über ihre Köpfe und wollte wissen, ob sie mitmache. Es kostete ihn viel Überwindung, das zu fragen, da solche Vorstellungen in ihrer Welt nichts zu suchen hatten. Doch sie nickte stumm. 


"Stell' dir vor, dass es regnet." - er hielt kurz inne - "Wenn es dir leichter fällt, schließ dabei deine Augen." Und sie schloss sie. "Nun, also, es regnet. Tap, tap, tap. Tap, tap, tap.", sagte er, bevor er anfing, mit seinen Fingerspitzen auf die Bank zu klopfen. "Du hörst das Prasseln der Tropfen überall um dich herum, über dir, vor und hinter dir, und von allen Seiten. In der Ferne hörst du ein Donnergrollen", zeichnete er weiter, gefolgt von einem "*BRUMM*". Ihre Mundwinkel hoben sich sanft zu einem Lächeln, doch ihre Augen blieben geschlossen und sie ging weiterhin mit. 


"Siehst du, wie wir trocken bleiben? Unter unserem Schirm?" - wieder hielt er inne, doch er erwartete keine Antwort - "Der Regen legt sich wie ein Schleier um uns und es ist, als wären wir gefangen. Gefangen, in unserer eigenen kleinen, sicheren Welt." Sie verstand, das wusste er, ohne sie anzusehen, ohne, dass sie nur ein Wort sprach. 


"Und so war es immer. Egal, was für ein Sturm um uns herum tobte; gemeinsam hielten wir an unserem Schirm fest. Doch weißt du, manchmal werden die Stürme stärker. Und manchmal hat man keine Kraft, um gegen diese starken Gewalten weiterhin anzukämpfen und nur zu hoffen, dass der Sturm bald wieder vorbei ist und dann einfach wieder die Sonne herauskommt." Sie öffnete die Augen, sah ihn mit diesem verunsicherten Stirnrunzeln an, folgte jedoch weiter seinen Worten.


"Und dann kam die Zeit, in der ich alleine den Schirm hielt. In der ich der Einzige war, der an unserer Welt festgehalten hat und alles dafür getan hat, dass diese nicht an den Folgen der Stürme zerbricht." Er atmete tief durch. Sie sah ihn noch immer an, doch sein Blick war noch immer nach vorne gerichtet und er wirkte abwesend und kalt. "Und ich wusste nicht, wieso. Ich wusste nicht, wieso ich der alleinige Kämpfer für all das war, was wir aufgebaut hatten. Plötzlich saß ich alleine da, mitten im Regen, mit dem Regenschirm ringend und wusste nicht, wofür. Das alles machte keinen Sinn, wenn du nicht bei mir warst und gemeinsam mit mir kämpftest." Sie schloss ihre Augen wieder und wandte sich ein wenig ab.


"Und immer dann, wenn dir gerade danach war, kamst du wieder zurück in unsere Welt. Doch noch immer war ich der Einzige, der sich bemühte." Er atmete wieder tief durch und wandte sich nun zu ihr. Er sah sie an und wusste, sie versuchte ihre Tränen zu verbergen. Er setzte sich näher zu ihr und streichelte vorsichtig durch ihr Haar. Glitt mit seinem Finger hin zu ihrer Wange und wieder zurück zu ihrem Haar. Er sah sie nachdenklich an.  "Es ist lange her, dass ich dir durch die Haare gestrichen habe", sagte er und zog seine Hand langsam wieder weg, als sie den Kopf zu ihm drehte.


Sie saßen nun direkt nebeneinander und blickten sich tief in die Augen. Sie überkam Unsicherheit, doch er fing wieder an, zu erzählen. "Wir kennen uns so lange. Und wir waren so lange zusammen. Doch das war dir anscheinend nie Grund genug, für uns, für dich und mich, bereit zu stehen. Und nach Monaten bist du von einen auf den anderen Tag wieder da, mit der Begründung, dass du mich brauchst. Kannst du dir vorstellen, wie sehr ich dich gebraucht hatte?" Sie konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten und hielt seinem Blick auch nicht mehr stand.


"Nein, das kannst du nicht. Das war dir völlig egal, immer. Hauptsache du hast jemanden, der dich sanft in den Arm nimmt, wenn es dir nicht gut geht. Hauptsache du hast jemanden, der dir Geschichten erzählt, wenn du Angst hast. Aber nie 'Hauptsache ich habe jemanden, den ich liebe und für den ich alles tun würde', neeein." Noch immer sah er sie an und noch immer wendete sie ihren Blick von ihm ab. Kurzes Schweigen. "Ich glaube, du hast mich geliebt. Und ich weiß, ich habe dich geliebt. Vielleicht liebe ich dich noch immer." Und sie sah ihn wieder an.


"Aber der Sturm wurde zu stark für mich, für mich alleine. Und meine Kraft ist zu Ende." Er lies den imaginären Schirm sinken, machte ihn zu und schmiss ihn weg. "Und ich habe keine Kraft, weiterhin zu kämpfen, für etwas, was nur ich mir wünsche. Mehr, als alles andere. Was für dich aber nur ein netter Zeitvertreib für zwischendurch ist." Sie weinte noch stärker. Sie setzte zum Sprechen an, doch sie brachte keinen Ton heraus. Er prasselte ein letztes Mal mit seinen Fingern auf die Bank. "Jetzt ist der Sturm vorbei." Er stand auf und ging.


Es fing an zu regnen. 

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aspirati0n
Hi, ich bin ein laufendes Paradox.

Ich war hier schonmal angemeldet, war nun aber einige Monate inaktiv und habe deshalb beschlossen, mich einfach nochmal neu anzumelden. Vielleicht werde ich auch etwas meiner alten Sachen hochladen, deshalb nicht wundern, falls euch etwas bekannt vorkommt.

Soviel zu mir. Adios.

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Moonoo Ein Text zum Thema Regen. Hab ich hier auch noch nicht so oft gelesen. 5 Sterne.

Liebe Grüße
Vor langer Zeit - Antworten
Weltenformer Gute Geschichte - Kann mich da gut, leider zu gut, hineiversetzen....

LG Ralf
Vor langer Zeit - Antworten
Brubeckfan Re: Re: Nach Lesen des Updates -
Zitat: (Original von aspirati0n am 18.03.2012 - 17:01 Uhr)
Noch habe ich die zweite Version gar nicht hochgeladen, haha! Bei der zweiten Version, die im Laufe der nächsten Woche kommt, ...

Hihi, ei drum. Am Buch steht aber in Deinem Regal "Update 18.3.", tja.

Lieben Gruß.
Vor langer Zeit - Antworten
aspirati0n Re: Eine wunderbare Geschichte... -
Zitat: (Original von roxanneworks am 17.03.2012 - 12:39 Uhr) tiefgehend und gefühlvoll erzählt,-
die entstehenden Bilder klingen nach...

wirklich klasse verwortet !

ganz liebe Grüße
roxanne


Danke schön! Liebe Grüße zurück
Vor langer Zeit - Antworten
aspirati0n Re: -
Zitat: (Original von Nightwriter am 17.03.2012 - 14:29 Uhr) Eine schöne Idee, wie man sich ohne Streit trennen könnte...
Sehr plastisch erzählt.


Danke!
Vor langer Zeit - Antworten
aspirati0n Re: das ist wirklich... -
Zitat: (Original von KleinePoesie am 18.03.2012 - 10:36 Uhr) ...unfassbar traurig, irgendwie theatralisch und dennoch genau so wie das Leben ist! Schön!


Danke schön!
Vor langer Zeit - Antworten
aspirati0n Re: -
Zitat: (Original von Isabel am 18.03.2012 - 12:20 Uhr) Ein schöner Text über eine einseitige Liebe. Vielleicht kommt mir der Schluss nach der Flut der eindringlichen Worte davor, etwas zu abrupt. Der Text klingt nicht aus, er bricht ein wenig ab.

Könnte aber auch sein, dass das so gewollt ist.
Sehr gerne gelesen.
Liebe Grüße
Isabel


Ja, es war gewollt, dass das Ende so abrupt kommt. Als er ihr durch die Haare streicht, ist es ein Moment der Schwäche seinerseits zu ihr, was ihm dann auch bewusst wird und ihm seine Entscheidung noch "leichter" macht und er sich sicher ist, dass er es jetzt beenden muss, damit er nicht wieder in Versuchung gerät.

Danke!

Liebe Grüße
Vor langer Zeit - Antworten
aspirati0n Re: Nach Lesen des Updates -
Zitat: (Original von Brubeckfan am 18.03.2012 - 16:38 Uhr) Hab mir die 1. Version nicht aufgehoben, nun fallen mir kaum Unterschiede auf. Dein Text ist jedenfalls immer noch schön, bis zum schlichten aber starken letzten Satz. Projekt abgeschlossen, Klasse!

Es sei denn (jetzt spinne ich mal): Es sei denn, Du willst "sie" noch zu Wort kommen lassen. Das wäre dann aber "Regen 2", könnte vielleicht ihr Verschwinden überraschend erklären (ein verheimlichtes krankes Kind o.ä). Auf die Art könntest Du die Leser ein paar mal verblüffen. Nur so'ne vage Idee.



Noch habe ich die zweite Version gar nicht hochgeladen, haha! Bei der zweiten Version, die im Laufe der nächsten Woche kommt, werden verschiedene Situationen aus der Vergangenheit der beiden zum Vorschein kommen, bei der auch (mehr oder weniger) klar wird, zumindest aufgefasst wird, wieso sie verschwindet!
Vor langer Zeit - Antworten
Brubeckfan Nach Lesen des Updates - Hab mir die 1. Version nicht aufgehoben, nun fallen mir kaum Unterschiede auf. Dein Text ist jedenfalls immer noch schön, bis zum schlichten aber starken letzten Satz. Projekt abgeschlossen, Klasse!

Es sei denn (jetzt spinne ich mal): Es sei denn, Du willst "sie" noch zu Wort kommen lassen. Das wäre dann aber "Regen 2", könnte vielleicht ihr Verschwinden überraschend erklären (ein verheimlichtes krankes Kind o.ä). Auf die Art könntest Du die Leser ein paar mal verblüffen. Nur so'ne vage Idee.
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