
Es war für mich faszinierend, wie sich die Stimmung eines Tages durch eine vermeintliche Kleinigkeit ins absolute Gegenteil verkehren konnte. Ich habe versucht, diesen Wandel in Worte zu fassen.
Das war es also mit meiner Selbstständigkeit. Etwas mehr als ein Jahr in Leipzig, davon sieben Monate als „Unternehmer“. Wie viel hatte ich mir davon erhofft, wie viel mir auf meine Fähigkeiten eingebildet und wie rosa hatte ich mir meine Zukunft ausgemalt! Und doch – es hat nicht gereicht. Zu viele eigene Fehler, zu wenig Einsicht, zu viel Schwäche und nicht zuletzt: zu viel Angst.
Die letzten Tage in dieser wunderschönen Stadt haben mich manche Träne vergießen lassen. Ich bedauerte es sehr, dort weggehen zu müssen – nicht zuletzt aber bedauerte ich mich auch ein klein wenig selbst. Meine Sorgen – auch die finanziellen – waren nicht eben gering und erschienen mir oft genug - besonders dann, wenn ich zur Ruhe kam – als schier unüberwindlich.
Am letzten Morgen – es war alles erledigt, die Wohnung und das Büro geräumt und übergeben – ging ich noch einmal durch den imposanten Bahnhof, trank einen Cappuccino und genoss zum letzten Mal die unglaubliche Weite dieses Gebäudes, das sich zur Zeit seiner Erbauung den heute unwahrscheinlichen Luxus gönnte, jeweils eine eigene Bahnhofshalle für die preußische und die sächsische Staatsbahn zu errichten und so zum größten Kopfbahnhof Europas wurde.
Dann ein letztes Mal zum ICE Richtung Norden – endgültig Abschied nehmen und noch einmal das Gleis entlang wandern. Doch ja – ich empfand schon eine ganz schöne Menge Wehmut und Bedauern. Wie üblich suchte ich mir einen Platz im Bordrestaurant, weil dort die längere Fahrt einfach immer am entspanntesten war. Ich fragte eine junge Frau, ob der Platz ihr gegenüber frei ist und verstaute auf ihr Bejahen hin meinen Trolley und meine Gitarre. Gut – am Tisch hinter mir saß eine Gruppe von Geschäftsleuten, die etwas lauter war, als es zu meiner etwas gedrückten Stimmung passte, aber das würde ich schon noch verkraften können.
Ich bestellte meinen üblichen Kaffee mit viermal Milch und nahm mein Buch aus dem Trolley um die normale Routine der Fahrt zu beginnen. Doch irgendetwas war anders als bei meinen bisherigen Fahrten in den Norden. Ein wenig Endgültigkeit, der Abschied von der von mir geliebten Stadt und ihren warmherzigen Menschen – abschalten konnte ich jedenfalls nicht richtig. Auch das Gefühl der eigenen Niederlage ließ bei mir nicht die normale entspannte Ruhe einer längeren Bahnfahrt einkehren. Die Geschäftsleute hinter mir empfand ich als lauter als ich sie normalerweise empfunden hätte, die betont wichtigen Anzugträger mit ihren Macbooks gingen mir noch mehr auf die Nerven als sie es sonst schon taten und selbstverständlich schmeckte der an sich schon nicht tolle Kaffee, den die Deutsche Bahn in ihren Etablissements reicht noch schlechter als er sonst eigentlich schmeckt. Es waren also alle Grundvoraussetzungen für eine wirklich angenehme Bahnfahrt vorhanden.
Meine Laune fing gerade an richtig schlecht zu werden, als mir der Gesichtsausdruck der jungen Frau, die ich gefragt hatte, ob der Platz frei ist, auffiel. Sie wirkte irgendwie traurig auf mich, schaute die meiste Zeit ziemlich starr aus dem Fenster und setzte ab und zu – vielleicht um ihren Gesichtsausdruck zu verbergen, ihre überdimensionale Sonnenbrille auf. Also noch jemand, dem es allem Anschein nach nicht gerade gut ging.
Merkwürdigerweise ging es mir durch den Anblick eines Menschen, der sich vielleicht ähnlich fühlte wie ich gerade, plötzlich anders. Mein „mich-schlecht-fühlen“ war auf einmal nicht mehr der Nabel meiner momentanen Welt. Die Geschäftsleute waren nicht mehr so laut, die „Macbooks“ nicht mehr so wichtig und selbst der Kaffee der Deutschen Bahn war plötzlich mehr als nur trinkbar.
Die Personen im Bordrestaurant, die ich bis jetzt als lärmende, nervende breiige Masse wahrgenommen hatte, begannen einzelne, besondere Menschen mit eigenem Aussehen, Gesichtsausdrücken und ihrem persönlichen, ganz speziellen Verhalten zu werden. Ein Polizeioberkommissar, vielleicht Mitte 50, grauhaarig, Schnauzbart mit sehr korrektem Habitus. An einem Tisch vier junge Männer, die zwischen Leipzig und Berlin Hauptbahnhof eventuell das eine oder andere große Becks zu viel getrunken haben. Ihre Stimmung stieg jedenfalls mit zunehmender Fahrtdauer.
Ein junges Ehepaar mit einem etwa dreijährigen Sohn, der die ganze Zeit wegen irgend etwas quengelte und seinen Eltern offensichtlich ganz gewaltig auf die Nerven ging. Schließlich auch noch einige Geschäftsleute mit der unvermeidlichen Financial Times Deutschland in perfekt geschnittenen Businessanzügen, bei deren Outfit von der Abstimmung der Farben über die Form der absolut makellos gebundenen Krawatte bis zur Länge der aus den Jackettärmeln ragenden Manschetten aber auch wirklich alles passte.
Und schließlich war sie da. Sie? Eine junge Frau, Anfang dreißig – also etwa zwanzig Jahre jünger als ich – schmales Gesicht, schulterlange dunkelblonde Haare, anmutige Bewegungen. Sie saß drei Tische von mir entfernt auf der anderen Seite des Ganges und las – soweit ich es erkennen konnte – leichte Unterhaltungslektüre. Was mich aber wirklich an dieser jungen Frau faszinierte, war nicht ihr gutes Aussehen – ich würde sie sogar als schön bezeichnen – sondern etwas völlig anderes.
Das ganz besondere an dieser noch nicht einmal direkten Begegnung war, dass ich in ihrem Gesicht erkennen konnte, was gerade in dem Roman, den sie las, passierte. Stirnrunzeln, Erstaunen, Schmunzeln, Erschrecken und dann: ein Lächeln, das mich einfach umgehauen hat. Dieses eine Lächeln und ein Tag, der für mich nun wirklich nicht gerade toll begonnen hatte, war auf einmal ganz anders. Der ICE war mittlerweile kurz vor Berlin und ich habe immer wieder kurz und unauffällig zu der jungen Frau hinüber gesehen in der Hoffnung, dieses Lächeln noch einmal erleben zu dürfen. Berlin-Spandau, danach ging es in Richtung Hauptbahnhof-Tief und die meisten Fahrgäste – auch die junge Frau – begannen sich auf das Aussteigen vorzubereiten. Sie stand an der Tür kurz vor mir und mir schoss plötzlich durch den Kopf: „Bitte, bitte, lass sie auf dem Bahnsteig nur einen ganz kurzen Moment stehen bleiben!!!“. Sie stieg aus, ich mit Trolley und Gitarre kurz danach und tatsächlich: sie stellte ihren Koffer ab und blieb diesen kurzen Moment stehen, den ich mir so unvermittelt gewünscht hatte. Ich ging die wenigen Schritte auf sie zu und sprach sie an – etwas, das ich als Mensch, der sehr viel Wert auf Formen legt, eigentlich nie machen würde. „Entschuldigen Sie bitte.“ Sie drehte sich zu mir herum, nahm mich vielleicht zum ersten Mal bewusst wahr und schaute mich ein wenig fragend an. Ich fuhr fort: „ Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Sie sind mir im Zug aufgefallen und ich möchte mich bei Ihnen für das bezaubernste Lächeln bedanken, das ich je gesehen habe.“ Zuerst ungläubiges Staunen, dann Strahlen und schließlich ein wunderbares Lachen.
Ich verabschiedete mich von ihr mit den Worten: „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag und eine gute Reise“, drehte mich um und machte mich auf den Weg zu meinem ICE Richtung Hamburg. Dieser war brechend voll, alle Menschen fürchterlich schlecht gelaunt aber nach dieser kurzen Begegnung mit diesem unglaublichen Lächeln, das ich während der ganzen weiteren Fahrt vor mir sah, konnten mir all diese Widrigkeiten nicht mehr allzu viel anhaben.
| Brubeckfan Schön. - Solche Miniaturen sind immer wieder erwärmend. Dein Einstand läßt hoffen... Gruß, Gerd |