Einleitung
Eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Auch wenn die Protagonistin in der Ich-Form schreibt, trägt die Geschichte nur sehr wenige autobiographische Züge.
Porumbel
Der gute Onkel Ludwig mit seinem trockenen Humor und einem schier unerschöpflichen Vorrat an witzigen Sprüchen und Schüttelreimen war in meinem Elternhaus immer ein gern gesehener Gast. Mit dem Spitznamen, den er Andrei Ghidea eines Tages - hinter dessen Rücken - verpasste, hatte er nicht nur den Nagel auf den Kopf getroffen, sondern dem rumänischen Zahnarzt geradezu ein Denkmal gesetzt.
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Es liegt schon viele Jahre zurück, dass der Zufall die beiden zusammengeführt hatte. Da Dr. Ghidea mit seiner deutschen Ehefrau Lore gerade in dem Moment unverhofft bei uns auftauchte, als meine Eltern und ich mit Onkel Ludwig und Tante Gunda zum Rosarium aufbrechen wollten, unternahmen wir diesen Ausflug schließlich alle gemeinsam. Während wir zwischen den Rosenbeeten herumspazierten, blieb Dr. Ghidea immer häufiger andächtig stehen und stieß - erst verhalten, dann immer lauter - Rufe des Entzückens aus, wobei sein Gesichtsausdruck sich stark verklärte. Lore tat ein Übriges, um seine Begeisterung zu schüren, indem sie ihn auf besonders bewundernswerte Exemplare hinwies.
    "Schau her, Porumbel! Ist diese nicht himmlisch?"
    "Oh ja, meine Liebe! Sie gleicht einem göttlichen Blutstropfen!"
    "Der Wunderknabe würde sich auch als Pastor gut machen", stellte Onkel Ludwig halblaut fest und kniff die Augen leicht zusammen. Â
    "Aber wie ruft sie ihn immer, ist das sein Vorname?"
    "Es ist sein Kosename aus der Kindheit. 'Porumbel' heißt auf rumänisch 'Taube', oder in diesem Fall besser 'Täuberich'", erklärte ich.
    "Na bitte, fehlt nur noch der Ölzweig!" sagte Onkel Ludwig trocken.
Tante Gunda drohte ihrem Mann mit dem Finger und zog mich weiter.
    "Deine Mutter sagt, ein bißchen wunderlich war dein Zahnarzt schon immer. Aber chic sieht er ja aus - so groß und schlank und brünett ... Sie dagegen - also, das Kostüm ist unmöglich!" urteilte Tante Gunda und verdrehte die Augen.
    "Du hättest sie voriges Jahr sehen sollen, als wir sie zum Flughafen brachten. Da trug sie aus demselben karierten Stoff noch einen Hut, extra für die Reise genäht, und in der Hand einen Staubwedel aus bunten Federn!" erzählte ich und unterdrückte das Lachen.
    "Unmöglich! - Aber kommen die denn jedes Jahr hierher?"
    "Fast jedes. Lores Mutter wohnt hier im Nachbarort", sagte ich.
    "Und wie hat sie ihn kennen gelernt?" erkundigte sich Tante Gunda.
    "Im Urlaub am Schwarzen Meer. Er hat sich dort in sie verliebt.
    "Und woher kennst du sie?" fragte Tante Gunda weiter.
    "Ich bin ihm in Bukarest ins Motorrad gelaufen, kurz nach meiner Ankunft. Ich war selber schuld, aber es ist mir nichts passiert. Er gab mir seine Adresse und kam dann mit seiner Frau ins Studentenwohnheim, um nach mir zu sehen."
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    "Na, ihr beiden Lästermäuler", sagte Onkel Ludwig hinter uns, "habt ihr keine Angst, dass dem Herrn Pimpinella die Ohren klingen?"
    "Pimpinella?" fragten Tante Gunda und ich wie aus einem Mund. Diesen Namen sollte er in unserer Familie nie wieder loswerden. Wunderlich, theatralisch und ein bisschen wehleidig - so musste mein ehemaliger Beschützer auf Außenstehende wirken, zumindest in dieser für ihn fremden Umgebung. Und Beschützer war er auf jeden Fall während meiner Jahre in Bukarest für mich gewesen. Dieser bemerkenswerte Mann war für mich eine Mischung aus väterlichem Freund und großem Bruder. Er hatte gewissermaßen die Patenschaft über mich übernommen und kümmerte sich in vielerlei Hinsicht um mich.
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Als Oberarzt an der Klinik für Stomatologie hatte er natürlich Kontakte zu Medizinern und setzte sich dafür ein, dass wir im Krankheitsfall einen guten Arzt bekamen und nicht mit dem oberflächlichen Studentenarzt vorlieb nehmen mussten. Er kümmerte sich auch um die Zustände im Wohnheim, wo wir DDR-Studentinnen mit Rumäninnen und Wanzen in "gemischten" Zimmern zusammenlebten. Als meine Freundin Betty und ich im zweiten Semester der Wanzenplage überhaupt nicht mehr Herr wurden und uns mit unseren beiden rumänischen Mitbewohnerinnen restlos zerstritten hatten, setzte er bei der Heimleitung durch, dass wir umziehen durften. Ohne ihn hatten wir das nicht erreicht, da die Heimleiterin der Ansicht war, wir Deutschen hätten die Wanzen mitgebracht, denn vor uns hatte sich noch niemand darüber beschwert… Was machte es da schon aus, dass er oft ein bisschen sentimental und wunderlich war?
Die Ghideas hatten mich häufig zu sich nach Hause eingeladen, um "über ein Problem" zu reden. Gemeinsam hatten wir Museen, den Zirkus, die Oper besucht. Nach meiner ersten Berührung mit dem Bolero waren wir auch in Konzerte gegangen.
Fortsetzung folgt