
2001-07-22 unser erster Sonntag. Wie soll man eine fremde Welt beschreiben und Menschen, mit denen man kein Wort wechseln kann? Beobachten und fĂŒhlen. Man muss hinein in diese Welt und schreiben, was man denkt. Und man muss den ewigen Abgleich mit dem Bekannten zum Teil wegdrĂŒcken, weil die fremde Welt eigene Gesetze hat. Ein WesteuropĂ€er wĂŒrde sich nie diesen extremen Bedingungen lĂ€nger aussetzen wollen und so ergeht es uns, wenn wir immer in die Klimaoase der HotelrĂ€ume flĂŒchten wollen. Der Morgen dieses Tages beginnt mit Wecken aus dem Telefon gegen 06.30. Als ich aus dem Hotel trete begegne ich dem PhĂ€nomen, das meine Brille beschlĂ€gt, weil ich vom Kalten ins Warme komme. Meine erste Beobachtung gegen 7.00 ist ein Papa mit seiner kleinen Tochter, der mit ihr auf den Stufen der Bank sitzt und ihr Reis in ein KĂ€stchen gibt. Welch intimer Kontakt, welch Lebenskraft auf offener StraĂe. Man sieht diese innere Akzeptanz dieser Beiden, die so gar nicht von dem Rummel gestört sind, der schon um sie herumschwirrt. Genauso ist die Frau am Kiosk. Sie putzt sich mit Inbrunst und IntensitĂ€t die ZĂ€hne und lĂ€sst sich kaum von den Kunden stören. Erst als sich einer bemerkbar macht, wendet sie sich mit Schaum vor dem Mund den KĂ€ufern zu und bedient. Wir haben mit dieser Verrichtung ein Problem, sie gehört ins Bad und ganz selten, kann man da fremde Augen zulassen. Aber alle meinen Chinesen sind nicht intim in der Ăffentlichkeit. Am Kiosk ist das Bier billig, die Flasche zu 4 YĂŒan, etwa 1,30 DM – also der normale Durchschnittspreis. Das die Zigaretten so gnadenlos preiswert sind, hĂ€ngt wahrscheinlich an der Tabaksteuer, die bei uns der Staat erhebt. Etwa ein Zehntel des deutschen Marktpreises – nun kann man nachvollziehen, warum die Asiaten „Raubkopien“ auf dem Heimatmarkt verkaufen. Dr. Liu muss nach Deutschland zurĂŒck, wir verabschieden ihn beim FrĂŒhstĂŒck. AuffĂ€llig ist, dass er sich mehr um uns sorgt, als wir um ihn. Er ist so etwas, wie ein dienstbarer Universalroboter und sofort zieht Protest auf, wenn einen Kleinigkeit schief geht oder der All-inclusive Reisende so einen Eindruck hat. Doch das muss so kommen, denn kaum einer weiĂ um die HĂŒrden der BĂŒrokratie und es handelt sich ja nicht um eine Pauschalreise. Ja – und eigentlich wollte ich schreiben, er fliegt nach Hause, nur seines ist ja hier. Wo ihn alle verstehen, wo er ein Teil eines Systems ist, in dem er Akzeptanz erfĂ€hrt und ohne Probleme agieren kann. Wie schön und schwer es ist, wenn man ein Gefragter ist. Das er noch gern etwas geblieben wĂ€re, nehmen ihm alle ab – sofort fĂ€llt mir die Volksliedzeile ein: ...“Ich wĂ€re ja so gerne noch geblieben, aber der Wagen der rollt“... Tschau Liu, man sieht sich. Nur dann vielleicht mit anderen Augen. Unser Tagesplan sieht heute eine Tour nach Zhou Zhuang vor – der Wasserstadt. Eine Anlehnung an unseren Spreewald, eigentlich lange unbekannt, bis ein Maler aus dieser Stadt in Amerika ein Bild ausstellte, auf dm eine DoppelbrĂŒcke zu sehen war. Alle Welt fragte, wo denn diese sei und da war das StĂ€dtchen entdeckt. Seitdem Rollen Touristenwellen durch die Gassen und das Leben ist so anders als vorher. Nach einer Fahrt von 1,5 Stunden, von der die meiste gebraucht wurde um aus Shanghai herauszukommen. Die Stadt hat tatsĂ€chlich 17 Mio. Einwohner, soviel wie unsere ganze vergangene DDR. Statistische Daten sind exakter in BĂŒchern nachzulesen, deshalb will ich hier nicht rekapitulieren, was ich von den ErklĂ€rungen der Reiseleiterin behalten habe. Die WĂ€rme umfĂ€ngt uns, wie ein Mantel und im Nu sind wir durch. Interessant, wie jeder mit dieser Temse umgehen kann, interessant wie sich das System „Körper“ darauf einstellt. Wir bekommen Eintrittskarten, die beim Besuch der Museen geknipst werden. So schieben wir uns durch die ehemaligen Wohn- und LebensrĂ€ume zweier reicher Familien und das im kommunistischen China. Doch das ist Kulturerbe live, wenn uns auch das TV eine Geschichte der VR China vorgaukelt, die von 1921 bis 2001 geht. Eben Propaganda. Welche hohe Schule des Handwerks und der Wohnkultur wir hier im Crashkurs durcheilen kann man nur erahnen. Die Möbel, die Bauweise und das einstige Leben von damals weht uns bruchstĂŒckhaft entgegen. Entstellt, verzerrt und ĂŒberdeckt von den unzĂ€hligen, geschĂ€ftstĂŒchtigen Chinesen, die sich hier niedergelassen haben. Es gibt viel Kitsch und Tant, aber auch AntiquitĂ€ten. Altes Porzellan (eine kleine Vase, die mit Wasser gefĂŒllt Vogelstimmen nachmacht), MĂŒnzen aus allen Dynastien, und Teekanne, die von unten befĂŒllt werden. Ich bin erstaunt, wie konkret die WĂŒnsche der Einzelnen sind und es darf gehandelt werden. Hier ist jedes GeschĂ€ft ein keiner Kampf zwischen VerkĂ€ufer und KĂ€ufer. So gibt es viele SchnĂ€ppchen und wieder gehen Erinnerungen aus dieser Gegend auf die Reise, von denen der, der sie mitbringt stolz erzĂ€hlt, wie er mit Chinesen gehandelt hat. Alte Frauen bedrĂ€ngen uns mit Postkarten und Kleinzeug, es gibt kleine Restaurants, wo man sehen kann, was in den Kochtopf kommt. Das schwimmt und krabbelt und tut mir ein wenig Leid. Auf dem Gehsteig wird der Fisch geschlachtet, die Reste zeugen davon. Nach zwei WohnhĂ€usern gönnen wir uns noch eine Kahnpartie auf dem Kanalsystem. Die Boote werden meist von Frauen per Muskelkraft gerudert, die KanĂ€le sind flach. In diese fleiĂt auch das SpĂŒllicht der Haushalte und an der einen Treppe wĂ€scht sich ein junger Mann in dem Wasser, in das ein paar Meter weiter gerade Ăl aus einem Boot abging. Ist eben so. Alle sind platt, keiner will essen, trotzdem ist schon ein Lokal geordert und es ist klimatisiert. Die sichtbaren KĂŒchenbedingungen wĂ€ren ein Schlachtfeld fĂŒr eine deutsche Hygieneinspektion, das was auf den Tisch kommt ist so gut das am Ende jeder zulangt. Zu erwĂ€hnen ist die SpezialitĂ€t des Ortes Schweinshaxe auf chinesisch – allerorts angeboten und auch heute auf dem Tisch. Nur eben – eine fĂŒr alle und nicht wie in Deutschland fĂŒr alle eine. Nach dem Essen bleibt noch individuelle Zeit zum Bummel, die meisten hĂ€lt es im klimatisierten Raum. Ich bummele fast die ganze Strecke zurĂŒck und dokumentiere was ich sehe mit der Kamera. Die filigrane Malerei im Inneren kleiner GefĂ€Ăe und Figuren, das Stempeln von SpruchbĂ€ndern, die Seidestickerei, das Fertigen von Perlenketten und dazwischen sĂŒĂe kleine Kinder und eine Gruppe von Omas, die wie aufgezogen zu singen beginnen und auf Holzscheite klopfen. Als ich eine alten Mann mit einem Zupfinstrument fotografiere, habe ich eine Gruppe von TrinkgeldjĂ€gern am Bein. Ein alter Herr in seiner Werkstatt fertigt einen Rahmen um einen Holzteller, er ist in seine Arbeit versunken, dass Leben und die Touristen sind ihm fremd. Ich bin seltsam angezogen und kann nicht anders – ich muss das Bild machen. Der Kleinbus holt uns unmittelbar vor dem Restaurant ab und von diesem Ausflug kann man sagen, dass haut selbst den stĂ€rksten Neger um. Wolfgang hat sogar vergessen, dass er unbedingt Rikscha fahren wollte.
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2001-07-23 Good Morning Shanghai. It is early and I have to get up ... . MĂŒhsam ist jeder Morgen. Ich habe nachzutragen. Der gestrige Tag ist mit einem kleinen Sightseeing - und Marktbummel ausgeklungen. Der riesige Flohmarkt, wo ich meine ROLEX kaufte war der Startpunkt. Da gab es „Raubkopien“ aus allen Sparten. Dazwischen auch ein paar Shopper aus Deutschland. Wir erwarben ein paar Andenken fĂŒr die Lieben zu Hause und das Feilschen macht schon fast etwas SpaĂ. Eine Brasserie mit noblen Preisen kam uns als Erfrischungsstation in die Quere und mit der Metro fuhren wir zum Hbf zurĂŒck. Ein junger Chinese war von Wolfgags KörperfĂŒlle so erstaunt, dass es er ihn spontan nach der Gesamtmasse fragte. Sofort bekam er von der Mutter die gelbe Karte und kurz vor dem Aussteigen entschuldigte er sich brav. Viola und Dagmar hatte mit der schrankenbedienung noch ein kleines Problem und der harte Kern ging noch in die „Rattenbar“ auf ein Bier (zu 8 fĂŒr 640 ml). Da man dort so gut ĂŒber „Gott und die Welt“ plaudern kann, sah uns das liebe Bett gegen 01.00.
Der neue Morgen sieht uns fit, wie es am Montag zu sein hat. Im Hotel beginnt eine Konferenz ĂŒber „Fröhlich Ă€lter werden“ und eine Crew von Hostessen und Stewards rollt ein. SpĂ€ter stehen sie mit SchĂ€rpen und einheitlichem Outfit am Eingang und nehmen die alten Herrschaften in Empfang. Der gestrige Abend lĂ€sst mich ĂŒber VorgĂ€nge reflektieren, die in jeden fĂŒr sich und in sowie mit der Gruppe passieren. Ein Artikel ĂŒber „Gewalt der Sprache, Sprachlosigkeit der Gewalt“, entnommen der Zeitung „Die Zeit“ vom 12.07.2001 brachte folgende Schlussaussage. „...In diesem Sinne sollten wir uns nicht so sehr als natĂŒrliche Wesen verstehen, sondern als normative, soziale, vernĂŒnftige, freie und selbstbewusste Kreaturen, die dazu fĂ€hig sind, die Welt in der sie leben, durch ihr Sprechen und Denken explizit zu machen...“ Unsere Reise erinnert fatal an „Big Brother“, denn wir sind als Gruppe relativ isoliert. Was passiert? Die Formierung von Gruppierungen und GrĂŒppchen geht schnell vor sich, da wir nach auĂen nicht souverĂ€n Agieren können. Das Team rĂŒckt zusammen, weil es muss, jeder profiliert sich so gut er kann. Ein zweiter Faktor ist die knappe Zeit, um individuellen AuĂenkontakt herzustellen. Ich hatte mir selbst viel mehr vorgenommen. So stark wie in China hatte sich diese Innenbezug noch nirgendwo entwickelt, in jedem anderem Kulturkreis kommt man ein wenig mit den Sprachfetzen weiter, die man kennt. Die Blicke der Ureinwohner voller Neugier zeigen deutlich, wie fremd wir sind. Eine kleine Psychotherapie geht hier auch ab. Gestern Abend schoss mir der merkwĂŒrdige Gedanke durch den Kopf; wir sollten eine eigene Eitelkeit entwickeln – einen Stolz, hier gewesen zu sein. Gleichzeitig ist jeder ein echter Missionar und sollte diese Mission vertreten, die ihm diese Welt und ihre Kultur mitgibt. Wir sind somit Botschafter, die mehr gesehen und erlebt haben, als Touristen. Gleichzeitig dachte ich, wie sinnvoll es wĂ€re, aus der Dankbarkeit heraus eine Sammlung, eine Spende oder einen Fond zu errichten, was ebenso wichtig ist wie die Nachbereitung der Reise mit einer Diskussion in der Gruppe. Nicht lapidares, wie es gefiel, sondern konstruktive Kritik und Selbstkritik, was den Gesamtkomplex betrifft. Sonst verliert sich alles in Fotoalben und Schlaglichtgeschichten. Zwei Hauptthemen wurden vor dem Mittag abgehandelt. Eine Vorstellung beim Doc und Qiu Gong als harte Gangart. Da kam man echt ins Schwitzen, doch die Konzentration hat den Erfolg, dass man danach superfit ist. Ein Lob dem Herrn Lehrer, der es toll versteht die ungelenken EuropĂ€er zu motivieren und zu fĂŒhren. Man ĂŒbertrifft sich selbst und auch das GefĂŒhl sich anfangs noch zum Affen zu machen, wenn vor der Truppe steht, lĂ€sst nach. Auch unsere kleine Dolmetscherin hat sich so zum Mitglied entwickelt, dass sie uns schon fehlt, wenn sie mal nicht dabei ist. Gern werden wir an ihr kurzes, spontanes Kichern denken, das sie so unverwechselbar macht. Das tĂ€gliche Mittagessen ist nun irgendwie fad oder nicht mehr neu oder lĂ€sst nach, seit Herr Liu weg ist. So ist das, wenn der dienstbare Geist uns verlassen hat.
Der Nachmittag bringt uns den Vortrag Teil II von Professor Lin und wenn möglich werde ich noch ein paar Zeilen schreiben. Gegen 23.00 bin ich back. Der Vortrag war informativ, leider war ich mĂŒde. Interessant, wie unterschiedlich die Reaktionen auf die AusfĂŒhrungen ĂŒber die Wirkung chinesischer HeilkrĂ€uter sind. Mancher will gleich alle kaufen, wittert ein SchnĂ€ppchen. Andere wĂ€hlen bewusst aus. Man könnte es auch eine Werbeveranstaltung nennen, nur geht es ja um Medizin... Im Anschluss wurden noch Termine mit der Administration abgestimmt, langsam sieht man, was der „Geist Liu“ soll an der Backe hatte. Als wir dann eiligst zum Transporter gerufen wurden, war die Taxidriverin sauer, weil sie den Werksverkehr zu fahren hat und Ărger mit den Kollegen befĂŒrchtete. Im Hotel angekommen schafften wir die ersten Filme zum Entwickeln, was sich nicht als guter Griff erwies. Doch die Neugier war gestillt und wir schlenderten noch durchs Erdgeschoss des Kaufhauses. Dan noch ein Chinabier um die Ecke und schon war’s sechs. Nach dem Abendbrot, welches langsam unter das Feuer der Kritik gerĂ€t, kam noch der Spontaneinfall zur FuĂmassage zu gehen. Somit kann ich noch ein paar SĂ€tze ĂŒber dieselbe verlieren. Welche Gedanken können einem da aufkommen? Man schlieĂt ein Dienstleistungsvertrag mit einem GegenĂŒber, der einen so gar nicht verstehen kann. Was dann kommt ist hocherotisch, gesundheitsfördernd und manchmal fĂŒr unsere Begriffe brutal. Die MĂ€dels sind durch die Bank hĂŒbsch anzusehen, nur die QualitĂ€t der Massage ist individuell so unterschiedlich, wie kein Chinese dem anderen Ă€hnelt. Diese stillschweigende EinverstĂ€ndnis; ich mache was mit dir, was gut tut, wenn es auch wehtut – so kann auch Erotik sein. Da tun sich Quellen auf. Mein Girl war die stĂ€rkste, auch die von Wolfgang war nicht von Pappe, nur MĂ€nner geben sich keine BlöĂe. Wir keuchten und stöhnten um die Wette. Welche Stelle da am FuĂ aufgehen, ein Erlebnis eigener GĂŒte. Am Ă€uĂeren FuĂballen fand meine Masseuse Stellen, die harte Knubbel hatten. Mit der Kraft der zarten HĂ€nde ausstreichen ist eine Kunst, die man so doch nur hier geboten bekommt. GeschĂ€ftstĂŒchtig, wie diese Crew ist boten sie Carmen und Wolfgang noch eine ManikĂŒre an, welche die beiden auch annahmen. Am Schluss gab’s noch ein Foto zur Erinnerung und das wir ne Menge SpaĂ hatten, brauche ich nicht nĂ€her zu beschreiben. Wolfgang lies sich noch den Kopf veredeln und wir rĂŒckten zum Foto abholen. Am Rande sie erwĂ€hnt, dass Dagmar schon ein paar Tage mit dem Magen Probleme hat und heute gesellte sich Manfred mit einem Infekt dazu, der schon eine Darminsuffizienz hatte. Sehr bemĂŒht sind unsere Doktors, die von der Stunde an, da Liu verschwand, den Rest regulieren mussten. So beschlieĂt der Chronist diesen Montag gegen 24.00, denn Morgen wird es bestimmt wieder warm.
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| Boris Re: ***** - es geht noch weiter - der Reisebericht war mein einzigstes BUch, welches ich im Rahmen eine Reiseantologie selbst finanziert veröffentlicht habe... LG und Dank JĂŒrgen Zitat: (Original von FLEURdelaCOEUR am 25.08.2011 - 09:54 Uhr) Deine EindrĂŒcke decken sich weitgehend mit meinen Erinnerungen. Selbst dahingehend, dass es zunehmende Spannungen innerhalb der Reisegruppe gab.... Sehr gern gelesen. LG fleur |
| FLEURdelaCOEUR ***** - Deine EindrĂŒcke decken sich weitgehend mit meinen Erinnerungen. Selbst dahingehend, dass es zunehmende Spannungen innerhalb der Reisegruppe gab.... Sehr gern gelesen. LG fleur |