Romane & Erzählungen
Osten reglüht IX

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"Osten reglüht IX"
Veröffentlicht am 21. August 2011, 8 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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einer der auf dem Weg ist ...
Osten reglüht IX

Osten reglüht IX

2001-07-18, Mittwoch. So eine kurze Nacht wirkt sich doch aus. Ich war müde, wie ein Pferd. Was passiert an einem solchen Tag? Der Blick am Morgen zeigt mir stets den Hauptbahnhof, wo es wuselt und hupt. Es ist früh hell und eine Unmenge kleiner Chinesen eilt zur Arbeit oder kommt gerade an. Das Straßennadelöhr lässt nur in paar Taxen durch und man hupt eben, wenn es sich staut. Vollkommen unklar erscheinen die Regeln, nach denen man hier fährt, es gibt wenige Schilder, in chinesisch und englisch. Man schiebt sich eher durch die Kreuzungsbereiche und die wirre Kombination von PKW und Fahrräder wirbelt scheinbar durcheinander. Dazwischen ungeregelt Fußgänger und wir sind sehr stolz, unfallfrei von der einen auf die andere Straßenseite zu kommen. Der Tag beginnt mit dem Frühstück, das durch die Kombination des europäischen mit dem chinesischen etwas seltsam ist. Es fehlt an frischem Obst, scheinbar gibt es nur Melonen – die aber dafür in rauen Mengen. Jede Menge Eier und einen Tee, der für China schlichtweg eine Blamage darstellt. Dazu ist das Personal am Morgen echt unlustig, der Service schleift, das SB –System will so gar nicht zum sonst so beflissenen Gebaren passen. Mir schmeckt es trotzdem, man muss mach mal Toleranzbereitschaft zeigen. In der Klinik ist Qui Gong angesagt, es wird allmählich etwas schwierig. Der Lehrer ist der ehemalige Chefarzt und alle wundern sich, als er sein Alter mit knapp siebzig verrät. Fließende Bewegungen und ein ruhiger Atem - Rhythmus, es ist neu für uns stressige Zeitgenossen. Wir üben, trinken wechselweise Tee oder warmes Wasser und üben wieder. Das Mittag sieht uns im Hotel, die Speisen sind fast immer andere, der Tofu äußerst lobenswert, weil frisch bereitet. Eine kurze Ruhepause nach dem Essen und Teil 2 bringt einen Vortrag über Ginseng. Neu ist, dass nicht für jeden Menschen Ginseng richtig ist und das zuviel sogar „krank“ macht. Manfred hat ein Ginseng-Präparat gekauft und oh Wunder es kommt aus Kanada. Macher denkt, hier gibt es Allround inclusive. Eben falsch.Ach ja Fußmassage gab es nach dem Abendbrot, zum Einführungspreis. Das ist eine Supersache. Ich rief Christo an, der wie so manchmal nur ein halbes Ohr hatte. Ist ja auch kein Wunder, ich wollte ihm eigentlich nur sagen, wie erfreut ich von dem Erlebnis war und ich sehe da eine echte Geschäftsidee. Selbst die Behandlung in einem großen Raum von 12 Kunden zugleich scheint zu gehen. Das Klatschen im Takt ist wie ein Trommelwirbel und es wurden Probleme entdeckt, da glaubte man nicht dran. Mutige 6 Leute gehen noch auf einen Gang in die Stadt. Mit der Metro, superschnell und sauber. Wir landen zwar nicht punktgenau, wie gewollt, aber das Stück Laufen macht uns nicht schlapp. Die Luft ist immer noch so feucht und warm, wie am Tag. Das Teehaus „Tun Run Tea Fun“ finden wir, hier waren wir schon mal. Vor der Tür brüht eine hübsche, junge Frau auf einer kunstvoll geschnitzten Wurzel den Tee zur Kundenwerbung. Uns gefiel diese Art, besonders der grazile Schwung mit dem sie die Becher mit den Schalen drehte, aus denen man dann den Tee andächtig genießt. Wir finden Platz in angenehmer Umgebung und kämpfen uns wählerisch durch eine Teewelt. In kleinen Kännchen zelebriert man den Sud und dann kreist stets eine Kellnerin durch den Raum, die heißes Wasser bis zum Abwinken nachschenkt. Apropos Abwinken – gegen 00.36 bin ich und der Bericht so geschafft. Wie wichtig so ein Report ist, sieht man ohnehin erst später.

 

 

2001-07-19 schon ist Donnerstag. Vor dem Frühstück gehe ich zum Zigaretten holen. Hier kann ich das Thema Klima einfügen. Aus der Lobby tritt man am Morgen vor das Hotel und die Wärme umfängt dich, wie eine kompakte Masse. Es ist unerträglich schwül, aber die Menschen gehen zur Arbeit. Die Blicke gelten mir, denn hier bin ich Ausländer und jeder sieht das. Man schiebt sich durch diese Watteluft und die Schritte werden von allein langsam. Ich schaue in Gesichter, die fremd erscheinen. An der Ecke sind kleine Läden, wo es Obst und Getränke gibt. Viele haben eine Wasserflasche in der Hand, manche führen Teegläser mit Deckel mit sich. Wie man unter solchen Bedingungen arbeiten kann ist mir schleierhaft. Was müssen diese Menschen zu unseren Wetterbedingungen sagen. Ich registriere schon die Feuchtigkeit in Potsdam und hier scheint sie auf 90% und mehr zu steigen. Gewitterschwüle nennen wir das in Deutschland.

Die Gruppenzusammensetzung ist ganz gut getroffen, aber auch hier trifft Wessi und Ossi zusammen. Wir kommen aus anderen Welten und treffen uns in einer anderen Welt. Dazu noch der Reiseleiter Dr. Liu, der alles organisieren soll. Alle Wünsche und Vorschläge prasseln auf ihn ein und Pläne sind Makulatur mit ständigen Veränderungen. Ein Optimum an Erlebnissen gepaart mit laufender Behandlung ist schon wie das „Ei des Columbus“ oder die „Quadratur des Kreises“. Mancher weiß es besser und mancher ist misstrauisch, ob denn alles noch klappt. Ich fühle mich hier nicht fremd, ich sehe den Stolz der Menschen und erkenne die Riesenkraft einer Nation im Um- und Aufbruch. Eben tröpfelt es aus der Klimaanlage, ein kleiner Defekt. Schwierig scheint das Anbahnen von Beziehungen und der Aufbau von Netzwerken. Beim Kontakt zum Management der Fußmassage muss außer der Boss noch ein Bigboss kontaktiert werden. Die Herarchie in vielen Schichten scheint über 1000 Jahre gewachsen zu sein. Ohne Mittler geht hier nichts, ohne Landessprache wenig. Das ist eine Herausforderung für mich, an der es zu arbeiten gilt.

Der Rest des Tages folgt am folgende.

Es ist 01.00 und wir kommen gerade vom Bummel. Der Nachmittag war gefüllt mit Akupunktur. Danach Abendbrot und 18.15 ab zum Schiff. Die Rundfahrt zeigte das reizvolle Panorama der Stadt. Alles staunt und es ist eigentlich wie eine Dampferfahrt überall. Fotos knipsen, Lachen der Fahrgäste und die Leute die „...still in ein Gespräch vertieft“ sind. Ein Ereignis sollte Erwähnung finden. Dr. Liu hat eine  junge Frau, eher ein Mädchen mitgebracht, das aus Shanghai kommt, in der USA studiert und deutsch lernt. Sie kommt ganz einfach mit. Schön und selten – sogar ein wenig hilfreich, denn wie oft fällt die Frage: „ ... Was hat er jetzt gesagt????...“. Eine Bekannte von Herrn Liu ist die Deutschlehrerin von LISA und die hat 10 Jahre an der TU Berlin studiert. Auf dem Schiff frage ich sie, wer diese herrliche Skyline + Brücke geplant und gebaut hat. Die Antwort kam auf einen verblüffenden Punkt: „... Alles was hier so schön und neu ist kommt nicht aus China, es kommt aus dem Ausland. Investoren, Planer und Baufirmen kamen aus Japan, USA und Deutschland...“ Im weiteren Gespräch erwähnt sie ganz nebenbei, das man hier ein Problem mit den Kommunisten hat. Solch eine absolute Aussage erstaunt mich und ich frage nach, ob sie sich mit ihren Eltern über Politik unterhält. Nach der Schiffsfahrt bummeln wir noch in kleiner Truppe auf der „ Straße der Freiheit“ und erwichen noch das Erlebnis Metro zum Hbf. In einer kleinen Kneipe um die Hotelecke beschließen wir den Tag gegen 01.00.

 

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Boris
einer der auf dem Weg ist ...

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FLEURdelaCOEUR Re: Re: Das Teehaus haben wir auch besucht, -
Zitat: (Original von Boris am 22.08.2011 - 16:30 Uhr) soll ich denn weitere Fortsetzungen einstellen

LG und Dank

Jürgen

Zitat: (Original von FLEURdelaCOEUR am 21.08.2011 - 15:56 Uhr) wenn ich lese, wie du das Klima beschreibst, bin ich froh, dass unsere Reisezeit im Frühling lag, auch da war es in Shanghai schon warm.

Wieder gern gelesen.
LG fleur



Ich würde mich über weitere Fortsetzungen freuen, hoffe aber, es finden sich noch mehr Leser ....

LG fleur
Vor langer Zeit - Antworten
Boris Re: Das Teehaus haben wir auch besucht, - soll ich denn weitere Fortsetzungen einstellen

LG und Dank

Jürgen

Zitat: (Original von FLEURdelaCOEUR am 21.08.2011 - 15:56 Uhr) wenn ich lese, wie du das Klima beschreibst, bin ich froh, dass unsere Reisezeit im Frühling lag, auch da war es in Shanghai schon warm.

Wieder gern gelesen.
LG fleur

Vor langer Zeit - Antworten
FLEURdelaCOEUR Das Teehaus haben wir auch besucht, - wenn ich lese, wie du das Klima beschreibst, bin ich froh, dass unsere Reisezeit im Frühling lag, auch da war es in Shanghai schon warm.

Wieder gern gelesen.
LG fleur
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