Romane & Erzählungen
Osten erglüht III

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"Osten erglüht III"
Veröffentlicht am 02. August 2011, 6 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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einer der auf dem Weg ist ...
Osten erglüht III

Osten erglüht III

Filme und  Bücher

Wieder war es die Hochschule, die uns China nahe brachte. Wir durften als Kids in den großen Hörsaal im Alten Technikum. Da, wo die klugen Studenten still saßen und den weißen Professoren lauschten. Das soll damals so gewesen sein. Jedenfalls hat man das uns so erzählt. Wir durften in den Bänken sitzen und es gab einen Dokumentarfilm über die Volksrepublik. In schwarz – weiß flimmerte eine völlig unbekannte Welt vorbei. Staudamm bauen am Jang Tseg Jang, dem Gelben Fluss. Es mutete seltsam an, wenn wir die kleinen Leute mit den Tragekörben sahen, die Berge versetzten. Alle waren gleich einfach gekleidet und wer wollte da den einen von dem anderen Chinesen unterscheiden? Riesige Bagger bewegten sich wie urzeitliche Ungetüme dazwischen und es schien, als ob alle Chinesen immer wieder dieses Lied sagen: „ Osten erglüht, China ist jung...“ Wir sahen unendliche Reisfelder und Menschen, die bis zu den Knien im Wasser arbeiteten. Außer diesen Sequenzen, die deutlich in der Erinnerung blieben, waren da mit Sicherheit noch Aufmärsche und Parteiversammlungen zu sehen – ein einig Volk von fleißigen Menschen, ohne Murren und Knurren. Der Film hatte einen ersten, prägenden Eindruck hinterlassen und die Neugier geweckt. Im Jahr 2000 sollte mir diese Erinnerung noch einmal begegnen. Meine Baustelle lag in Berlin – Johannistal, dort befanden sich bis zur Wende die DEFA Kopierwerke. Auf dem Baufeld, so erzählten die älteren Anwohner, wurde vor dem Krieg oder kurz danach „Das Bad auf der Tenne“ gedreht. Später war ein Bauhof daraus geworden und als wir die Fläche übernahmen, war sie komplett von Bewuchs und Gebäuden beräumt. Nur was ist in der Tiefe? Beim Aushub der Fundamentlöcher, es war Frühjahr geworden, tauchten an der Baggerschaufel Filmstreifen auf. Wir hatten einen Keller geöffnet und Unmengen von alten, verdorbenen Filmen kamen zum Vorschein. Filmseiten, wie große Röntgenbilder lagen neben den Zeugen der Vergangenheit. Sie schienen zum Vorspann des Filmes zu gehören und gaben Reste des Inhaltes Preis. „Befreites China“ – Dokumentarfilmstudio Moskau, da lagen die Zeitzeugen auf einem Haufen, vermischt mit Grundwasser und dem Schlamm der Baugrube und hauchten ihr Leben aus. Ich musste die Umweltbehörde alarmieren, die ließ die Arbeiten an dieser Stelle stoppen und der Fund musste analysiert und entsorgt werden. So hatte die filmische Befreiung einen fatalen Baustopp bewirkt und alle staunten über dieses Ereignis. Unweit an der Straßenecke Stubenrauchstraße/ Eisenhutweg fanden wir nicht nur einen Einmann – Betonbunker aus dem II. WK, sondern auch Helm- und Granatenreste. Da kamen also ganz nah nebeneinander Dinge aus der Erde, die uns sicher sehr viel zu erzählen gehabt hätten, nur der Lärm und die Eile der neuen Zeit verstreuten diese Zeugen an neuen Plätzen. Keine Zeitung berichtet davon, dass die filmische Befreiung mehr als fünfzig Jahre später sich noch einmal zu Wort gemeldet hatte und das Krieg und Befreiung friedlich nebeneinander geschlummert haben.                                                                       Doch zurück in die Kindheit. Neugier war geweckt. Neugier konnten wir mit Lesen bedienen. Eltern fragen oder gar die Großeltern – Fehlanzeige. Nicht das sie nicht unsere Fragen hörten, doch das Thema war doch zu schwierig. China erschöpfte sich in der Vorstellung von vielen kleinen gelben Menschen und deren sprachlichen Problem mit dem „l“. So sang man wacker: „...Drei Chinesen mit dem Kontrabass, saßen auf der Straßen und erzählten ich was, kimmt die  Polizei, sagt, was ist denn das? Drei Chinesen mit dem Kontrabass...“. Ende der Erkenntnis. Mehr war da eben nicht. Also stöberten wir in der Kinder- und Jugendbibo und im elterlichen Bücherschrank. Jugendgerecht gab es Marco Polo und seine Berichte glichen Märchen aus einer unwirklichen Welt. Aus der Tiefe meiner Erinnerung taucht ein Schmöcker auf, so nannten wir die Heftchen, die den Dreigroschenromanen auf sozialistische Art Konkurrenz machten. Ich sehe noch den Einband vor mir, ein feindlicher Flieger der Tschan Kai Tschek – Armee. In der Phase des kalten Krieges tat man alles, um uns klar ein Feindbild zu vermitteln. So entstand in den wüsten Alpträumen das Bild einer Pirateninsel Taiwan, auf der eine hochgerüstete Truppe von blutrünstigen Konterrevolutionären lagert, die den Weltfrieden permanent bedroht. Kein Platz für einen Erklärung von Zusammenhängen und woher sollten wir auch eine kritische Wertung beziehen, die Welt war regulär geteilt in Freund und Feind. Umso seltsamer, dass eine Amerikanerin, die Schriftstellerin Agnes Smedley, die erste war, die uns ein lebendigeres Bild nahe brachte. In ihrem Roman „China blutet – China kämpft“ begegnete uns eine lebendige Welt, in der auch Widersprüche Platz hatten. Zwei Bücher waren in einem Band von 672 Seiten vereinigt und kosteten 1958 glatte 15,00 Mark. Heute kein Preis für einen solchen Roman, damals viel Geld. Der Onkel hatte es der Mutter zu Weihnachten 1958 geschenkt – so etwas schenkte man eben und der Parteiverlag – Dietz Verlag Berlin besorgte die 3.verbesserte Auflage von sage und schreibe 50 Tausend Stück. Liese ich heute die Originaltitel: „CHINA FIGHTS BACK – CHINA’S RED ARMY MARCHES“, so fällt mir sofort auf, wie geschickt man die Übersetzung „angepasst“ hat. Als Leser lebte ich in den Zeilen, litt unter den Folterungen, verdammte die japanischen  Invasoren und ritt im Riesenheer hinter dem Vordermann, der auf dem Rücken die Tafel zum Lernen trug. Es war so leicht gerecht zu sein, wenn man sich nur für die rechte Seite entschied. Sehr breit war das Interesse zu dieser Zeit noch nicht, der Bruderbund zur Sowjetunion hatte uns mit Beschlag belegt und in unseren Spielen waren wir lieber Kosaken unter Kotschu Bay.

 

 

 

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Boris
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baesta Ich weiß dennoch nicht so recht, - was ich von China halten soll. Ich glaube, die einfachen Leute dort sind ein eher friedliches Volk, aber die Machthaber, von denen weiß ich nicht so recht, was ich von denen halten soll. Es ist halt, wie überall, wo totaltäre Strikturen den Lauf der Dinge bestimmen.
Aber ich glaube auch, der Gelbe Fluß heißt Jangtsekiang.

LG Bärbel
Vor langer Zeit - Antworten
Boris Re: ***** T ? - Ich finde es schön, wenn sich meine Erinnerungen multiplizieren lassen.
Werde mal schauen, ob noch mehr kopierbar ist, weil ein großer Teil dann der gescannte Breifverkehr mit einer chin. Freundin sin

LG Jürgen
Zitat: (Original von FLEURdelaCOEUR am 02.08.2011 - 22:01 Uhr) Das soll das Emblem der chinesischen Flagge darstellen ... (5 Sterne, Hammer und Sichel)

Du schreibst wirklich sehr interessant, es ruft viele Erinnerungen in mir hervor. Zu meinem Chinabild haben die Bücher von Ruth Werner (Ursula Kuczinsky) beigetragen, "Ein ungewöhnliches Mädchen" und später "Sonjas Rapport". Danach auch Agnes Smedley. Außerdem auch Klara Blums "Der Hirte und die Weberin", das diesen wunderschönen Mythos vom himmlischen Liebespaar zum Titel hat, worüber ich als Wega einige Gedichte geschrieben habe.

Und dann die Chinesenwitze...

"- Genosse Breshnjew, auf dem Roten Platz sitzen 100 000 Bürger und essen.
- Ja, warum denn nicht? Sollen sie ihren Hunger stillen......
- Aber, sie essen mit Stäbchen....."

Und wenn in Moskau Parteitag war, streuten die chinesischen Genossen Reiszwecken auf die Stühle....

Genug der Erinnerungen, es hat mir sehr gefallen.

LG fleur

Vor langer Zeit - Antworten
FLEURdelaCOEUR ***** T ? - Das soll das Emblem der chinesischen Flagge darstellen ... (5 Sterne, Hammer und Sichel)

Du schreibst wirklich sehr interessant, es ruft viele Erinnerungen in mir hervor. Zu meinem Chinabild haben die Bücher von Ruth Werner (Ursula Kuczinsky) beigetragen, "Ein ungewöhnliches Mädchen" und später "Sonjas Rapport". Danach auch Agnes Smedley. Außerdem auch Klara Blums "Der Hirte und die Weberin", das diesen wunderschönen Mythos vom himmlischen Liebespaar zum Titel hat, worüber ich als Wega einige Gedichte geschrieben habe.

Und dann die Chinesenwitze...

"- Genosse Breshnjew, auf dem Roten Platz sitzen 100 000 Bürger und essen.
- Ja, warum denn nicht? Sollen sie ihren Hunger stillen......
- Aber, sie essen mit Stäbchen....."

Und wenn in Moskau Parteitag war, streuten die chinesischen Genossen Reiszwecken auf die Stühle....

Genug der Erinnerungen, es hat mir sehr gefallen.

LG fleur
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