Erinnerung an GertraudW
Wer erinnert sich noch an GertraudW? Das unerschütterliche und bis zuletzt immer lustige "Münchner Madl"?
Seit sechs Jahren ist sie schon nicht mehr bei uns und ich denke sehr oft an sie.
Wir hatten persönlichen Kontakt, haben öfters mal telefoniert und uns nie aus den Augen verloren.
Als sie nicht mehr schreiben konnte, hat sie mir ganz offiziell alle ihre Geschichten, Texte und Gedichte „vererbt“ und hat mir erlaubt, sie zu verwenden.
Ganz viele Geschichten habe ich im Seniorenheim vorgelesen und damit immer
den Nerv derBewohner getroffen.
Heute möchte ich ihr ein Buch widmen und zehn ihrer Drabbles veröffentlichen.
Wer Gertraud noch kennt, kann sich sicher erinnern, aber auch den neuen Mitgliedern wird das Buch bestimmt gefallen.
Ein ♥ für Gertraud.
© Memory (Juli 2026)
Alle Texte sind original von GertrauW
Rauschen im Wald
Nach einem Ausflug gönnten wir uns am Kochelsee, noch Kaffee und Apfelkuchen mit Sahne und traten dann den Heimweg an.
Doch bereits auf halber Strecke machte sich bei mir der Apfelkuchen bemerkbar!
»Helmut, kannst Du bitte einen Parkplatz, oder einen Wald ansteuern? «.
Und das dauerte und dauerte, bis wir halten konnten. Endlich, ein kleines Wäldchen mit wenigen Bäumen und viel Gebüsch. Egal, es pressierte.
Mit zusammengebissenen Zähnen rannte ich durchs Gehölz. An einer Böschung, Hose runter und hingehockt.
Der verkrampfte Gesichtsausdruckt löste
sich.
Plötzlich ein gellender Pfiff, ein mächtiges Rauschen, ein gewaltiger Luftzug …
und direkt hinter mir donnerte die S-Bahn vorbei.
Kommst du?
Jetzt komm schon, geh halt mal raus ... Ich kann dir doch nicht helfen.
Das musst du schon selber machen ... Gib dir doch endlich einmal einen Ruck.
Schau, ich habe eine Menge Geld für dich bezahlt. Du durftest mit dem Zug fahren, dann habe ich dich heim getragen, habe dir gezeigt, wo dein Platz sein wird – direkt gegenüber von dem großen Fenster.
Gefällt dir dieser Platz vielleicht nicht?
Muss ich dir wirklich ein anders Plätzchen suchen? Aber wo?
Himmel, jetzt sitze ich schon eine Stunde hier und nix passiert.
Geh halt endlich raus aus der Uhr – du blöder Kuckuck
Badetag
»Ja du bist aber hübsch, so etwas habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Diese Augen und diese drollige Knubbelnase, einfach putzig. Aber wo warst du denn die ganze Zeit? Du bist ja ganz schmutzig. Komm, lasse dich zuerst einmal von mir waschen. «
Hugo ließ Wasser ein und prüfte sorgfältig, ob`s angenehm sei.
»So, jetzt komm meine Schöne. «
Ganz vorsichtig, direkt zärtlich, wusch er sie. Dann hob er sie aus dem Wasser, trocknete sie ab, fertig. Er setzte sich und prüfte sein Werk...
Auf einmal schrie seine Frau:
»Hugo, kannst du denn nicht wie jeder normale Mensch eine Kartoffel waschen? «
Einmal und nie wieder
Mein Kleid war dafür eindeutig zu eng! Ich bückte mich und versuchte irgendwie da hinein zu kommen.
Ein Schubs und ich plumpste auf eine lange Bank. Meine Knie befanden sich jetzt in Kinn höhe – bequem ist was anderes ...
Und gestunken hat`s, eine Mischung aus Parfum und Raumspray, ich bekam fast keine Luft. Wie lang wird`s dauern, bis wir hier erstickt sind? Aber wenigstens gab`s vorher was zu trinken,
»Prost alle miteinanda! «
Endlich hielten wir an, die hintere Tür ging auf und ein freundlicher Mensch in blauer Uniform reicht mir die Hand.
»Wartens gnä Frau, ich helfe ihnen heraus ...
aus der Stretch-Limousine«.
Hand in Hand
Der Himmel ist strahlendblau, die Sonne lacht und nichts kann diese Idylle trüben.
Eine Frau mittleren Alters, elegant gekleidet, geht Hand in Hand mit einem jungen Mann. Groß und kräftig ist er und er strahlt Ruhe aus. Immer wieder sieht sie zu ihm hoch, kann sich nicht satt sehen an seinem freundlichen Gesicht. Er lächelt.
Aber irgendetwas gefällt ihr nicht – gefällt ihr ganz und gar nicht. Doch sie schiebt ihre düsteren Gedanken beiseite und genießt einfach das schöne Wetter. Die paar Schritte tun ihr gut ...
Dann nimmt er ihr die Handschellen ab und
schiebt sie durch die Gefängnistür.
Morgens um sechs …
Jeden Morgen das Gleiche: Mein Mann kam nicht aus den Federn, erst recht, wenn wir tags zuvor in einer Kneipe waren.
»Helmut, aufsteh`n, wir müssen zur Arbeit! «. Keine Reaktion. Ich „pendelte“ zwischen Küche, Bad und Schlafzimmer hin und her.
»Heeelmuuut – aufstehen! «
Nix! Seine Beine hingen zwar aus dem Bett, aber der Rest …
Ich ging zum „Nahkampf“ über, packte ihn bei den Schultern und schüttelte ihn.
Er schnarchte! Oder röchelte er? Ich bekam`s mit der Angst.
»Helmut, was ist denn, was hast du denn? «, schrie ich.
Ruckartig setzte er sich auf und murmelte mit geschlossenen Augen
»Drei Bier und zwei Apfelkorn!«.
Mein Freund
Eine Freundin von mir hatte zwar geträumt, dass ich ihr am Bahnhof mit ihm entgegen gekommen wäre, aber soweit war`s noch nicht. Ich kannte ihn ja noch gar nicht.
Aber vorige Woche war`s dann endlich soweit. Als ich nach Hause kam, stand er bei uns in der Küche. Mein Mann hatte sich anscheinend schon mit ihm bekannt gemacht. Der Typ war
braungebrannt, hatte eine etwas gedrungene Figur und groß war er jetzt auch nicht gerade.
Mein Mann deutete eine Verbeugung an;
»Darf ich vorstellen, dein Freund „Lufti“«
Was ist denn DAS für ein Name?
»Gerade richtig für dein Sauerstoffgerät«
Grau in Grau
Sie steigt aus dem Bus, bleibt ganz kurz stehen, geht dann aber mit gesenktem Kopf und schweren Schrittes weiter. Einige Male schaut sie zum Himmel, grau in grau ist er – der hat sich wirklich ihrer heutigen Stimmung angepasst.
Sie überquert die Straße, geht weiter in den kleinen Park und setzt sich auf eine Bank. Tränen laufen ihr übers Gesicht. Mit einer energischen Handbewegung wischt sie sie weg, steht ruckartig auf und geht hinüber zu dem grauen Backsteinhaus.
Dort schaut sie hoch zu den Fenstern, lehnt sich kurz an die Wand und murmelt:
»Es bringt mich noch um – dieses verdammte Hühnerauge«.
Ein Tänzchen in Ehren
Zwei Spezl treffen sich:
»Hast jetzt schon eine Freundin? «
»Nein, ich bin doch so schüchtern. «
»Weißt was, morgen beim Feuerwehr ball, forderst Du ein Mädchen zum Tanzen auf. «
»Ich weiß ja nicht was ich reden soll. «
»Dann singst ihr halt ein Lied ins Ohr«, meinte er lachend.
Während des Balls treffen sie sich an der Bar.
»Ja du lieber Himmel, wieso hast du denn eine dicke Backe? «
»Du und deine saublöden Ratschläge! Ich hab eine zum Tanzen aufgefordert, hab ihr ein Lied vorgesungen und dann hat`s mir eine Watschn gegeben. «
»Was hast denn für ein Lied gesungen? «
»Hüaho, alter Schimmel, hüaho. « (Volkslied aus USA)
Mit Gefühl
Der Regen klopft an die Scheiben. Die Fensterläden klappern. Sie sitzt am Bett, die Haare hängen ihr in die Stirn.
Ja jetzt geh weiter, Himmel nochmal, komm halt endlich! Muss ich schon wieder bitten und betteln?
Nein, so geht`s nicht ... Langsamer, mit viel Gefühl ... Nein, das wird nix.
Gut, dann halt nochmal ganz von vorn. Auf ein Neues.
Nein, mit links wird das gar nichts, ich bin ja Rechtshänder.
Noch einmal anfeuchten.
Nicht so viel, Herrschaftszeiten.
Nein, so wird das in hunder Jahren nix.
Aber jetzt – jetzt – ja …
Hurra, endlich geschafft.
Endlich ist er drin, der Faden im Nadelöhr.