Thema der SP 118:
"Wenn ich das gewusst hätte"
Vorgaben:
filigran, piesacken, Kokolores,
Fisimatenten, blümerant, allenthalben
Die Personen der Kurzgeschichte sind fiktiv, aber Ähnlichkeiten mit realen Ereignissen nicht zufällig.
Folgenschwer
"Herr Doktor, Herr Doktor, gut, dass sie jetzt da sind, die Polizei möchte sie sprechen", mir wird schon wieder ganz blümerant. Es geht um den gestern Nachmittag entlassenen Patienten, sie wissen schon, Lechmann. Meine Güte, wer ahnt denn auch so etwas? Wenn man das gewusst hätte ...", eilt Schwester Hildegart Herrn Weppertin, dem Oberarzt der Psychiatrie der Göttinger Uniklinik, geschäftig entgegen. "Das Krankenblatt mit dem Entlassungsbericht liegt bereits auf ihrem Schreibtisch", fügt sie hinzu, sichtlich bemüht, dass ihre filigranen Gesichtszüge ihr nicht entgleisen.
Etwas kurz angebunden meint Doktor Weppertin zur aufgeregten Angestellten: "Verstehe, ich kümmere mich darum."
Im Radio war es vor wenigen Minuten das Thema in den Nachrichten gewesen, welche Schwester Hildegart fassungslos zur Kenntnis nehmen musste. Ein 57jähriger Amokfahrer raste mit einem Pkw in die, zu dieser Zeit gutbesuchte Einkaufspassage der Innenstadt. Die Irrfahrt kostete zwei Menschen das Leben, Weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Erst am Marktplatz kam das Auto schließlich zum Stehen. Der
Fahrer konnte überwältigt und somit festgenommen werden.
Es handelte sich um W. Lechmann, der nach eigenen Angaben vor einigen Stunden aus der Psychiatrie entlassen worden war. Laut ärztlichem Befund hätte kein Verdacht auf Eigen- oder Fremdgefährung bestanden. Der Bürgermeister sowie der Leiter der Polizeibehörde zeigten sich solidarisch mit den Verletzten und Angehörigen der Opfer. Es herrschte ansonsten betroffenes Schweigen allenthalben.
In der Klinik hatte sich inzwischen auch unter den Patienten die schreckliche Tat
wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Jens Kumpf, der ehemalige Zimmergenosse von Wilhelm Lechmann gab seinen Mitpatienten lautstark zu verstehen, dass Lechmann ihn ständig auf unangenehme Art gepiesackt und überhaupt nur Kokolores geredet habe. "Jetzt keine Fisimatenten Herr Kumpf", forderte Schwester Doris den Patienten auf: "Sagen sie schon, ob Lechmann die Tat angekündigt oder irgendwie davon gesprochen hat!" Kumpf schüttelte vehement den Kopf: "Ich weiß nichts. Er hat nur irgendwelchen Schwachsinn von der Arbeitsstelle und seinem Chef gefaselt. Das Geschwätz konnte doch keiner für voll nehmen. Mann, wenn ich
das gewusst hätte..." Schwester Doris ermahnte Herrn Kumpf eindringlich, dass er hätte damit zu dem behandelnden Arzt gehen müssen und nicht erst jetzt mit der Sprache herausrücken sollen.
Letztlich stand nicht nur in der Klinik die Frage im Raum, ob diese furchtbare und sinnlose Tat hätte verhindert werden können.
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