Der Letzte Wunsch
Schreibparty 117 zum Thema:
"Wenn Wünsche Nebenwirkungen haben"
Vorgaben: Edelstein, Geisterhand, absurd, Flasche, Scheinwerfer, Phantasie
Eine Geschichte von erwünschten und unerwünschten Nebenwirkungen.
Der letzte Wunsch
Heute regnet es schon den ganzen Tag, ein richtiges Aprilwetter. Schneefall ist in dieser Zeit ebenso wahrscheinlich wie Sonnen-schein. Welchen Monat haben wir eigentlich?
Sie haben mir das Bett direkt vor das Fenster geschoben, so dass ich den Himmel sehen kann. Langsam wird es Nacht, aber der Raum, durch den Vollmond wie von Scheinwerfer-licht ausgeleuchtet, ist beinahe taghell.
Meine Augen tasten jeden Winkel ab,
suchen nach Greifbarem. Dann endlich, als ich mühsam den Kopf wende, bleiben sie an deinem Bild auf dem Nachtschrank hängen. Ein Foto und die Rückblicke auf unser
gemeinsames, erfülltes Leben sind mir
von dir geblieben.
Wir wollten doch zusammen alt werden.
Dieser Wunsch wurde dir nicht erfüllt.
Hochbetagt und gebrechlich liege ich
schon seit längerem ans Krankenbett gefesselt und schwelge in Erinnerungen.
Besuch bekomme ich kaum mehr. Die
Pfleger geben sich große Mühe mich aufzuheitern, doch mir fehlt deine Gesellschaft. Nach und nach sind alle Bekannten gegangen. Auch mein bester Freund Erwin ist im letzten Sommer kurz
nach seiner Frau verstorben. Sie war ihm,
was du mir warst, mein Edelstein, mein Lebenslicht.
Ich bin müde, finde aber keinen Schlaf,
Meine Gedanken kreisen und gehen gemeinsam mit der Phantasie auf Reisen.
Ich verlasse, wie von Geisterhand
getragen, das Zimmer und finde mich
mit dir, Liebling, auf der Wiese hinter
unserem Haus wieder. Wir pflücken
Blumen, scherzen, lachen und laufen
Hand in Hand dem Horizont entgegen.
Es ist absurd, ich sehe dich in einem Mohnblumenkleid, welches du nie
besessen hast und habe sogleich den
Duft von Mohn in der Nase. Diese ist so
ziemlich das Einzige, was mir im Alter noch
zu gehorchen scheint. Ach, wie gern würde
ich dir in diesem Moment nachfolgen. Aber bald, Schatz, sehr bald werden wir uns in
den Armen halten. Altwerden ist eben nichts für Feiglinge, jedoch nicht alt zu werden,
ist auch nie das erklärte Ziel gewesen.
Ich muss doch für ein paar Stunden weggedämmert sein, als mich der Pfleger
in der Frühe mit den Worte begrüßt: "Guten Morgen Alfred, haben sie gut geschlafen?", versuche ich ein Lächeln und nicke ihm zu. "Es ist alles genauso vorbereitet, wie sie es sich für heute gewünscht haben", meint er, deutet auf das kleine Fläschchen in seiner Hand, stellt es auf den Nachtschrank und
schließt leise hinter sich die Tür. Mühsam greife ich die Flasche, leere sie in einem Zug und falle kurze Zeit später in den ersehnten tiefen Schlaf.