Bild und Text ist Eigentum
von Pamola Grey
© 2026 Pamola Grey
Auf der falschen Seite – Das Buch der Missverständnisse
Ich habe gerade Spaghetti eingekauft, denn heute Abend will ich Bolognese kochen. Mein Rucksack ist halb gepackt, die letzten Tomaten und die Packung
Hackfleisch liegen darin, als mein Handy klingelt. Ich greife danach und halte es ans Ohr.
„Ich steh vor dem Laden. Ich hol dich ab“, sagt ihre Stimme am anderen Ende.
„Alles klar“, murmele ich, während ich die Tomaten noch schnell in den Rucksack schiebe. Ich wuchte ihn endgültig auf den Rücken und stehe einen Moment da, lausche auf das Rauschen der Straße draußen. Automatisch öffnet sich die Tür, und ich trete hinaus auf den Bürgersteig.
Draußen ist es kälter, als ich gedacht
hatte. Die Sonne ist schon hinter den Häusern verschwunden. Die Straße wirkt still, nur ab und zu fährt ein Auto vorbei. Ich sehe mich um, aber von ihr ist nichts zu sehen.
Sie kommt doch sonst nie zu spät… Hat sie mich etwa vergessen?
Fünf Minuten vergehen. Dann zehn. Langsam werde ich unruhig.
Plötzlich vibriert mein Handy erneut.
„Ja, wo bleibst du denn?!“, ruft sie laut und deutlich genervt.
Ich atme tief durch, halte das Handy ans
Ohr und sage ruhig: „Ich stehe vor dem Laden. Du hast doch gesagt, du bist hier.“
„Ich steh direkt gegenüber im Auto!“, schießt sie zurück. Ich blinzele. „Wie bitte? Ich sehe dich nicht.“
„Ich warte hier schon ewig!“, sagt sie.
Wir reden aneinander vorbei. Ich denke, sie sei sauer, weil ich nicht sofort gesehen habe, dass sie da ist. Sie denkt, ich hätte sie absichtlich warten lassen.
Ich gehe langsam die Straße rauf und runter, sehe auf beiden Seiten nach. Da
steht das Auto – ja, sie sitzt drin. Ich muss lachen, obwohl mir noch leicht unwohl ist.
„Ich… ich glaube, wir stehen einfach auf zwei verschiedenen Seiten“, sage ich vorsichtig ins Handy.
Kurze Pause. Dann kommt ein leises Lachen von ihr.
„Ernsthaft? Wir haben uns echt wegen der Straße gestritten?“
Ich grinse.
„Offenbar.“
Schon früher ist mir aufgefallen, dass
Missverständnisse mir folgen wie kleine Schatten. Letzte Woche etwa: Ich wollte ihr eine Nachricht schicken, aber ich habe das Wort „heute“ vergessen. Sie verstand, ich würde erst morgen kommen, und ich bekam die Nachricht:
„Warum sagst du nie, wann du wirklich kommst?“
Ich stand in meiner Küche, die Hackfleisch-Packung in der Hand, und dachte nur:
Wir reden doch von derselben Sache…
Oder als wir neulich einkaufen waren: Ich wollte nur kurz das Obst greifen, sie wollte mir folgen, ich drehte mich
einmal um – schon war sie verschwunden. Ich rief: „Wo bist du?“ – und sie rief zurück: „Ich stehe genau da, wo du mich zuletzt gesehen hast!“
Wir redeten aneinander vorbei – und ich sah sie die ganze Zeit nur fünf Meter entfernt stehen. Verrückt.
Jetzt, wieder auf der Straße, wird mir klar, dass es immer dieselbe Geschichte ist: wir verstehen uns, aber irgendwie auch nicht. Und trotzdem hat jede kleine Episode etwas Komisches, auch wenn man es im Moment nicht merkt.
Wir steigen beide in unsere Autos – sie ans Steuer, ich daneben. Auf einmal
wirkt alles kleinlich und lächerlich. Wie oft passiert das eigentlich im Alltag? Wir lachen kurz, weil wir beide wissen: Es hätte leicht zu einem Streit werden können.
Und trotzdem merke ich, dass wir gerade etwas Wichtiges gelernt haben: Missverständnisse passieren immer, manchmal witzig, manchmal stressig. Sie zeigen, wie nah man sich wirklich ist – und dass es manchmal nur einen kleinen Perspektivwechsel braucht, um sich wieder richtig zu verstehen.
Vielleicht sollte ich in Zukunft einfach klarer reden, mich besser artikulieren –
und auch öfter den Moment in mir aufnehmen, anstatt ihn vorbeirauschen zu lassen.
Vielleicht sollte das mein Buch der Missverständnisse werden....