Kurzgeschichte
Ein ungewöhnlicher Tag

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"Ein ungewöhnlicher Tag"
Veröffentlicht am 23. März 2026, 22 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Kurzgeschichten nicht nur für Kinder und Erinnerungssplitter aus meinen Leben findet ihr auf meinen Profil.
Ein ungewöhnlicher Tag

Ein ungewöhnlicher Tag

Um 7:42 Uhr begann mein völlig gewöhnlicher Tag, vollkommen ungewöhnlich zu werden. Er begann nicht mit einem Paukenschlag, sondern mit meiner Kaffeemaschine, die beschlossen hatte, nicht mehr zu funktionieren, was in der Welt eines absoluten Morgenmuffels bereits einer Katastrophe gleichkommt. Ich seufzte, griff nach meinem Handy, um die Zeit zu checken, und starrte auf das Display. Die Sekunden zählten nicht rückwärts, sie zählten aufwärts, aber in einem Tempo, das physikalisch unmöglich schien. 7:42:01... 7:42:08... 7:42:15... Ich blinzelte. War das eine App? Ein

Bug? Ich sah aus dem Fenster. Mein Nachbar, Herr Maier, der sonst um diese Zeit panisch versucht, seinen Hund „Bot“ zu bändigen, stand regungslos im Garten. Aber nicht nur er! Ein kleiner, braungrauer Vogel hing mitten im Flug in der Luft, als hätte jemand den Pauseknopf der Realität gedrückt. Nur mein Handy, ich und mein inzwischen kalt gewordener Kaffee schienen vom Stillstand ausgenommen zu sein. „Okay, ich träume“, murmelte ich und kniff mir in den Arm. Es tat weh. Dann fing mein Handy an zu vibrieren, und zwar nicht wie üblich. Es tanzte einfach über den Küchentisch, während

das Display grellblau aufleuchtete. Ein Anruf von einer Nummer, die nur aus Nullen bestand. Ich nahm einfach ab. Eine Stimme, die wie meine Eigene klang, nur wesentlich blecherner und viel ruhiger, sagte: „Schau nicht aus dem Fenster. Die Zeitfrequenz ist gerade neu kalibriert worden. Dein Kaffeemaschinenproblem ist nur ein Nebenprodukt dieser Störung. Zieh die blauen Schuhe an, nicht die Grauen. Wir sehen uns um 7:42 Uhr.“ „Was? Aber es ist bereits 7:42 Uhr!“, schrie ich ins Telefon. „Richtig“, antwortete die Stimme, „es ist immer 7:42 Uhr, bis die Schuhe wechselst

sind!“ Die Verbindung brach ab. Ich starrte auf meine Hausschuhe. Sie waren grau. Ich rannte in den Flur, mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Als ich die blauen Schuhe angezogen hatte, begann mein Handy, vibrierend in meiner Hand zu tanzen. Der kleine Vogel vor dem Fenster flog weiter. Der Kaffee in der Tasse war plötzlich wieder heiß. Ich schaute wieder auf die Uhr. 7:43 Uhrn erleichtert atmete ich tief durch. Es schien, als würde dieser Tag ein sehr langer Tag werden. Als ich die Haustür hinter mir zuzog, passierte es in dem Moment.

Normalerweise schnappte die Falle mit einem satten Geräusch ein, doch heute blieb die Welt einfach stehen. Das ferne Rauschen der Autobahn, das Zwitschern der Vögel und sogar das Flattern meiner Zeitung unter dem Arm, alles erstarrte in vollkommener Stille. Ich blinzelte und ich dachte was jetzt? Ein Nachbar auf der anderen Straßenseite stand mit erhobener Kaffeetasse auf seinem Balkon, unbeweglich wie eine Schaufensterpuppe und ein Wassertropfen hing wie ein Diamant festgefroren an der Regenrinne. Ich wollte gerade nach meinem Handy, das in meiner Jackentasche steckte, greifen, als ich ein leises Summen hörte.

Es kam nicht von irgendwoher, sondern direkt aus meiner Jackentasche. Ich zog jedoch nicht mein Handy heraus, sondern eine schlichte, goldene Taschenuhr, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Auf dem Zifferblatt gab es keine Zahlen, sondern nur ein einziges Wort, das in einem sanftem Hellblau leuchtete, „Pause“. Vorsichtig tippte ich auf das Glas der Taschenuhr, sofort setzte der Lärm der Welt wieder ein, so heftig, dass ich fast stolperte. Der Nachbar schluckte seinen Kaffee, der Wassertropfen klatschte auf den Boden. Ich sah auf meine Armbanduhr: 07:49 Uhr. Ich hatte gerade eine Minute

gestohlen, von der niemand außer mir wusste. Ein Grinsen stahl sich auf mein Gesicht. Der Weg zur Arbeit würde sicher heute definitiv länger dauern als sonst. Mein Grinsen wurde breiter. Wenn die Welt auf Knopfdruck stillstand, war das Büro kein Ort des Schreckens mehr, sondern ein riesiger Spielplatz. Mein erster Stopp, der Kiosk an der Ecke. Ich holte eine Zeitung und tippte auf die Uhr. Stille. Der griesgrämige Verkäufer, Herr Mauser, war gerade dabei, mir mit einem finsteren Blick das Wechselgeld hinzulegen. Ich nahm die Münzen,

tauschte seine geliebte runde Lesebrille gegen eine pinkfarbende Plastiksonnenbrille aus dem Ständer daneben und steckte ihm eine einzelne Salzstange in seinem offenen Mund. Ich tippte auf die Uhr. Klick. „Das macht dann… was zum Teufel?!“, polterte Herr Mauser los, während er irritiert auf die Salzstange biss und durch die rosaroten Gläser blinzelte. Ich machte, das ich fortkam.

Im Büro ging der Wahnsinn erst richtig los. Mein Boss, Herr Dr. Müller, hielt gerade einen seiner berüchtigten Monologe über effektives Arbeiten. Er stand mit weit ausgestrecktem

Zeigefinger vor der Belegschaft. Ich klickte auf das Glas der Taschenuhr und nutzte die Pause, um seine Krawatte mit einem Tacker an seinem Schreibtisch festzumachen. Im Anschluss tauschte ich seinen schwarzen Kaffee gegen eine Tasse mit buntem Wackelpudding aus und hängte sein blaues Sakko verkehrt herum an den Kleiderständer. Zuletzt band ich noch die Schnürsenkel meiner Kollegen zusammen, allerdings nur bei denjenigen, die sich immer den letzten Joghurt aus dem Kühlschrank holten. Gemütlich schlenderte ich zurück auf meinen Platz, setzte mein seriösestes Gesicht auf und tippte auf das Uhrenglas. „…und deshalb müssen wir“, Dr. Müller

wollte einen Schritt nach vorne machen, wurde von seiner Krawatte ruckartig zurückgehalten und rührte mit dem Löffel verwirrt in der glibberigen roten Masse. Ein kollektives Stolpern ging durch die Reihe der Joghurtdiebe. Es war 09:18 Uhr. Mein Kaffee war noch heiß, mein Chef war am Schreibtisch festgetackert.

Gerade als ich mir überlegte, wie lustig es wäre, die Warteschlange an der Supermarktkasse durch das Vertauschen von Einkaufswagen zu optimieren, passierte es. Ich stand zu dem Zeitpunkt mitten in der Fußgängerzone, umgeben von hunderten

Menschen, die wie eingefrorene Statuen in ihren Bewegungen verharrten. Eine Taube schwebte regungslos einen Meter über dem Boden in der Luft. Ich hatte die Zeit gerade erst angehalten, um einem Straßenmusikant statt einer Münze eine aufrecht balancierende Banane auf den Kopf zu stellen. Doch als ich triumphierend auf das Glas der goldenen Uhr tippte, passierte Nichts. Kein Klicken. Kein Summen. Das hellblaue Leuchten des Wortes Pause flackerte nur schwach, wie eine sterbende Glühbirne, und verblasste dann zu einem bedrohlichen Dunkelgrau. „Komm schon, du blödes Ding“,

murmelte ich und hämmerte mit dem Daumen auf das Zifferblatt. Nichts. Die Welt blieb stumm. Die Stille, die anfangs noch wie ein Abenteuer gewirkt hatte, fühlte sich plötzlich schwer und drückend an. Ich fing an zu rennen. Ich rannte an den reglosen Menschen vorbei, deren Augen starr ins Leere blickten. Als ich versuchte, die Banane vom Kopf des Musikers zu nehmen, rührte diese sich keinen Millimeter, sie war im Raum verankert wie ein betonierter Pfeiler. Panik stieg in mir auf. War ich jetzt für immer allein in dieser leblosen Kulisse gefangen? Ich sah genauer auf die Uhr. Auf der

Rückseite entdeckte ich eine winzige Gravur, die mir vorher nicht aufgefallen war: „Batterie fast leer. Zum Aufladen bitte...“ Der Rest des Satzes war unter einem dicken Kratzer verborgen. Ich rannte durch die lautlose Stadt, die eisige Kälte der stehengebliebenen Zeit kroch mir unter die Haut. Alles war starr, alles war tot – bis auf eine einzige Sache. Am Ende der langen Fußgängerzone, direkt vor dem großen Springbrunnen, dessen Wasserstrahlen wie gläserne Skulpturen in der Luft hingen, saß jemand. Eine Gestalt in einem leuchtend gelben Regenmantel, die ganz entspannt eine Zeitung las. Das Rascheln des

Papiers war das lauteste Geräusch, das ich je gehört hatte. Ich rannte zu der Person und blieb keuchend stehen. Die Person schlug die Seite um, ohne aufzusehen. „Du hast sie also schon kaputt gekriegt“, sagte eine ruhige, dunkle Stimme. „Rekordverdächtig. Nicht mal zwei Stunden.“ Ich trat näher. Es war eine Frau, etwa in meinem Alter, die mich nun über den Rand ihrer Zeitung hinweg ansah. Sie trug eine identische goldene Uhr am Handgelenk, aber ihre leuchtete in einem kräftigen, pulsierenden Grün. „Wer sind Sie?“, stieß ich hervor. „Und warum bewegen Sie

sich?“ Sie klappte die Zeitung zusammen und deutete auf meine dunkle Uhr. „Ich bin diejenige, die den Müll aufräumt, wenn Anfänger wie du denken, das Universum sei ein Streichelzoo. Die Zeit ist kein Spielzeug, sie ist eine Batterie. Und du hast sie mit deinem Blödsinn im Büro leergesaugt.“ Sie stand auf und kam auf mich zu. Jeder ihrer Schritte hallte auf dem Asphalt wider, während die Welt um uns herum weiterhin in tiefster Starre verharrte. „Du hast jetzt zwei Möglichkeiten“, sagte sie und hielt mir ihre grün leuchtende Uhr vor die Nase. „Entweder du bleibst hier für immer als Statue

stehen, oder du hilfst mir, das Chaos wieder in Ordnung zu bringen, dass du angerichtet hast. Aber sag’s gleich, bist du bereit für einen Job, der anstrengender ist als Krawatten festzutackern?“

Ich nickte wortlos. „Ich bin eine Wächterin“, sagte sie und rückte ihren gelben Mantel zurecht. „Wir sorgen dafür, dass die Realität nicht aus den Fugen gerät, wenn Leute wie du durch Zufall an ein Chronometer gelangen. Eigentlich hättest du das Ding gar nicht finden dürfen.“ Sie packte mein Handgelenk. Ihre Berührung war eiskalt. „Deine Uhr ist

leer, weil du sie für Egoismus missbraucht hast. Die Zeit ist eine Energie, die sich durch Taten der Ordnung auflädt, nicht durch Chaos. Wenn wir jetzt nicht handeln, wird dieser Moment – 09:42 Uhr – für das gesamte Universum zur Endstation.“ Ich schluckte schwer. Die Vorstellung, für immer zwischen einer schwebenden Taube und einem eingefrorenen Dr. Müller festzustecken, war plötzlich gar nicht mehr komisch. „Was muss ich tun?“, fragte ich leise. Sie deutete auf die Uhr an meinem Arm. „Wir müssen die Kausalität wiederherstellen. Jede deiner Manipulationen hat einen Riss im Gefüge

hinterlassen. Wir gehen zurück ins Büro. Du musst jede einzelne Klammer aus der Krawatte deines Chefs lösen, die Banane vom Kopf des Musikers nehmen und den Pudding gegen den Kaffee tauschen – und zwar in absoluter Synchronität mit dem Moment, in dem ich den Zeitfluss ganz kurz 'ankicke'.“ Sie hielt mir ein kleines, silbernes Werkzeug hin, das wie eine Pinzette aussah. „Wenn du einen Fehler machst oder zu langsam bist, wirst du in der Zwischenzeit zerstrahlt. Und glaub mir, das kitzelt nicht so schön wie Wackelpudding.“ Wir rannten zurück Richtung Bürogebäude. Die Stille wirkte nun nicht

mehr wie ein Spielplatz, sondern wie ein Minenfeld. Als wir vor der des Büros meines Chefs standen, hob sie ihre grün leuchtende Uhr. „Bereit?, flüsterte sie. „Du hast jeweils nur eine Sekunde pro Korrektur. Fang mit der Krawatte an. Drei, zwei, eins…“


Ich schaffte meinen Unsin wieder in Ordnung zu bringen auch den in der Fußgängerzone.

Danach reichte ich der Frau im gelben Regenmantel die Taschenuhr und meinte:

„Ich bin nicht bereit eine Wächterin der Zeit zu

sein!


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Eichenlaub Hallo Menuela,
habe zwar bis Seite 10 erst einmal gelesen, aber muss eine Lesepause einlegen....
Ich bin sprachlos über soviel traumhafte Fantasie, die Du hier an den Tag legst. Blaue Schuhe habe ich auch nicht...Haha.
Eine interessante, wunderliche und abenteuerliche Geschichte.
Ich lese später weiter....
Lieben Gruß
Gerlinde
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