Wenn ich schlafe schreibt Pam
Der Künstler ist Stock-Snap
Teil 1
Manchmal wache ich morgens auf und habe das Gefühl, jemand war in meiner Wohnung.
Nicht, weil etwas fehlt.
Sondern weil etwas da ist.
Der Computer läuft.
Der Bildschirm ist warm.
Worte starren mich an, als hätten sie die
Nacht über auf mich gewartet.
Ich trinke Kaffee, um sicherzugehen, dass ich wach bin.
Der bittere Geschmack erinnert mich an mich selbst.
Dann lese ich.
Die Sätze kenne ich nicht.
Aber sie kennen mich.
Sie schreiben über Dinge, die ich nie laut gesagt habe.
Über Ängste, die ich tagsüber vergesse.
Über eine Pam, die nur existiert, wenn ich schlafe.
Manchmal frage ich mich, ob ich nachts
verschwinde –
oder ob ich dann erst beginne zu sein.
Teil 2
Ich lese nicht alles auf einmal.
Das habe ich gelernt.
Manche Sätze haben Zähne.
Andere sind so zärtlich, dass ich kaum atmen kann.
Zwischen zwei Absätzen finde ich meinen Namen.
Nicht so, wie ich ihn schreibe,
sondern so, wie meine Mutter ihn sagte, wenn sie dachte, ich
schlafe.
03:17 Uhr.
Die Datei wurde genau zu dieser Zeit gespeichert.
Ich kann mich nicht erinnern, wach gewesen zu sein.
Ganz oben steht ein Satz, eingerahmt von Leerzeilen:
„Du musst mir tagsüber besser zuhören.“
Ich lache – zu laut.
Die Wohnung lacht nicht zurück.
Meine Finger schweben über der
Tastatur.
Ich tippe:
„Wer bist du?“
Der Cursor blinkt, geduldig.
Dann erscheinen Buchstaben.
Langsam. Ohne Tippgeräusch.
„Ich bin die Pam, die du dir nicht erlaubst.“
Mir wird kalt.
Nicht von außen, sondern von innen.
Ich klappe den Laptop zu.
Doch im Dunkeln höre ich das leise Summen.
Der Computer läuft
weiter.
Teil 3
In der dritten Nacht lasse ich den Computer an.
Noch bevor Müdigkeit kommt, setze ich mich davor.
Kein Kaffee. Kein Licht außer dem Bildschirm.
Ich lausche.
Nicht auf Geräusche –
sondern auf die kleinen Verschiebungen in mir,
das Kippen, kurz bevor Gedanken zu Träumen
werden.
Der Cursor blinkt.
Dann erscheint ein Satz:
„Du hörst endlich zu.“
Ich flüstere:
„Was willst du?“
„Dass du tagsüber weniger verschwindest.“
Bilder tauchen auf:
Ich lächle, wenn ich Nein meine.
Ich schweige, wenn etwas wehtut.
Ich lösche Nachrichten und nenne es
Kontrolle.
Ich tippe:
„Wenn ich dir zuhöre … verschwinde ich dann?“
Eine Pause.
Dann:
„Nein.
Dann hören wir beide auf, allein zu sein.“
Der Computer fährt von selbst herunter.
Am Morgen ist er aus.
Kein Text. Keine Spur.
Aber etwas ist
geblieben.
Zum ersten Mal seit Langem weiß ich:
Ich war da.
Die ganze Nacht.
Teil 4
Am nächsten Morgen liegt eine Banane auf dem Küchentisch.
Ich erinnere mich nicht, sie dort hingelegt zu haben.
Ich esse sie trotzdem.
Nicht aus Hunger, sondern weil mein Körper etwas Einfaches verlangt.
Der Computer bleibt
aus.
Zum ersten Mal fühlt sich das nicht wie Vermeidung an,
sondern wie eine Abmachung.
Ich gehe langsamer durch den Tag.
Meine Schritte sind schwerer, aber echter.
Als hätte ich ein zusätzliches Gewicht bei mir,
etwas Zerbrechliches, das mich zwingt, sanfter zu sein.
Nachmittags öffne ich den Laptop.
Nicht aus Neugier –
sondern aus
Einladung.
Die Datei ist da, unverändert.
Ich setze den Cursor ans Ende und schreibe selbst:
„Ich bin wach.“
Nichts passiert.
Kein Antworten. Kein Summen.
Doch in mir verschiebt sich etwas.
Kein Riss.
Eher ein Zusammenrücken.
Vielleicht war es nie eine Stimme, die zu mir sprach.
Vielleicht ein Raum, den ich mir nur
nachts erlaubt habe.
Ich schließe die Datei. Speichere sie. Ganz bewusst.
Als ich abends im Bett liege, lege ich eine Hand auf meinen Bauch.
Ich lausche nicht nach Worten.
Nur nach Rhythmus.
Und zum ersten Mal denke ich nicht:
Wer hat das geschrieben?
Sondern:
Wer wird das eines Tages lesen?
Nachwort:
Sei dir selbst bewusst. Sei zu dir selbst freundlich. Du bist wichtig.
© Pamola Grey