Kurzgeschichte
Cortina d'Ampezzo - SP 116

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"Cortina d'Ampezzo - da war doch noch was? Erinnerungen"
Veröffentlicht am 08. Februar 2026, 12 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Franck Sezelli
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Ich lebe mit meiner Frau in Frankreich. Erst in meiner neuen Heimat habe ich mit dem Schreiben begonnen. Es bereitet mir Freude, mit meiner Fantasie den Leserinnen und Lesern vergnügliche und unterhaltsame Stunden schenken zu können. http://franck-sezelli.jimdo.com/
Cortina d'Ampezzo - da war doch noch was? Erinnerungen

Cortina d'Ampezzo - SP 116

Beitrag zur Schreibparty 116


Das Thema zur SP 116 ist „Kopfkino“: Gedanken, Bilder, Erinnerungen und Träume, die in euren Köpfen entstehen, dürfen in euren Texten Platz finden.

Vorgabewörter:

Flackernder Blick, Schatten, Traum, Geräusch, Erinnerung, Baumwipfel, Kochtopf

Cortina d’Ampezzo


1992. Wir waren auf der Rückreise von der Adria. Nach einer Pauschalreise an die Costa Brava im Sommer davor hatten wir diesmal eine Rundreise unternommen. Das war für uns die erste individuelle Urlaubsreise im Westen, die sehr interessant und auch schön geworden war. Und das, obwohl wir uns manches, was sich andere gönnen konnten, verkneifen mussten. Schon ein ganzes Jahr nach der Währungsunion bekam ich mein Gehalt an der Universität immer noch in gleicher Höhe wie in der DDR ausgezahlt, nur eben in

DM. Das passte mit dem westlichen Preisgefüge nicht so recht zusammen. Deswegen begann unser Urlaub in vertrauteren Gefilden, in der Tschechoslowakei und in Ungarn. Von Bratislava aus haben wir auch Wien besucht und dort bei Erfrischungsgetränken vor einem Hotel in der Nähe des Stephansdoms den ersten Preisschock erlebt. Danach waren wir ohne Probleme eine Woche am Balaton, was besonders unserer Tochter sehr gefiel. Um nach Italien zu kommen, mussten wir wieder durch Österreich, weil wir uns wegen des Jugoslawienkriegs nicht durch Slowenien oder Kroation trauten. In der Nähe des

schönen Wörther Sees haben wir in einer kleinen Pension übernachtet und sind dann nach Italien weitergefahren. Natürlich wollten wir Venedig sehen und haben uns als Aufenthalt den zwar nahegelegenen, aber nicht so bekannten Küstenort Caorle ausgesucht. Aber selbst in Caorle konnten wir uns kein Hotel leisten. Bei der Nachfrage nach einem Zimmer meinten wir, sie wollten uns die Hochzeitssuite anbieten, so hörte sich der Übernachtungspreis an. Wir hatten dann schließlich für uns drei ein bezahlbares Zimmer mit Doppelstockbetten gefunden. Es war gewissermaßen ein Massenquartier mit vielen derartigen Zimmern, aus denen in

der Nacht undefinierbare Geräusche drangen. In der Gemeinschaftsküche kochte immer jemand Kaffee und auf dem Herd stand ein großer Kochtopf, in dem irgendeine Suppe brodelte. Venedig haben wir uns bei einem Tagesausflug auch angesehen und waren ziemlich enttäuscht. Es war nicht der Traum, wie wir ihn erwartet hatten Wie verfallen es fast überall aussah! Wie in der Hainstraße in Leipzigs Innenstadt! Dort gab es unten Geschäfte mit schönen Auslagen in den Schaufenstern, aber nach oben durfte man nicht sehen, alles grau und abbröckelnder Putz. In Venedig sah es schon unten schlimm aus, das Wasser machte den Häusern zu schaffen.

Jetzt jedenfalls waren wir auf der Rückreise. Das vorletzte Etappenziel sollte wieder in Österreich sein. Wir fuhren schon lange auf kleinen Alpenstraßen, die nur wenige Dörfer berührten. Auf einem Parkplatz stellten wir uns unter einen Schatten spendenden Baumwipfel, denn trotz der Höhe, in der wir uns schon befanden, brannte die südliche Sonne vom Himmel. Hier bemerkten wir unseren großen Fehler. Wir hatten zwar etwas Proviant eingepackt, aber Getränke vergessen mitzunehmen. Uns drei plagte der Durst, vor allem die Tochter wünschte sich eine Cola. Also beschlossen wir, bei der

nächstbesten Gelegenheit anzuhalten, um etwas trinken zu können. Meine Frau sah das Ortsschild zuerst: Cortina d’Ampezzo! Das war auch für uns ein sehr bekannter Ortsname, denn hier hatten einmal olympische Winterspiele stattgefunden. Daran konnten wir uns gut erinnern. Nicht, dass wir davon etwas gesehen haben, nein! Das war schon 1956 und wir waren Kinder. Da hat uns das nicht interessiert, und selbst wenn, es gab ja noch kein Fernsehen. Aber natürlich hatten wir später davon gehört. Bald saßen wir in einem Ristorante und schauten uns die Karte an. Säfte und Mineralwasser waren alle sauteuer, da

dachten wir uns, ein Espresso, wie ein kleiner Kaffee in Italien heißt, tut es für uns auch, der war bezahlbar. Und Mokka kannten wir, da hatten wir früher immer extra Tassen zu Hause. Wir waren damals der Ansicht, das ist ungefähr dasselbe. Und dann kam der Wirt mit dem Tablett. Meine Frau und ich schauten uns an, wir dachten uns, wir sehen nicht richtig. Auf dem Tablett waren neben der Cola-Flasche für die Tochter zwei winzige Tässchen, die mich an füher, an die Puppenstubentassen meiner Schwestern erinnerten. Dann haben wir in diese Tässchen hineingesehen und bekamen beide einen flackernden Blick, denn wir waren so etwas von schockiert. Sie waren

ja nicht mal zur Hälfte gefüllt! Nun, wir sind damals nicht verdurstet, der Espresso war sogar richtig erfrischend. Aber egal, was vielleicht jetzt während der Winterspiele in Cortina d’Ampezzo an großartigen Ereignissen passieren mag, dieser Ort wird in unserer Erinnerung immer mit dem winzigsten Espresso unseres Lebens und dem damit verbundenen schockhaften Erstaunen verbunden bleiben. © Franck Sezelli 8. Februar 2026

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FranckSezelli
Ich lebe mit meiner Frau in Frankreich. Erst in meiner neuen Heimat habe ich mit dem Schreiben begonnen. Es bereitet mir Freude, mit meiner Fantasie den Leserinnen und Lesern vergnügliche und unterhaltsame Stunden schenken zu können.
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Darkjuls Hallo Franck, wer eine Reise macht, der kann was erzählen. Wir haben damals auch über die landestypische Pizza in Italien gestaunt, weil sie so mager belegt war und so teuer. Das mit dem Espresso kann ich gut verstehen, die Enttäuschung war sicher groß. Aber meist bleiben genau diese Sachen in Erinnerung. Liebe Grüße Marina
Vor ein paar Monaten - Antworten
FranckSezelli Liebe Martina,bei dem Espresso war es mehr ein großes Erstaunen als eine Enttäuschung – und in den folgenden mehr als dreißig Jahren haben wir oft darüber gelacht.
Und an die Pizzas kann ich mich auch gut erinnern, ganz wenig Belag – ganz anders als zu Hause gewöhnt – und sehr teuer.
Liebe Grüße
Franck
Vor ein paar Monaten - Antworten
yumiko Hallo Franck
Schöne Reise Geschichte da gern aus der Geschichte Scheiben ist der Text wertvoll für mich da so besser aus der Zeit Scheiben kann da ich diese nicht mit erlebt habe
Liebe Grüße yumiko
Vor ein paar Monaten - Antworten
FranckSezelli Hallo yumiko, danke für's Lesen und Kommentieren meiner Geschichte.
Herzliche Grüße
Franck
Vor ein paar Monaten - Antworten
Flocke 
Hallo Franck,
da ich noch nie in Italien war, hab ich dich natürlich besonders gern
auf dieser Reise begleitet. Du hast es so wunderschön ge- und beschrieben,
dass es richtig Spaß gemacht hat.
Danke für diesen Ausflug und liebe Grüße
von Flocke
Vor ein paar Monaten - Antworten
FranckSezelli Hallo Flocke,
vielen Dank für deinen so freundlichen Kommentar. Es ist mir ein Vergnügen, dass dir das Lesen Spaß gemacht hat.
Liebe Grüße aus Frankreich von
Franck
Vor ein paar Monaten - Antworten
FLEURdelaCOEUR Lieber Franck,
dein Beitrag gefällt mir sehr, wie sich manche Bilder gleichen! Wir waren 1993 per Auto in Venedig mit Zwischenübernachtung in Südtirol und kamen dann am nächsten Tag auch durch Cortina d'Ampezzo ... Allerdings hatten wir uns schon von zu Hause aus um ein bezahlbares Quartier gekümmert und ein einfaches Strandhotel in Lido di Jesolo gefunden. Wir haben von dort aus nicht nur Venedig besucht, sondern auch die Glasbläserinseln Murano und Burano. Aus diesem Urlaub stammt noch immer unser Faible für die Venedigkrimis... Und 2019 hatten wir dort noch ein besonderes Erlebnis, eine Kreuzfahrt von Venedig aus mit der MS Berlin rund um Italien herum bis nach Nizza. Die Ausfahrt aus Venedig zu der Filmmusik war unvergesslich!
Liebe Grüße,
fleur
Vor ein paar Monaten - Antworten
FranckSezelli Siehe unten, dieser nichteingeloggte Gast bin natürlich ich.
Vor ein paar Monaten - Antworten
Gast Ma chère fleur,
vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar, der bei mir wieder neue Erinnerungen hervorrief. In Venedig waren wir später auch noch ienmal, während einer Busreise durch verscheidene Stationen in Italien. Dabei haben wir auch in Lido di Jesolo übernachtet. Auf der Reise 1992
hatten wir während eines heftigen Gewitters in Udine, in das wir vom Wörther See aus gekommen waren, im Auto auf einer Karte den Nachbarort von Lido di Jesolo als nächstes Ziel ausgesucht. Meine Frau hatte nämlich bei Konsalik schon von Lido di Jesolo gelesen. Aus der dortigen Beschreibung schlossen wir, dass dies wohl auch zu bekannt ist und damit für uns in der damaligen Situation zu teuer.
Venedig ist zweifellos eine sehr interessante und durchaus auch schöne Stadt, wir waren beim ersten Eindruck eben enttäuscht. Aber die Venedigkrimis haben wir dann auch immer geschaut.
Liebe Grüße,
Franck
Vor ein paar Monaten - Antworten
Bleistift 
"Cortina d'Ampezzo..."
Ha, mein Lieber, ich habe mich bei deiner Reisebeschreibung gar köstlich amüsiert,
besonders als die Rede auf Venedig kam... ...smile*
Wohl wahr, die Espresso-Tassen sind in bella Italia kaum größer, als ein Finkennapf... LOL*
In der Tat, einmal auf dem Markusplatz Kaffee getrunken,
dafür kannste auch eine Woche nach Tunesien in den Urlaub fahren... ...smile*
LG zu Dir ins Südfranzösische aus dem nebelnassen Berlin...
Louis :-)
Vor ein paar Monaten - Antworten
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