Kurzgeschichte
Das Erbe der Donau - Novelle

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"Wie Baja zum Fischsuppenfest kam"
Veröffentlicht am 27. Januar 2026, 38 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über den Autor:

Ich erinnere mich noch gerne meiner allerersten Zeilen - ein Schulgedicht: Der Winter ist ein Bösewicht, die Bäume tragen Schneegewicht, die Stämme sind kahl und so schwarz wie ein Pfahl, die Felder sind weiß und auf dem See liegt Eis. In den seither vergangenen Jahrzehnten hat sich mein Schreibstil sicher geändert - ist erwachsen geworden -, aber die Freude am Schreiben ist ungetrübt.
Wie Baja zum Fischsuppenfest kam

Das Erbe der Donau - Novelle

Es gibt Orte, die nicht erinnern – sie tragen. Nicht im Gedächtnis, sondern im Körper der Dinge: im Holz der Boote, im Salz der Hände, im Dampf der Kessel. Baja ist ein solcher Ort. Wer hier kocht, kocht nicht nur Nahrung, sondern Zeit.

Diese Geschichte erzählt nicht, wie ein Rezept entstand. Sie erzählt, wie ein Geschmack blieb.


Ein verlorenes Rezept. Ein vererbter Geschmack. Ein Fluss, der nicht vergisst


In Baja an der Donau entsteht aus Salz, Zeit und Zuhören ein legendärer Fischgeschmack.

Als das Rezept verschwindet, bleibt etwas Tieferes zurück: ein Wissen, das sich von Generation zu Generation überträgt – nicht durch Worte, sondern durch Hände. Das Erbe der Donau ist eine leise, poetische Novelle über Herkunft, Erinnerung und die geheimnisvolle Treue des Körpers zur Geschichte.

Das Erbe der Donau

Novelle Die Donau war an diesem Morgen stiller als sonst. Nicht schweigend – sie schwieg nie –, aber gedämpft, als hätte si beschlossen, ihre Geschichten nur jenen zu erzählen, die langsam genug gingen, um sie zu hören. Über Baja lag ein milchiger Nebel, der die Häuser verschluckte und die Dächer in Schatten verwandelte. Nur der Turm der Kirche ragte daraus hervor, wie ein Finger, der den Himmel berührte, um sich zu vergewissern, dass er noch da war.

Baja war keine Stadt, die sich ausbreitete – sie lagerte. Zwischen Wasser und Staub, zwischen Handel und Hunger, zwischen Kommen und Bleiben. Wer hier lebte, lernte früh, dass alles Vorläufigkeit war: Häuser, Berufe, Ehen – nur der Fluss blieb. Marcellus schob seinen Kahn ans Ufer, ohne Eile, ohne Kraft, nur mit jener Beharrlichkeit, die alten Menschen eigen ist. Der Kahn knarrte leise, als hätte er Schmerzen, doch Marcellus wusste: Auch das war Sprache. Holz, das zu lange im Wasser gelegen hatte, lernte sprechen wie ein Mensch. Die Fische im Netz glänzten matt im frühen Licht. Karpfen, Wels, kleine

silbrige Wesen, deren Namen niemand mehr kannte. Sie lagen still, als hätten sie begriffen, dass ihr Weg an diesem Morgen ein anderer geworden war. „Ihr seid schwer heute“, murmelte Marcellus, mehr zu sich selbst als zu ihnen. Er hob das Netz an, langsam, mit Respekt. Er hatte nie gelernt, Fische wie Dinge zu behandeln. Jeder Fang war für ihn ein Gespräch, ein Vertrag zwischen Fluss und Mensch, der nur dann gültig blieb, wenn man ihn nicht brach. Am Ufer begann der Markt zu erwachen. Holzbretter wurden aufgelegt, Körbe abgestellt, Messer geschärft. Stimmen tasteten sich vorsichtig aus dem

Schlaf. „Marcellus!“ rief jemand. Er hob den Kopf. András kam ihm entgegen, noch jung, noch schnell, noch mit dieser Ungeduld in den Schultern, die glaubte, die Zeit sei ein Feind. „Guter Fang?“ „Die Donau war großzügig“, sagte Marcellus. „Oder du besonders geschickt.“ Marcellus lächelte. „Der Fluss schenkt nur, was man zu tragen vermag.“ András lachte, verstand es nicht, wie so oft, und half ihm dennoch beim Ausladen. Die Fische wanderten in Holzkisten, wurden gezählt, gewogen, begutachtet. Ein paar gingen gleich an

die Händler, ein paar an die Köchin des Wirtshauses, ein paar an Frauen, die Suppe kochen würden wie ihre Mütter und deren Mütter zuvor. Doch Marcellus behielt einen Teil zurück. „Was machst du mit denen?“ fragte András. „Ich lasse sie reden“, antwortete Marcellus. Er trug sie den schmalen Pfad entlang, der am Ufer entlangführte, vorbei an Weiden, deren Zweige das Wasser berührten, als wollten sie prüfen, ob es noch kalt war. Dort stand seit Jahren ein altes Fass, halb im Sand versunken, von Moos überzogen, vergessen von allen

außer ihm. András blieb stehen. „Du und deine Fässer“, sagte er kopfschüttelnd. „Willst du sie einlegen? Einsalzen?“ „Nicht einlegen.“ „Was dann?“ Marcellus betrachtete den Fluss. „Zuhören.“ András schwieg. Manche Antworten verlangten keine weiteren Fragen. Niemand in Baja wusste mehr, wann das Fass zum ersten Mal dort gestanden hatte. Manche sagten, es stamme von einem gestrandeten Handelsschiff, andere behaupteten, es habe einst Wein enthalten, der zu sauer geworden war.

Für die meisten war es einfach da, wie der große Stein am Ufer oder die krumme Weide daneben. Marcellus aber hatte es gereinigt, ausgebessert, neu gebunden. Er stellte es jedes Frühjahr an dieselbe Stelle, dort, wo die Sonne lange verweilte und der Wind vom Wasser her kam. An diesem Tag legte er die Fische hinein, sorgfältig, Schicht um Schicht. Er salzte sie, nicht viel, nicht wenig. Dann setzte er den Deckel auf, beschwerte ihn mit einem flachen Stein und setzte sich daneben. Stundenlang. Manchmal erinnerte sich Marcellus an einen Sommer seiner Kindheit, an eine

Suppe, die seine Mutter schweigend gekocht hatte. Er wusste nicht mehr, wer damals gegessen hatte. Nur, dass alle danach lange still gewesen waren. Die Menschen gingen vorbei. „Schläfst du?“ rief Ilona spöttisch. „Nein“, sagte Marcellus. „Ich lerne.“ Am Abend kam Kata mit einem Korb Brot. „Du wirst noch eins mit diesem Fass“, sagte sie. „Vielleicht war ich es immer schon“, antwortete er. Die Tage vergingen. Dann Wochen. Der Geruch veränderte sich. Zuerst war er nur streng, dann schwer, dann seltsam süß. Fliegen sammelten

sich, verschwanden wieder. Der Wind trug etwas Neues durch die Stadt, etwas, das keiner benennen konnte. „Was ist das für ein Duft?“ fragte eine Frau auf dem Markt. „Vielleicht Fäulnis“, sagte jemand. „Oder Meer“, meinte ein anderer, obwohl niemand hier je das Meer gesehen hatte. Marcellus öffnete das Fass an einem Morgen, als der Nebel besonders dicht war. Der Duft stieg auf wie ein warmer Atem. Er kostete. Es dauerte lange, bis er wieder schluckte. Nicht wegen des Geschmacks – sondern wegen der Erinnerung.

Es schmeckte nach Salz und Tiefe, nach Algen und Sonne, nach etwas sehr Altem, das nicht zu Baja gehörte und doch genau hierher. Als hätte der Fluss etwas aus seiner Vergangenheit zurückgegeben. Er schloss die Augen. „Du hast lange geschwiegen“, flüsterte er. Er erzählte niemandem davon. Er mischte, filterte, verdünnte, fügte Kräuter hinzu, Rauch, Geduld. Er schrieb nichts auf. Was man aufschrieb, vergaß man schneller, das wusste er. Doch der Geschmack drängte nach außen. Eines Abends kam András wieder. „Du riechst anders“, sagte er

unvermittelt. „Ich auch?“ „Wie… als wärst du ein Teil des Flusses geworden.“ Marcellus reichte ihm einen Löffel. „Nur ein Tropfen.“ András verzog das Gesicht, zögerte – und probierte. Er schwieg lange. „Das ist…“ „Ja?“ „Ich weiß nicht, was es ist. Aber es ist richtig.“ Bald kamen andere. „Ist das sicher?“ „Wovon lebt es?“ „Wirst du reich damit?“

Marcellus antwortete selten. „Es lebt vom Warten.“ „Es macht nicht reich.“ „Und sicher ist nur der Fluss.“ Nicht alle vertrauten ihm. Péter kam eines Abends, als die Sonne schon tief stand. „Hör auf damit“, sagte er ohne Begrüßung. „Warum?“ „Weil Dinge, die zu gut schmecken, selten gut enden.“ Marcellus nickte langsam. „Das stimmt.“ „Dann hör auf.“ „Nein.“ Péter spuckte ins Wasser. „Du spielst mit etwas, das du nicht verstehst.“

Marcellus sah ihm nach. „Ich spiele nicht. Ich höre nur zu.“ Der Sommer kam früh in jenem Jahr. Er kam mit warmem Wind aus dem Süden, mit Staub auf den Straßen, mit Mücken über dem Wasser. Die Donau zog sich ein wenig zurück, legte Sandbänke frei, auf denen Kinder barfuß liefen und ihre Namen in den Schlamm schrieben, als könnten sie sich so im Gedächtnis des Flusses verewigen. Marcellus arbeitete still. Das Fass stand nun hinter seiner Hütte, halb im Schatten, halb in der Sonne. Er öffnete es nur selten, und wenn, dann nur kurz. Er notierte nichts, maß nichts, vertraute allein seinem Geruchssinn,

seinem Gedächtnis, seinem Geduldsmuskel, den nur alte Menschen besitzen. Doch der Geschmack wanderte. Zuerst über den Markt, dann in die Küche des Wirtshauses, dann in die Häuser. Man begann, ihn heimlich weiterzugeben, in kleinen Fläschchen, in irdenen Krügen, in alten Parfümflaschen, die plötzlich nach Fisch und Rauch rochen. „Woher hast du das?“ „Vom Fischer.“ „Welchem?“ „Dem, der zuhört.“ Und überall dieselbe Reaktion: erst Zögern, dann Stille, dann dieses

langsame Nicken, als hätte man etwas wiedergefunden, das man nie besessen hatte. Im Wirtshaus kam es zu den ersten Gesprächen. „Das schmeckt nicht wie Suppe“, sagte Kata. „Wie denn dann?“ „Wie Erinnerung.“ Der Wirt, ein schwerer Mann mit roten Händen, probierte ebenfalls. „Das verkauft sich nicht“, sagte er. „Warum?“ „Weil niemand weiß, wie man es bestellt.“ Sie nannten es zunächst einfach der Geschmack.

Später: Marcellus’ Sud. Noch später: Flussbrühe. Die ersten Zweifel kamen leise. Ilona klagte über Träume. „Ich sehe Wasser, immer Wasser“, sagte sie. „Das tust du doch ohnehin“, lachte jemand. „Nein. Ich sehe es von innen.“ Ein alter Mann bekam Fieber. „Ich habe zu viel davon gegessen“, murmelte er, als hätte er gesündigt. Péter begann wieder zu reden. „Du merkst es nicht, oder?“ „Was?“ „Dass sie sich verändern.“

Marcellus sah ihn ruhig an. „Alle

verändern sich.“

„Nein. Sie werden stiller. Langsamer. Als hörten sie etwas, das wir nicht hören.“ Marcellus schwieg. Denn er hörte es längst. In der Nacht, wenn der Wind über das Wasser strich, glaubte er Stimmen zu vernehmen. Keine Worte, eher Strömungen von Sinn. Erinnerungen ohne Bilder. Geschmäcker ohne Namen. Er begann, schlechter zu schlafen. Nicht aus Angst. Aus Nähe.

Eines Abends kam ein Fremder. Er trug einen grauen Mantel, obwohl es warm war, und stellte keine Fragen. Er setzte sich einfach, ließ sich eine Schale

bringen, aß schweigend, langsam, mit jener Andacht, die sonst nur in Kirchen vorkommt. Als er fertig war, wischte er sich den Mund und sah Marcellus lange an. „Woher stammt das?“ „Vom Fluss.“ „Das ist keine Antwort.“ „Doch.“ Der Fremde nickte. „Es gibt alte Rezepte“, sagte er leise. „Sehr alte. Älter als Länder. Älter als Sprachen.“ Marcellus spürte zum ersten Mal ein Ziehen in der Brust. „Ich habe kein Rezept.“ „Gerade das ist es, was mir Sorge macht.“ Der Mann bezahlte, stand auf,

verbeugte sich leicht – und verschwand. Niemand sah ihn je wieder. Im Herbst begann Marcellus zu schreiben. Nicht Rezepte. Sätze. Über Gerüche. Über Temperaturen. Über die Farbe des Wassers an bestimmten Tagen. Über Träume. Er schrieb: Der Geschmack verändert sich mit dem Stand der Donau. Wenn der Nebel früh kommt, wird er tiefer. Wenn der Wind von Norden weht, wird er bitter.

Doch er schrieb niemals Mengen. Vielleicht, weil er es nicht konnte. Vielleicht, weil er es nicht wollte. Kata fragte ihn eines Morgens: „Was, wenn du stirbst?“

„Dann stirbt der Geschmack mit mir.“ „Und das Rezept?“ Er lächelte. „Es gibt keines.“ „Aber irgendetwas musst du doch tun.“ „Ja.“ „Was?“ „Ich erinnere mich.“ Langsam begriffen sie. Es war kein Verfahren. Es war eine Gewohnheit. Eine Abfolge von Gesten, die im Körper gespeichert waren. Wie Gehen. Wie Atmen. Wie Lieben. Als Marcellus älter wurde, begann er, Kinder einzubeziehen. „Riech“, sagte er. „Nicht mit der Nase. Mit dem Bauch.“ „Schmeck“, sagte er. „Nicht mit der

Zunge. Mit dem Herzen.“ Sie lachten darüber. Aber sie lernten. Ohne es zu wissen. Dann kam der Winter, in dem das Fass verschwand. Ein Sturm hatte gewütet, das Ufer umgepflügt, Bäume gefällt, Boote losgerissen. Am Morgen danach war der Platz leer. Kein Fass. Kein Stein. Kein Abdruck. „Das Wasser hat es geholt“, sagte jemand. „Oder jemand anders“, meinte Péter. Marcellus ging schweigend zum Ufer, setzte sich an dieselbe Stelle wie immer – und wartete. Stunden. Tage. Er kochte

weiter. Und der Geschmack blieb. Nicht gleich. Nicht identisch. Aber unverkennbar. „Wie ist das möglich?“ fragte András. Marcellus antwortete müde: „Vielleicht ist das Fass nie der Ursprung gewesen.“ Das erste Fest entstand aus einem Missverständnis. Ein besonders heißer Juli hatte die Donau träge gemacht. Das Wasser stand niedrig, die Fische zogen langsam, und die Menschen wurden unruhig. Man kochte häufiger draußen, um die Hitze aus den Häusern zu verbannen. Eines Abends stellte jemand einen Bogrács auf den Marktplatz.

„Nur für uns“, sagte er. „Nur heute.“ Marcellus kam vorbei, setzte sich schweigend daneben, sah lange in den Kessel. „Du rührst zu schnell“, sagte er. „Dann brennt es an“, entgegnete der Mann. „Nein“, sagte Marcellus ruhig. „Dann vergisst es.“ Alle lachten. Aber sie verlangsamten die Hand. Der Duft zog durch die Gassen. Menschen kamen mit Löffeln, mit Schalen, mit Kindern auf den Armen. Jemand brachte Brot, jemand Wein, jemand eine alte Geige. Am Ende der Nacht waren sie dreißig.

Am nächsten Abend fünfzig. Eine Woche später stellten sie zehn Kessel auf. Und jemand sagte den Satz, der alles veränderte: „Das sollten wir jedes Jahr tun.“ Im zweiten Jahr gab es Regeln. „Keine Sahne!“ rief der eine. „Kein Lorbeer!“ schrie der andere. „Nur Flussfisch!“

Man stritt. „Dein Sud ist zu hell.“ „Deiner zu scharf.“ „Das hier schmeckt nach Markt, nicht nach Wasser.“ Marcellus saß meist abseits. Er probierte, nickte manchmal, schwieg oft. „Sag doch etwas!“ bat Kata.

Er antwortete leise: „Der Fluss spricht heute anders.“ Die Menschen begannen, ihre Kessel nach dem Stand des Wassers auszurichten. Nach dem Wind. Nach dem Mond. „Heute Nordluft“, murmelte jemand. „Dann weniger Salz.“ Ohne es zu merken, ahmten sie Marcellus nach. Nicht sein Rezept. Seine Haltung. Im dritten Jahr starb Marcellus. Still. Man fand ihn morgens am Ufer, sitzend, die Füße im Wasser, als hätte er sich nur ausgeruht. Niemand wusste, wie alt er gewesen war. Sie begruben ihn nahe der Donau, ohne

Stein, nur mit einem Stück Holz, in das Kata mit zitternder Hand schnitzte: Der, der hörte. Am Sommer danach sagten viele: „Jetzt ist es vorbei.“ Doch das Fest kam trotzdem. Zögernd zuerst. „Wie hat er das immer gemacht?“ „Hat er vorher probiert oder erst später?“ „Hat er Salz am Anfang oder am Ende genommen?“ Man stritt heftiger als je zuvor. Ein junger Mann warf den Löffel hin. „Das wird nichts mehr!“ Eine alte Frau lachte trocken. „Kind“, sagte sie, „das wird immer etwas.“ Sie kochten. Und der Geschmack kam.

Nicht exakt. Nicht vollkommen. Aber nahe genug, um Tränen auszulösen. „Das…“ flüsterte jemand, „das ist er.“ Mit den Jahren wurde das Fest größer. Baja füllte sich mit Rauch und Stimmen, mit Lachen und Ehrgeiz. Man begann Preise zu vergeben: für Farbe, für Schärfe, für Tiefe. Aber niemals für das beste Rezept. Denn niemand hatte eines. „Das ist doch Unsinn“, sagte ein Koch aus Szeged einmal. „Ohne Rezept keine Tradition.“ Péter, inzwischen alt, antwortete ruhig: „Ohne Erinnerung kein Geschmack.“ Man bemerkte etwas Seltsames. Kinder, die nie bei Marcellus gewesen

waren, kochten plötzlich ähnlich. Nicht bewusst. Instinktiv. Ein Mädchen sagte: „Ich weiß nicht, warum, aber es fühlt sich falsch an, jetzt umzurühren.“ Ein Junge stellte den Kessel um. „Hier ist es wärmer“, murmelte er, ohne zu wissen, woher er es wusste. Die Alten sahen sich an. „Das sitzt tiefer“, sagte Ilona. „Vielleicht im Blut.“ Man begann zu scherzen. „Der Geschmack ist erblich.“ „Ein Donaumerkmal.“ „Wie Augenfarbe, nur flüssig.“ Doch insgeheim glaubten sie es. Denn jedes Jahr, wenn der erste Löffel

verteilt wurde, trat dieselbe Stille ein. Diese kleine, andächtige Pause. Dieses Innehalten, als lauschte man einer fernen Stimme. Einmal kam ein Wissenschaftler. Er nahm Proben, schrieb Zahlen, schüttelte den Kopf. „Chemisch nichts Besonderes“, sagte er enttäuscht. „Und warum kommen dann alle?“ fragte Kata. Er schwieg. Am Abend aß er noch eine Schale. Dann eine zweite. Am nächsten Morgen blieb er länger als geplant. Heute steht das Fest jedes Jahr im Kalender. Touristen kommen, Fotografen, Kritiker. Man lächelt ihnen zu, serviert

freundlich – aber den ersten Kessel kocht man immer unter sich. Ohne Publikum. Am Ufer. Dort, wo Marcellus gesessen hatte. Jemand spricht leise: „Für den Fluss.“ Dann beginnt man. Und manchmal, sehr selten, wenn der Wind stimmt und der Nebel früh kommt, wenn die Donau schwer atmet und die Fische träge ziehen, dann geschieht es: Ein Geschmack entsteht, so vollkommen, so still, so tief, dass alle gleichzeitig aufhören zu reden. Vielleicht war es nie der Fluss gewesen, der sprach. Vielleicht war es das, was in ihnen geblieben war. Und für einen Augenblick glaubt man, Schritte im Wasser zu hören.

Epilog Rezepte können verloren gehen. Geschmack nicht. Vielleicht verändert er sich. Leise. Unmerklich. Wie der Lauf eines Flusses. Jedes Jahr, wenn in Baja die Kessel singen, sagt jemand plötzlich: „Heute schmeckt es anders.“ Dann schweigen die Alten. Nicht traurig. Nur aufmerksam. Denn sie wissen: Auch Erinnerung wandert. Vielleicht trägt die Donau den alten Geschmack noch immer in ihrem Schlamm. Vielleicht hat sie ihn längst weitergegeben – an andere Ufer, andere Hände, andere Zeiten.

Und vielleicht, eines Tages, wird jemand in einer fremden Stadt, an einem fremden Fluss, plötzlich wissen: „Jetzt.“

Ohne zu wissen warum. Dann wird der Geschmack wieder da sein. Nicht derselbe. Aber wahr.





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KatharinaK
Ich erinnere mich noch gerne meiner allerersten Zeilen - ein Schulgedicht:
Der Winter ist ein Bösewicht,
die Bäume tragen Schneegewicht,
die Stämme sind kahl
und so schwarz wie ein Pfahl,
die Felder sind weiß
und auf dem See liegt Eis.
In den seither vergangenen Jahrzehnten hat sich mein Schreibstil sicher geändert - ist erwachsen geworden -, aber die Freude am Schreiben ist ungetrübt.

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