Mit den Augen des Betrachters
Schreibparty 115
Mit den Augen des Betrachters. Das Leben als Maskenspiel
Die Vorgabewörter des Challenge lauten: Denkpause, Clown, Wolkenbildung, rostrot, Brücke, Kieselsteine, träumen.
Als Genre der Darstellung habe ich die Glosse gewählt
Das Bild Nr. 2 von Feedre diente mir als Impulsgeber.
Mit den Augen des Betrachters Welcher Autor kennt das nicht? Seine Fantasie ist erschöpft und er braucht eine Denkpause. Er gleicht darin dem Clown, der müde von seiner ewigen Verwandlung lieber weinen als lachen möchte. Wir gehen individuelle Wege, um unsere Fantasie zu
regenerieren. Auch unsere Betrachtungsweisen sind unterschiedlich, denn wir sehen unsere Umwelt von unterschiedlichen Standorten und Perspektiven mit den Augen des Betrachters. Unsere Sichtweisen differieren, als wären wir mit Masken ausgestattet, deren Sehschlitze unterschiedliche Segmente der Wirklichkeit erfassen. Eines scheint uns jedoch alle zu verbinden. Wir versuchen hinter Masken in unterschiedliche Persönlichkeiten zu schlüpfen, um unsere Fantasie zu beleben. Dabei hilft, sich in die Wolkenbildung zu versenken, auf den Wolken in immer neue Performationen zu schweben, von den leichten Zyrrhuswölkchen der Heiterkeit und Anmut über die schweren drohenden Wolken der Angst und des Zorns, von den lieblichen weißen Wölkchen der Schwerelosigkeit zu den schwefelgelben und rostroten Wolken der Leidenschaften.
Aber wir Dichter pendeln zwischen Himmel und Erde, um unsere Impressionen aus immer neuen Quellen zu schöpfen, um die Augen des Betrachters
nicht durch gewohnte Blicke zu ermüden. Wie gerne stehen wir auf Brücken, um in den Fluss des Lebens zu schauen. Das ist der magische Ort der Imagination. Wir denken über den Bau von Brücken nach. Werden sie für fruchtbare Begegnungen sorgen oder werden auf ihnen Waffen transportiert? Werden sie für den Austausch von Freunden betreten oder dienen sie feindlichen Spionen? Wandeln auf ihnen fröhliche Masken, die das Konfetti der Heiterkeit versprühen, oder finstere Mächte?
Dann senken wir unseren Blick von der Brücke auf den Fluss. Er ist das Symbol des Lebens und der Schöpfung: Panta rhei, alles fließt. Wir erblicken in dem klaren Wasser die Kieselsteine, die die Fluten zu unterschiedlichen Formen und Farben geschliffen haben, so wie wir Autoren es mit den Motiven unserer Werke in unterschiedlichen Textsorten, Metren und Rhythmen versuchen. Damit wir nicht aus dem Rhythmus fallen, schlagen wir mit Taktgefühl die Metren unserer Gedichte und unserer Prosa. Doch nicht immer will uns das gelingen und unsere Kritiker zeigen uns rostrote Brüche. Dann
benehmen wir uns wie Clowns und flüchten uns hinter undurchdringlich schwarze Masken, deren abstehende Haare unsere Verletzlichkeit zeigen. Wir brauchen wieder eine Denkpause, damit die Wunden der Eitelkeit heilen.
Aber wenn wir uns erholt haben, tauchen wir wieder ein in den azurblauen Raum der Fantasie, um unser zweites Leben als Maskenspiel fortzusetzen, und wir träumen und träumen und träumen von liebevoller Umarmung und der zarten Schleife der Anerkennung.