lena
Ein Krieg zerstört ja nicht nur Wohn-häuser, sondern auch Fabriken und Infra-struktur. So fand auch Lena über die Jah-re ersatzweise Arbeit in verschiedenen Nachbarländern, putzt die ukrainische Ingenieurin, Anfang 50, in der aktuellen Saison Zimmer und Garten eines Hotels. Zum großen Glück gibt es Handys, so daß die frischgebackene Großmutter we-nigstens auf der kleinen Scheibe ihrer geliebten Familie begegnet.
Unsere Plaudereien unterm Wein-traubendach stellen mein Russisch auf harte Proben, sie kennt einfach zu viele
Vokabeln und vergißt immer mal, ihr Temperament zu zügeln. Bulgarisch sprechen wir beide nicht, das hätte we-nigstens keine Deklination, statt der be-rühmten sechs Fälle. Doch verbindet uns gemeinsames Lachen sofort. Überhaupt ist sie von heiterer, gutmütiger Natur. Vom Plaudern kommen wir zu ernsteren Themen, wir sind halt gesundheitlich beide gewisse Mängelexemplare. Und so erfahre ich dann auch den Grund dafür, daß sie bei meiner Umarmung nur aus-weichend an ihrer Tasche nestelt: die Tragödie ihrer Jugend.
Aufgewachsen in der Tradition ortho-doxer Religion, stand für Lena fest, es
würde in ihrem Leben nur einen Mann geben. Den glaubte sie mit 18 gefunden zu haben. Schnell aber wurden dann seine Forderungen nach Unterordnung und Verzicht unmenschlich. Lena be-schönigt nichts, ihr verletzter Meniskus und eine Stichnarbe in der Nierengegend sind Beispiele für den kranken Jähzorn des Mannes. Nein, Alkohol sei nicht be-teiligt gewesen.
Wie oft in solchen Fällen, hoffte die Frau jahrelang auf bessere Zeiten … etwa, wenn das Baby ihr Verhältnis retten wür-de. Doch dann kam ihm „unser Kind“ nie über die Lippen, immer brauchte nur „Lenas Kind“ etwas. Nach zehn Jahren
war endlich das Maß so voll, daß sie das Leben als duldsames Vieh oder willen-loses Treibholz beendete und die Tren-nung bewirkte, auch wenn ihr Gott eigentlich die Ehe fürs Leben besiegelt hatte. – Einem Mann wird sie wohl nie wieder trauen.
Das erste Leben dient halt nur dem Pro-bieren und Lernen, stimmt sie mir mit einem lachenden Auge zu. Dann zeigt sie mir, welchen Unfug die lieben Kleinen zu Hause wieder angestellt haben. Ein-mal ist im Hintergrund ein zerbombter Wohnblock zu sehen. Wir stimmen darin überein, Selenskyi ist nicht ihr Freund und nicht meiner. Darüber hinaus scheint
ihr der endlose Krieg aber fast schon Normalität zu sein. Nur still wünsche ich der lebensfrohen Lena, ihr Pensum an Katastrophen sei bitte längst erfüllt. Vielleicht gar begegnet ihr ein sanfter geduldiger Msnn, der ihr das Gefühl gibt, noch einmal 17 zu sein, mit ihm ein zweites Leben zu beginnen.
Nachbemerkungen mit Buchtipps
Tradition Nr. 1:
Gewalt gegen Frauen betrifft Opfer jeden Alters und aller sozialer Schichten. Im Jahr 2022 wurden in Deutschland 118148 Fälle häuslicher Gewalt gegen Frauen registriert. 2023 wurden laut BKA 155 Frauen in Deutschland durch ihren (Ex-) Partner getötet.
Quelle:
https://www.bpb.de/themen/gender-diversitaet/femizide-und-gewalt-gegen-frauen/
Tradition Nr. 2:
Lena meinte zuerst erklären zu müssen, sie sei keine der „schlechten Frauen“, für die alle Ukrainerinnen gehalten würden. Das Stereotyp war mir neu; ich ver-sicherte ihr, nicht mal Macho zu sein und erzählte von den russischen Zuhältern, die in Berlin schon Frauen aus den ersten Flüchtlingszügen mit herzlichen Verspre-chungen kaperten – von wegen „schlech-te Frauen“. Für „Subotnik“ aus einem Buch des pensionierten Strafverteidigers von Schirach fehlten mir leider die Vo-kabeln: Da erschien eine Rumänin mit zerstörter Seele und ausgestochenem Auge als Klägerin
…
Ferdinand von Schirach: „Strafe“, btb, 2021
Lesetipp!!
Tradition Nr. 3 und 4:
Deutsche kannten wohl entweder bis 1990 nur das „einige Volk der ruhm-reichen Sowjetunion“ oder hielten sogar bis zum aktuellen Krieg auch Ukrainer, Letten, Usbeken usf. nur für „die Rus-sen“. Spätestens 1932 aber entstand zwischen Ukrainern und Russen tiefer Haß: Stalin beschlagnahmte die gesamte ukrainische Ernte einschließlich Saatgut
fürs Folgejahr. Über drei Millionen Ukrainer verhungerten, Butter und Ge-treide aus der Ukraine wurden in Paris und Berlin verkauft und riefen dort Be-wunderung der sowjetischen Wirtschafts-kraft hervor. – Eine Ukrainerin erzählte mir, ihre Eltern verabscheuten lebenslang Kaviar, denn in der Hungerzeit war der ihre einzige Nahrung, sie wohnten am Meer.
Z.B. wird diese Episode beiläufig ge-schildert (wie auch Revolution, Bürger-krieg, Säuberungen, deutsche Angriffs-kriege …) im wunderbaren Roman „Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“ von Marina Lewycka, dtv,
2005
Lesetipp!!
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