statt eines Vorwortes
Zunächst ist eine Geschichte erstmal eine Geschichte und kein wirklicher Tatsachenbericht, auch wenn die meine in der Tat gewisse haarstäubende Überhöhungen enthält, über die es sich jedoch sicher lohnt, auch einmal etwas tiefer darüber nachzudenken...
Ich möchte hier an dieser Stelle auch keine Lanze pro, oder kontra brechen, aber sollte es nicht jedem selbst überlassen bleiben, wofür er sich letztlich entscheidet, auch ohne den staatlichen Zwang, sich schriftlich festlegen zu müssen?...
Noch kann ich mich frei und selbstbestimmt in meinem Sinne entscheiden. Ist aber diese Hürde ersteinmal komplett gefallen, dann ist es womöglich bis zur "Pflichtspende" nicht mehr weit...
Denn schon die nächste Regierung könnte unter Umständen ein entsprechendes Gesetz einbringen...
Bleistift
zeit ist geld
»Guten Morgen, mein Name ist Ursula Obermeier, mein Mann ist gestern in der Nacht in München bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ich sollte mich hier bei Ihnen melden…«
Die Schwester in der Anmeldung der Notaufnahme der Münchener Maximilianklinik nahm ihren Blick aus den Papieren, in denen sie gerade noch intensiv nachgelesen hatte, rückte sich ihre Brille zurecht und schaute der schwarzgekleideten Frau etwas überrascht in deren gramvoll verzogenes Antlitz.
»Entschuldigung, sind Sie sicher, Frau…, die Angestellte suchte im Geiste noch krampfhaft nach dem Namen, der ihr soeben genannt
wurde, …dass Sie sich hier bei uns in der Notaufnahme melden sollten?«
»Obermeier… ist mein Name. Es geht um Franz Obermeier, meinem Ehemann. Ich wurde heute Morgen, um zwei Uhr in der Nacht von Ihrem Institut telefonisch darüber informiert, dass mein Mann in dieser Nacht einen tödlichen Autounfall erlitten hätte und ich mich umgehend bei Ihnen melden solle… Leider konnte ich nicht eher kommen, da die erste Bahn nach München erst…«
Die Frau verstummte, suchte schluchzend in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch und wischte sich die Tränen aus ihrem Gesicht.
»Oh‘, es tut mir leid, aber da sind Sie hier bei uns in der Notaufnahme ganz falsch. Aber
warten Sie, ich rufe gleich die zuständige Disponentin an und die wird sich dann sofort um Sie kümmern. Bitte nehmen Sie doch einstweilen erst einmal Platz, Frau Obermeier, bis die Kollegin in Kürze für Sie da sein wird«, erwiderte die Dame von der Anmeldung und verwies die Besucherin auf eine Reihe grauer Metallstühle, die fest miteinander verbunden und auf dem Fußboden angeschraubt worden waren, während sie umgehend nach einem mobilen Telefon griff und rasch dessen Tasten betätigte.
»Guten Morgen, Frau Obermeier, ich bin Teresa Waldmüller, die Disponentin des Maximilianklinikums«, begrüßte kurz darauf eine schlanke Grauhaarige in einem edlen Kostüm, die schwarzgekleidete Frau. »Mein
herzliches Beileid zum Tode Ihres Gatten, aber wir konnten leider nichts mehr für ihn tun, denn noch während der Behandlung auf dem OP-Tisch verstarb er plötzlich an seinen schweren inneren und äußeren Verletzungen, die er während eines unverschuldeten Autounfalles erlitten hatte. Was für eine Tragödie. Aber bitte, gehen wir doch in mein Büro.«
Sie reichte der Witwe symbolhaft ihre
trostspendende Hand und geleitete sie anschließend in ihr Büro.
»Sind Sie in der Lage, mir ein körperliches Merkmal, oder eine Besonderheit am Körper Ihres verstorbenen Mannes zu benennen, denn eine Identifizierung durch eine persönliche Inaugenscheinnahme, die möchte
ich Ihnen nach dieser Geschichte gern ersparen. Ich denke, es wäre am besten, Sie behielten ihn so in der Erinnerung, wie Sie ihn das letzte Mal lebend gesehen hatten, denn in seinem jetzigen Zustand bietet er Ihnen sicherlich keinen besonders ansehnlichen Anblick mehr…«
Völlig entgeistert blickte Ursula Obermeier die Disponentin an,
»Wie meinen Sie das?«
»Nun ja, so ein Unfall und die anschließend durchgeführten Maßnahmen, die hinterlassen natürlich Spuren, die das Opfer hinterher unter gewissen Umständen nicht gerade sehr vorteilhaft ausschauen lassen, bitte glauben Sie mir, Frau Obermeier. Fällt Ihnen denn da gar nichts ein, woran man Ihren Gatten
zusätzlich hätte identifizieren können?«
»Sein rechtes Kniegelenk ist vor zwanzig Jahren durch ein künstliches Gelenk aus Titan ersetzt worden und er kam sehr gut zurecht damit.«
»Lautete die Nummer dieses implantierten künstlichen Kniegelenkes vielleicht 3.79321-08154711?«
»Das kann gut sein, denn ich selbst habe diese Nummer ja nie mit eigenen Augen sehen können.«
Teresa Waldmüller nickte erleichtert,
»Wir haben inzwischen die Nummer in der Datenbank recherchiert und es ist in der Tat dieselbe Nummer eines Titangelenkes, welches man Ihrem Mann im Jahre 1998 implantiert hatte. Sie brauchen also Ihren
verstorbenen Ehemann nicht durch eine Sie womöglich emotional stark belastende Inaugenscheinnahme gesondert zu identifizieren. Ihre hier getätigten Angaben genügen demzufolge in vollem Umfang den juristischen Anforderungen. Machen Sie sich also darüber keine Sorgen, Frau Obermeier.«
Die Disponentin setzte auf einem dicht bedruckten A4-Bogen, ein weiteres Häkchen hinter einer abzuarbeitenden Frage.
»Wenn ich Sie noch etwas fragen darf?«
»Nur zu, Frau Obermeier.«
»Was meinten Sie eigentlich mit den Worten, …nach den anschließend durchgeführten Maßnahmen…, als Sie von gewissen Spuren der Veränderungen nach dem Unfall meines Mannes sprachen, Frau Waldmüller?«, wandte
sich die Witwe mit tränendem Blick wieder an die Disponentin.
»Um es gleich vorweg zu nehmen, so hatte es bei all der Tragik der Geschichte natürlich auch sein Gutes«, fuhr Teresa Waldmüller fort, nachdem sie der trauernden Witwe ungefragt und kommentarlos eine Tasse frisch gebrühten Kaffees eingeschenkt hatte. »Denn so konnten auf diese Weise wenigstens gleich sieben weitere Menschenleben vor dem Tode gerettet werden und allein mit dieser seiner, so lebenswichtigen Organspendeaktion hatte Ihr verstorbener Gatte somit sein Leben wenigstens nicht ganz umsonst geopfert.«
Ursula Obermeier schüttelte betrübt den Kopf,
»Mein Mann hatte es zu Lebzeiten immer abgelehnt, seine Organe für eine solche
Organspende zur Verfügung zu stellen. Er war definitiv der Meinung, dass bei der Vergabe von Organen vieles nicht mit rechten Dingen zugehen würde und schließlich hatte er ja wohl auch nicht ganz unrecht damit, wenn man sich die vielen Transplantationsskandale in Deutschland aus den Jahren 2012 und 2013 so anschaut. Er hatte es zuletzt sogar ausdrücklich schriftlich abgelehnt, denn er wollte im Falle eines Falles, weder ein Organ gespendet bekommen und auch keines je spenden«, erklärte die Witwe aufgeregt und suchte in ihrer Handtasche nach einem zusammengefalteten Papier. »Ich habe es extra mitgebracht, falls Sie mich dazu befragen würden.«
Sie überreichte der Disponentin ein Stück
Papier ihres verblichenen Gatten, auf dem detailliert diese handgeschriebene, durch Unterschrift und Stempel eines Justiziars, schriftlich beurkundete Information nachzulesen war. Nachdem Teresa Waldmüller, inzwischen eine Spur blasser geworden, jenes Dokument intensiv studiert hatte, faltete sie es wieder zusammen und gab es der Witwe zurück.
»Das tut mit jetzt aber außerordentlich leid, werte Frau Obermeier, aber ein solches Schreiben ist zudem leider ungültig, denn Ihr Gatte hätte noch zu seinen Lebzeiten einen entsprechenden Organspende-Ausweis beantragen müssen, auf welchem ausdrücklich hätte vermerkt werden müssen, dass er keinerlei Organspende wünsche und
gegebenenfalls auch freiwillig auf diverse lebensverlängernde Maßnahmen verzichte. Da wir aber bei ihm nach seiner Einlieferung in unser Hospital kein entsprechendes Papier, oder einen solchen Organspende-Ausweis gefunden haben, haben wir nach Recht und Gesetz gehandelt und einige seine Organe transplantiert. Denn führende Politiker von CDU und SPD** haben sich unlängst dafür ausgesprochen, wenn der Patient nicht zu Lebzeiten einen solchen Ausweis beantragt und damit ausdrücklich einer Transplantation widersprochen hatte, dass ihm im Falle eines Hirntodes die benötigten Organe entnommen und automatisch für eine Transplantation freigegeben werden können. Da dies nun mittlerweile auch in Deutschland zum Gesetz
erhoben wurde, weil die Spendenbereitschaft der Bürger zu unserem Bedauern doch sehr nachgelassen hatte, sehen wir uns in der Richtigkeit unseres Handelns bestärkt. Sie bekommen von uns übrigens auch noch den Betrag von 67,89 € auf Ihr Konto überwiesen, weil wir Ihnen den Materialwert für das zurückgeführte Titan erstatten, den uns die Firma Schmelz & Schmerz für das metallene Kniegelenk Ihres Mannes gezahlt hatte. Sie sehen, wir wollen uns auch keinesfalls am Tod unserer Patienten bereichern, auch wenn es immer heißt, Zeit ist Geld. Wenn Sie hier bitte unterschreiben würden…«
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Nachtrag:
Mit der heutigen Abstimmung im Deutschen Bundestag haben die sich Abgeordnen gegen eine verbindliche Pflicht zur Organspende entschieden...
Berlin, den 16. Januar 2020
** Info:
"ARD-Tagesschau" vom Samstag,
dem 02. Juni 2018, 20.00 Uhr
Impressum
Cover: selfARTwork
Covermotiv: by Google
Text: Bleistift
© by Louis 2018/6 last Update: 2026/5