Lavendel
Teil 2
Die Wiederbegegnung
Wie vom Donner gerührt stand ich da, lauschte mit angehaltenem Atem in die Natur hinein, rieb mir ungläubig die Augen. Ich begriff die Welt nicht mehr. Denn außer dem unentwegten Summen der Insekten war ringsherum praktisch überhaupt kein Laut zu vernehmen, so sehr ich mich dabei auch anstrengte mich auf irgendein anderes Geräusch zu konzentrieren. Oula’Ra, diese wunderschöne, tiefschwarze Frau hatte sich praktisch lautlos vor meinen Augen irgendwie vollständig aufgelöst und war dann plötzlich
spurlos verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Das alles konnte doch eigentlich nicht mit rechten Dingen zugehen und grenzte für einen Laien schon fast an Hexerei. Als ehemaliger Schiffsoffizier war ich zwar an so einiges gewöhnt, aber dieses hier überstieg doch meine Vorstellungskraft bei weitem. Das Schlimmste daran war jedoch, dass ich langsam an mir selbst zu zweifeln begann. Hatte mir der Absinth vom Abend zuvor noch immer den Geist vernebelt, oder hatte mir die gnadenlos brütende Sonne von Arles mein Gehirn jetzt schon so sehr ausgedörrt, dass ich bereits höchst seltsame Halluzinationen wahrzunehmen glaubte? Ich schüttelte den Kopf, denn ich hatte sie doch eindeutig sehen können, sogar auch mit ihr gesprochen. So
viel schien schon mal sicher. Oder etwa nicht? Jedenfalls konnte ich mich noch sehr lebhaft in allen Einzelheiten an sie erinnern und sie natürlich auch bestens beschreiben. Auch hatte sie mir doch wohl nicht ganz umsonst ihren melodisch klingenden Namen genannt, Oula’Ra. Himmel noch eins, das alles konnte ich doch nicht nur geträumt haben und spätestens nach dem Genuss des opulenten Frühstücks von Madame Lefevre war ich meiner Meinung nach, nur mal rein menschlich betrachtet, gewissermaßen auch wieder problemlos herzeigbar.
Dennoch, diese ungewöhnlich schöne Frau blieb einfach spurlos verschwunden und ich hatte überhaupt keine Ahnung auf welche Weise sie mir quasi vor meinen eigenen
Augen abhandengekommen war. Ein schier unglaubliches Phänomen, mit welchem ich gefühlsmäßig und auch sonst überhaupt nicht klar kam, denn dergleichen ist mir noch niemals je zuvor zugestoßen.
Selbst der beste Magier auf der Varietébühne vom Moulin Rouge am Place Pigalle in Paris hätte einen solchen, beinahe schon phantastisch anmutenden Zaubertrick vermutlich nicht besser inszenieren können.
So starrte ich wie gebannt, ja, geradezu verblüfft auf meine frisch aufgelegte Palette und die leere Leinwand, die immer noch im jungfräulichen Weiß auf der Staffelei stand.
Ich wünschte, ich hätte im entscheidenden Augenblick einen von diesen neumodischen amerikanischen photographischen Apparaten
dabeigehabt und damit das Abbild dieser Frau auf einen lichtempfindlichen Eastman-Rollfilm gebannt. Dann hätte ich jetzt wenigstens ein mit Licht gezeichnetes, unbestechliches Portrait von ihr gehabt. So beschloss ich nach reiflicher Überlegung jedoch diese ganze obskure Geschichte für mich zu behalten und gegenüber niemanden auch nur ein einziges Sterbenswörtchen zu verlieren. Auch Vincent gegenüber nicht. Denn ohne einen wahrhaft schlüssigen Beweis ihrer Existenz würde ich hinterher sehr wahrscheinlich nur als ein elender Lügner, oder bestenfalls als ein hirnrissiger Phantast dastehen. Beides war für mich jedoch gleichermaßen inakzeptabel.
In meinem Kopf geisterte nur noch ein Satz, dass sie noch einmal wiederkommen würde,
ein einziges Mal nur. Wann und warum nur noch einmal? Morgen. Und wohin zum Teufel ging sie zwischenzeitlich? Zu einem Schiff im Mittelmeer vor der Küste der Provence? Nackt, ohne ein einziges Kleidungsstück? All das waren Fragen, die mich beschäftigten und zu denen es nach ihrem ungewöhnlichen Verschwinden natürlich keine logische Antwort geben konnte. Ihr Bildnis, ihre charmante Art und ihre ungezwungene Natürlichkeit hatten sich im Bruchteil einer Sekunde in mein Herz gefressen und ließen mich nicht mehr los. Malen konnte ich an diesem Tag natürlich nichts mehr, dafür war mir jegliche Stimmung verflogen. Auch wagte ich nicht das Antlitz dieser schönen Frau aus dem Gedächtnis auf die Leinwand zu bringen, einfach aus Angst,
ich träfe sie womöglich nicht richtig und würde sie mir im Nachhinein anders malen, als ich sie in der Erinnerung hatte. Ich beschloss morgen Vormittag um die gleiche Zeit noch einmal zu diesen beiden Olivenbäumen zurückzukehren, in der Hoffnung jene Oula’Ra dort erneut anzutreffen. Eine andere Alternative sah ich nicht, denn es gab keinerlei Vereinbarung zwischen uns, die einen Ort, geschweige denn irgendeine Zeit benannt hätte. Es gab nur diesen einen vagen Hinweis von ihr selbst und der musste mir genügen, wollte ich die schöne Schwarze noch einmal wiedersehen. So machte ich mich gleichsam unverrichteter Dinge und mit grüblerischen Gedanken im Kopf wieder auf den Heimweg. Angeschlagen schlich ich mich zurück in die
Pension der Madame Lefevre und legte mich ins in Vincents Bett, wo ich sogleich in einen totenähnlichen Schlaf versank…
Am nächsten Morgen erwachte ich frühzeitig bei Sonnenaufgang und die angenehm frische Nachtkühle strömte durch die weit geöffneten Fensterflügel in Vincents kärglich eingerichtetes Zimmer. Ich hatte den ganzen restlichen Tag, wie die darauffolgende Nacht, komplett durchgeschlafen und ich fühlte mich bei meinem Erwachen so stocknüchtern, wie schon seit Jahren nicht mehr. Mir war, als hätte ich in der Nacht von ihr geträumt. Sie, deren Name sich mir schon ins Gedächtnis eingebrannt zu haben schien. Oula’Ra... Er klang wie Musik in meinen Ohren und ich wäre
am liebsten wie ein frisch verliebter Narr sofort losgelaufen, nur um sie unter den Olivenbäumen möglichst bald wiederzusehen.
Madame Lefevre hatte längst mitbekommen, dass ich bereits wach war und mir inzwischen wieder ein treffliches Frühstück zubereitet. Sie stellte mir wortlos einen frisch aufgebrühten Pott schwarzen Kaffees auf den Tisch, dessen aromatisch dampfender Inhalt die gleiche schwärzliche Tiefe aufwies, wie die sinnliche Haut jener jungen Frau, der ich gestern in den üppig blühenden Lavendelfeldern begegnet war.
Während ich mich mit einem entsprechenden Heißhunger über die köstlich duftende Omelette hermachte, setzte sich Madame Lefevre mir gegenüber an das andere Ende
ihres alten Küchentisches.
Sie schaute mir mit aufgestützten Ellenbogen ohne auch nur eine Regung zu zeigen, stumm beim Essen zu. Als ich ihr opulentes Mahl verzehrt hatte, schien meine erneuerte Welt grundsätzlich wieder in Ordnung zu sein und mein abenteuerlicher Tatendrang mit einem Schlage wiederhergestellt.
»Ich werde heute den ganzen Tag in den Lavendelfeldern da draußen bei diesen beiden Olivenbäumen malen. Dieses Motiv hatte ich mir gestern bereits schon einmal angesehen. Das wird bestimmt phantastisch.« Sie nickte nur stumm.
»Werden Sie auch wiederkommen, Paul?«, fragte sie mich plötzlich nach einer Weile völlig unvermittelt und sah mich dabei seltsam an.
»Ja, selbstverständlich, Madame Lefevre, warum sollte ich denn auch nicht wieder zurückkommen?«, fragte ich völlig verblüfft.
»Ach, es war nur so ein törichter Gedanke«, meinte sie nachsinnend, erhob sich und füllte mir geschäftig meine Aluminiumflasche mit frischem Wasser auf. »Passen Sie aber trotzdem gut auf sich auf, Monsieur Gauguin, denn nicht immer ist alles auch tatsächlich so, wie es uns gelegentlich erscheinen mag…«
»Was meinen Sie damit, Madame, wie soll ich Ihre Worte verstehen?«
»Vergessen Sie es einfach, Paul, ich rede manchmal nur zu viel mit mir selbst, seit mein Mann tot ist…« Sie schwieg abermals eine Weile und fuhr dann fort, »Er war zwar kein Maler, aber es zog auch ihn damals genau zur
Hochzeit der Lavendelblüte ebenso magisch wie Sie heute, mit Macht zu diesen beiden Olivenbäumen hin. Und... er kam nicht wieder. Am nächsten Tag fand man ihn dann tot, in der Nähe der beiden Olivenbäume, mitten im Lavendelfeld… Es sei wohl ein bedauerliches Herzversagen gewesen, meinte der Monsieur, Docteur Moreau, denn man hatte keinerlei äußeren Verletzungen an seiner Leiche feststellen können.«
»Das tut mir wirklich leid, Madame, ich wollte nicht…«
Sie winkte ab,
»Schon gut, Monsieur Paul, passen Sie nur auf sich auf…«, sagte sie leise und wischte sich mit ihrem weißen Taschentuch eine Träne aus dem Auge.
Ich nickte ihr noch einmal zu und verließ das Haus wie am Vortag in Richtung der südlichen Stadtgrenze, ebendort wo ich jene beiden Olivenbäume inmitten der üppig blühenden Lavendelfelder wusste.
Mir ging das ungewöhnliche Verhalten der Madame Lefevre nicht aus dem Sinn. Je mehr ich aber darüber nachdachte, umso mehr gewann ich den Eindruck, dass Monsieur Lefevre, damals in den Lavendelfeldern durchaus auch etwas gesehen, oder erlebt haben könnte, was ihn letztlich das Leben gekostet hatte. Noch zumal, wenn ich dabei an das ominöse Verschwinden dieser seltsam schwarzen Frau dachte, die sich selbst Oula’Ra nannte.
Da mir aber die ganze Grübelei in diesem Fall
leider auch nicht weiterhalf, schritt ich umso entschlossener denn je aus, nur um die Zeit nicht zu verpassen, zu welcher ich gestern an diesen beiden Olivenbäumen eingetroffen war.
Wieder brannte die Sonne bereits am frühen Vormittag erbarmungslos auf die duftenden Lavendelfelder nieder und die irrsinnige hochsommerliche Hitze nahm rasch zu, als endlich die beiden Olivenbäume in Sichtweite gerieten. Ich blieb kurz stehen und schirmte mit der Hand meine Augen gegen das grelle Licht der Sonne ab. Aber außer den beiden Olivenbäumen und den abertausenden von blau blühenden Lavendelpflanzen, die weiterhin permanent einen betörenden Duft verströmten, war weit und breit nichts zu sehen. Schließlich erreichte ich diese beiden
einzigen Schattenspender in dem Meer voller duftender Pflanzen. Von jener schwarzen Frau allerdings fehlte jede Spur. Ich zog meine silberne Taschenuhr, dem einzigen Geschenk meiner Ex-Frau, aus dem Revers und ließ den Sprungdeckel über dem Uhrglas aufspringen. Nach einem Blick auf das Zifferblatt war ich mir sicher, zur nämlichen Zeit an Ort und Stelle zu sein, als ich hier am Vortag auf diese ungewöhnlich schöne, tiefschwarze Frau getroffen war.
Ziemlich enttäuscht stellte ich die Staffelei und meinen Rucksack mit den Malutensilien neben den Olivenbäumen ab und setzte mich mit dem Rücken an den Stamm gelehnt, auf den grasbewachsenen Boden. Das Atmen fiel schon schwerer und ringsherum flimmerte die
Luft bereits wegen der übermächtigen Hitze. Aber außer dem permanenten Summen jener emsigen Insekten war auch sonst wieder nichts zu hören. Ich wischte mir mit einem Linnentuch den brennenden Schweiß aus Gesicht und Nacken und beschloss geduldig noch eine geraume Weile auf ein Wunder zu warten.
Ich musste dabei wohl ein wenig eingenickt sein, denn als ich kurz darauf wieder erwachte saß diese vollkommen schwarze Frau, nackt mit gekreuzten Beinen, unmittelbar vis-à-vis vor mir im Gras und starrte mich unentwegt aus ihren leuchtend blauen Augen heraus an. In diesem Moment wechselte innerhalb eines Wimpernschlages ihre Augenfarbe in ein intensives Türkis hinüber, was mir anfangs
jedoch kaum auffiel. Nur im Nachhinein kehrte die Erinnerung daran bruchstückhaft zurück. Im Nu war ich jedoch hellwach…
»Oula’Ra…«, rief ich völlig überrascht aus. Sie sah mich wieder mit ihrem gewinnenden Lächeln an und sagte,
»Ich bemerkte dich längst, Paul. Es ist schön, dass du noch einmal hierher an diesen Ort zurückgekehrt bist, denn heute werde ich dein Land wieder für lange Zeit verlassen.«
»Wohin wirst du fahren, Oula’Ra?«
»Ich werde mit dem Schiff wieder fortfahren und wir werden uns bestimmt niemals wiedersehen, Paul«, sagte sie und ihre bezaubernde Stimme nahm dabei ein deutlich dunkleres Timbre an.
»Wo bist du zuhause, Oula’Ra?«, fragte ich
sie, ebenfalls ein wenig betrübt, da ich sie heute wohl zum letzten Mal sehen sollte. Sie sah mich lange an und schwieg, als hätte sie meine Frage nicht verstanden. Doch dann begann sie ohne Umschweife von sich heraus zu erzählen an. Dabei bemerkte ich nun auch zum ersten Mal, dass sie zu mir sprach, ohne jedoch dabei ihre Lippen zu bewegen. Ihre Worte entstanden einfach in meinem Kopf und es bedurfte keinerlei Hilfsmittel, um sie originalgetreu verstehen zu können, denn jedes einzelne ihrer an mich gerichteten Worte konnte ich, vorgetragen im reinsten akzentfreien Französisch, klar und deutlich wahrnehmen. So saß ich denn in der Glut der Mittagshitze an den Stamm des Olivenbaums gelehnt und lauschte schier atemlos mit
geschlossenen Augen dem Beginn ihrer unglaublichen Geschichte, welche immer phantastischer wurde, je mehr sie mir darüber berichtete…
-Fortsetzung folgt-
Impressum
Cover: selfARTwork
Text: Bleistift
© by Louis 2017/3 Update: 2019/10