Science Fiction
Lavendel - Teil 1

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"Dann begann sie sich innerhalb von wenigen Augenblicken vor meinen Augen quasi in Nichts aufzulösen."
Veröffentlicht am 05. März 2017, 32 Seiten
Kategorie Science Fiction
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Über den Autor:

Mit Vorliebe schreibe ich Drabbles, Krimis und Kurzgeschichten... Ich liebe diese fabelhaft pointierten Miniatur-Geschichtchen. Zur Abwechslung schreibe ich auch gern mal eine erotische Geschichte... Ansonsten hoffe ich auf viele geneigte Leser und freue mich über jeden ehrlich gemeinten Kommentar. Zwei Städte sind mir neben Berlin besonders wichtig: Paris und Venedig... 09.Mai 2015 Ich habe heute erfahren müssen, dass Silvi ...
Dann begann sie sich innerhalb von wenigen Augenblicken vor meinen Augen quasi in Nichts aufzulösen.

Lavendel - Teil 1

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Lavendel

Teil 1








Science Fiction

Lavendel

Teil 1

Die Reise nach Arles… Der Sommer in Paris in jenem für mich so ereignisreichen Jahr 1888 war ungewöhnlich heiß, wenngleich es zwischendurch auch immer wieder ziemlich heftig, ja geradezu sintflutartig regnete. Deshalb saß ich während der oftmals tagelang anhaltenden Schwüle meist im kühleren Schatten der Kathedrale von Notre-Dame und malte hübsche kleine Stadtansichten in Form von handlichen, postkartengroßen Aquarellen vom Seineufer. In erster Linie mehr für die flanierenden Bürger und jene Reisenden, die

bereit waren einige Centime für ein kleines Erinnerungsbild an Paris auszugeben. Oder auch hin und wieder für ein paar kleine aufreizende Aktbilder in Ölfarbe von Suzanne und Colette, den beiden süßen Amüsiermädchen vom Quai de la Tournelle, die ich dafür mit einem heißen Kaffee und einem frischen, knusprigen Croissant bezahlen konnte. Während sie ansonsten für ein paar Centime unterhalb von Notre-Dame für ein anderwärtiges und sehr individuelles Vergnügen ihrer Verehrer sorgten. So schlug ich mich denn mehr schlecht, als recht durchs Leben. Diese direkt verkauften Bildchen verschafften mir immerhin ein, wenn auch recht bescheidenes Einkommen um mich damit wenigstens über Wasser halten zu

können. Obwohl es mitunter sogar nicht einmal mehr für Farben, Pinsel oder auch nur einen halben Fetzen Leinwand gereichte. Größere Aufträge waren dagegen eher die seltenere Ausnahme und mich darauf verlassen, dass konnte ich gleich gar nicht. Ich musste plötzlich wieder an Vincent denken, für den das alles jedoch nicht in Frage kam. Er, Vincent van Gogh, hatte noch ganz andere ehrgeizige Pläne, auch wenn er bislang noch immer keines seiner zugegeben ziemlich ausdrucksstarken Bilder verkaufen konnte. Zwar dümpelte auch er stets am Rande seiner Existenz, aber im Gegensatz zu mir hatte er einen überaus treusorgenden jüngeren Bruder, der in Paris eine kleine renommierte Bildergalerie führte. Somit konnte

Theo van Gogh seinem älteren, allerdings etwas finanzschwachen Bruder mit ein paar zusätzlichen Franc gelegentlich sehr hilfreich unter die Arme greifen, damit der wenigstens an seinen opulenten Bildern weitermalen durfte. Erneut nahm ich nun Vincents letzten Brief zur Hand und las ihn noch einmal durch, obwohl ich ihn gewiss schon zum hundertsten Male gelesen hatte und seine begeisterten Zeilen daher bereits beinahe schon auswendig kannte. Ein Satz blieb mir jedoch besonders in der Erinnerung haften, in welchem er nicht müde wurde zu betonen, wie schön es doch zu dieser Jahreszeit im Süden der Provence wäre und vor allem, was das Licht hier mit einem mache. Auch, dass die nassen

Ölfarben auf seiner Palette geradezu von selbst zu leuchten begannen, wenn nur die Sonne im richtigen Winkel darauf schien. Außerdem blühe gerade jetzt der Lavendel und mit seinem bezaubernden Duft überflutete er derart gewaltig die ganze Gegend, dass dieser Lavendelduft sogar wie betörend auf ihn wirke. Auch sei das Blau der Blüten dieser lieblich duftenden Pflanze in diesem südlichen Licht wohl eher nicht von dieser Welt, teilte er mir in seinen begeisterten Zeilen, wie stets in überschwänglicher Freude mit. Ich glaube, er hat seinen sehnlichsten Wunsch, in Arles eine große Künstlerkolonie zu gründen, noch immer nicht aufgeben können.

Ich wusste, dass Vincent ein Mensch mit unglaublich enormen Leidenschaften und

überaus starken Emotionen war, auch dass es ihm manchmal recht schwer fiel, sie gelegentlich sogar im Zaume zu halten. Als ich mir aber seinen letzten Brief erneut durchgelesen hatte dachte ich sogleich an die flirrende Hitze über den Dächern von Paris. Ebenso an den penetranten Gestank in der Marktgasse, dort wo ich eine der vielen winzig kleinen Mansarden bewohnte und wo die laut schreienden Marktfrauen ständig ihre stinkenden Fischabfälle direkt in die Gosse warfen, nachdem sie die Tiere entschuppt und filetiert hatten. Die Aussicht auf eine frische Brise vom Meer und der betörende Duft von blühendem Lavendel erschien mir dagegen geradezu wie der lieblichste Odem einer bezaubernden Göttin aus dem Paradies zu

sein.

Eigentlich nur ein weiterer Grund mehr, um sofort den nächstbesten Eisenbahnzug in den Süden zu nehmen, Paris zu verlassen und in Windeseile nach Arles, ans nahe Mittelmeer zu entfliehen. Dieser Gedanke hatte geradezu etwas Faszinierendes und gewann angesichts dieser unerträglich zunehmenden Schwüle immer mehr mein Interesse, zumal Vincents persönliche Einladung und mein gegebenes Versprechen, ihn unbedingt einmal in Arles besuchen zu wollen, immer noch ausstanden. Kurz entschlossen packte ich also am selben Abend noch meine Siebensachen, sowie sämtliche Malutensilien zusammen und da ich rein gar nichts zu versorgen hatte, reiste ich

sogleich am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe mit der Dampfeisenbahn vom Lyoner Bahnhof nach Marseille und von dort aus weiter nach Arles. Das Geld reichte gerade so für das preiswerteste Billet in der Holzklasse. Den Rest musste ich ohnehin für die erste Miete aufheben, um des Nachts wenigstens irgendwo mein müdes Haupt betten zu können. In Arles hoffte ich darauf, günstig ein paar kleinere Stadtansichten von Paris, nebst einiger dieser entzückenden frivolen Bildchen von Suzanne und Colette zu verkaufen, die ich zuhause in der Mansarde für schlechte Zeiten bereits auf Vorrat gemalt hatte.

Als ich dann todmüde und abgekämpft spät in der Nacht auf dem Bahnhof in Arles eintraf,

erkundigte ich mich zunächst nach Vincents derzeitiger Adresse, der Pension von Madame Lefevre. Ein alter Rollkutscher ließ mich für ein paar Schlucke Absinth großzügig auf seinem klapprigen Gefährt aufsitzen, denn Gäste aus dem fernen Paris beförderte er nicht allzu oft durch Arles und so rumpelten wir tief in der Nacht dem südlichen Stadtrand entgegen. Vincents Wirtin, eine korpulente, ältere Dame von Ende fünfzig, empfing mich trotz der späten Abendstunde zwar recht freundlich, wartete aber gleich mit einer schlechten Nachricht auf, indem sie mir bedauernd mitteilte, dass Vincent ausgerechnet gestern nach Paris gefahren sei, um von seinem Bruder etwas Geld zu erbitten. Aber auch, um die vielen neu gemalten Bilder nach Paris zu

schaffen, die er in einem Nebengelass in der Galerie seines Bruders auszustellen gedachte, damit Theo van Gogh sie dann an mögliche Kunstinteressenten verkaufen könnte. So hatten wir uns also um einen Tag nur knapp verfehlt, der Vincent und ich. Nun stand ich plötzlich mitten in der Provence vor Vincents Quartier und hatte nicht einmal ein Dach über dem Kopf. Die mitleidige Seele von Madame Lefevre erkannte aber sofort meine trostlose Situation und nickte verstehend, »So kommen Sie doch schon herein. Der Vincent hat mir inzwischen schon so viel von Ihnen erzählt und sich auch so sehr darauf gefreut, dass Sie ihn in Arles besuchen kommen würden. Jeden Tag hatte er nachgefragt, ob Post von Ihnen eingetroffen

sei. Und nun ist er selber nicht einmal da, um Sie persönlich begrüßen zu können. Er hatte immer drauf gehofft, dass Sie eines Tages hier in Arles aufkreuzen und mit ihm gemeinsam den Beginn einer Art Künstlerkolonie ins Leben rufen würden. Aber jetzt sind Sie zum Glück endlich da und binnen einer Woche, so hatte der Vincent es versprochen, wollte er ja auch wieder zurück sein. Wenn Sie nur für heute Nacht erst einmal mit seinem bescheidenen Zimmer Vorlieb nehmen möchten, bis ich Ihnen morgen ein eigenes hergerichtet haben werde. Aber bitte, fassen Sie mir um Himmels Willen nichts von seinen persönlichen Sachen an, darin ist er sehr penibel und äußerst empfindlich. Ich lege Ihnen nur eben rasch noch neues Bettzeug

auf und ich glaube, für diese eine Nacht wird es sicherlich schon mal gehen. Sie können aber auch gern in einer anderen Pension übernachten, so Sie es denn vorziehen sollten, lieber anderswo...« »Oh‘ nein, nein, ich bin Ihnen überaus dankbar für alles und würde sehr gern hier bleiben, wenn es Ihnen nichts ausmacht, Madame Lefevre«, erwiderte ich angenehm überrascht. »Sagen Sie, Madame, gibt es hier in der Nähe nicht auch ein nettes kleines Bistro, wo man morgens schon etwas Kräftiges zu essen bekommen kann? Oder könnte ich vielleicht sogar bei Ihnen ein kleines Frühstück…?« »Aber Monsieur Paul, selbstverständlich bereite ich meinen Pensionsgästen auch ein

kleines Frühstück zu. Vincent mochte in der Früh auch nicht gern mit leerem Magen losziehen, um seine Bilder zu malen. Haben Sie bezüglich des Frühstücks noch einen besonderen Wunsch, Paul?« Ich griente, »Wenn es möglich wäre, hätte ich morgens gern ein frisches Baguette, eine Omelette, bestehend aus zwei Eiern, richtig schön mit Speck und Zwiebeln angebraten, dazu ein wenig Schnittlauch. Sowie einen starken, rabenschwarzen Kaffee. So einen kräftigen Muntermacher, der auch Tote wieder lebendig machen kann. Wenn Sie verstehen, was ich meine, Madame Lefevre.« Sie nickte lächelnd, »Ich denke, das sollte gewiss doch ohne

größere Schwierigkeiten zu bewerkstelligen sein, Monsieur Paul«, meinte sie zufrieden und erklärte mir noch den Weg zu dem Nachtcafé, in welchem Vincent abends immer sein obligatorisches Quantum Absinth zu trinken pflegte. Nachdem ich ihr als Zimmermiete für die nächsten zwei Wochen meine gesamte restliche Barschaft überlassen hatte, drückte sie mir einen eisernen Schlüssel in die Hand. »Dieser ist für Sie, Monsieur, und nur für heut‘ Nacht, erste Kammertür oben links. Die Haustür ist auch in der Nacht stets unverschlossen, denn hier in Arles bestiehlt niemand einen anderen. Und bitte, keine Gelagen und auch keinen nächtlichen Damenbesuch, wenn ich bitten darf. Denn ich führe hier in Arles ein ehrbares Haus,

Monsieur Paul und ich wünsche, dass dies auch so bleibt.« Wieder musste ich schmunzeln, »Aber das versteht sich doch von selbst, Madame«, bestätigte ich sie in ihrem Ansinnen. Innerlich fragte ich mich allerdings schon, ob der gutgläubige Vincent über mich und meine ganz persönlichen Vorlieben für einen guten Schluck, wie auch für das schöne Geschlecht, womöglich nicht doch etwas zu viel aus dem Nähkästchen geplaudert hatte. Schließlich wurden es an diesem Abend im Nachtkaffee doch noch ein paar Absinth mehr, als ich mir ursprünglich genehmigen wollte. Und so kam es, dass ich dem verführerischen Amüsiermädchen Angelique, welches die

wenigen Fremden in dem Nachtcafé nicht nur mit ihrem reizenden Augenaufschlag umwarb, leider eine Absage erteilen musste, weil mich mit einem Schlag die Müdigkeit geradezu übermannt hatte. Am Ende forderte die lange und ziemlich anstrengende Bahnreise von Paris bis nach Arles, in Verbindung mit dem Genuss von ein paar Gläsern von diesem kräftigen Absinth ihren unweigerlichen Tribut. Erst als ich dem Wirt auch den markanten Zimmerschlüssel von Vincents Zimmer zeigte und dabei wohl auch ziemlich lallend argumentierte, dass ich wahrhaftig ein neuer Pensionsgast von Madam Lefevre sei, dort aber nur meine Börse vergessen hätte, war er auch bereit für mich anschreiben zu lassen. Ich will mir darin aber auch wirklich nichts

vormachen, denn sicherlich überzeugte ihn sehr wahrscheinlich doch nur jener eiserne Zimmerschlüssel in meiner Hand, den er irgendwie zu erkennen glaubte und eher weniger mein geheiligtes Versprechen, sobald als möglich, meine Schulden bei ihm zu begleichen. Am nächsten Morgen, nachdem ich in aller Ruhe das wundervolle Frühstück von Madame Lefevre genossen hatte, zog ich mit meinen Malutensilien in der alten Ledertasche und der großen Staffelei auf dem Rücken hinaus in die Landschaft, die Vincent so gepriesen hatte. Ich erkundigte mich bei einem emsigen Gemüsehändler, der gerade sein frisches Gemüse in der Auslage vor seinem Geschäft präsentierte, nach dem Weg zu den großen

Lavendelfeldern. Er wies nur mit einem unverständlichen Kopfschütteln in Richtung des südlichen Stadtrandes und murmelte, »Nur der Nase nach, Monsieur, immer nur der Nase nach...« Je näher ich diesen in einem herrlichen Blau blühenden Lavendelfeldern kam, umso mehr verschwendeten diese Pflanzen ihr köstliches Duftaroma kostenlos an die Umgebung. Vincent hatte also völlig recht, die ganze Gegend duftete so unglaublich intensiv nach Lavendel, dass ich anfangs auch gar nicht genug davon bekommen konnte. Die wenigen Leute, die mir entgegen kamen, gingen allerdings ziemlich gelassen ihrem gewohnten Tagewerk nach und niemand schien sich sonderlich an diesem außergewöhnlichen

Wohlgeruch zu erfreuen, der von einem lauen Winde getragen durch die engen, kopfsteingepflasterten Gassen von Arles strich. Ich verließ die Stadt als sobald über einen schmalen staubigen Weg, welcher an ein paar gepflegten, üppig grünenden Gemüsegärten vorbeiführte. Als ich nach etwa zweieinhalb Meilen außer Sichtweite der letzten Vorstadthäuser war, entdeckte ich in der Ferne zwei Olivenbäume, die unmittelbar am Wegesrand neben den Lavendelfeldern standen. Es waren die einzigen beiden schattenspenden Bäume weit und breit in all den Lavendelfeldern ringsherum. Dort wollte ich ein wenig rasten, auch einen kräftigen Schluck Wasser aus meiner Aluminiumflasche

trinken, denn die Sonne brannte mir schon am frühen Morgen tüchtig ins Gesicht. Vielleicht konnte ich die beiden Olivenbäume sogar in das Motiv der Lavendelfelder integrieren, so wie Vincent es gemacht hätte, denn ich hatte natürlich sogleich sein wunderbares Motiv mit den Olivenhainen vor Augen. Die Idee dazu gefiel mir immer besser und ich schritt kräftiger aus, um noch rascher zu den beiden einzeln stehenden Olivenbäumen zu gelangen. Als ich nur noch wenige Schritte von den reichlich früchtetragenden Olivenbäumen entfernt war, blieb ich wie vom Donner gerührt stehen, denn ich glaubte im Schatten jener Bäume einen Menschen zu erkennen, der dort im Grase lag und zu schlafen schien. Diese

Person war mutmaßlich eine Frau und was noch viel merkwürdiger war, sie trug keinen einzigen Fetzen irgendeiner Kleidung an ihrem ungewöhnlich schlanken Körper. Der zu alledem auch noch schwarz, wie die Nacht zu sein schien. Zudem lag sie einfach nur so im Gras auf dem blanken Boden, ohne eine Decke und sie trug absolut nichts bei sich. Als ich näher kam bemerkte ich, dass diese dunkelhäutige Frau auch tatsächlich schlief.

Was ich eigentlich sagen wollte ist, dass sie keine Afrikanerin war, sondern sie schien mir ihrem Gesichtsschnitt nach, eher eine Europäerin zu sein. Eine recht hübsche gar obendrein, denn sie hatte ein sehr schmales, feminines Gesicht mit fein geschnittenen und sehr ebenmäßigen Zügen, die fast beinahe

noch ein wenig mädchenhaft wirkten und auch wieder nicht. Ihre dichten schwarzen Wimpern an den geschlossenen Augen hätten auch die einer Giraffe sein können. Ihre seidig glänzende Haut war auch nicht etwa nur dunkelbraun, oder kaffeebraun, sondern von einer so unglaublich tiefschwarzen Farbe, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte. Sogar ihr krauses Haar, welches mir nebenbei bemerkt, ebenfalls sehr merkwürdig frisiert schien, war von ebendieser Farbe. Die Pigmentierung an den Innenseiten ihrer schmalgliedrigen Hände und ihren unwahrscheinlich langen gepflegten Fingern, wie auch an ihren schlanken Füßen ließ keinerlei Rückschluss auf ihre Herkunft zu, denn auch dort war sie, wie an allen anderen

Stellen ihres schmalen, venushaften Körpers geradezu von einem unglaublichen tintentiefen Schwarz, wie ich es noch niemals je zuvor gesehen hatte. Nein, diese zierliche Frau gehörte offenkundig ganz sicher keiner negroiden Rasse an und sie war definitiv auch keine Afrikanerin. Ich wusste nicht, wer sie war und woher sie kam, konnte sie allerdings auch keiner anderen, mir bekannten Rasse zuordnen. Mir war nur sofort klar, dass ich einer so bezaubernd schönen Frau noch nie in meinem Leben jemals begegnet war. Diese einmalige Gelegenheit wollte ich sogleich beim Schopfe packen und sie rasch mit ein paar Pinselstrichen auf die Leinwand bannen, solange sie jedenfalls noch schlief. Ich stellte also umgehend meine Staffelei auf

und verteilte eilig meine Ölfarben auf der hölzernen Palette. Aber noch bevor ich überhaupt den allerersten Pinselstrich setzten konnte, schien die tiefschwarze Schönheit zu erwachen. Sie schlug die Augen auf und zwei wunderschöne, in einem unglaublichen Türkis leuchtende Augen schauten mich verwundert und zugleich überrascht an. Mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit, die ich ihr nie zugetraut hätte setzte sich auf und zeigte mit ihrem langen, ausgestreckten Zeigefinger auf mich. »Wer bist du?«, fragte sie mich im reinsten Französisch und das mit einer so glasklaren femininen Stimme, mit der sie mich sofort verzauberte. Allein, wenn ich nur das Timbre

ihrer Stimme vernommen hätte, selbst ohne diese Frau von Angesicht zu sehen, wäre es gewiss um mich geschehen gewesen, denn ich hätte mich sehr wahrscheinlich umgehend in ihre Besitzerin verliebt. Ich beugte mich also etwas vor und zeigte auf mich, »Wer, ich?« Die rabenschwarze Schöne nickte überzeugend. »Ich bin Paul, antwortete ich wahrheitsgemäß und wer bist du?« gab ich die Frage zurück und zeigte mit der Hand auf sie. »Ichbinpaul...?«, fragte sie nun etwas schneller zurück und zeigte wieder auf mich. »Nein, nein, nur Paul«, beeilte ich mich sie rasch zu korrigieren. »Neinneinnurpaul?«, lachte sie nun laut und zeigte mir für einen Moment ihr perlweißes

Gebiss mit den ebenmäßigsten Zähnen, die ich je sah. Dann schüttelte ich den Kopf und machte mit meinen Händen eine deutlich verneinende Geste. Anschließend wies ich langsam mit meinem Zeigefinger wieder auf mich. »Paul«, sagte ich nun betont langsam und auch sehr deutlich artikuliert, indem ich zugleich meine Hand auf meine Brust legte. Dann wies ich mit dem Zeigefinger auf sie. Jetzt blitzten ihre Augen auf und ihr langer Zeigefinger zeigte auf sich. Ich nickte. »Oula‘Ra«, antwortete sie mir ebenso langsam und deutlich. »Oula’Ra, was für ein schöner Name für eine so bezaubernde Frau, wie dich. Ra, etwa wie der Sonnengott der alten Ägypter?«

Sie lächelte ein hinreißendes Lächeln, »Du kennst die großen Götter der alten Ägypter?«, fragte sie mich überrascht.

»Nun, als Schiffsoffizier war ich früher schon einige Male in Ägypten und da hört man so einiges. Aber kennen, das wäre wohl etwas zu viel gesagt«, betonte ich nachdrücklich. »Paul ist auch ein schöner Name«, versicherte sie mir. Ich lächelte nun ebenfalls. »Wie man es nimmt, Oula’Ra. Wo kommst du her? Ich habe noch nie so jemand, wie dich gesehen.« Sie schwieg eine Weile, dann streckte sie ihren Arm aus und zeigte in Richtung Süden. »Vom Meer…«

»Mit einem Schiff?«, fragte ich schnell.

Wie zur Bestätigung nickte sie erneut,

»Mit einem Schiff, von weither«, antwortete sie leise und lächelte wieder ihr gewinnendes Lächeln. »Und nun muss ich auch wieder nach dorthin zurück, zum Meer, Paul.« Ich überlegte, wie weit es wohl von Arles bis an die Mittelmeerküste der Camargue war. Es mussten mindestens so an die fünfzehn Meilen sein und die konnte sie unmöglich so in ihrem Evaskostüm zurückgelegt haben. »Ich komme morgen wieder, aber einmal nur noch, Paul«, sagte sie leise und erhob sich mühelos in einer einzigen, unglaublich eleganten und anmutig fließenden Bewegung, als hätte sie überhaupt kein Skelett, kein inneres Knochengerüst. Sie war so bezaubernd wunderschön und schaute mich noch einmal aus ihren türkisfarbenen Augen lächelnd an.

Dann begann sie sich innerhalb von wenigen Augenblicken vor meinen Augen quasi in Nichts aufzulösen…

-Fortsetzung folgt-






Impressum Cover: selfARTwork Text: Bleistift © by Louis 2017/3 Update: 2019/10


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Bleistift
Mit Vorliebe schreibe ich Drabbles, Krimis und Kurzgeschichten...
Ich liebe diese fabelhaft pointierten Miniatur-Geschichtchen.
Zur Abwechslung schreibe ich auch gern mal eine erotische Geschichte...
Ansonsten hoffe ich auf viele geneigte Leser und freue mich über jeden ehrlich gemeinten Kommentar.
Zwei Städte sind mir neben Berlin besonders wichtig:
Paris und Venedig...

09.Mai 2015
Ich habe heute erfahren müssen, dass Silvi Bredau am Samstag, dem 25. April 2015
ihren Kampf gegen den Krebs endgültig verloren hat...
Ich schäme mich meiner Tränen nicht...
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Enya2853 Olala, bist du da etwa in die Rolle von Paul Gauguin geschlüpft?
Eine wunderbare Geschichte, die in Paris ihren Anfang nimmt. Du lässt uns eintauchen in die Stadt des späten 19. Jahrhunderts - wie schwer es doch die Künstler hatten und mit welcher Leidenschaft sie ihre Ziele verfolgten - und führst uns dann in die Provence. Mit Paul glaubt man, diesen unbeschreiblichen Duft zu vernehmen, sieht das Blau und schließlich diese Schönheit.
Mystisch wird es, wie so oft in deinen Geschichten, was mir gut gefällt.
Historische Realität, gepaart mit diesen magisch rätselhaften Elementen hält den Spannungsbogen hoch.
Klar, dass ich gespannt auf eine Fortsetzung bin.
Tolle Geschichte, lieber Louis, und auch, wenn ich es nicht wüsste, ich würde den Autor dahinter bestimmt erkennen.
Liebe Grüße
Enya
Vor langer Zeit - Antworten
Bleistift 
Oh, was für ein exzellenter Kommentar, von Dir ...wiedereinmal,
liebe Enya... ...smile*
Es freut mich, wenn Dir meine SiFi-Geschichte mit damals real existierenden impressionistischen Malerkünstlern aus dem späten
19. Jahrhundert gefallen hat...
Zwei weitere Teile werden das Bild noch etwas weiter vervollständigen
und Dich am Ende hoffentlich auch überraschen... ..smile*
Danke für das Lesen und das feine Geschenkepaket and last but not least,
selbstredend natürlich auch für diesen echt wundervollen Kommentar... ..smile*
Das mit dem hohen Wiedererkennungswert, das ist ja eines der größten Lobe,
die man als Autor wohl überhaupt bekommen kann.
Vielen Dank also auch dafür... ...smile*
GGlG zu Dir
Louis :-)


Vor langer Zeit - Antworten
Enya2853 Freue mich auf den 2. Teil, lieber Louis.
Danke für die Silberlinge zu meinem Kommi. -:)
Ich hoffe, bei euch ist auch so ein wunderbares Wetter wie hier.
LG
Enya
Vor langer Zeit - Antworten
baesta Das ist eine Geschichte ganz nach meinem Geschmack. Dann darf man ja auf eine Fortsetzung hoffen. Hoffe, sie gleitet nicht allzu sehr ins Mystische ab.
Science Fiction ist ja nicht allzu sehr mein Metier.

LG Bärbel
Vor langer Zeit - Antworten
FLEURdelaCOEUR Lieber Louis,
ich bin auch sehr gern noch einmal in den betörenden Lavendel eingetaucht ... Beim Versuch, dir Coins zu schenken, erschien jedoch die Botschaft, dass ich dieses bereits getan hätte, ohne dass sie allerdings angezeigt werden ... Spukt die Technik mal wieder?
LG fleur
Vor langer Zeit - Antworten
Bleistift 
Liebe Fleur,
danke erst einmal für das wiederholte Lesen der Geschichte
erster Teil und für den freundlichen Kommentar von Dir dazu...
Das mit der Technik mag vielleicht schon stimmen, denn Computer
sind schließlich auch nur Menschen und niemand ist fehlerfrei... LOL*
Aber danke dennoch ebenso für die Absicht, aber ein Kommentar
ist mir ohnehin sehr viel wichtiger, als alles andere... ...smile*
LG
Louis :-)
Vor langer Zeit - Antworten
Feedre Lavendel.... Träume.... der Duft von Mystik
der Provence....ein Fabelwesen das sich
in Luft auflöst.....da kann Louis nicht all zu weit
weg sein ...:-)))
herrlich...träum weiter...:-))
Feedre


Vor langer Zeit - Antworten
Bleistift 
Liebe Feedre,
ich freue mich sehr darüber, dass auch Dir diese Geschichte gefallen hat und ♥lichen Dank für die gar feinen Geschenke zu der Story erster Teil. Morgen wird es dann die (frisch überarbeitete) Fortsetzung der Geschichte geben... ...smile*
(ich träume schon davon... ...smile*)
LG
Louis :-)
Vor langer Zeit - Antworten
abschuetze Frankreich, Künstler, Fantasien ... und Lavendelduft :-)
Ich hoffe Paul hat nicht nur geträumt.

LG von Antje
Vor langer Zeit - Antworten
Memory 
Habe noch einmal quer gelesen und war wiede begeistert.
Ich weiß noch, dass mir dieser erste Teil am besten gefallen hat.
Lieben Gruß
Sabine
Vor langer Zeit - Antworten
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