Romane & Erzählungen
Der Urlaub - Kapitel 20

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"Mystery - zwei Frauen - zwei Phänomene"
Veröffentlicht am 29. April 2016, 38 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Über den Autor:

In meinem Garten steht kein Birnbaum - trotzdem unschwer zu erkennen wo mein Zuhause ist. Der Dichter, der dieses Land mit Leidenschaft beschrieb, muss damals schon gewusst haben, dass ich mich dort niederlassen würde. Das Schreiben habe ich - wie fast alle - mit dem ABC erlernt. Eigene Gedanken zu Papier zu bringen ... viel, viel später. Mich hat weder die Muse geküsst, noch fühle ich mich berufen meine Mitmenschen mit meinen literarischen ...
Mystery - zwei Frauen - zwei Phänomene

Der Urlaub - Kapitel 20

Der Urlaub

20. Kapitel



Als Charlotte das Haus betrat, fiel ihr sofort ein eigenartiger Geruch auf. Aber schon während sie im Flur ihre Schuhe auszog und in ihre Pantoffel schlüpfte, war er verflogen. Sie begrüßte Frank und Cora, die beide in der Küche am Tisch saßen und ihr Abendbrot gerade beendet hatten. Der Besuch bei Marion hatte an diesem Tag etwas länger gedauert. Marion hatte sie gebeten, beim Anbringen der Vorhänge im Wohnzimmer, die sie extra für die neue Wohnung anfertigen hatte lassen, zu helfen.

Der Umzug war zwar schon vor zwei Monaten gewesen, aber Marion hatte sich erst vor kurzem für diese voluminösen Vorhänge entschieden. Selbst Charlotte mit ihrem Geschick zum Dekorieren hatte einige Zeit gebraucht, um Raffungen und Überwürfe der Vorhänge richtig zu drapieren. Als sie endlich fertig war, sagte Marion verzagt zu ihr:

„Das schaffe ich nie. Was habe ich mir nur dabei gedacht?“

  „Ich bin ja in der Nähe“, tröstete Charlotte sie.

Das sich gerade diesbezüglich etwas ändern würde, schloss sie, trotz des stetig wachsenden Gefühls, dass etwas passieren würde, aus.

  „Und sieh´ nur, Carla scheinen die neuen

Vorhänge auch zu gefallen. Sie hopst und lacht und klatscht sogar in die Hände“, hatte sie noch scherzhaft hinzugefügt.

„Wir sind auch erst vor einer halben Stunde gekommen“, sagte Frank und blickte Charlotte an, die mit ihren Gedanken immer noch bei Marion war.

„Ich bin mit Cora nach Bremen gefahren und habe Taucherbrillen, Schnorchel und noch einige Kleinigkeiten für den Urlaub gekauft.“

Ein fast unmerkliches Zucken lief über Coras Gesicht. Sie war jetzt schon immer mittags zu Hause. Am Vormittag ging sie zu Veranstaltungen, die von der Schule während der Ferien angeboten wurden. Wenn Charlotte von der Arbeit kam und in

Coras Zimmer ging, saß sie - wie gewohnt - auf ihrem Bett und las in einem Buch. Um sie herum stapelten sich weitere Bücher.

Jetzt stand sie auf und begann den Tisch abzuräumen.

  „Lass nur“, sagte Frank.

  „Mama möchte sicher auch noch etwas essen.“

  „Natürlich, daran habe ich gar nicht gedacht“, erwiderte Cora. Charlotte erschauerte. Sie spürte die Kälte in diesen Worten.

  „Ich gehe noch ein wenig in den Garten“, wandte sie sich dann an Frank und verließ die Küche.

Charlotte ging zum Fenster. Sie wollte einfach sehen, was Cora im Garten machte.

Es war ungewöhnlich, dass Cora sich allein im Garten aufhielt. Verwundert blickte Charlotte auf die Gloxinie, die auf dem Fensterbrett stand. Die roten Blüten lagen welk neben dem Blumentopf und die Blätter waren vertrocknet. Als sie sie prüfend zwischen die Finger nahm, zerkrümelten sie, wie angekohltes Papier.

  „Schau nur Frank, heute früh war die Pflanze noch vollkommen in Ordnung.“

  „Vielleicht fehlte ihr Wasser“, antwortete Frank etwas abwesend. Er hatte sich gerade die Tüte mit den Taucherbrillen geholt, um sich seine Einkäufe noch einmal anzusehen.

Charlotte sammelte die Blüten auf und sah dabei aus dem Fenster. Cora stand an der Rabatte, wo vor gar nicht langer Zeit

Bartnelken, Margeriten und Glockenblumen eine bunte Farbenpracht entfaltet hatten. Jetzt bot die Rabatte einen traurigen Anblick. Es existierte keine einzige Staude mehr, nur frisch aufgeworfene Erde.

Frank hatte sich einen großen Zettel geholt und fing an aufzuschreiben, was für den Urlaub noch gebraucht wurde. Charlotte hatte nur den Rest vom Salat aus Tomaten und Gurken, der noch übrig war, gegessen und dann den Tisch abgeräumt.

Jetzt war sie auf dem Weg zum Komposthaufen, den sie in einer Ecke des Gartens angelegt hatten. Sie warf die vertrocknete Gloxinie weg. Den Blumentopf wollte sie aufheben. Es würde sich sicher noch Verwendung für ihn finden. Cora stand

am ehemaligen Rosenbeet und bewegte leicht die Lippen. Sie schien Charlotte nicht zu bemerken. Auf dem Rückweg zum Haus fiel Charlottes Blick auf die großen Fenster des Wintergartens. Entgeistert beschleunigte sie ihren Schritt. Ins Haus stürzend rief sie:

  „Frank, komm´ doch ´mal in den Wintergarten und sieh dir das an.“

Sprachlos betrachteten beide die großen Pflanzen, die noch gestern dekorativ den Wintergarten geziert hatten. Vertrocknete Palmenwedel, die Blätter vom Ficus und der Aralie lagen auf dem Boden. Sekundenlang spürte Charlotte wieder diesen merkwürdigen Geruch, der ihr heute schon einmal aufgefallen war. Aber auch jetzt war er sofort wieder verflogen.

„Scheiße“, murmelte Frank. Normalerweise gehörten Kraftausdrücke nicht zu seinem Vokabular. Wegen Cora hielt er sich immer sehr zurück.

"Wir haben vergessen die Beschattung zu aktivieren. Und diese Hitze heute wieder ...", ärgerte sich Frank. Charlotte widersprach ihm. Sie glaubte nicht, dass ein so plötzliches Absterben der Pflanzen möglich wäre. Dann begannen beide mit der Beseitigung der nunmehr hässlichen Pflanzen und der Reinigung des Wintergartens.

Charlotte beschlich eine seltsame Ahnung.

Charlotte schreckte hoch. Traumfetzen flatterten noch durch ihren Kopf. Immer wenn sie nach einem greifen wollte, verschwand er.

Es war kein guter Traum gewesen. Sie wälzte sich von einer Seite auf die andere. Das rote Buch, das sie in Coras Zimmer entdeckt hatte, raubte ihr zusätzlich den Schlaf. Während Cora sich im Bad die Zähne geputzt hatte, hatte Charlotte schnell die schmutzige Wäsche von ihr eingesammelt. Dabei ließ sie ihren Blick prüfend durchs Zimmer schweifen. Es war tadellos in Ordnung. Wie immer. Die Ecke eines Buches lugte unter Coras Kopfkissen hervor. Sie beachtete es zunächst gar nicht. Cora hatte immer irgendwo ein Buch zu liegen, das sie gerade las. Aber wie magisch angezogen war sie dann doch zum Bett gegangen und hatte das Buch hervorgezogen. Sie schlug es auf und blickte auf eine Vielzahl von untereinander

angeordneten Symbolen, ohne dass es einen Text dazu gab. Einige sahen sogar recht hübsch aus. Sie ähnelten Ornamenten, die Kinder oftmals mit dem Zirkel zeichneten. Andere sahen aus wie missglückte Initialen. Während sie noch verständnislos in dem Buch blätterte, war Cora ins Zimmer gekommen und hatte es ihr mit einem bösen Blick aus der Hand genommen.

  „Was ist das?“

Charlotte wollte erneut nach dem Buch greifen. Aber Cora presste es an sich und antwortete:

  „Ein Spiel.“

Dann war sie ins Bett gegangen und hatte das Buch wieder unter ihr Kopfkissen geschoben.

Jetzt schwirrten Striche, Kreise, Wellenlinien und Punkte durch Charlottes Kopf.

Als sie nach einer Stunde immer noch nicht eingeschlafen war, stand sie auf und schlich im Dunkeln die Treppe hinunter.

Sie hielt sich am Handlauf des Treppengeländers fest und zählte die Stufen. Plötzlich rutschte unter ihren Füßen die Stufenmatte weg. Polternd stürzte sie mit einem Aufschrei die letzten vier Stufen hinunter. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihren Fuß. Erschrocken und durch die Dunkelheit orientierungslos tastete sie nach dem Geländer, um sich hochzuziehen. In diesem Augenblick ging das Licht an. Frank, der offenbar durch den Lärm aufgewacht war, stand oben an der Treppe.

„Charlotte, du liebe Güte, was ist denn passiert?“

Er eilte die Treppe hinunter. Verwundert blieb er kurz stehen, als er die fehlende Stufenmatte bemerkte.

  „Wie sieht es denn aus?“, erwiderte sie etwas spitz und mit schmerzverzerrtem Gesicht.

  „Die Stufenmatte ist einfach weggerutscht und ich bin mit gerutscht.“

Humpelnd stützte sie sich auf Frank, der sie ins Wohnzimmer führte.

„Aber die ist doch festgeklebt. Das hätten wir doch gemerkt, wenn sich irgendwo etwas gelöst hätte. Außerdem löst sich nicht die komplette Matte an allen Stellen gleichzeitig. Ich sehe mir das nachher an.“

Charlotte hatte sich auf die Couch gesetzt. Frank griff vorsichtig nach Charlottes linkem Fuß.

„Um den Knöchel wird es schon dick.“

Behutsam bewegte er ihr Fußgelenk und tastete den Knöchel ab.

„Es scheint nichts gebrochen zu sein. Vielleicht verstaucht. Mit Sicherheit eine starke Prellung. Ich bin morgen schon mittags zu Hause und kann dich zum Arzt fahren. Sicherheitshalber sollte der Fuß geröntgt werden.“

Charlotte stöhnte nicht nur weil ihr Fuß weh tat. Jetzt musste sie sich knapp zwei Wochen bevor sie ihren Urlaub antreten wollte, auch noch krank melden.

Frank hatte inzwischen eine Schüssel mit

kaltem Wasser und Handtücher geholt.

  „Kalte Umschläge und den Fuß hoch lagern“, befahl er in scherzhaftem Ton.

„Das Beste wird sein, wenn du den Rest der Nacht im Wohnzimmer auf der Couch liegen bleibst. Ich hole dir dein Bettzeug.“

   „Hätte ich doch nur das Licht im Flur angemacht“, ärgerte sich Charlotte.

   „Aber ich wäre trotzdem gefallen.“ Fast lautlos kamen ihr diese Worte über die Lippen. Nichts hatte darauf hingedeutet, dass der Treppenschoner sich gelöst hatte. Frank hätte auch hinunterstürzen können. Doch Frank stand nachts nicht auf und ging im Dunkeln hinunter in die Küche, um sich Milch warm zu machen.

Frank kam mit dem Bettzeug ins Zimmer. Der

Treppenschoner klemmte unter seinem Arm.

  „Kaum noch Klebstoff zu sehen. Auch auf der Stufe gibt es keine Klebstoffreste. Wie weggeschmolzen. Morgen kontrolliere ich alle Stufenmatten.“

Er schob die Schüssel mit Wasser näher an die Couch, damit Charlotte bequemer ihre Umschläge wechseln konnte und gab ihr einen zärtlichen Kuss.

„Versuch´ ein wenig zu schlafen“, riet er ihr.

Bevor er das Zimmer verließ, drehte er sich noch einmal um und sagte:

  „Kinder haben doch einen gesunden Schlaf. Cora scheint nichts gehört zu haben.“

Am folgenden Morgen war nicht nur der Bereich um den Knöchel weiter angeschwollen, der ganze Fuß war dick. Die

Umschläge hatten nicht viel geholfen.

Frank hatte gerade das Tablett mit dem Frühstück auf dem Couchtisch abgestellt, als Cora, noch im Schlafanzug, das Zimmer betrat.

  „Guten Morgen“, sagte sie ungewohnt fröhlich und blickte dann auf Charlottes umwickelten Fuß.

  „Mama ist heute Nacht die Treppe hinuntergefallen“, erklärte ihr Frank.

  „Du musst nicht immer im Dunkeln die Treppe hinuntergehen, Mama.“

  „Woher weißt du das?“, fragte Frank erstaunt.

„Manchmal liege ich wach und dann höre ich, wie sie sich auf der Treppe hinunter tastet. Außerdem ist kein Licht unter dem

Türspalt in meinem Zimmer zu sehen.“

Die fehlende Stufenmatte erwähnte sie mit keinem Wort.

„Warum bist du schon so früh aufgestanden?“, fragte Charlotte.

„Deine Ferienveranstaltung beginnt doch erst um zehn Uhr.“

  „Ich habe ausgeschlafen“, war die knappe Antwort.

  „Ist der Fuß gebrochen?“

  „Ich glaube nicht“, antwortete Frank.

  „Aber das wird der Arzt nachher feststellen.“

„Und wenn doch, man kann auch mit einem Gipsbein verreisen“, warf Charlotte ein. Im gleichen Augenblick hätte sie sich ohrfeigen können. Wie konnte sie sich nur zu

dieser Bemerkung in Coras Gegenwart hinreißen lassen. Frank stimmte ihr natürlich zu, aber über Coras Gesicht breitete sich ein Unheil verkündender Schatten aus.

Nach dem Frühstück hatte Charlotte ihre Chefin angerufen und sich krank gemeldet. Doch anders, als befürchtet, hatte diese nur mitfühlende Worte und übermittelte die Genesungswünsche einer Kollegin, die gerade bei ihr im Büro war.

Warum sollte sie auch ein schlechtes Gewissen haben, dachte Charlotte. In den vielen Jahren, in denen sie im Kaufhaus arbeitete konnte man ihre Krankentage, wenn man die Zeit ihrer Schwangerschaft ausklammerte, an zwei Händen abzählen. Noch nicht einmal wegen Cora hatte sie

Ausfalltage. Cora war nie krank. Kolleginnen, die selbst Kinder hatten, beneideten sie darum.

Nachdem Frank das Haus verlassen hatte, humpelte Charlotte ins Bad. Eigentlich hüpfte sie mehr auf einem Bein. Stechende Schmerzen zogen sich vom Fußgelenk über Wade und Schienbein bis zum Oberschenkel. Als sie sich ihr Bein ansah und es vorsichtig abtastete, bemerkte sie oberhalb des Knies blaue Flecken. In der Zeit, die sie an diesem Tag für ihre Morgentoilette brauchte, hätte sie normalerweise die Küche aufgeräumt, die Betten aufgeschüttelt und das Wohnzimmer gesaugt. Als sie sich wieder ins Wohnzimmer quälte, um sich auf die Couch zu legen, hatte Cora, ohne sich zu verabschieden, ebenfalls

das Haus verlassen.

Frank hatte noch die Schüssel mit kaltem Wasser gefüllt und weitere Handtücher bereitgelegt und so begann sie die Prozedur des Auflegens der Umschläge erneut. Auch das Telefon hatte Frank ihr auf den Couchtisch gestellt, so dass sie Marion anrufen und den nächsten obligatorischen Besuch absagen konnte. Als sie von ihrem Malheur berichtete, wollte Marion sofort vorbeikommen und ihr helfen. Damit hatte Charlotte gerechnet und sich schon eine passende Ausrede zurechtgelegt, um das Angebot abzulehnen.

Pünktlich gegen Mittag holte Frank sie ab. Den Hausschlüssel legte Frank an einen mit Cora abgesprochenen Platz. Charlotte hatte

sich rechtzeitig angezogen, damit sie nach Franks Eintreffen sofort losfahren konnten. Einen Schuh konnte sie mit ihrem geschwollenen Fuß nicht anziehen. Also verzichtete sie auch auf den anderen und stieg barfuß ins Auto. Frank fuhr sie ins Krankenhaus, da dort die Möglichkeit des sofortigen Röntgens bestand.

Der Fuß war nicht gebrochen. Eine starke Prellung, sagte der Arzt. Er empfahl am Tage Eisbeutel, nachts eine kühlende Salbe, die mit einem leichten Verband abgedeckt werden sollte, Ruhe und Geduld. Die Schwellung würde bald abklingen meinte er, aber die Schmerzen würden noch andauern. Die dunklen Stellen, die sich jetzt schon deutlich abzeichneten, würden in ein

modisches violett übergehen, bemerkte er abschließend.

Akribisch befolgte Charlotte die Anweisungen des Arztes. Und tatsächlich nach drei Tagen ähnelte ihr Fuß wieder einem menschlichen Körperteil, wenn auch seine Farbe mehr zu einem bestimmten Steinobst passte. Die Schmerzen allerdings hatten nur unwesentlich nachgelassen. Sie konnte sich jedoch schon humpelnd fortbewegen und musste nicht mehr wie ein Frosch hüpfen. Sie war fest davon überzeugt, in einer Woche ihre Beweglichkeit wieder soweit erreicht zu haben, dass sie ihre Urlaubsreise antreten konnten. Außerdem arbeitete Frank nur noch zwei Tage. Dann begann sein Urlaub. Er würde vieles erledigen, was eine große

Entlastung für Charlotte bedeutete. Cora würde dann auch nicht mehr zu den Ferienveranstaltungen gehen. Charlotte versuchte sich einzureden, dass alles in Ordnung war. Aber nichts war in Ordnung. Wenn Cora mittags nach Hause kam, galt ihre erste Frage dem Zustand von Charlottes Fuß. Daraus sprach jedoch weder Mitgefühl noch Besorgnis. Vielmehr hatte Charlotte den Eindruck, dass Cora sich über irgendetwas ein bestimmtes Bild verschaffen wollte. Als ob sie etwas abwog. Wenn Charlotte ihr eine kleine Mittagsmahlzeit zubereiten wollte, winkte sie ab und sagte:

„Leg dich ruhig auf die Couch. Ich mache mir selbst eine Schnitte. Wenn Papa zu Hause ist, essen wir ja etwas Warmes.“

Dann hörte sie Cora in der Küche kurze Zeit rumoren und anschließend die Treppe hinaufgehen. Die anschließende Ruhe im Haus war beängstigend. Keine friedvolle oder entspannende Ruhe. Anders als vormittags, wenn Charlotte allein im Haus war. Ob Cora wieder in dem sonderbaren Buch las? Charlotte hatte es nicht mehr gesehen. Gerade an diesem Morgen hatte sie sich, nachdem Cora das Haus verlassen hatte, aufgerafft und danach gesucht. Sie hatte es nicht gefunden.

Das letzte Wochenende vor ihrer Reise war angebrochen. Es würde hochsommerliche Temperaturen geben. So lautete die Wettervorhersage. Das war zu spüren. Am Sonnabend zeigte das Thermometer schon

vormittags 27 °C. Fünf Tage waren seit Charlottes Unfall vergangen und sie war recht zufrieden mit ihrer zunehmenden Beweglichkeit. Frank hatte seinen letzten Arbeitstag hinter sich gebracht und war prächtiger Laune.

„Am Montag kaufe ich neue Koffer“, sagte er.

  „Unsere sind doch ganz schön schäbig. Außerdem ist an einem das Schloss kaputt.“

Als Charlotte widersprechen wollte, hielt er ihr lachend den Mund zu.

  „Beschlossen!“

„Vielleicht fahre ich auch noch ins Gartencenter und kaufe neue Pflanzen für den Wintergarten. Er sieht doch zu kahl aus.“

Diesmal akzeptierte er Charlottes

Widerspruch, dass es besser wäre, die Pflanzen erst nach ihrer Rückkehr zu kaufen, damit Marion sich um diese nicht auch noch kümmern musste.


Auch die neue Woche begrüßte sie mit strahlendem Sonnenschein.  Kein Regen, wenn man der Wettervorhersage glauben wollte. Sie traf zu. Die Hitzewelle dauerte an.

Frank kam mit den neuen Koffern in den Flur und wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn.

„Einstimmung auf die Temperaturen in Griechenland“, murmelte er.

Als Cora aus ihrem Zimmer kam und oben am Treppenabsatz stehenblieb rief er hinauf:

  „Das sind doch die Temperaturen, die du

liebst, Cora“.

Sie kam langsam die Treppe hinunter, antwortete aber nicht, sondern blickte nur auf die Koffer. In diesem Moment durchfuhr ein wahnsinniger Schmerz Charlottes Fuß. Er war überhaupt nicht mit den Schmerzen, die sie bisher empfunden hatte, vergleichbar. Als ob ihr jemand ins Fleisch brannte. Sie knickte etwas zusammen und hielt sich am Schrank fest.

„Was ist denn los?“, rief Frank erschrocken.

  „Mein Fuß hat eben so stark geschmerzt. Aber jetzt ist es schon wieder besser.“

Und das war wirklich so. So plötzlich, wie dieser rasende Schmerz aufgetreten war, war er auch wieder verschwunden. Cora strich kurz mit den Fingern über die Koffer und ging

dann wieder nach oben in ihr Zimmer.

Die Koffer blieben im Flur stehen. Sie auf den Speicher zu bringen, lohnte einfach nicht mehr.

Zwei Tage später wagte Charlotte ihre erste Fahrt mit dem Auto nach dem Sturz. Frank hatte ihr abgeraten, aber ihr Fuß passte wieder in den Schuh und die Schmerzen waren auch weniger geworden. Abgesehen von der Tatsache, dass die Farbe rund um den Knöchel von pflaumenblau zu nachtblau gewechselt hatte, ging es dem Fuß recht gut. Sie wollte ihn noch einmal dem Arzt vorstellen und anschließend kurz bei ihrer Chefin vorbeischauen. Danach wollte sie zum Friseur und sich die Haare kürzer schneiden lassen. Es war praktischer für einen

Badeurlaub. Kurz kam ihr der Gedanke, ob sie sich vielleicht doch zu viel zumutete. Ach wo, beruhigte sie sich selbst.

Frank wollte in der Zwischenzeit seine Sachen packen und hatte schon einen Koffer ins Schlafzimmer gebracht. Einiges hatte Charlotte ihm bereit gelegt. Ihre und Coras Sachen wollte sie am nächsten Vormittag packen.

Der Arzt machte eine scherzhafte Bemerkung über die Farbe ihres Fußes, war aber sehr zufrieden mit dem Verlauf des Heilungsprozesses. Im Kaufhaus hielt sie sich nur kurz auf, weil sie ihren Termin beim Friseur pünktlich wahrnehmen wollte.

Die Unruhe, die sie überfiel - gerade als die Friseuse versuchte, ihre weißen Strähnen in

eine gefällige Form zu föhnen - kam so plötzlich und beherrschte ihren ganzen Körper so stark, dass sie nur mit Mühe auf dem Stuhl sitzen bleiben konnte. Eine halbe Stunde später saß sie endlich im Auto und konnte die Heimfahrt antreten.

Das Ortseingangsschild war schon zu sehen, als sie im Rückspiegel die blauen Warnleuchten eines Krankenwagens sah. Sie fuhr rechts an den Straßenrand und mit schrillem Signal sauste der Wagen an ihr vorbei. Mit zitternden Händen lenkte sie ihren Wagen wieder auf die Straße. Als sie den kleinen Ort durchquert hatte und auf die Landstraße fuhr, sah sie in der Ferne den Rauch, der zum Himmel stieg. Inzwischen am ganzen Körper zitternd und kaum noch fähig

das Auto korrekt zu fahren, hatte sie nach kurzer Zeit, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam, ihre kleine Zufahrtstraße erreicht. Durch die Bäume des kleinen Ahornwäldchens sah sie die Flammen. Dann konnte sie nicht mehr weiterfahren. Feuerwehr- und Polizeifahrzeuge versperrten ihr den Weg. Am Wegrand standen zwei Krankenwagen und ein Rettungswagen. Das Fahrzeug des Notarztes. Mehrere Privatfahrzeuge standen am Rand der Chaussee. Einige Dorfbewohner waren gekommen um zu helfen, einige wollten einfach nur ihre Neugier befriedigen. Das nahm Charlotte jedoch alles nicht wahr. Es wurde ihr viel später von Marion erzählt, die es von dem Bauern erfahren hatte, dem die umliegenden

Felder gehörten. Sie stürzte aus dem Auto und rannte die Straße weiter zum Haus. Es brannte wie eine Fackel. Die Glasscheiben waren durch die Hitze geborsten. Aus den leeren Fensterhöhlen leckten die Flammen. Der Rauch nahm einem den Atem. Durch den Funkenflug waren schon kleinere Brände auf dem angrenzenden Maisfeld entstanden.

„Frank“, schrie sie.

Ein Feuerwehrmann hielt sie fest.

  „Sie können nicht weiter“.

Sie riss sich los und rannte weiter. Zwei anderen Feuerwehrleuten gelang es sie zurückzuhalten.

„Wohnen Sie hier? Ist jemand im Haus?“, fragte der eine.

„Frank, Frank“, schrie sie wieder.

Dann sah sie eine kleine Gestalt in einer der oberen Fensteröffnungen. Sie blieb einen Augenblick stehen, als würde sie auf die draußen stehenden Menschen schauen, bevor sie sich umwandte und in den hinter ihr lodernden Flammen verschwand.

  „Dort“, rief ein Feuerwehrmann. Er hatte die Gestalt ebenfalls gesehen. Die Löschfahrzeuge waren in vollem Einsatz.

„Da ist nichts mehr zu retten“, hörte Charlotte von irgendwo her.

Ein Sanitäter kümmerte sich um Charlotte. Sie war ohnmächtig geworden. Im Krankenwagen kam sie wieder zu sich.

Cora hatte wohl nicht rechtzeitig genug ´halt!` gesagt, schoss es ihr durch den Kopf.

Dann umfing sie wieder die Ohnmacht.Bewohner aus dem Ort hatten den Rauch in der Ferne gesehen und sofort die Feuerwehr alarmiert. Aber schon nach deren Eintreffen erkannten die erfahrenen Männer, dass ihre Hilfe zu spät kam. Sie konnten nur noch versuchen einen Flächenbrand des Maisfeldes zu verhindern. Der heiße und regenarme Sommer hatte seine Spuren hinterlassen. Die Maisstauden waren gelb, trocken und raschelten wie Papier. Das Haus brannte bis auf die Grundmauern ab. Eine geisterhafte Brandruine zeugte von der verheerenden Kraft des Feuers. Nur ein Teil des Kellers blieb fast unversehrt. Die Feuerwehr hatte weder eine Erklärung für die Brandursache noch dafür, warum sich das

Feuer so schnell ausbreiten konnte. Letztlich vermutete der Brandmeister einen Kabelbrand. Aber sicher war er sich nicht. Nachdem die noch bestehenden vom Ruß schwarz gefärbten Mauern etwas abgekühlt waren, begann die Feuerwehr unter den Trümmern nach den Toten zu suchen. Dass es keine Überlebenden geben würde war sicher. Was man von Frank fand, konnte nur in der Gerichtsmedizin anhand vorliegender Unterlagen seines Zahnarztes identifiziert werden.

Von Cora fand man nichts. Als Charlotte davon erfuhr, wusste sie - es war noch nicht vorbei.




© KaraList

Erstveröffentlichung der Gesamtausgabe 09/2013

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Über den Autor

KaraList
In meinem Garten steht kein Birnbaum - trotzdem unschwer zu erkennen wo mein Zuhause ist. Der Dichter, der dieses Land mit Leidenschaft beschrieb, muss damals schon gewusst haben, dass ich mich dort niederlassen würde.
Das Schreiben habe ich - wie fast alle - mit dem ABC erlernt. Eigene Gedanken zu Papier zu bringen ... viel, viel später. Mich hat weder die Muse geküsst, noch fühle ich mich berufen meine Mitmenschen mit meinen literarischen Ergüssen zu überschütten.
Nach gefühlten 20 000 gelesenen Büchern, habe ich mir gesagt, eine Geschichte oder ein Gedicht schreiben, das kannst du vielleicht auch. Und wenn der geneigte Leser nach der letzten Zeile das Buch mit dem Gedanken zuschlägt ´schade, dass es zu Ende ist` - dann war die Mühe nicht umsonst. Denn, Schreiben ist Arbeit.

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trixi1303 Ich weiß gar nicht was ich da schreiben soll. Stephen Kings Feuerteufel ist ein Dreck dagegen.
Vor langer Zeit - Antworten
Moscito Diese Art, einen Urlaub zu verhindern, ist ja schon sehr heftig, aber warum musste Charlotte auch unbedingt darauf bestehen, dass ihr Farbenspiel schneller verheilt, als gedacht von der lieben Kleinen. Bei soviel Drestigkeit hat sogar das Feuer vergessen sich vor der "Herrin" zu verneigen, sondern sie gleich mitverschlungen. Armer Frank, aber so muss er nun auch nicht mehr mit aller Macht die Augen vor diesem etwas anderen Kind verschließen. Nun bin ich aber gespannt, wie sich das Leben für Charlotte weiter entwickelt. Haus hat sie keins mehr. Wo wird sie unter kommen? Wie verarbeitet sie den Schock? Und vor allem wo ist der Satansbraten? Hoffentlich schmort dieser ein wenig in der Hölle, verdient hat sie es allemal. Immer noch sehr spannend und ich bin gerne noch dabei, weil es doch auch jetzt anfängt noch interessanter zu werden, bis wir des Rätsels Lösung präsentiert bekommen.
Lieben Gruß
Silke
Vor langer Zeit - Antworten
KaraList Vielen herzlichen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar und das Geschenkpaket, liebe Silke. Deine Fragen werden beantwortet ... alles zu seiner Zeit. :-))
Ich finde auch, dass der Satansbraten die Hölle verdient hat ... aber wir werden sehen ...
Ich freue mich über Deine Lesetreue. Knicks!
LG
Kara
Vor langer Zeit - Antworten
Bleistift 
"Der Urlaub - Kapitel 20..."
Tja, die Abfolge der sich verändernden Farben
um den in Mitleidenschaft gezogenen Knöchel,
die kenne ich selbst zur Genüge... smile*
Aber einen so kleinen üblen Feuerteufel,
den kannte ich bis dato halt noch nicht...
Jetzt ist allerdings die Katze aus dem Sack
und der arme Kerl von Ehemann... Geschichte.
Und natürlich ist auch dieses unsägliche Martyrium
noch lange nicht zu Ende...
Spannend, wie selten eine Folge zuvor geschrieben...
LG Louis :-)
Vor langer Zeit - Antworten
KaraList Ich kenne die bunte Vielfalt der Farben auch. :-)
Vielen lieben Dank für Deinen Kommentar und den Favo, lieber Louis.
Ich freue mich über Deine Lesetreue. Auch dafür ein herzliches ´Dankeschön`.
LG
Kara
Vor langer Zeit - Antworten
Memory 
Na jetzt hast du ja gründlich aufgeräumt ... und Nägel mit Köpfen gemacht.
Bin gespannt, wie du den Bogen jetzt oder dann in die Gegenwart spannst und wo diese mysteriöse "Göre" abgeblieben ist.
Wieder perfekt geschrieben. Spannung vom ersten bis zum letzten Wort.
Lieben Gruß
Sabine
Vor langer Zeit - Antworten
KaraList "Gründlich" ist genau die passende Bezeichnung. :-)
Ich danke Dir herzlich für Dein Lob, liebe Sabine, ... und natürlich den Favo. Ich freue mich!
LG
Kara

PS: Ich hätte gern die letzten Kapitel teilweise in ´Kursiv` geschrieben, weil sie Bestandteil des Briefes von Charlotte sind. Ich habe es aufgegeben. Der Wechsel von ´Kursiv` zu `Standard` ist ein Glücksspiel. Ich hoffe, es ist mir gelungen, den Wechsel in die Gegenwart (nächstes Kap.) nachvollziehbar dem Leser nahezubringen.
Vor langer Zeit - Antworten
Memory 
Das mit den kursiven Teilen habe ich auch schon lange aufgegeben.
Ich finde es hier bei dir einleuchtend und habe kein Problem damit. Ist ja eigentlich offensichtlich.
Also denk dir nichts.
LG
Vor langer Zeit - Antworten
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