Glückszeit
„Tim?“
Nachdem minutenlang nur das Ticken der Wanduhr zu hören war, hallte mein als Frage ausgesprochener Name überlaut durch den Raum. Ich wusste, dass ich etwas sagen musste, das war die Bedingung, aber ich konnte es nicht. Nicht in diesem Kreis und eigentlich überhaupt nicht. Meine Augen hielt ich noch immer fest geschlossen. Ein plumper Versuch, mich von der Außenwelt abzuschotten, oder die Außenwelt von mir. Laura schob langsam ihre Hand in meine und erdete mich sofort. Reden konnte ich dadurch noch
immer nicht, aber die aufkeimende Panik legte sich wieder. Es tat gut, dass sie bei mir war und ich war froh, sie gebeten zu haben, als Begleitung mit mir zu diesem Treffen zu kommen. Niemals hätte ich gedacht, dass wir uns einmal so nah sein werden, uns ohne Worte verstehen und Halt geben würden, wenn ihn einer von uns verliert.
Kennengelernt hatten wir uns vier Monaten zuvor auf dem Dach dieser Klinik. Es war ein weiteres Krankenhaus, in das ich zur Genesung verlegt wurde. Wieder nur ein Krankenhaus, aber wenigstens hatte dieses viele Stockwerke und war hoch genug für meinen Plan. Mühsam zusammengeflickt wurde ich in
all den anderen Kliniken. Dieses sollte nun meine Endstation sein. Ein dehnbarer Begriff, von dem ich wusste, dass sich meine Deutung nicht mit der meiner Ärzte deckte.
Ich war Patient der Kinder-und Jugendpsychatrie. Nur weil mir vier Monate zur Volljährigkeit fehlten, zählte ich als Kind. Dabei hatte ich aufgehört ein Kind zu sein, als ich mich vor zwei Jahren zu meinem Bruder auf seine Rennmaschine setzte. Er wollte mir grenzenlose Freiheit zeigen und den Rausch der Geschwindigkeit vermitteln. Als ich aus dem Koma erwachte, war Freiheit nur noch ein Fremdwort und Geschwindigkeit hatte sich in zähe
Langsamkeit verwandelt. Mir fehlten beide Beine, die Finger der rechten Hand und zum Glück die Erinnerung an den Unfall.
„Tim, du musst jetzt etwas sagen!“, flüsterte Laura und strich auffordernd mit ihrem Daumen über meinen Handrücken.
Ich sollte etwas sagen, das wusste ich. Es war ein Hohn, da mir immer noch nicht klar war, was ich hier wem und warum erzählen sollte. Diese Gruppentreffen hasste ich, weil mein Kopf niemanden etwas anging. Er war so ziemlich das einzige an mir, was ganz geblieben war, an dem nicht herum operiert wurde, genäht, geflickt,
gestückelt. Warum durfte nicht wenigstens sein Inhalt mein Eigentum bleiben? Meiner und Lauras, denn sie hatte ich längst hineingelassen.
„Du tust es doch nicht“, hatte sie gesagt, als ich oben auf dem Dach des achtstöckigen Gebäudes stand und davon ausging, allein zu sein. Ich wollte nicht mehr an diesem Leben teilnehmen. Hatte die Schnauze voll und bekam Würgereize, wenn mir immer wieder beteuert wurde, dass ich das alles in den Griff kriegen würde. Das Leben wäre schön, blablabla. Nichts war schön und nichts bekam ich in den Griff. Noch immer gestalteten sich alltägliche Tätigkeiten zu Horrorszenarien. Dazu
kam das Wissen, niemals wieder auf dem Fußballfeld stehen zu können. Meine Rolle als Mittelstürmer würde ich tauschen gegen die eines Zuschauers in der Rollstuhlloge. Nicht mal richtig Beifall würde ich klatschen können mit den Resten meiner rechten Hand. Ich hatte fertig, wie man so schön sagt und sah nur einen vernünftigen Ausweg für mich.
Und genau zu diesem Zeitpunkt mischte sich Laura mit diesem einen Satz in das Trümmerfeld meines Lebens.
Langsam drehte ich mich in meinem Rollstuhl um und nahm sie zum ersten Mal bewusst zur Kenntnis. Sie war auch Patientin der Klinik, sollte wohl so wie
ich für das Leben draußen gerüstet werden, nachdem sie bei einem Unfall beide Eltern verloren hatte. Genau wusste ich es nicht, was interessierten mich andere.
„Und woher hast du diese Weisheit?“, blaffte ich sie wütend an. Ich wollte allein sein und schon gar nicht von einem Mädchen dabei beobachtet werden, wie ich heulend am Dachrand saß.
„Weil ich auch schon da stand, wo du jetzt stehst“, antwortete sie so leise, dass ich sie fast nicht gehört hätte.
„Wenigstens konntest du stehen.“ Zynisch funkelte ich sie an. Sie hatte mich durcheinander gebracht und in meinem Kopf dehnte sich Leere
aus.
„Dann mach doch! Und bedank dich schnell noch bei denen, die unten die Sauerei wegmachen müssen.“ Damit wendete sie sich um und ging langsam zur Tür, die in das Treppenhaus führte.
Die hatte Nerven! Sie ging wirklich, drehte sich nicht noch einmal um und erst das laute Klappen der Stahltür weckte mich aus meiner Starre.
Als ich sie am nächsten Tag im Speisesaal traf, warf sie mir nur ein schnippisches „Hab ich doch gesagt!“ zu. Von diesem Zeitpunkt an trafen wir uns regelmäßig. Sie war anders, als all die Therapeuten, Patienten, Ärzte und Mädchen, die ich kannte. Sie war anders
und mit ihr wurde alles anders.
„Schade. Wieder eine Woche mehr hier drin“, murmelte Laura und endlich öffnete ich meine Augen. Längst war die Stunde vorüber und die letzten Stühle wurden scharrend weggeräumt. Noch immer stand ich dort, wo vorher der Kreis war und schaute nun endlich zu Laura auf. Ihre Enttäuschung war deutlich sichtbar und funkelte glitzernd in ihren Augen.
„Es tut mir leid“, war alles, was ich über die Lippen brachte. Als ich ihre Hand greifen wollte, entzog sie diese und ging wortlos.
Ich war so ein armseliger feiger Wurm. Wir wollten einen vorsichtigen Start in
das Leben draußen wagen. Wollten im Haus meiner Eltern gemeinsam das ausprobieren, von dem alle sagten, dass wir es schaffen könnten. Die Bedingung war jedoch, dass ich endlich regelmäßig und aktiv an diesen Gruppentreffen teilnahm. Zehn Stunden, in denen ich offen und ehrlich zu meinen Gefühlen stehen sollte. Wieder hatte ich es nicht geschafft und fühlte mich elendig. Warum gelang es Laura scheinbar mühelos und mir nicht? Ihre zehn Stunden hatte sie längst absolviert. Zügig verließ ich den Raum, ignorierte den Ruf des Psychologen und wollte auf schnellsten Weg zu ihr. In ihrem Zimmer angekommen, gefror mir das Blut in den
Adern. Wortlos starrte ich auf die Reisetasche, die neben Lauras Bett auf einem Stuhl stand. Wie im Zeitlupentempo musste ich zuschauen, als ein Kleidungsstück nach dem andern darin verschwand. Laut ratschte der Reißverschluss zu, Laura nahm die Tasche auf und verließ wortlos ihr Zimmer.
Ich schlucke die Erinnerungen wie ein zu großes Stück heiße Kartoffel hinunter und mache eine Pause. Als ich die Augen öffne, sehe ich sie beide. Eng aneinander gekuschelt, die Hände haltend, sitzen die zwei Personen vor mir, die mein Lebensglück bedeuten. Die Menschen,
für die ich durchs Feuer gehen, oder in meinem Fall rollen würde. Der Kloß in meinem Hals lässt sich einfach nicht schlucken und ergriffen schaue ich Mutter und Tochter schweigend in die gleich aussehenden Augen.
Wir haben beschlossen, dass Sofie an ihrem vierzehnten Geburtstag alt genug ist, unsere gemeinsame Geschichte zu erfahren.
Laura lächelt mich zärtlich an. „Soll ich weitererzählen?“
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