Kurzgeschichte
Sterben ist schön

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"Sterben ist schön"
Veröffentlicht am 13. April 2015, 14 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Andyhank
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Der Alltagslyriker Andyhank (sprich: Ändihänk), mit bürgerlichen Namen "Andreas Hanke", zeichnet und schreibt, musiziert und komponiert, bastelt, kreiert, kocht und gärtnert. Humor ist sein liebstes Steckenpferd, was nicht immer bedeutet, dass alles, was hervorgebracht wird, auch lustig sein muss. Lassen wir Leser uns bezaubern von einer Denkweise der Dichtkunst, die nicht allzu oft anzutreffen ist, lassen wir Betrachter uns anstecken von ...
Sterben ist schön

Sterben ist schön











J. fuhr nach Spanien, um zu sterben.



Ben blickt noch eine Weile sinnig auf den Schlusssatz der tollen Geschichte, ehe er das Buch zuklappt.


Spanien … Da war er noch nie gewesen. Vielleicht sollte er? Warum eigentlich nicht. Vielleicht wegen diesem Ballermann, wegen den ausufernden Sauforgien, dem ganzen Müll, den Scherben, die im Sand rumlagen, dem Krach, dem Lärm, den … NEIN! – Spanien konnte ihm gestohlen bleiben. Dann lieber noch so eine herzergreifend schöne Geschichte lesen und die eigene Phantasie spielen lassen. Kopfkino ist doch was Feines! Man stellt sich nur die Dinge vor, die man möchte. Seine eigene virtuelle Welt sozusagen. Scheußliches, Unwichtiges wird einfach ausgeklammert.



Wer ist überhaupt Ben? Ein einssiebzig großer Mittsechziger mit Schnauzbart, nicht zu dick, nicht zu dünn, dem man ansieht, dass die Jahre fast spurlos an ihm vorbeigegangen sind. Bis auf ein paar Lachfältchen auf der Stirn und dem wallenden Haar, um das ihn viele gleichaltrige Männer beneiden. Wäre der Schnauzbart nicht, würde man ihn fast für einen Bub halten. Ben legt das Buch zu den anderen gesammelten Werken ins Regal zurück. Sicherlich wird er eines Tages noch einmal drin schmökern wollen. Manche Bücher wollen mehrmals gelesen werden. Manche dagegen nur einmal, wenn überhaupt.

Oder später. Ganz anders als das eben gelesene Werk. Da geht es um einen Massagesalon erster Klasse. Ben möchte auch in den Genuss kommen, solch einen Salon kennenzulernen. Vor allem aber diese ungezähmte Massage erleben, wie sie von dem Autor beschrieben wurde. Doch extra dafür nach Spanien kutschieren? Vielleicht war die ganze Geschichte nur erfunden und er würde sich dumm und dämlich suchen? Nein, Ben will sich zuerst mal in der Umgebung umsehen. Schließlich wohnt er in der schönsten Kleinstadt der Welt. In Sankt Erben. Dort wird es wohl ein Massagegeschäft geben. Er nimmt das Buch wieder an sich. Vielleicht braucht er es.


Gedacht, getan! Ben zieht los und sieht sich zuerst in den Gebieten um, die er schon kennt. Vielleicht ist ihm etwas entgangen. Man sieht ja eh nur die Geschäfte, die einen interessieren. Anderes wird nur am Rand wahrgenommen. Es ist fast Zwölf Uhr, als Ben in die Einkaufspassage biegt. Die Sonne scheint, die Kondore zwitschern in den Affenbrotbäumen und die Leute kaufen ein, als wenn es der letzte Tag des Jahres wäre. Vorm Eckcafe, das den stolzen Namen „Zur Distel“ trägt, sitzen durstige Leute und andere Müßiggänger, um sich der flirrenden Hitze irgendwie zu erwehren. Ben schaut im Vorübergehen auf die Karte mit den Angeboten. Ihm wird ganz schwindelig, als er die dahinterstehenden Preise liest.

Deswegen bestellt er sich nur eine Schokoladeneiskugel. Auch eine Kugel kann ganz erfrischend sein. Man muss sie nur wie Kartoffelecken langsamer ablecken. Wobei es Ben im Nachhinein schon komisch war, als er letztens aus dem Restaurant kam, in dem man die Kartoffeln nur lecken durfte, anstatt sie aufzuessen. Wie kann man eine Beilage auch nur mit Kartoffelecken bezeichnen, anstatt mit Kartoffelessen? In jenes Restaurant wird er bestimmt nicht noch einmal gehen. Was für einen Sinn hat es, wenn man es hungrig verlässt?




Ben zieht weiter. An palavernden Frauen vorbei, die ihm wie eine Schar gackernder Hühner vorkommen. Es macht Spaß, die Leute mit Tieren zu vergleichen! Die Kinder hüpfen derweil wie Kaninchen um sie herum. Ein Wunder, dass der Metzger von Gegenüber noch nicht wie ein hungriger Fuchs mit dem Schlachtemesser herausgestürmt kommt. Doch den beanspruchen andere Sorgen. Das Geschäft boomt, die Fliegen summen, die Kunden warten. Keine Zeit für schwingende Messer. Die Einkaufswege ähneln Ameisenstraßen. Ein ständiges Kommen und Gehen.



Ben steht vor einem Schaufenster. Thai – liest er. Thaimassage. Ben schaut verdutzt hin. „Thai?“ Was ist denn das? Ben ziert sich nicht lange und nimmt schüchtern die drei Stufen bis zur Eingangspforte in einem Zug. Hinter dem Tresen steht ein Hüne von einem Kerl, wie ihn Ben das letzte Mal in Schwarzeneggers „Conan, der Barbar“ gesehen hat.


„Na, meine Perle?“, wird Ben von dem Schwarzeneggerverschnitt begrüßt. Ben ist sprachlos und schaut zu ihm auf. Der isst zum Frühstück bestimmt keinen Honig, der frisst Wildbienen, denkt er sich.



Dann fasst er sich ans Herz und legt das Buch auf den Tresen, den ein stilisiertes Bild eines Sonnenuntergangs in den Tropen ziert. „Ich hätte gern so eine Massage wie diese hier“, spricht er leise fordernd und zeigt auf die betreffende Stelle im Buch. Der falsche Schwarzenegger ruft: „Me An!“ – und beurlaubt sich. Ben steht da und weiß nicht, was er machen soll. Der Muskelprotz lässt ihn doch einfach stehen! Ben wartet einfach. Dann öffnet sich ein Vorhang, den Ben bisher nicht bemerkte. Eine kleine, sonnengebräunte und zierliche Frau schwebt anmutig auf die Stelle, die der ungehobelte Protz bis eben noch ausfüllte.


„Massage?“, forscht sie mit klingelnder Stimme. Ben nickt verkrampft. Er hat einen Kloß im Hals. Irgendwie. Ausgerechnet jetzt! „Diese hier!“, krächzt er errötend und zeigt auf die eine Stelle in seinem Buch. Die Frau folgt Bens Zeigefinger und schaut sich die dortige Abbildung an. Dann blickt sie Ben in die Augen. Ben spürt förmlich das in seiner Gewaltigkeit bis dato unbekannte Vermächtnis der inneren Hitze. Sein Gesicht strahlt bestimmt auf der gleichen Skala wie die Bank eines Sonnenstudios in der höchsten Einstellung. Ben blickt zurück. Wenn er was will, kann er ziemlich stur sein. Auch wenn er vor Scham lieber aus dem Geschäft gerannt wäre.


„Bitte, hier entlang!“, flötet ihre Stimme. Ben ist flau im Magen. JETZT? Er wollte doch nur mal fragen. Doch … warum eigentlich nicht? Sie geht vor. Ben schleicht hinterher. Er blickt zurück zum sich schließenden Vorhang und überlegt ein letztes Mal, doch noch umzukehren. Ein paar Minuten später liegt er auf dem Massagebrett. Glückselig stöhnend schließt er die Augen. Die Frau fragt:

„St. Erben schön?"




Ben missversteht sie.

Er schnurrt nur wonnevoll und ist kurz vorm Miauen, als ihre Hände endlich die Region seines splitternackten Körpers massiert, wie er es sich, eben wie im Buch abgebildet und beschrieben, wünschte.

Ihre geölten Hände kneten seinen Po, der sich ihnen angenehm erregt entgegenstreckt.


Ben schwebt vor Glückseligkeit, als sie mit dem Zeigefinger die Spalte zwischen seinen Hügeln entlangzufahren beginnt und dem Pol der Gelüste entgegensteuert.

„Ooohhh, jaaaaaaaa …!“, murmelt Ben entzückt, „Sterben ist schöööööön …!“

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Hörbuch

Über den Autor

Andyhank
Der Alltagslyriker Andyhank (sprich: Ändihänk), mit bürgerlichen Namen "Andreas Hanke", zeichnet und schreibt, musiziert und komponiert, bastelt, kreiert, kocht und gärtnert.

Humor ist sein liebstes Steckenpferd, was nicht immer bedeutet, dass alles, was hervorgebracht wird, auch lustig sein muss.
Lassen wir Leser uns bezaubern von einer Denkweise der Dichtkunst, die nicht allzu oft anzutreffen ist, lassen wir Betrachter uns anstecken von der Phantasie und Kreativität, von den unendlichen Weiten, aus den unerschöpflichen Vorräten der Andyhankologie.
Weitere Informationen gibt es auf: www.andyhank.de und auf Instagram @knahydna

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FLEURdelaCOEUR 
Humorvolle Geschichte mit Wortwitz und Gags, jedoch auch einigen Längen. Der Satz über die Kondore (Amerika) in den Affenbrotbäumen (Afrika) blieb mir jedoch (auch im Hinblick auf den deutschsprachigen Handlungsort) unverständlich. Immerhin - ein guter 4. Platz!

LG fleur
Vor langer Zeit - Antworten
Andyhank Du hast noch nicht die Haufen auf meiner Gartenbank gesehen. Das muss ein Kondor gewesen sein!
Du siehst, Kondore in Affenbrotbäumen sind gar nicht so abwegig ... :D
Vor langer Zeit - Antworten
FLEURdelaCOEUR 
Tja, wenn sich diese Bank in schwindelerregender Höhe auf einer Terrasse befindet, sollte dich das nicht wundern! "El condor pasa" ;-)))
Und Affenbrotbäume gibt es auch in Blumentöpfen, dann heißen sie Crassula .... krass, nicht?
Vor langer Zeit - Antworten
Andyhank Total krass! Genauso wie ein 120 Meter hoher Balkon, oder Hochstand ... ;)
Vor langer Zeit - Antworten
NORIS Mann muss weder für eine solche Massage noch zum Sterben nach Spanien fahren ... lach ... eine herrliche Geschichte mit tollen Bildern, diesmal mit Worten gemalt ... *****regen von mir ... Münzen sind alle!
LG Heidemarie
Vor langer Zeit - Antworten
Andyhank Nee, muss man nicht. Doch fahren so manche Leute trotzdem hin ... :D
Danke für die Sterne, die sind mir lieber, als die Coins!
Aber ich hab welche für dich. :)
Vor langer Zeit - Antworten
NORIS Schön, dass ich das über die Sterne weiß ... trotzdem: DANKE für deine Münzen! :)
Vor langer Zeit - Antworten
Andyhank Steht in meinem Profil, im Interview, drin - fast unten. ;)
Vor langer Zeit - Antworten
pepe50 Er schnurrt nur wonnevoll und ist kurz vorm Miauen, ...
wer denkt denn in so einem Moment ans Sterben? :-)
Damit hast Du schön vom eigentlichen Thema abgelenkt, ohne es jedoch zu verfehlen. - LG Alfred
Vor langer Zeit - Antworten
Andyhank Könnte man so sagen, ja, wobei das Sterben hierbei sogar einem Wortspiel ähnelt. Danke für deinen Kommentar. :)
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