Gedichte
Die Ausreißerin

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"Die Ausreißerin"
Veröffentlicht am 12. Oktober 2008, 8 Seiten
Kategorie Gedichte
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Über den Autor:

Es fällt mir nicht leicht, etwas über mich zu schreiben. Also ganz kurz: 52 Jahre alt,glücklich geschieden, Mutter von drei Superkindern, Psychologisch-technische Assistentin - fühle mich viel jünger als ich bin. Noch Fragen, dann fragt ruhig, ich stehe jederzeit Rede und Antwort.
Die Ausreißerin

Die Ausreißerin

Sie saß in ihrem Zimmer, hatte die Musik aufgedreht,

da sah sie, wie ganz plötzlich die Zimmertür aufgeht.

Ihr Vater drehte ihre Anlage aus:

„Du bist hier nicht alleine im Haus.

Den Abwasch hast du auch noch nicht fertig gemacht.

Hast du jemals in deinem Leben an uns gedacht?

Ich arbeite schwer den ganzen Tag,

aber du tust niemals, was man dir sagt.“

Sie hat sich störrisch zur Wand gedreht:

„Mach die Tür zu, ich will schlafen, es ist schon spät.“

Jeden Tag hat es in den letzten Wochen Ärger gegeben.

Was war das hier für sie schon für ein Leben?

Die Schule war so öde wie ihr Elternhaus.

Sie dachte bei sich: heute Nacht reiß ich aus.

 

Dann hat sie sich ganz leise mitten in der Nacht

für ein schönes neues Leben fertig gemacht.

Sie warf in den Rucksack das, was man so braucht,

saß auf ihrem Bett, hat noch eine geraucht.

Verträumt sah sie die Glut der Zigarette an.

Jetzt fängt für mich ein neues Leben an.

Dann schlich sie sich ganz leise aus dem Haus.

In der Nacht sah die Stadt so friedlich aus.

 

Den Rucksack auf dem Rücken ging sie zum Bahnhof hin.

Ihr Ziel war selbstverständlich Berlin.

Ohne Karte ist sie dann in einen Zug gestiegen.

Sie ließ sich sanft in ihre Träume wiegen.

Kein Lernen, kein Gemecker, kein Gezeter mehr.

Das Leben gibt bestimmt noch sehr viel Schönes her.

 

Am nächsten Tag schlenderte sie durch diese große Stadt,

sah Dinge, die sie nie vorher gesehen hat.

Sie hatte sich ein paar belegte Brote mitgenommen.

Zum Glück dachte sie, als sie Hunger bekommen.

Doch schnell waren die Vorräte aufgebraucht.

Schon bald hatte sie die letzte Zigarette geraucht.

 

Dann, langsam, brach die Nacht herein.

Sie fühlte sich allein und klein.

Sie wusste nicht, wo sie schlafen kann.

Da sprach ein junger Mann sie an:

„Du bist neu hier, ich habe dich noch nie gesehen.

Willst du mit mir unter eine Brücke gehen?“

 

Tiefliegende Augen prägten des Mannes Gesicht.

Gewaschen hatte der sich sicher lange nicht.

Er stank nach Schweiß und nach Urin.

Das war die andere Seite von Berlin.

Sie spürte, dass sie das nicht will.

Dies Leben, das war nicht ihr Ziel.

 

Sie drehte sich um, ist weggerannt.

In diesem Moment hat sie erkannt:

Ihr Leben war gar nicht so schlecht,

gehört dazu auch etwas Pflicht,

muss sie auch noch zur Schule gehen.

So wollte sie niemals aussehen.

 

Bedrückt ging sie zur Polizei.

Ihren Ausweis hatte sie dabei.

Sie wollte jetzt nur zurück nach Haus.

Sie wollte nur aus diesem Leben hier raus.

Sie wollte schnell zu den Eltern zurück,

denn in dieser kleinen Stadt, da lag ihr Glück.

 

Sie wurde sogleich nach Hause gebracht,

sprach mit ihren Eltern die ganze Nacht.

Jetzt wurden neue Regeln getroffen.

Jetzt war alles für ein neues Leben offen.

Es gibt es, dieses neue Leben,

aber mit klaren Regeln eben.

 

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Hörbuch

Über den Autor

Chrissy55
Es fällt mir nicht leicht, etwas über mich zu schreiben. Also ganz kurz: 52 Jahre alt,glücklich geschieden, Mutter von drei Superkindern, Psychologisch-technische Assistentin - fühle mich viel jünger als ich bin. Noch Fragen, dann fragt ruhig, ich stehe jederzeit Rede und Antwort.

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Chrissy55 Re: Ja... -
Zitat: (Original von WortWichtel am 12.10.2008 - 23:34 Uhr) ...weglaufen ist meistens keine Lösung für Probleme, sie holen einen doch meistens wieder ein...

Liebe Grüße
Uwe


Danke, Uwe, stimmt genau, Weglaufen ist keine Lösung, aber all zu oft denken Jugendliche gar nicht darüber nach, packen ihre Sachen und hauen ab. Wenn sie Glück haben, dann endet es so, wie in meinem Gedicht.
LG Chrissy
Vor langer Zeit - Antworten
Chrissy55 Re: Die Ausreisserin -
Zitat: (Original von PaulG am 12.10.2008 - 22:24 Uhr) Chrissy, in deiner Geschichte hätte aber nicht viel gefehlt und die Situation wäre ins Ausweglose eskaliert...
Macht einen sehr nachdenklich. Besonders, wenn man noch kleine Kinder hat...


Liebe Gruss
Paul



Ich danke dir, Paul, vielleicht denken wir auch zu selten darüber nach, wieviele Straßenkinder es sogar bei uns gibt, wie oft es passiert, dass Kinder gerade im Teenageralter von Zuhause abhauen. Ganz oft wird in der Familie aber auch viel zu wenig geredet, denke ich. Meine Kinder sind nicht abgehauen und deine werden es sicher auch nicht machen, bei dem Vater.
LG Chrissy
Vor langer Zeit - Antworten
PaulG Die Ausreisserin - Chrissy, in deiner Geschichte hätte aber nicht viel gefehlt und die Situation wäre ins Ausweglose eskaliert...
Macht einen sehr nachdenklich. Besonders, wenn man noch kleine Kinder hat...


Liebe Gruss
Paul

Vor langer Zeit - Antworten
Chrissy55 Re: neues leben -
Zitat: (Original von Schreiberling am 12.10.2008 - 21:17 Uhr) Schön geschrieben. Leider kommt diese Einsicht bei vielen Jugendlichen oft zu spät.
VLG
Sabine


Vielen Dank, Sabine, da hast du völlig Recht, das denke ich auch, wenn ich viele Straßenkinder sehe. Die haben sich das wahrscheinlich ganz anders vorgestellt. Aber ist es nicht schön, wenn sie irgendwann den Weg nach Hause finden?
LG Chrissy
Vor langer Zeit - Antworten
Schreiberling neues leben - Schön geschrieben. Leider kommt diese Einsicht bei vielen Jugendlichen oft zu spät.
VLG
Sabine
Vor langer Zeit - Antworten
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