mySTORYs Schreibratgeber
Für Anfänger und Fortgeschrittene

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Erzählweisen

Der Erzähler und seine Perspektiven

Jede Geschichte hat ihren Erzähler, das sollten wir nicht vergessen. Auch dann, wenn er sich uns nicht explizit vorstellt. Und auch dann, wenn wir uns fälschlicherweise ganz sicher sind, es sei der Autor, der direkt mit uns spricht und uns (s)eine Geschichte erzählt.

Das gilt sogar für Geschichten, deren Autoren sich nicht wirklich bewusst sind, dass sie von einem Erzähler erzählt werden. Manchen unter diesen hilft hier die Erfahrung und das Handwerk. Den Geschichten anderer merkt man es an, dass sie sich mit ihrem Erzähler nicht bekannt gemacht haben.

Denn tatsächlich gehört der Erzähler zu den wichtigsten Figuren, die der Autor einer Erzählung im Griff haben muss.

1. Die Figur des Erzählers

Es gibt ganz verschiedene Typen von Erzählern, von denen uns viele gar nicht auffallen, wenn sie uns gegenübertreten, eben weil sie uns nicht offen gegenübertreten und es erscheinen lassen wollen, als gäbe es sie gar nicht. Andere outen sich gleich zu Beginn der Geschichte und lassen keinen Zweifel daran, dass es sie gibt:

Hallo, ich heiße Horst Quasselhans und will euch die Geschichte von meinem besten Freund, Tim Tom, erzählen.

Wenn eine Geschichte so beginnt, werden wir möglicherweise noch einmal das Buch zuschlagen und auf den Autorennamen schielen. Wenn der nicht Horst Quasselhans lautet, stellt sich doch die Frage, warum nicht der Autor selbst uns die Geschichte erzählt, sondern dieser seltsame Horst.

Dafür kann es die verschiedensten Gründe geben. Der Autor schafft die Figur des Erzählers, um eine bestimmte Wirkung beim Leser zu erzielen.

So möchte der Autor, der Horst Quasselhans erschaffen hat, möglicherweise, dass seine Geschichte einen authentischen Touch bekommt. Horst Quasselhans wird damit zur Quelle der Geschichte, auf die sich der Autor beruft. Gleichzeitig schafft der Autor mit ihm eine gewisse Distanz zu seinem eigentlichen Protagonisten, Tim Tom.

Was auch immer sich der Autor dabei gedacht hat, er hat sich etwas dabei gedacht. Schließlich hätte er diesen Horst auch einfach weglassen können:

Tim Tom war 28 Jahre alt und lebte in Neustadt. Dort arbeitete er als Kellner in einer Szenekneipe.

Würden wir diese ersten Sätze einer Geschichte lesen, käme uns ein Erzähler gar nicht erst in den Sinn. Hat die Geschichte also keinen Erzähler? Lesen wir einen Satz weiter:

Tim Tom war 28 Jahre alt und lebte in Neustadt. Dort arbeitete er als Kellner in einer Szenekneipe. In der lernte ich ihn kennen.

Ob es nun unser Horst ist oder ein ganz anderer – es braucht nur einen Satz für den Erzähler, um sich dem Leser zu zeigen. Ob er das tut oder nicht, liegt in den Absichten des Autors begründet.

Wenn er sich aber nicht zeigt, kann ihn der Leser dann überhaupt erkennen? Und ist er dann noch die wichtige Erzählerfigur, von der ich weiter oben sprach? Ist er überhaupt noch eine Figur?

Ja, ja und ja! Denn auch wenn sich der Autor keinen expliziten Erzähler ausdenkt, dem er einen Namen geben kann, denkt er dennoch vor dem Schreiben über die Erzählsituation, über die Perspektive, über Sprache und Stil der Erzählung nach. Dies alles sind Qualitäten des Erzählers, die in der Regel während der gesamten Erzählung einheitlich gestaltet werden sollten. Der Autor schafft sich also einen Erzähler und sollte sich dessen bewusst sein, sich mit dieser Figur auseinandersetzen, damit sie ihm nicht entgleitet.

Ein paar Beispiele unterschiedlicher Erzähler, die sich nicht explizit outen:

Tim Tom war 28 Jahre alt und lebte in Neustadt. Dort arbeitete er als Kellner in einer Szenekneipe. Eigentlich war er schon auf der Suche nach einem besseren Job, als Rosa Rot auftauchte. Die neue Kollegin faszinierte ihn und er vergaß, dass er vom Come In die Nase voll hatte.

Tim Tom, ein junger Mann von 28 Jahren, lebte in Neustadt. Hier verdingte er sich als Kellner in einem Lokal, das vor allem auf ein eher junges Publikum zugeschnitten war. Die Arbeit brachte ihm wenig Freude und war unzureichend bezahlt, weshalb der junge Mann Ausschau nach einer besseren Anstellung hielt. Doch eine neue Kollegin, in seinem Alter und überaus hübsch anzusehen, brachte seine Pläne durcheinander. Tim Tom war von Rosa Rot derart fasziniert, dass die Arbeit in der Lokalität namens Come in ihre Unattraktivität verlor.

Tim Tom, 28 Jahre, Kellner im Come In in Neustadt, lernte die neue Kollegin Rosa Rot gerade rechtzeitig kennen, um sich nicht von seinem Job zu trennen.

Tim Tom, der mit seinen 28 Jahren in Neustadt lebte, wo er als Kellner in einer Szenekneipe arbeitete, die auf den originellen Namen Come In getauft war, war weder von dem Lokal noch von der Arbeit, die er dort verrichten musste, übermäßig angetan. So reifte ihm mit der Zeit der Entschluss, sich nach einem neuen Job umzusehen, bei dem ihm Wirkungsstätte und Arbeitsbedingungen mehr zusagen würden. Doch änderte sich diese Situation schlagartig, als sich ihm Rosa Rot als seine neue Kollegin vorstellte. Die junge Frau, die als rothaarige Schönheit aus Tim Toms Träumen entsprungen schien, ließ ihn jegliche Bedenken seinem aktuellen Arbeitsplatz gegenüber vergessen.

Spätestens, wenn der lockere Erzähler aus dem ersten Beispiel, unvermittelt in den steifen Tonfall der Erzählers aus dem zweiten wechseln würde, oder wenn der knappe Stil des dritten Erzählers in den ausschweifenden des vierten übergehen würde, fiele die Erzählerfigur jedem Leser auf, weil sie einen Fehler gemacht hätte. Der Erzähler beginge einen Stilbruch.

Wir sehen also, wie wichtig es für den Autor ist, auch seinen Erzähler genau zu kennen.

Und eines dürfte mit diesen Absätzen ebenfalls klar geworden sein: Auch wenn er es meist nicht tut, würde der Erzähler von seiner Geschichte einen Schritt zurücktreten und von sich selbst erzählen, würde er in der ersten Person, also in der Ich-Form von sich sprechen. Nimmt man es also genau, ist jeder Erzähler ein Ich-Erzähler, nur eben oft einer, der die eigene Person komplett aus der Erzählung heraushält.

Dennoch bezeichnet man in der Regel nur den Erzähler als Ich-Erzähler, der tatsächlich im Text als solcher auftritt.

2. Verschiedene Erzählertypen

Traditionell unterscheidet man also den Ich-Erzähler auf der einen Seite vom Erzähler in der dritten Person (er, sie) auf der anderen. Letzteren trennt man zusätzlich in den auktorialen und den personalen Erzähler, wozu ich gleich noch detaillierter kommen möchte. Es ergeben sich also drei Grundtypen des Erzählers:

1.   der Ich-Erzähler,

2.   der personale Erzähler,

3.   der auktoriale Erzähler.

Diesem Modell wird man vermutlich auch heute noch am häufigsten begegnen, leider ist es meiner Meinung nach unzureichend, denn auch ein Ich-Erzähler kann personal oder auktorial erzählen.

Das Modell würde also der Wirklichkeit eher gerecht, wenn wir es folgendermaßen aufstellen:

1.   der Ich-Erzähler

a.   personal

b.   auktorial

2.   der Erzähler in der dritten Person

a.   personal

b.   auktorial

3. Auktorial vs. personal: Vom Gott zur Figur

Bei den Begriffen „auktorial“ und „personal“ handelt es sich, wenn man es genau nimmt, nicht um Typen des Erzählers, sondern um Erzählweisen. Noch genauer spricht man davon, dass der Erzähler eine auktoriale oder eine personale Erzählhaltung oder Perspektive einnimmt.

Auktorial erzählt der Erzähler, der sozusagen von oben auf seine Geschichte herabblickt. Er weiß mehr als die handelnden Figuren, denn er kann das Geschehen sowohl zeitlich als auch räumlich überblicken. Dabei kann der Grad an Auktorialität variieren. Je auktorialer ein Erzähler erzählt, desto gottgleicher ist sein Wissen von der Geschichte. Er wird daher auch als allwissender Erzähler bezeichnet.

Tatsächlich bedeutet der lateinische Begriff in der Literaturwissenschaft die Darstellung aus der Sicht des Autors. Das bedeutet nicht, dass der auktoriale Erzähler der Autor ist, sondern dass er über dasselbe oder ein ähnliches Wissen verfügt.

Und der Autor weiß natürlich alles über die Geschichte, die er erzählen (lassen) will. Er weiß, wie sie endet und was als nächstes geschieht, er weiß, was sich in der Stadt abspielt, während die Hauptfiguren über Land reisen, er kennt den Mörder, während der Kommissar noch im Dunkeln tappt, er weiß ob die Entscheidung des Protagonisten richtig oder falsch war, während der noch zittern muss, und er kennt all seine Figuren, weiß, was sie denken und welche Geheimnisse sie verbergen.

Je mehr der Erzähler nun davon dem Leser während der Geschichte mitteilt, je mehr der Leser also erfährt, ohne dass die handelnden Figuren (schon) davon wissen, desto auktorialer ist seine Erzählweise.

Wer jetzt schon nach Beispielen giert, der sei auf die folgenden Unterpunkte verwiesen. Schauen wir uns zunächst die personale Erzählweise an:

Der personale Erzähler erzählt aus der Perspektive einer der handelnden Figuren. Das heißt er bedient sich der Sichtweise dieser Figur, sieht nur, was sie sieht. Gleiches gilt für alle anderen Sinne und ebenso für die Gefühle der betreffenden Figur.

Der personale Erzähler nimmt sich also völlig zurück und schlüpft in die Haut der handelnden Figur. Er vermittelt damit dem Leser, direkt mit dieser Figur mitzuerleben.

Anders als die auktoriale Perspektive kann die personale nicht nur ein bisschen personal sein. Sobald der Erzähler die Perspektive der Figur verlässt, sobald er also von Dingen berichtet, die der Figur zu diesem Zeitpunkt, an diesem Ort oder überhaupt nicht bewusst sein können, nimmt er eine auktoriale Erzählhaltung ein.

Andersherum gesagt: Je mehr der Erzähler seine auktoriale Erzählhaltung aufgibt, je mehr er sich also von der Allwissenheit des Autors (natürlich nur auf die entsprechende Geschichte bezogen) entfernt, desto mehr nähert er sich der personalen Erzählhaltung an. Sobald er sich vollkommen auf die Sichtweise einer handelnden Figur beschränkt, erzählt er personal.

3.1. Der personale Erzähler in der dritten Person

Nun waren sie also am Ziel angelangt. Tom lief ein Schauer über den Rücken. Vor ihnen tat sich ein dunkles Loch in der Felswand auf. Da sollten sie reingehen? Tom wäre am liebsten wieder umgekehrt.

Es war ganz still. Und es roch wie auf einem Friedhof. Er blickte zu Isabel. Er konnte in ihrem Gesicht nicht den leisesten Anflug von Angst erkennen. Was war mit Peter? Auch er wirkte im ersten Moment gelassen. Doch dann bemerkte Tom, dass Peters Hände zitterten.

Peter sah ihn an und sagte: „Du bist kalkweiß im Gesicht.“

Der Erzähler dieser Geschichte erzählt aus der Sicht seiner Figur Tom. Er gibt nur wieder, was Tom sieht, hört, riecht, fühlt und empfindet. Er kennt nur Toms Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen. Er hat sich also quasi in Toms Kopf eingenistet und lässt den Leser ausschließlich aus Toms Sicht erleben.

Das hat Konsequenzen. Genauso wenig wie Tom kann der Erzähler wissen, was Toms Freunde denken und empfinden. Er kann bestenfalls aus ihren Handlungen, ihrem Verhalten und natürlich dem, was sie sagen, Rückschlüsse ziehen.

Was sich darüber hinaus nicht in der von Tom wahrnehmbaren Umgebung abspielt, kann der Erzähler dem Leser nicht mitteilen. Selbst manches, was Tom direkt betrifft, ist für ihn nicht wahrnehmbar. Würde Peter es nicht aussprechen, wüsste der Leser nicht, dass Tom kalkweiß im Gesicht ist, weil auch Tom es nur in einem Spiegel bemerken könnte. Und auch jetzt, muss er sich darauf verlassen, dass Peter die Wahrheit spricht und nicht etwa flunkert, um selbst besser dazustehen.

Doch die Konsequenzen gehen noch weiter: Ein personaler Erzähler, der die Sicht seiner Figur wiedergibt, wird sich auch in der Erzählstimme der Figur annähern. Gerade die ungefiltert wiedergegebenen Gedanken entsprechen sprachlich der Figurenstimme. Aus Peters Sicht hätte die Szene möglicherweise so geklungen:

Endlich waren sie an dieser beschissenen Höhle angelangt. Peter hatte schon gewusst, warum er lieber zu Hause geblieben wäre. Es war direkt ein bisschen unheimlich in dieser verfickten Gegend. Aber jetzt hatte er sich auf diese bekloppte Schatzsuche eingelassen und würde nicht kneifen. Schließlich sollten die Strapazen bis hierher nicht umsonst gewesen sein.

Alle Achtung! Diese Isabel zeigte Mumm. Das hätte er nicht gedacht. Oh Gott! Jetzt erst merkte er, dass seine Hände zitterten. Scheiße, hoffentlich sahen die anderen das nicht.

Er guckte zu Tom. Na, der war ja wohl ein richtiges Weichei. Hatte die ganze Sache angezettelt und jetzt …

„Du bist kalkweiß im Gesicht.“

Wichtig: Gerade in einem solchen Fall, in dem die Figur einen extremen Sprachstil pflegt, muss man ein bisschen Fingerspitzengefühl beweisen und sollte die Annäherung von Erzähler und Figur nicht übertreiben, weil das dem Leser auf Dauer auch auf die Nerven fallen kann.

Nicht nur die eingeschränkte Sichtweise aus der Figurenperspektive und die Erzählstimme muss der Autor beim personalen Erzählen beachten. Tom hat ein freundschaftliches Verhältnis zu Peter und Isabel. Dementsprechend wird er sie bezeichnen und ansprechen. In aller Regel kommen daher auch für den personalen Erzähler, der aus Toms Sicht erzählt, nur die Vornamen der beiden sowie die entsprechenden Personalpronomen „er“, „sie“ und „sie“ (Plural) in Frage. Gleiches gilt für ihn selbst. Am folgenden Beispiel sehen wir, wie der Erzähler in dieser Hinsicht gleich mehrere Perspektivbrüche begeht, indem er sich an dieses Charakteristikum personalen Erzählens nicht hält:

Nun waren sie also am Ziel angelangt. Dem fünfzehnjährigen Tom lief ein Schauer über den Rücken. Vor den Jugendlichen tat sich ein dunkles Loch in der Felswand auf. Da sollten sie reingehen? Der Junge wäre am liebsten wieder umgekehrt.

Es war ganz still. Und es roch wie auf einem Friedhof. Er blickte zu dem Mädchen. Er konnte in dem Gesicht seiner Freundin nicht den leisesten Anflug von Angst erkennen. Was war mit seinem Kumpel? Auch er wirkte im ersten Moment gelassen. Doch dann bemerkte Tom, dass die Hände des Sechzehnjährigen zitterten.

Peter sah seinen Begleiter an und sagte: „Du bist kalkweiß im Gesicht.“

In dem Beispiel sehen wir auch, dass die personale Erzählhaltung allein deshalb nicht mehr stimmt, weil Informationen genannt werden, die sich Tom nicht erst vergegenwärtigen müsste. Er weiß, dass sie eine Gruppe von Jugendlichen sind, dass er selbst fünfzehn Jahre alt ist, während Peter ihm ein Jahr voraus ist. Natürlich kennt er sowohl sein eigenes Geschlecht als auch das seiner Freunde.

Da es der personalen Erzählhaltung aber gerade eigen ist, dass sie sich nur der Sichtweise der Figur bedient, sind all diese Informationen fehl am Platz, denn sie entsprechen nicht Toms Denkweise.

3.2. Der personale Ich-Erzähler

Nun waren wir also am Ziel angelangt. Mir lief ein Schauer über den Rücken. Vor uns tat sich ein dunkles Loch in der Felswand auf. Da sollten wir reingehen? Ich wäre am liebsten wieder umgekehrt.

Es war ganz still. Und es roch wie auf einem Friedhof. Ich blickte zu Isabel. Ich konnte in ihrem Gesicht nicht den leisesten Anflug von Angst erkennen. Was war mit Peter? Auch er wirkte im ersten Moment gelassen. Doch dann bemerkte ich, dass Peters Hände zitterten.

Peter sah mich an und sagte: „Du bist kalkweiß im Gesicht.“

Vergleichen wir diesen Ich-Erzähler mit dem personalen Erzähler in der dritten Person, stellen wir fest, dass sie sich kaum unterscheiden. Die Personalpronomen haben sich geändert und dort, wo vorher der Name Tom stand, sind noch einige dazugekommen. Das wars dann aber auch schon.

Tatsächlich erzählen eben beide personal. Nimmt man es genau, nehmen beide Erzähler die gleiche Perspektive ein, nämlich die von Tom. Mit dem einzigen Unterschied, dass der Erzähler einmal Tom selbst ist, sich beim anderen Mal nur in ihn hineinversetzt.

Daraus ergibt sich, dass der Ich-Erzähler in seinem Erzählen in gleicher Weise beschränkt ist, wie der personale Erzähler in der dritten Person. Auch er kann nur aus der Sicht von Tom erzählen, schließlich ist er es selbst.

Beim Ich-Erzähler wird das den meisten Schreibern auch sofort einleuchten und entsprechend leichter fallen, schließlich erzählt Tom ja als direkt Erlebender und Handelnder. Auch wenn er in der Vergangenheitsform, also dem Präteritum, erzählt, verhält er sich so, als könne er nur das erzählen, was er im Moment der Erlebens wahrgenommen, gefühlt, gedacht und getan hat. Tom sieht etwas und erzählt es im gleichen Moment. Er fühlt etwas und schreibt es nieder. Er denkt etwas und teilt es dem Leser ohne Umschweife mit. Er tut etwas und der Leser kann es direkt mitlesen. Völlig logisch, dass Tom auch als Erzählender nicht in die Zukunft schauen kann. Oder von Orten berichten, die er gar nicht gesehen hat.

Aber irgendwo hat diese Logik doch auch ihren Haken? Das mit dem gleichzeitigen Handeln und Erzählen würde doch in Wirklichkeit nie so funktionieren. Müssen die anderen Figuren vielleicht sogar ständig Pausen einlegen, damit Tom so zeitnah wie möglich alles aufschreiben kann? Das kann sich doch keiner vorstellen!

Damit sind wir an einem wunden Punkt eines jeden Erzählers. Tatsächlich hat jede Erzählerfigur ihre logischen Schwachstellen. Denn natürlich gehört auch eine Menge Fantasie dazu, sich vorzustellen, der Erzähler aus 3.1. sei nicht Tom, könne aber trotzdem alles fühlen, was Tom fühlt, durch seine Augen sehen, seine Gedanken lesen und noch so einiges mehr.

Dennoch denken wir als Leser über solche Unlogik nicht nach. Wir gehen einen Pakt mit dem Erzähler ein, der besagt, wenn da ein Erzähler wie der in 3.1. ist, dann kann der eben in den Kopf der Figur schlüpfen, wenn da ein personaler Ich-Erzähler ist, kann der noch in der wildesten Actionszene kämpfen und gleichzeitig seine Erlebnisse zu Papier bringen. So wie wir ja auch im Film ausblenden, dass wir es mit einem Schauspieler zu tun haben, der seine Faxen vor einer Horde von Filmleuten und Kameras macht.

Tatsächlich ist es der nächste Erzähler, der den unlogischen Momenten, die ein personaler Ich-Erzähler nun einmal mit sich bringt, mit einem Trick den Boden entzieht. Stattdessen muss der Leser seinem häufig übermenschlichen Erinnerungsvermögen vertrauen.

3.3. Der auktoriale Ich-Erzähler

Da waren wir also am Ziel angelangt. Mir lief ein Schauer über den Rücken, ganz zu Recht, wie ich heute weiß. Vor uns tat sich ein dunkles Loch in der Felswand auf. Ich fragte mich, ob wir wirklich da reingehen sollten. Meine damalige Eingebung täuschte mich nicht: Besser, wir wären umgekehrt.

Es war ganz still. Und es roch wie auf einem Friedhof. Ich blickte zu Isabel. Ich konnte in ihrem Gesicht nicht den leisesten Anflug von Angst erkennen, doch sie erzählte mir später, selbst sie sei von einer leichten Unruhe erfasst worden. Schlimmer noch war es mit Peter. Auch er wirkte im ersten Moment gelassen. Doch bald bemerkte ich, dass seine Hände zitterten. Erst als wir uns vor einigen Wochen zu einem unbedeutenden Anlass trafen, gab er erstmals zu, dass er sich schon vor der Höhle äußerst unwohl gefühlt hatte.

Damals aber sah er mich an und sagte: „Du bist kalkweiß im Gesicht.“

Keiner von uns konnte ahnen, welch grausames Wesen uns in den dunklen Gängen erwartete. Und natürlich wussten wir auch nicht, dass Christian und Christina nur bis Neustadt gekommen waren, wo sie von Herrn Bösewicht gefangengehalten wurden. Sie würden uns nicht helfen können.

Der Trick dieses Erzählers ist, dass er nicht zur selben Zeit erzählt und handelt. Er trennt also die Zeit des Erzählens, die Zeit, in der er erzählt, von der erzählten Zeit, also der Zeit, von der er erzählt. Damit kennt er bereits die gesamten Geschehnisse, von denen er im Nachhinein berichtet. Er weiß bereits alles, was noch passieren wird, kennt das Ende der Geschichte und kann sogar zwischenzeitlich (also zwischen erzählter  Zeit und Zeit des Erzählens) durch weitere Figuren über deren tatsächliche Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen aufgeklärt worden sein. Ja, sie können ihm sogar von Ereignissen berichtet haben, bei denen er selbst gar nicht zugegen war.

Dieser Ich-Erzähler hat damit die Möglichkeit, auktorial zu erzählen. Sofern er entsprechend erklären kann, wie er im Nachhinein an entsprechende Informationen gekommen ist, steht ihm damit nahezu das gesamte auktoriale Spektrum zur Verfügung. In welchem Maße er es tatsächlich nutzt, wie sehr er also den Leser an seinem Wissen teilhaben lässt, liegt in seinem Ermessen.

Dennoch gibt es natürlich Einschränkungen. Zunächst einmal schwebt immer im Raum, dass der Erzähler zumindest einen Teil seiner Informationen nur aus zweiter Hand hat. Und er stößt dort an Grenzen, wo sich Informationsquellen nicht mehr vernünftig erklären lassen. So wird jeder nachvollziehen, dass sich Freunde nach den gemeinsamen Erlebnissen über die Geschehnisse austauschen, dass aber der Antagonist dem Erzähler Rede und Antwort steht, ist eher unglaubwürdig. Auch während der Handlung Verstorbene werden ihn nur in besonderen Ausnahmefällen noch an ihren vorherigen Gefühlen, Gedanken und Wahrnehmungen teilhaben lassen können.

Dass der Erzähler sich an jede Kleinigkeit erinnern kann, gehört dagegen zum angesprochenen Pakt mit dem Leser. Wir nehmen es ihm ab. Und können dabei auf die Nase fallen, wenn der sogenannte unzuverlässige Erzähler (der nicht auf den auktorialen Ich-Erzähler beschränkt ist) uns zeigt, dass man sich auf seine Aussagen nicht immer verlassen kann.

Abgesehen von seinem übermenschlichen Erinnerungsvermögen ist dieser Erzähler also einer, der der natürlichen Erzählsituation am nächsten kommt. Er verhält sich so ähnlich wie wir, wenn wir über eigene vergangene Erlebnisse berichten.

Es gibt allerdings noch einen andere Typ des auktorialen Ich-Erzählers. Denjenigen nämlich, der nicht über die eigenen, sondern über die Erlebnisse eines anderen berichtet:

Hallo, lieber Leser. Ich heiße Siegbert Schwafel und will euch heute von den unglaublichen Abenteuern erzählen, die mein Vater in seiner Kindheit erlebt hat. Mit fünfzehn Jahren begab er sich mit seinen Freunden auf eine Schatzsuche, von der er nur mit viel Glück und aufgrund seines Mutes und Geschicks heimgekehrt ist.

An einem Morgen im Jahre 1952 erwachte Tom nach einem seltsamen Traum. Er maß dem zunächst nicht viel Bedeutung zu, denn solche Träume waren bei ihm nicht selten …

Tatsächlich betrifft diese besondere Erzählsituation aber nur einen, meist kleinen, Teil der Geschichte, nämlich die Rahmenhandlung oder auch einen separaten Erzählstrang. Dort, wo die eigentliche Kernhandlung beginnt, in unserem Beispiel der zweite Absatz, also die eigentliche Geschichte von Tom, nimmt der Ich-Erzähler der Rahmenhandlung eine Erzählperspektive in der dritten Person ein. Diese kann entweder personal (3.1.) oder auktorial (3.4.) sein.

3.4. Der auktoriale Erzähler in der dritten Person

Nun waren sie also am Ziel angelangt. Tom lief ein Schauer über den Rücken. Vor ihnen tat sich ein dunkles Loch in der Felswand auf. Da sollten sie reingehen? Tom wäre am liebsten wieder umgekehrt.

Es war ganz still. Und es roch wie auf einem Friedhof. Er blickte zu Isabel. Er konnte in ihrem Gesicht nicht den leisesten Anflug ihrer Angst erkennen. Was war mit Peter? Auch er wirkte im ersten Moment gelassen. Doch dann bemerkte Tom, dass Peters Hände zitterten.

Peter sah ihn an und sagte: „Du bist kalkweiß im Gesicht.“

Nanu? Da hat sich ja im Vergleich zum Textbeispiel aus 3.1. gar nichts verändert. Gut, wenn man genau hinschaut, ist es genau ein Wort. In 3.1. hieß der Satz:

Er konnte in ihrem Gesicht nicht den leisesten Anflug von Angst erkennen.

Jetzt hat er sich geändert in:

Er konnte in ihrem Gesicht nicht den leisesten Anflug ihrer Angst erkennen.

Tatsächlich kann dieser abgewandelte Satz nur von einem auktorialen Erzähler stammen. Denn in dem Satz wird ausgesagt, dass Isabel Angst hatte! Tom konnte sie nicht erkennen, aber Isabel hatte Angst. Wenn Tom sie aber nicht erkennen konnte, dann konnte er auch nicht wissen, dass Isabel in Wirklichkeit Angst hatte. Das kann nur der Erzähler wissen. Wenn er es dem Leser verrät, handelt er auktorial.

Wenn wir mal davon ausgehen, dass ich als Autor dieses Wörtchen „ihrer“ ganz bewusst gesetzt habe und mir nicht nur versehentlich oder aus Unvermögen ein Fehler unterlaufen ist, dann habe ich damit also im Text eine auktoriale Erzählweise etabliert. Eine sehr sanfte, kaum merkliche zwar, aber dennoch eine auktoriale.

Mein Text würde also immer wieder solche kleinen auktorialen Zeichen setzen, zum Beispiel aus dramaturgischen Gründen oder um die Spannung zu erhöhen. So könnte der letzte Satz des Textbeispiels bei einem auktorialen Erzähler auch so lauten:

Peter sah ihn an und log: „Du bist kalkweiß im Gesicht.“

Da der Text sich ansonsten an Toms Perspektive zu halten scheint, wäre auch dies wieder ein auktorialer Akt, denn der Erzähler verrät dem Leser, dass Peter lügt, was Tom nicht wissen kann.

Ein auktorialer Erzähler kann sich also schon in winzigen Textelementen zeigen. Oft wird er aber präsenter, als in den bisherigen Beispielen. Zum Vergleich will ich unseren Text in einen mit extrem auktorialer Erzählweise transferieren:

Nun waren sie also endlich am Ziel angelangt. Der Leser hat ja schon glauben müssen, die drei würden es nie erreichen. Tom, dem Angsthasen, lief ein Schauer über den Rücken.

Vor unseren „Helden“ tat sich ein dunkles Loch in der Felswand auf. Da sollten sie reingehen? Wie man es von ihm erwarten konnte, wäre Tom am liebsten wieder umgekehrt.

Es war ganz still. Und es roch wie auf einem Friedhof. Eine trügerische Stille, aber ein passender, wenn auch nur eingebildeter Geruch. Wenn sie erst in der Höhle wären, würden sie das merken. Aber sie konnten ja nicht ahnen, was sie dort erwartete.

Tom blickte zu Isabel, die das nicht bemerkte. Er konnte in ihrem Gesicht nicht den leisesten Anflug von Angst erkennen. Tastsächlich ging es Isabel noch am besten von allen. Ein leichtes Unwohlsein, das vergeblich versuchte, die Oberhand über ihre Rationalität zu gewinnen.

Was war mit Peter? Auch er wirkte im ersten Moment gelassen. Doch selbst Tom bemerkte schließlich, dass Peters Hände zitterten. Peter war eben doch nicht so cool, wie er immer dachte. Um das zu überspielen, sah er Tom an und sagte: „Du bist kalkweiß im Gesicht.“

Man kann schön sehen, dass sich dieser Erzähler nicht nur nicht zurückhält, sondern sich geradezu in den Vordergrund drängt. Er gibt freimütig sein Wissen preis und bewertet das Erzählte obendrein. Er reibt dem Leser sogar seine persönliche Meinung über die Figuren unter die Nase.

Spätestens bei diesem Beispiel bemerken wir, wie viel die Wahl der passenden Erzählerfigur ausmacht, wie sehr sie das Verhältnis des Lesers zum Erzählten beeinflusst und wie sehr sie davon abhängig, welche Geschichte wir erzählen (lassen) und wie diese Geschichte wirken soll.

Der Erzähler und seine Art zu erzählen gehört zu den wichtigsten Stilmitteln des Autors. Ein weitreichendes Thema, das wir in Punkt 3.5. ein wenig anreißen wollen.

3.5. Verwendung der Erzähler

Wenn wir uns den Erzähler als Figur vorstellen, die vom Autor beauftragt wird, die Geschichte zu erzählen, haben wir als Ausgangspunkt immer einen Erzähler, der alle Möglichkeiten zu erzählen voll ausschöpfen kann. Er besitzt also ein auktoriales Wissen über die Geschichte, dass er den Wünschen des Autors entsprechend in vorher abgesteckten Grenzen anwendet.

Will der Autor einen sehr präsenten Erzähler, wird dieser entsprechend auktorial erzählen, will der Autor, dass der Erzähler so weit als möglich hinter die Figur zurücktritt, lässt er ihn personal agieren.

Das zeigt schon, dass es bestenfalls eine Hilfskonstruktion ist, von verschiedenen Erzählern zu sprechen, wo es eigentlich um verschiedene Erzählweisen geht.

So wird man nur selten einen personal erzählenden Erzähler antreffen, bei dem man nicht hier und da zweifeln könnte, ob etwa die Beschreibung einer Landschaft tatsächlich für die Figur in diesem Moment so vordringlich war. Gerade zu Beginn einer Geschichte beginnen viele Erzähler, die später nahezu ausschließlich personal erzählen, mit einem auktorialen Einstieg:

Es hatte die ganze Nacht geregnet und der Morgen war trüb und grau. In Hamburgs Straßen machte sich der Nebel breit. Tom erwachte aus unruhigen Träumen.

Und natürlich ist ein Erzähler, der gern zu auktorialen Mitteln greift, jederzeit in der Lage, ganz in den Kopf einer seiner Figuren zu schlüpfen und ausschließlich personal zu erzählen.

Dennoch ist das keine rein willkürliche Angelegenheit. Hat ein Erzähler bisher einer personalen Erzählweise gefrönt und beginnt auf Seite 324 plötzlich, auktorial zu erzählen, wird das dem Autor als Fehler angerechnet werden. Da geht es der Erzählerfigur nicht besser als allen anderen Figuren: Er muss sich dem Leser als in sich konsistent präsentieren.

Der Autor tut also gut daran, den Erzähler seine Erzählhaltung beibehalten zu lassen. Will er, dass sich der Erzähler in verschiedenen Situationen unterschiedlich verhält, also beispielsweise je nach Figur oder abhängig davon, ob es sich um eine Actionszene, einen Dialog oder eine Beschreibung handelt, sollte er seinem Erzähler diese Möglichkeiten von Beginn an und für den Leser ersichtlich mit auf den Weg geben.

Gerade für den eher unerfahrenen Autor empfiehlt es sich, bei einer Erzählhaltung zu bleiben. Jede ist für sich schon nicht leicht zu händeln, sie so zu mischen, dass der Leser sich daran nicht stört, erfordert einiges Geschick.

Welche für welche Geschichte die beste ist, lässt sich leider so pauschal nicht beantworten. Es gibt sozusagen grundlegende Charakteristika, die jede Erzählhaltung mit sich bringt. Dennoch kommt es letztlich darauf an, was der Autor daraus macht.

So schafft eine auktoriale Erzählhaltung in der Regel eine gewisse Distanz zu Geschehen und Figuren, da sich der Erzähler als deutlich wahrnehmbare Instanz zwischen Leser und Erzähltes stellt und somit eine Art Filterwirkung mit sich bringt. Allerdings kann ein geschickter Autor diese Wirkung mit anderen Mitteln ausgleichen, wenn er aus anderen Gründen auf die auktoriale Erzählweise zurückgreift.

Dennoch will ich in zwei Unterpunkten einige dieser Charakteristika benennen, an denen eine erste Orientierung möglich ist. An ein bisschen eigener Experementierfreude führt allerdings kein Weg vorbei.

3.5.1. Auktorial erzählen

Will man von Trends sprechen, dann ist auktoriales Erzählen out. In den Gesellschaftsromanen des 18. und 19. Jahrhunderts dagegen war es an der Tagesordnung. Denn in denen ging es eben eher darum, ein Gesellschaftsbild zu zeichnen, als dass einzelne Figuren im Fokus standen.

Wie schon gesagt bringt auktoriales Erzählen nämlich in der Regel Distanz und einen Blick auf das Ganze. Für den Leser wird es schwerer, sich mit einer einzelnen Figur zu identifizieren. Dafür rücken Gesamtzusammenhänge eher ins Blickfeld. Daher trifft man die auktoriale Erzählweise heute noch oft in solchen Genres an, in denen neben den Figuren auch die sonstigen Verhältnisse extrem wichtig sind, also etwa im Historischen Roman oder in der Fantasy.

Daneben bietet die auktoriale Erzählweise tendenziell weitere Vor- und Nachteile, unter anderem:

  • keine eingeengte Perspektive: je nach dem Grad der Auktorialität muss der Erzähler sich weder zeitlich noch räumlich beschränken,
  • eine starke und präsente Erzählerfigur, die den Leser an die Hand nehmen und mit Stilmitteln arbeiten kann, die beim personalen Erzählen wegfallen, so etwa eine Wertung durch den Erzähler oder die Vorausschau, um die Spannung zu erhöhen,
  • die Distanz zum Erzählten ermöglicht auch stilistische Einfärbungen, etwa einen ironischen oder einen mitleidenden Erzähler,
  • die deutliche Trennung von erzählter Zeit und Zeit des Erzählens ermöglicht Bezüge zwischen beiden Ebenen,
  • die Erzählerfigur kann Authentizität schaffen,
  • sie bietet allerdings auch die besten Voraussetzungen für einen unzuverlässigen Erzähler,
  • die Distanz zum Erzählten und den Figuren kann es dem Leser erschweren, sich mit den Figuren zu identifizieren,
  • nicht jede Geschichte verträgt einen präsenten Erzähler, der sogar ablenkend wirken kann,
  • den heutigen Lesegewohnheiten entsprechend empfinden viele Leser einen deutlich auktorialen Erzähler als aufdringlich und störend.

3.5.2. Personal erzählen

Heutzutage wird man in der Regel einen Erzähler antreffen, der mit (weitgehend) personaler Erzählweise hinter die Figuren zurücktritt. Denn die Figuren, ihr Handeln und ihre Entwicklung stehen heute im Mittelpunkt des Erzählens. Der Leser soll sich mit den Figuren identifizieren und mit ihnen mitfiebern. Und nichts bringt den Leser näher an die Figur als eine personale Perspektive.

Dabei wird häufig angenommen, dass diese Eigenschaft dem personalen Ich-Erzähler noch stärker innewohnt als dem in der dritten Person. Das halte ich für einen Trugschluss!

Wenn ich einem Gegenüber von mir Erlebtes erzähle, benutze ich das Pronomen „Ich“. Das ist eine alltägliche Situation, die auch der Leser kennt. Mein Gegenüber wird aber sehr deutlich zwischen mir und sich selbst unterscheiden, denn wir sind eben Gegenüber, nicht ein und dieselbe Person. So wird auch der Leser in dem „Ich“ der Erzählung eindeutig ein Gegenüber erkennen. Wenn er von ihm angetan und von der Handlung fasziniert ist, vielleicht einen guten Freund, dessen Abenteuer er miterleben darf. Der Ich-Erzähler ist die handelnde Figur, nicht der Leser.

Wie ich schon schrieb, liegt die Sache beim Erzähler in der dritten Person ein wenig anders: Dieser Erzähler ist nicht die handelnde Figur. Vielmehr befindet er sich in einer ganz ähnlichen Situation wie der Leser. Er ist eigentlich unbeteiligter Zuschauer, dem es aber gelingt, in die handelnde Figur zu schlüpfen. Und dabei kann ihn der Leser begleiten. Bedenken wir dabei noch, dass der personale Erzähler dem Leser kaum bewusst wird, bewältigt der Leser den Akt des in die Figur Schlüpfens scheinbar allein. Näher kann er der Figur nicht kommen.

Die Hauptschwierigkeit für den Autor besteht eindeutig in der begrenzten Perspektive. Immer wieder muss er sich bewusst machen, was für die Figur, aus deren Sicht erzählt wird, den sogenannten Perspektivträger, tatsächlich wahrnehmbar ist. Informationen, die der Leser erhalten soll, müssen auch der Figur zugänglich sein.

Das heißt, wenn der Leser etwa Einzelheiten über eine Schlacht erfahren soll, an der der Perspektivträger nicht beteiligt war, muss er eine Figur einführen, die ihm davon berichtet. Leider sind solche Berichte für den Leser nicht mehr unmittelbares Erleben, weshalb sie in der Regel die Spannungskurve stark abfallen lassen. Besser ist es also, die Handlung gleich darauf auszurichten, dass der Perspektivträger an allen wichtigen Ereignissen beteiligt ist. Wo das absolut unmöglich ist oder sich nicht glaubhaft darstellen lässt, muss möglicherweise auf allzu detaillierte Schilderungen verzichtet oder mit Perspektivwechseln (s. 4.) gearbeitet werden.

Dieses Problem macht die personale Erzählweise für Anfänger recht schwierig. Zwar hat auch die auktoriale ihre Tücken, doch verzeiht sie Fehler eher als die personale.

Damit kann man die tendenziellen Charakteristika der personalen Erzählweise im Wesentlichen schon zusammenfassen:

  • die Figur steht absolut im Mittelpunkt,
  • ebenso ihr „Tun und Lassen“,
  • der Leser ist unmittelbar dabei,
  • der Erzähler rückt in den Hintergrund, beim personalen Ich-Erzähler wird der Erzähler weniger als Erzähler, denn als handelnde Figur empfunden,
  • die Perspektive ist auf die Sichtweise des Perspektivträgers beschränkt, ist zeitlich (keine Vorausschau) und örtlich gebunden,
  • der Erzähler kann Erzähltes nicht kommentieren, was gleichzeitig bedeutet, dass alle Kommentare, Meinungen und Wertungen, die möglicherweise im Erzähltext vorkommen (also dem Text, der nicht als Dialog zwischen den Figuren erkennbar ist), nicht dem Erzähler, sondern dem Perspektivträger zugeordnet werden (müssen),
  • keine wahrnehmbare Trennung von erzählter Zeit und Zeit des Erzählens.

4. Perspektivisch gesehen

Man könnte sagen, ein auktorialer Erzähler ist nicht an eine Perspektive gebunden. Nimmt man es genau, erzählt er aus der eigenen Perspektive, die es ihm erlaubt, in jede seiner Figuren zu blicken.

Dem personalen Ich-Erzähler steht nur seine begrenzte Perspektive zur Verfügung. Ähnlich geht es dem personalen Erzähler in der dritten Person. Er betrachtet die fiktive Welt aus der Sicht des Perspektivträgers. Dieser jedoch kann wechseln.

In einem solchen Fall spricht man von einem Perspektivwechsel. So könnte der personale Erzähler aus unserem Beispiel abwechselnd aus Toms und aus Peters Perspektive erzählen. Das kann vor allem aus zwei Gründen sinnvoll sein:

1.   Die Wege der beiden verlaufen getrennt, sie erleben Unterschiedliches an unterschiedlichen Handlungsorten, sind also in zwei verschiedene Handlungsstränge eingebunden. Durch den Perspektivwechsel ist der Leser bei den Erlebnissen beider dabei.

2.   Die beiden beschreiten denselben Weg, erleben also im Wesentlichen auch dasselbe. Allerdings haben beide sehr unterschiedliche Sichtweisen auf das Geschehen, nehmen das Erlebte unterschiedlich wahr. Der Leser kann die Wahrnehmungen beider vergleichen und sich so ein eigenes Bild machen. Dabei können entweder die gleichen Erlebnisse, die innerhalb eines identischen Zeitraums erlebt werden, nacheinander aus der Sicht von Tom und Peter erzählt werden oder der fortlaufende Handlungsfaden wird abwechselnd teilweise aus Toms, teilweise aus Peters Sicht dargestellt.

Im Prinzip gibt es keine Vorschriften, wie oft und wann ein Perspektivwechsel erfolgen kann. Dennoch sollten mindestens zwei Dinge beachtet werden:

1.   Es gilt das Gleiche wie für die Erzählweise überhaupt: Irgendwann ist der Zeitpunkt für den ersten Perspektivwechsel verpasst! Wer vierhundert Seiten lang nur aus Toms Perspektive erzählt, sollte nicht plötzlich auf der nächsten Seite in Peters Perspektive wechseln, weil das so wirkt, als habe der Autor sein ursprüngliches Konzept über den Haufen geworfen, weil er sich nicht besser zu helfen wusste.

2.   Jeder Perspektivwechsel, der als handwerklich korrekt gelten will, braucht einen deutlichen Einschnitt. Mit der Perspektive wechselt auch die Szene. Perspektivwechsel innerhalb einer Szene oder gar innerhalb eines Satzes werden vom geübten Leser als Fehler aufgefasst. Daher sollte ein Perspektivwechsel mindestens mit einem Absatz verbunden sein, besser ist es noch, wenn dieser durch eine Leerzeile von dem vorherigen abgetrennt wird. Oft verbinden Autoren den Perspektivwechsel sogar mit einem neuen Kapitel.

Veröffentlicht am 02.11.2010
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Kommentare
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Gast Ganz ehrlich dieser Bericht umfasst fast mein Gesamterprüfungsstoff über die Erzählperspektiven, Figurenrede und Erzählerrede. Es ist schlicht einfach genial. Vielen lieben Dank für diesen Text, ich hoffe, dass Sie niemals auffhören werden zu schreiben. Ich zähle auf Sie und viel Erfolg!
Vor langer Zeit - Antworten
PhilippB Vielen Dank! Und nein, ich habe nicht vor, aufzuhören. :-)
Vor langer Zeit - Antworten
Gast HALT DEINE FERFICKT FRESSE
Vergangenes Jahr - Antworten
Gast Ich muss zugeben, dass ich ein wenig entäuscht bin, in einem Schreibratgeber eine Satz wie "Bedenke auch, dass die beiden sich nicht kennen, [...) " lese. Ist hier wirklich gemeint, dass Paul sich selbst nicht kennt und Herr Pfleglich auch sich selbst nicht kennt?
Vor langer Zeit - Antworten
Gast Setzen 6. Man kann es natürlich so falsch Interpretieren. Gemeint sind die beiden Akteure in einem Stadtviertel. Nämlich: "dass die beiden sich (gegenseitig) nicht kennen."
Vor langer Zeit - Antworten
Gast hure
Vor langer Zeit - Antworten
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