mySTORYs Schreibratgeber
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kurzgefasst

Gattungen: Kurzgeschichte

Ob es mehr Menschen sind, deren ersten selbstgeschriebenen Texte Gedichte sind, oder ob diejenigen überwiegen, die mit Kurzgeschichten beginnen, kann ich nicht beurteilen. Unter denen, die sich vor allem im Internet mit ihren Texten an eine Öffentlichkeit wagen, dürften die Kurzgeschichtenschreiber überwiegen.

Daher beginne ich mit einem Artikel zur Gattung Kurzgeschichte.

Zum Begriff

Was ist denn nun überhaupt eine Kurzgeschichte? Gibt es dazu mehr zu sagen, als dass es eben eine kurze Geschichte ist? Und wie kurz ist kurz? Lässt sich das an Seiten abmessen? An Zeilen, Wörtern oder Zeichen?

Ja und nein. Im weitesten Sinne ist eine Kurzgeschichte eben tatsächlich einfach eine kurze Geschichte. So wird der Begriff heute zumindest häufig verstanden. Damit wird der Begriff zu einer Art Oberbegriff, der alle kürzeren Literaturformen der Epik zusammenfasst.

Aber der Reihe nach. Die literarischen Gattungen gliedern sich in drei Hauptgattungen, die Epik, die Dramatik und die Lyrik.

Die Epik umfasst dabei alle Untergattungen, die sich der erzählenden Literatur zurechnen lassen. Demnach ist ihr wichtigstes Merkmal, dass etwas erzählt wird und dass dies in erzählender Form präsentiert wird. Zur Epik zählen also das Epos, der Roman, die Erzählung, die Novelle, die Kurzgeschichte, das Märchen, die Sage, die Parabel, die Legende, der Schwank, die Fabel und die Anekdote.

Die Dramatik zeichnet sich im Wesentlichen dadurch aus, dass das Geschehen in Dialogform präsentiert wird. Dramatische Gattungen sind zum Beispiel die Tragödie, die Komödie, die Tragikomödie und das Schauspiel.

In der Lyrik versammeln sich die literarischen Formen, in denen die unmittelbaren Gefühle und Gedanken eines lyrischen Subjekts wiedergegeben werden, oft bestimmt durch rhythmische Struktur, Versgliederung und / oder Reim.Hierher gehören zum Beispiel die Ballade, die Elegie, das Haiku, die Hymne, das Lautgedicht, das Lied, das Sonett, die Ode, das Prosagedicht oder die visuelle Poesie.

Die Kurzgeschichte gehört also zur Epik, zur erzählenden Literatur. Damit ist eine Voraussetzung, damit ein Text zur Kurzgeschichte wird, schon einmal klar: In der Kurzgeschichte wird etwas erzählt.

Allerdings wird auch klar, dass weitere Charakteristika die Kurzgeschichte von anderen Gattungen derselben Ebene wie etwa der Erzählung, dem Märchen oder der Anekdote abgrenzen müssen. Da unter diesen „Mitbewerbern“ auch solche sind, die ebenfalls zu der kürzeren Prosa gehören, heißt das: Nicht jeder literarische Kurztext ist auch eine Kurzgeschichte.

Tatsächlich sind viele Texte, die wir gern der Einfachheit halber als Kurzgeschichten zusammenfassen im engeren Sinn gar keine Kurzgeschichten. Ginge dieser Artikel von diesem weitgefassten Sammelbegriff aus, gäbe es wenig mehr zu sagen, als: „Schreibe einen kurzen literarischen Text und du hast eine Kurzgeschichte.“

Um also weitergehende Tipps für das Verfassen einer Kurzgeschichte geben zu können, wird der Artikel von einem engeren Begriffsverständnis ausgehen und dabei auch auf die klassische (noch engere) Auffassung des Begriffs eingehen.

Zunächst einmal lässt sich eine Kurzgeschichte nicht vorrangig über ihre Länge definieren. Ob sie optimalerweise eine halbe, eine, zehn oder zwanzig Seiten lang sein sollte, lässt sich nicht unabhängig von dem bestimmen, was in der Geschichte wie dargestellt wird. Es lässt sich nur sagen, dass sie das idealerweise auf so wenig Raum wie möglich tut.

Der Stoff, aus dem Kurzgeschichten sind

Ganz abgesehen von seinen außerliterarischen Bedeutungen ist der Begriff „Stoff“ leider auch in der Literatur nicht ganz eindeutig. Abgrenzen sollte man ihn auf jeden Fall vom Begriff „Thema“. So kann das Thema „Krieg“ mithilfe der unterschiedlichsten Stoffe wiedergegeben werden, mit realistischen, fantastischen, klassischen, modernen, usw.

Ich kann die Geschichte eines jungen, fanatischen Soldaten erzählen, den die Schrecken des Krieges zu einem neuen Menschen machen, ich kann die Geschichte eines Offiziers erzählen, der durch den Krieg zu einer unmenschlichen Bestie wird oder die Geschichte eines Mädchens, dass einen Krieg mithilfe magischer Fähigkeiten entscheidet.Etwas salopp gesagt, ist also der Stoff das, was erzählt wird, das Thema das, was dahintersteht, das, worum es beim Erzählten geht, das, was wir mit dem Erzählten ausdrücken wollen.

Der Stoff ist im Prinzip eine verdichtete und strukturierte Form des Themas. Möchte ich eine Geschichte über das Thema „Gewalt an Schulen“ schreiben, muss ich dieses Thema komprimieren, um eine Geschichte zu erzählen, indem ich zum Beispiel. als Stoff die Unterdrückung eines Schülers durch eine Gang älterer Mitschüler wähle.

Wie das Thema ist der Stoff nicht etwa untrennbar mit einer Geschichte verbunden, sondern von ihr völlig unabhängig. Der Autor greift in den großen Topf, in dem alle Stoffe vor sich hin köcheln, und wählt sich denjenigen aus, den er für seine Geschichte verwenden will. Theoretisch sind darunter solche, die literarisch noch nie verwertet wurden, in den meisten Fällen wurde der Stoff bereits mehrfach und auf die verschiedensten Arten und Weisen zubereitet und angerichtet.

Für Kurzgeschichten eignen sich nicht nur alle möglichen Themen, sondern auch alle möglichen Stoffe. Klassischerweise sind es realistische Stoffe, aber natürlich lassen sich auch phantastische Stoffe à la Kurzgeschichte zubereiten.

Der Stoff braucht einen Konflikt

Damit wir aus einem Stoff eine Kurzgeschichte basteln können, braucht es einen Konflikt. Denn der zählt zu den Charakteristika der Kurzgeschichte. Das Besondere an der Kurzgeschichte (z.B. im Unterschied zum Roman) ist, dass sie nur einen Konflikt behandelt. Und dass sie diesen Konflikt nicht erst entwickeln muss, sondern dass sie erst da einsetzt, wo dieser Konflikt bereits vollends entwickelt ist. Letzteres gilt zumindest für die Kurzgeschichte im (str)engeren Sinn.

Damit ein literarischer Konflikt entsteht, brauchen wir Ziele, genauer brauchen wir Figuren, die Ziele verfolgen. Diese Ziele sind nicht irgendwelche Träumereien, sondern werden, selbst dann, wenn ihr Erreichen relativ unwahrscheinlich erscheint, von der jeweiligen Figur ernsthaft, ja sogar mit aller Macht verfolgt. Ob die Figur dabei das Ziel hat, einen Krieg zu gewinnen, eine Frau zu erobern, einen Job zu ergattern oder ein besserer Mensch zu werden, ist völlig unerheblich. Selbst wenn sie sich nur vorgenommen hat, ein schmackhaftes Süppchen zu kochen – Ziel bleibt Ziel.

Für den Konflikt braucht es nun jemanden oder etwas, der oder das diesem Ziel entgegensteht. Das kann eine andere Figur sein, deren Ziele zu denen unserer ersten Figur im Gegensatz stehen, das kann eine Naturgewalt sein, das können dumme Zufälle sein oder aber eine Eigenschaft oder gar der Charakter der Figur selbst.

Alles, was verhindern kann, dass unsere Figur ihr Ziel erreicht, löst einen potentiellen Konflikt aus. Wenn wir also erzählen, wie Hans Peter morgens aufsteht, sich entschließt, spontan ans Meer zu fahren, er ins Auto steigt, ans Meer fährt und dort in einem Strandcafé ein Eis löffelt, ist das noch keine Kurzgeschichte. Erst wenn es jemanden oder etwas gibt, der oder das ihm bei diesem Vorhaben Steine in den Weg legt, könnte es eine Kurzgeschichte werden.

Der Hauptkonflikt ist derjenige, der unsere Geschichte bestimmt und damit gleichzeitig der Konflikt, der unsere Hauptfigur (Protagonist) antreibt. Neben diesem Konflikt kann es beispielsweise im Roman Nebenkonflikte geben, die gibt es in der Kurzgeschichte jedoch nicht.

Damit ist auch schon bestimmt, dass eine Kurzgeschichte nur aus einem Handlungsstrang besteht, denn jeder Handlungsstrang ist durch einen Konflikt bestimmt, gibt es nur einen Konflikt, gibt es auch nur einen Handlungsstrang.

Die Kunst der klassischen Kurzgeschichte ist es nun, einen solchen Konflikt ohne jedes Vorgeplänkel bereits auf dem Höhepunkt zu zeigen.

Ein Roman setzt in der Regel zu einem Zeitpunkt ein, kurz bevor der tragende Konflikt entsteht. Von dort aus entwickelt sich dieser Konflikt, mit Höhen und Tiefen für die Hauptfigur, verschärft sich zusehends, bis er auf seinem absoluten Höhepunkt zu einer Lösung strebt, die darin besteht, dass die Hauptfigur entweder ihr Ziel erreicht oder endgültig scheitert.

Die klassische Kurzgeschichte bezieht nun ihre Kürze eben daraus, dass der Konflikt sich bereits kurz vor der Lösung befindet. Frodo steht schon vor dem Feuer des Schicksalsberges in Mordor und ficht seinen letzten Kampf, als er den Einen Ring ins Feuer werfen will und daran scheitert. Dabei bekommen wir nicht etwa alle Einzelheiten des Romans irgendwie in einer Rückblende nachgeliefert, sondern es muss für den Leser nur deutlich werden, welches Ziel Frodo hat, welche Bedeutung dieses Ziel hat und was ihm dabei im Weg steht:

Der Schein der tobenden Gluten färbte den Ring in ein tiefes Orange. Frodo blickte in den Abgrund des Schicksalsberges. Er hatte sein Ziel erreicht. Es war nur eine Armbewegung und der Ring würde in der Lava untergehen, für immer zerstört. Und mit ihm der Dunkle Herrscher und all seine Kreaturen, mit denen er die freien Völker Mittelerdes unterjochen wollte.

Nur eine Armbewegung.

Frodo betrachtete den Ring. Er drehte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her. Sanft strich er mit den Fingern der anderen Hand über die glatte Außenfläche des Schmuckstücks. Sie fühlte sich warm an. Vertraut.

„Mein Schatz.“

Frodo dachte an die Wochen und Monate, die ihn das mächtige Kleinod nun schon begleitete.

„Mein Schatz!“

Wie oft hatte ihm dieser silberne Freund mit seiner Magie schon aus der Klemme geholfen?

„Mein Schatz.“

Er hauchte die beiden Worte und spürte, dass der Ring ihn verstand.

Eine Armbewegung.

Frodo trat den letzten Schritt an den Abgrund heran. Tief unten wartete die Glut auf seine letzte Tat.

Frodo streifte den Ring über den Finger und kehrte dem Feuer den Rücken.

„Mein Schatz!“

Aus diesem kurzen Text würde selbst derjenige alles Wichtige erfahren, der den Roman oder den Film „Der Herr der Ringe“ nicht kennt. Es ist eine komplette Kurzgeschichte, die alle notwendigen Elemente enthält:

1. den Protagonisten (die Hauptfigur) Frodo,

2. dessen Ziel, den Ring zu zerstören, um die Welt vor dem Dunklen Herrscher zu retten,

3. einen Konflikt, der sich in diesem Fall aus dem Begehren des Protas ergibt, den Ring für sich zu behalten, und

4. die Auflösung dieses Konflikts, nämlich den Sieg des Begehrens. Frodo scheitert, weil er sein Ziel nicht erreicht.

Für die Kurzgeschichte ist es nicht wichtig, dem Leser alle Hintergründe über den Protagonisten zu verraten. Wie der Konflikt im Einzelnen entstanden ist, zählt nicht. Was auf dem Weg zum Schicksalsberg alles passiert sein mag, welche Abenteuer Frodo schon erlebt hat, wer ihn dabei unterstützt, wer ihm im Weg gestanden hat, welche weiteren Konflikte er auszustehen hatte, all das sind Fragen, die für den Roman von Bedeutung sind. Die Kurzgeschichte interessieren sie nicht. Sie werden nur insofern angedeutet, als sie das Ausmaß des Konflikts verdeutlichen (Frodo dachte an die Wochen und Monate, die ihn das mächtige Kleinod nun schon begleitete ... Wie oft hatte ihm dieser silberne Freund mit seiner Magie schon aus der Klemme geholfen?).

Nun nimmt es nicht jede Kurzgeschichte mit dieser klassischen Charakteristik so eng. Wie bereits gesagt, fasst man heutzutage weit mehr unter den Begriff der Kurzgeschichte. Umfasst ein Text einen einzelnen Konflikt, der sich jedoch auf wenigen Seiten von seiner Entstehung bis zu seiner Lösung skizzieren lässt, wird sich kaum jemand sträuben, diesen Text mit „Kurzgeschichte“ zu überschreiben. Der Konflikt wird dann allerdings eine relativ direkte, steile und kurze Entwicklung nehmen. Nicht jeder Konflikt eignet sich dazu.

Einstieg auf hohem Niveau

Die kleine Beispielgeschichte von Frodo illustriert es sehr schön: Wenn die Kurzgeschichte beginnt, ist man schon mittendrin. Es gibt keine (allenfalls eine sehr kurze) Einleitung, sondern der Text stürzt den Leser direkt ins Geschehen. Selbst dann, wenn die Geschichte mit der Entstehung des Konflikts beginnt, wird nicht etwa erst Atmosphäre geschaffen, der Alltag des Protagonisten gezeigt oder ein Bild der Umgebung gezeichnet. Die Handlung beginnt direkt mit oder vor Entstehung des Konflikts.

Als Frido sich an den Frühstückstisch setzte, konnte er in ihren Augen lesen, dass er einen Kampf auszufechten hatte.

„Du hast mich heute Nacht betrogen!“, sagte sie. „Ich habe es geträumt.“

Ihm wäre zum Lachen zumute gewesen, hätte er nicht den ernsthaften Vorwurf in ihrer Stimme gehört. Und er ahnte, er würde alle Hände voll zu tun haben, seine Beziehung zu retten.

Handlung, Handlung, Handlung

Ist es schon generell ein guter Tipp, das Erzählen auf Handlung zu fokussieren, gilt das für die Kurzgeschichte umso mehr. Die Knappheit der Kurzgeschichte grenzt Beschreibung jedweder Art weitestgehend aus. Unser Frodo-Beispiel zeigt das sehr schön:

Der Schein der tobenden Gluten färbte den Ring in ein tiefes Orange.

Der Satz ist aktiv und handlungsbestimmt. „Handelnder“ ist in diesem Fall der Schein der Glut. Er tut etwas, nämlich den Ring färben. Tatsächlich dient der Satz natürlich dazu, dem Leser einen Eindruck von der Umgebung und der Situation zu geben, in der sich der Protagonist befindet, und von dem Gegenstand, den er bei sich trägt und um den sich alles dreht. Doch wird das nicht alles im Einzelnen und bis ins Detail beschrieben, sondern in einem aktiven, handlungsorientierten Satz aufgelöst.

Dieses Prinzip setzt sich im Beispieltext Satz für Satz fort. Und selbst der Konflikt der Figur, der ja ein inneres Ringen ist, wird über Handlung gelöst: Frodo kehrt dem Feuer des Schicksalsbergs den Rücken.

In dem kurzen Beispieltext braucht es für die Gestaltung des Konflikts nur eine einzige Szene. Generell sollte man sich in einer Kurzgeschichte auf wenige Schlüsselszenen beschränken. Jede Szene ist dabei handlungsbestimmt und zur Darstellung des Konflikts unbedingt notwendig.

Ausrüstung mit Figuren

Eine Kurzgeschichte sollte man sparsam und übersichtlich mit Personal bestücken. Meine Wortwahl drückt es schon aus: In einer Kurzgeschichte spielen Figuren eine andere Rolle als beispielsweise in Romanen. Provokativ gesagt gehören sie zur Ausstattung, zum Bühnenbild. Denn anders als Romane erzählen Kurzgeschichten klassischerweise nicht die Geschichte einer individuellen Figur, sondern die Geschichte eines Konflikts.

Frodo ist (in dem Beispiel, nicht im Roman) austauschbar. Denn wüssten wir nichts von dem Romanhintergrund, wüssten wir allein aus der Kurzgeschichte kaum etwas über die Figur. Wir erfahren nur das, was für den dargestellten Konflikt wichtig ist: Frodo hat ein Ziel und eine Schwäche, die dieses Ziel verhindern kann, nämlich sein Begehren nach dem Ring.

Weil sie für diesen Konflikt keine Rolle spielen, erfahren wir nichts über seine Familienverhältnisse. Wir wissen nicht, wo er zur Schule gegangen ist, ob er beliebt ist, ob er ein höflicher Kerl ist, was er gerne für Musik hört usw.

Weil es für den Konflikt eine Rolle spielt, erfahren wir aber, dass er die oder eine der Hauptpersonen im Kampf gegen den dunklen Herrscher ist, von dem wir ansonsten aber auch nicht viel erfahren, weder von dem Kampf noch von dem Herrscher.

Denn in Wirklichkeit ist nicht Frodo Gegenstand dieser Geschichte, sondern das Versagen einer Figur (die hier mit Frodo besetzt wurde) kurz vor dem Ziel, weil sie eigene Begehrlichkeiten über das Wohl der Gemeinschaft stellt (die Verführung durch den Ring lässt sich ja aus dem kurzen Text allerhöchstens in Ansätzen herauslesen).

Das bedeutet allerdings nicht, dass man seine Figuren in einer Kurzgeschichte völlig vernachlässigen könnte. Im Gegenteil. Zum einen ist der Beispieltext natürlich wirklich verdammt kurz, weshalb es in einer längeren Kurzgeschichte durchaus mehr über eine Figur zu berichten geben kann. Zum anderen erfordert gerade das Weglassen, die Konzentration auf die eine oder die wenigen wichtigen Eigenschaften, die für die Geschichte eine Rolle spielen, viel Fingerspitzengefühl. Um eine glaubhafte Kurzgeschichten-Figur zu schaffen, sollte der Autor deutlich mehr über sie wissen, als er in der Geschichte über sie verrät.

Wie jetzt ... Pointe?

Die klassische Kurzgeschichte ist pointiert. Das bedeutet nicht, dass sie gezwungenermaßen lustig sein muss, sondern bezieht sich darauf, dass sie zielgerichtet auf den Schluss, die Auflösung des Konflikts, zuläuft. Dabei darf sie gern mit einem (überraschenden) Knalleffekt enden.

In unserer Beispielgeschichte könnten wir uns für einem solchen Knalleffekt wieder bei Tolkien bedienen: der plötzlich auftauchende Gollum, der Frodo den Ring vom Finger beißt und der im Freudenrausch mitsamt dem Ring in das Feuer des Schicksalsberges stürzt. Natürlich hätte ein solches Ende auch Folgen für den Rest der Geschichte, denn sie müsste anders erzählt werden, um auf ein solches Ende hinzuarbeiten. So wäre es sicher ratsam, Gollum schon früher zu erwähnen. Auch müsste der Konflikt, der bisher ja vorrangig als ein innerer Konflikt gezeigt wurde, in seiner Tragweite für Mittelerde deutlicher betont werden, denn mit dem neuen Ende, erzählte die Geschichte auch einen etwas anders gelagerten Konflikt.

Diese notwendigen Änderungen machen nur umso deutlicher, wie sehr die gesamte Kurzgeschichte auf das Ende, eben die Pointe hin ausgerichtet ist.

Klassischerweise ist die Kurzgeschichte direkt nach der Auflösung des Konflikts an ihrem Ende angelangt. Wo der Roman die Spannungskurve sanft zu ihrem Ausgangspunkt zurückgleiten lässt, seinen Protagonisten (wir erinnern uns, der Roman erzählt die Geschichte seines/r Protagonisten) noch ein Stück begleitet, gern auch noch einen Blick in die Zukunft wagt, kurz, dort, wo der Roman das Interesse des Lesers an der Romanfigur noch eine Weile befriedigen muss, bricht die Kurzgeschichte ab. Als Leser erscheint uns das oft wie ein offenes Ende, in Wirklichkeit ist aber der Konflikt zu Ende erzählt, das Ende der Kurzgeschichte nur konsequent.

Fazit

Tatsächlich lässt sich die Kurzgeschichte durch ihre Kürze definieren. Es geht dabei aber nicht um die absolute Länge der Geschichte, nicht um Seitenzahlen, sondern um die Kürze, besser die Knappheit der Darstellung. In der Kurzgeschichte wird genau ein Konflikt dargestellt, auf den sich die Geschichte voll und ganz konzentriert. Dabei wird dieser Konflikt so komprimiert wie möglich dargestellt. Die Kurzgeschichte zeichnet sich also durch das Weglassen allen „schmückenden“ Beiwerks aus.

Veröffentlicht am 28.02.2010
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Kommentare
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Bleistift 
Zur Kurzgeschichte...
Dieser Artikel ist überzeugend gut verfasst,
es sollten ihn allerdings auch mehr User,
die ernsthaft an einer Kurzgeschichtes schreiben,
wirklich lesen.
Das täte dem allgemeinen Niveau der Kurzgeschichte
hier auf MS wirklich gut...
LG Louis :-)
Vor langer Zeit - Antworten
Gast Vielen Dank für die lobenden Worte!
Liebe Grüße, Philipp
Vor langer Zeit - Antworten
Alociir77 Danke.. Hat mir sehr geholfen.. ;)

Lg Alociir
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