Der wahre Tod eines Dichters anno 2022

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DER WAHRE TOD EINES DICHTERS ANNO 2022

Thema gestartet
von pentzw
am 24.01.2023 - 17:28 Uhr
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pentzw 
„Mensch, der Peter kommt gar nicht mehr aus seiner Bude. Den laden wir mal ein zum Trinken!“
Und so waren wir mit ihm einen heben, oben auf dem Spezikeller-Berg, beste Aussicht auf den Main und die Altstadt. Der liegt in Bamberg und dort gibt es viele Studenten, viele Geisteswissenschaftler, die hiesige Universität dieser Fakultäten haben einen hervorragenden Ruf, aber Bamberg gilt auch als sehr konservativ - diese beiden Faktoren bilden manchmal ein sehr explosives Gemisch. Außerdem ist dort der Bundesgrenzschutz stationiert – wenn dies für diese Geschichte sich ausgewirkt haben sollte.
„Das geht doch nicht. Unser Freund sitzt dauernd im Zimmer rum. Lasst uns ihn einladen.“
Sichtlich genoß er diese Einladung. Er hatte schon einiges über den Durst getrunken, als er sich wankend erhob. In seinem sächsischen Akzent verabschiedete er sich: „Und war die Sonne noch so schön, am Ende muß sie untergehen.“ Und weg war er.
Trieb ihn der Urin, daß er sich in eine Hausecke stellte und dort hineinpisste; war er so geladen, daß man befürchten mußte, er falle; oder war's die sommerlich-warme Nacht, daß er sich auf einen Eckstein setzte, das Kinn in die Hände gelegt und rezitiert: „Ich saß uf einem steine, hab meinen Kopf in die Hände gesmogen, dachte bein, mit beine..“, als eine Streife vorbeikam.
Jedenfalls, als die Polizei ihn ansprach, antwortete er mit: „Ich bin Zettel. Zettel's Traum“, ein Zitat aus Shakespeares Sommernachts-Traum, glaube ich. In der Tat war es eine sommerlich-warme Nacht, traumhaft schön.
Diese geschwollene Sprache weckte bei den nüchternen, ziemlich einsilbigen Polizisten Argwohn und man kann nicht erwarten, daß sie sich noch dazu in mittelalterlicher und fremdländischer, zumal Shakespeares Literatur auskannten (und ich kenn ich mich auch nicht so gut aus bei diesem dramatischen Stückeschreiber, einer der größten, sagt man.)
„Wo möchten Sie eigentlich wohnen?“
Warum fragte der Polizist in dieser Weise? War er denn obdachlos? Mitnichten! Das rührte an diesen stolzen Dichters Herzen.
„Worte, Worte, nichts als Worte.“
Wer könnte ihm diese Worte nach dieser Frage verübeln?
„Wohin wollen Sie eigentlich gehen?“
„Wohin gehen wir?“, antwortete nun Peter und wollte die Frage selbst beantworten.
Die Polizisten hörten aufmerksam zu. Der war aber merkwürdig, ein höchst verdächtigter Zeitgenosse, welch ein obskurer Fisch der Verdächtigkeit ist ihnen da in die Fänge geraten?
„Immer nach Hause!“
Diese Antwort hatte ihnen vielleicht etwas gesagt, denn sie boten ihm ein Zuhause an.
So hakten sie nach: „Immer nach Hause, gehen wir?“
„Oh ja!“
"Wir bieten Ihnen das schönste Heim, die Sie sich vorstellen konnten." Der Polizist, angesichts der düsteren, nur von einem schummrigen Straßenlaternenlicht überspülten Szene, machte mit der Hand eine Kreisbewegung vorm Gesicht, das er gegen seinen Kollegen hin gewendet hielt, damit der Bescheid wußte, mit wem es sie da zu tun hatten. Es handelte sich nur um die Klärung der Frage, ob gutmütig oder allgemeingefährlich. Damit war für diesen eigentlich die Sache gegessen: einen harmlosen Spinner lassen wir einfach in Ruhe.
"Wir nehmen ihn mit!“, hetzte jedoch der andere, der Untergebene. Weil bei solchen Uniformierten gibt es stets einen Oben und einen Unteren.
„Harmlos, harmlos!“
„Wer weiß, wer weiß!“
„Hm!“
Jago dann: „Wir sind schließlich in Bayern!“
Und da kann man wenn immer aufgrund von Verdacht eines Hetzers jeden wegsperren.
„Schaden tut's bestimmt nicht.“
„Hat's auch nichts genützt, so hat es wenigstens nicht geschadet!“, erwiderte der Aufgestachelte. Darin sollte er sich schwer täuschen, dieser Othello.
Entschlossen und unter die Arme gegriffen, wurde der strampelte Peter wie ein schwerer Sack in den Fond des Polizeiautos verfrachtet. Hier geriet er in Panik, er schlug gegen die Sitzkopfstützen und das Gitter, ein Beamter sprang von der anderen Seite ins Fahrzeug hinein und legte den renitenten, strampelnden Hampelmann Handschellen an. Dieser wehrte sich zwar weiter, aber es half nichts, er saß in der Falle.
Einer der Polizisten raunte ihn ins Ohr, wonach er wirklich schwieg: „Wohin zieht es uns? Immer zu den Müttern.“ Peter kannte diesen Spruch natürlich und er ließ ihn nachdenklich werden, trotzdem es aus jenem Mund wie eine ordinäre Zote kam.
Im Revier ging es weiter mit der näheren Personendatenaufnahme.
"Wo möchten Sie geboren sein?"
Er schluckte. Sagte er die Wahrheit, würde ihm nicht geglaubt werden. Da es im Konjunktiv stand, hatte es einen zukünftigen Aspekt. Geburt und Tod lagen ja so nebeneinander wie nichts sonst.
"Wanderer, wo wirst Du begraben liegen?
Unter Palmen am Meer oder unter Linden..."
"Wo wir uns finden...". Dazu lachte der sarkastische Polizist prustend. Das könnte heißen, er als Pistolenbesitzer machte den Verdächtigen möglicherweise den Garaus: im Töten würden sie sich einig werden, der Gefangene und der ihn Gefangenhabende.
"Da fällt mir übrigens ein schönes Heim ein."
Man kann sich vorstellen, wie es mittlerweile im Kopf von dem Dichter aussah.
Pause.
„Es ist das beste Etablisement, das wir Ihnen bieten können.“
Pause. In dieser schnaubte Peter schon wie eine Lokomotive.
"Kennen Sie sich aus in Bamberg?" Eine rhetorische Frage. "Aber natürlich, diese Stadt ist ja seit Jahren ihre zweite Heimat geworden." Inzwischen hatten die Ordnungshüter die Daten von diesem komischen Kauz, Schabernack treibenden Til Eulenspiegel und wirren Kasper, herausgefunden.
"Obere Sandstraße!"
Kunstpause.
"Na, klingelt's jetzt?"
Wer wußte in Bamberg nicht, was dort stand. Man könnte von der Straße fast in die Zimmer der Eingesperrten hineinglotzen. Für die Insassen eine doppelte Strafe. Ein dreifache, wenn sie zu einer Partymeile umfunktioniert wurde. Dabei muß man sich diese Partystimmung so vorstellen, wie ein Sex-Laden hieß: „Ehehygiene“.
Peter würde es allmählich schwummrig zumute: diese Aussicht war, wie wir bald gut nachvollziehen werden, der worst case, der Super-Gau, der Schlimmst-Mögliche-Unfall.
Eine Nacht in der Zelle mußte sein, bis die Ordnungshüter geprüft hatten, ob Knast oder Psychiatrie fällig wäre für diesen komischen Kauz.
Und so schütteten sie weiter Öl ins Feuer.
Der sächsische Dichter war insofern ein gebranntes Kind: Bautzen, Moabit, Stasi-Gefängnis und und. Deshalb auch hat er sein angestammtes Heimatland verlassen, vom Freistaat Sachsen in den Freistaat Bayern, von Osten nach dem westlichen Oberfranken, vom mittlerweile Regen in die Traufe, er war geflohen und hat sich hier niedergelassen, in diesem gelobten Land. Die Jahre in den quälenden Zellen der Staatssicherheit waren für Peter Schnetz ein Martyrium, ein Traumata, die Hölle. Als er allmählich zur Besinnung kam oder auch schon früher, hatte er also ein Déjà-vu-Erlebnis der unangenehmsten Art. Er rüttelte und schüttelte voll Panik und Verlorenheit und Wir-Können-Es-uns-Nicht-Ausmalen an den Stäben der Zelle, unausgesetzt, die ganze Nacht durch, so daß er am nächsten Morgen, als er entlassen worden ist, blutige Hände besaß, beidseitig.
Bald darauf starb er.

Als die Mauer fiel, habe ich ihm gesagt: „Du bekommst jetzt Entschädigung.“ Er hat mich wütend angeschaut, als wäre ich der Staatssicherheits-Chef persönlich. Er hat aber ohnehin von der Sozialfürsorge geliebt hierzulande. Naja, glücklicherweise trennten sich bald unsere Wege.
Imponiert hat er mir insofern, daß er seine Bücher selbst vertrieben hat, von einem Buchladen, von einem Lehrstuhl, von einem Interessenten zum anderen ziehend, um sein neuestes Werk anzubieten. Ich habe den Eindruck gehabt, viele lächelten darüber, aber die meisten haben ihm ein Buch abgenommen. Er hat leider keinen großen Verlag gefunden, aber alles unternommen, um bekannt zu werden, selbst in „Who-is-Who in der deutschen Literatur“ hat er sich eintragen lassen und den diversen Nationalbibliotheken des Landes, selbst der bayerischen, die als einzige keinen müden Heller für ihren Wahlbürger übrig hatte, hat er die Bücher übergeben.
Einige seiner Werke habe ich irgendwo herumliegen. Sein bestes Gedicht, für mich, heißt: „Warum ich gerne eine Frau sein möchte.“ oder „Ich möchte gerne eine Frau sein!“
Diese Woche - Antworten
pentzw 
„Mensch, der Peter kommt gar nicht mehr aus seiner Bude. Den laden wir mal ein zum Trinken!“
Und so waren wir mit ihm einen heben, oben auf dem Spezikeller-Berg, beste Aussicht auf den Main und die Altstadt. Der liegt in Bamberg und dort gibt es viele Studenten, viele Geisteswissenschaftler, die hiesige Universität dieser Fakultäten haben einen hervorragenden Ruf, aber Bamberg gilt auch als sehr konservativ - diese beiden Faktoren bilden manchmal ein sehr explosives Gemisch. Außerdem ist dort der Bundesgrenzschutz stationiert – wenn dies für diese Geschichte sich ausgewirkt haben sollte.
„Das geht doch nicht. Unser Freund sitzt dauernd im Zimmer rum. Lasst uns ihn einladen.“
Sichtlich genoß er diese Einladung. Er hatte schon einiges über den Durst getrunken, als er sich wankend erhob. In seinem sächsischen Akzent verabschiedete er sich: „Und war die Sonne noch so schön, am Ende muß sie untergehen.“ Und weg war er.
Trieb ihn der Urin, daß er sich in eine Hausecke stellte und dort hineinpisste; war er so geladen, daß man befürchten mußte, er falle; oder war's die sommerlich-warme Nacht, daß er sich auf einen Eckstein setzte, das Kinn in die Hände gelegt und rezitiert: „Ich saß uf einem steine, hab meinen Kopf in die Hände gesmogen, dachte bein, mit beine..“, als eine Streife vorbeikam.
Jedenfalls, als die Polizei ihn ansprach, antwortete er mit: „Ich bin Zettel. Zettel's Traum“, ein Zitat aus Shakespeares Sommernachts-Traum, glaube ich. In der Tat war es eine sommerlich-warme Nacht, traumhaft schön.
Diese geschwollene Sprache weckte bei den nüchternen, ziemlich einsilbigen Polizisten Argwohn und man kann nicht erwarten, daß sie sich noch dazu in mittelalterlicher und fremdländischer, zumal Shakespeares Literatur auskannten (und ich kenn ich mich auch nicht so gut aus bei diesem dramatischen Stückeschreiber, einer der größten, sagt man.)
„Wo möchten Sie eigentlich wohnen?“
Warum fragte der Polizist in dieser Weise? War er denn obdachlos? Mitnichten! Das rührte an diesen stolzen Dichters Herzen.
„Worte, Worte, nichts als Worte.“
Wer könnte ihm diese Worte nach dieser Frage verübeln?
„Wohin wollen Sie eigentlich gehen?“
„Wohin gehen wir?“, antwortete nun Peter und wollte die Frage selbst beantworten.
Die Polizisten hörten aufmerksam zu. Der war aber merkwürdig, ein höchst verdächtigter Zeitgenosse, welch ein obskurer Fisch der Verdächtigkeit ist ihnen da in die Fänge geraten?
„Immer nach Hause!“
Diese Antwort hatte ihnen vielleicht etwas gesagt, denn sie boten ihm ein Zuhause an.
So hakten sie nach: „Immer nach Hause, gehen wir?“
„Oh ja!“
"Wir bieten Ihnen das schönste Heim, die Sie sich vorstellen konnten." Der Polizist, angesichts der düsteren, nur von einem schummrigen Straßenlaternenlicht überspülten Szene, machte mit der Hand eine Kreisbewegung vorm Gesicht, das er gegen seinen Kollegen hin gewendet hielt, damit der Bescheid wußte, mit wem es sie da zu tun hatten. Es handelte sich nur um die Klärung der Frage, ob gutmütig oder allgemeingefährlich. Damit war für diesen eigentlich die Sache gegessen: einen harmlosen Spinner lassen wir einfach in Ruhe.
"Wir nehmen ihn mit!“, hetzte jedoch der andere, der Untergebene. Weil bei solchen Uniformierten gibt es stets einen Oben und einen Unteren.
„Harmlos, harmlos!“
„Wer weiß, wer weiß!“
„Hm!“
Jago dann: „Wir sind schließlich in Bayern!“
Und da kann man wenn immer aufgrund von Verdacht eines Hetzers jeden wegsperren.
„Schaden tut's bestimmt nicht.“
„Hat's auch nichts genützt, so hat es wenigstens nicht geschadet!“, erwiderte der Aufgestachelte. Darin sollte er sich schwer täuschen, dieser Othello.
Entschlossen und unter die Arme gegriffen, wurde der strampelte Peter wie ein schwerer Sack in den Fond des Polizeiautos verfrachtet. Hier geriet er in Panik, er schlug gegen die Sitzkopfstützen und das Gitter, ein Beamter sprang von der anderen Seite ins Fahrzeug hinein und legte den renitenten, strampelnden Hampelmann Handschellen an. Dieser wehrte sich zwar weiter, aber es half nichts, er saß in der Falle.
Einer der Polizisten raunte ihn ins Ohr, wonach er wirklich schwieg: „Wohin zieht es uns? Immer zu den Müttern.“ Peter kannte diesen Spruch natürlich und er ließ ihn nachdenklich werden, trotzdem es aus jenem Mund wie eine ordinäre Zote kam.
Im Revier ging es weiter mit der näheren Personendatenaufnahme.
"Wo möchten Sie geboren sein?"
Er schluckte. Sagte er die Wahrheit, würde ihm nicht geglaubt werden. Da es im Konjunktiv stand, hatte es einen zukünftigen Aspekt. Geburt und Tod lagen ja so nebeneinander wie nichts sonst.
"Wanderer, wo wirst Du begraben liegen?
Unter Palmen am Meer oder unter Linden..."
"Wo wir uns finden...". Dazu lachte der sarkastische Polizist prustend. Das könnte heißen, er als Pistolenbesitzer machte den Verdächtigen möglicherweise den Garaus: im Töten würden sie sich einig werden, der Gefangene und der ihn Gefangenhabende.
"Da fällt mir übrigens ein schönes Heim ein."
Man kann sich vorstellen, wie es mittlerweile im Kopf von dem Dichter aussah.
Pause.
„Es ist das beste Etablisement, das wir Ihnen bieten können.“
Pause. In dieser schnaubte Peter schon wie eine Lokomotive.
"Kennen Sie sich aus in Bamberg?" Eine rhetorische Frage. "Aber natürlich, diese Stadt ist ja seit Jahren ihre zweite Heimat geworden." Inzwischen hatten die Ordnungshüter die Daten von diesem komischen Kauz, Schabernack treibenden Til Eulenspiegel und wirren Kasper, herausgefunden.
"Obere Sandstraße!"
Kunstpause.
"Na, klingelt's jetzt?"
Wer wußte in Bamberg nicht, was dort stand. Man könnte von der Straße fast in die Zimmer der Eingesperrten hineinglotzen. Für die Insassen eine doppelte Strafe. Ein dreifache, wenn sie zu einer Partymeile umfunktioniert wurde. Dabei muß man sich diese Partystimmung so vorstellen, wie ein Sex-Laden hieß: „Ehehygiene“.
Peter würde es allmählich schwummrig zumute: diese Aussicht war, wie wir bald gut nachvollziehen werden, der worst case, der Super-Gau, der Schlimmst-Mögliche-Unfall.
Eine Nacht in der Zelle mußte sein, bis die Ordnungshüter geprüft hatten, ob Knast oder Psychiatrie fällig wäre für diesen komischen Kauz.
Und so schütteten sie weiter Öl ins Feuer.
Der sächsische Dichter war insofern ein gebranntes Kind: Bautzen, Moabit, Stasi-Gefängnis und und. Deshalb auch hat er sein angestammtes Heimatland verlassen, vom Freistaat Sachsen in den Freistaat Bayern, von Osten nach dem westlichen Oberfranken, vom mittlerweile Regen in die Traufe, er war geflohen und hat sich hier niedergelassen, in diesem gelobten Land. Die Jahre in den quälenden Zellen der Staatssicherheit waren für Peter Schnetz ein Martyrium, ein Traumata, die Hölle. Als er allmählich zur Besinnung kam oder auch schon früher, hatte er also ein Déjà-vu-Erlebnis der unangenehmsten Art. Er rüttelte und schüttelte voll Panik und Verlorenheit und Wir-Können-Es-uns-Nicht-Ausmalen an den Stäben der Zelle, unausgesetzt, die ganze Nacht durch, so daß er am nächsten Morgen, als er entlassen worden ist, blutige Hände besaß, beidseitig.
Bald darauf starb er.

Als die Mauer fiel, habe ich ihm gesagt: „Du bekommst jetzt Entschädigung.“ Er hat mich wütend angeschaut, als wäre ich der Staatssicherheits-Chef persönlich. Er hat aber ohnehin von der Sozialfürsorge geliebt hierzulande. Naja, glücklicherweise trennten sich bald unsere Wege.
Imponiert hat er mir insofern, daß er seine Bücher selbst vertrieben hat, von einem Buchladen, von einem Lehrstuhl, von einem Interessenten zum anderen ziehend, um sein neuestes Werk anzubieten. Ich habe den Eindruck gehabt, viele lächelten darüber, aber die meisten haben ihm ein Buch abgenommen. Er hat leider keinen großen Verlag gefunden, aber alles unternommen, um bekannt zu werden, selbst in „Who-is-Who in der deutschen Literatur“ hat er sich eintragen lassen und den diversen Nationalbibliotheken des Landes, selbst der bayerischen, die als einzige keinen müden Heller für ihren Wahlbürger übrig hatte, hat er die Bücher übergeben.
Einige seiner Werke habe ich irgendwo herumliegen. Sein bestes Gedicht, für mich, heißt: „Warum ich gerne eine Frau sein möchte.“ oder „Ich möchte gerne eine Frau sein!“
Diese Woche - Antworten
pentzw 
„Mensch, der Peter kommt gar nicht mehr aus seiner Bude. Den laden wir mal ein zum Trinken!“
Und so waren wir mit ihm einen heben, oben auf dem Spezikeller-Berg, beste Aussicht auf den Main und die Altstadt. Der liegt in Bamberg und dort gibt es viele Studenten, viele Geisteswissenschaftler, die hiesige Universität dieser Fakultäten haben einen hervorragenden Ruf, aber Bamberg gilt auch als sehr konservativ - diese beiden Faktoren bilden manchmal ein sehr explosives Gemisch. Außerdem ist dort der Bundesgrenzschutz stationiert – wenn dies für diese Geschichte sich ausgewirkt haben sollte.
„Das geht doch nicht. Unser Freund sitzt dauernd im Zimmer rum. Lasst uns ihn einladen.“
Sichtlich genoß er diese Einladung. Er hatte schon einiges über den Durst getrunken, als er sich wankend erhob. In seinem sächsischen Akzent verabschiedete er sich: „Und war die Sonne noch so schön, am Ende muß sie untergehen.“ Und weg war er.
Trieb ihn der Urin, daß er sich in eine Hausecke stellte und dort hineinpisste; war er so geladen, daß man befürchten mußte, er falle; oder war's die sommerlich-warme Nacht, daß er sich auf einen Eckstein setzte, das Kinn in die Hände gelegt und rezitiert: „Ich saß uf einem steine, hab meinen Kopf in die Hände gesmogen, dachte bein, mit beine..“, als eine Streife vorbeikam.
Jedenfalls, als die Polizei ihn ansprach, antwortete er mit: „Ich bin Zettel. Zettel's Traum“, ein Zitat aus Shakespeares Sommernachts-Traum, glaube ich. In der Tat war es eine sommerlich-warme Nacht, traumhaft schön.
Diese geschwollene Sprache weckte bei den nüchternen, ziemlich einsilbigen Polizisten Argwohn und man kann nicht erwarten, daß sie sich noch dazu in mittelalterlicher und fremdländischer, zumal Shakespeares Literatur auskannten (und ich kenn ich mich auch nicht so gut aus bei diesem dramatischen Stückeschreiber, einer der größten, sagt man.)
„Wo möchten Sie eigentlich wohnen?“
Warum fragte der Polizist in dieser Weise? War er denn obdachlos? Mitnichten! Das rührte an diesen stolzen Dichters Herzen.
„Worte, Worte, nichts als Worte.“
Wer könnte ihm diese Worte nach dieser Frage verübeln?
„Wohin wollen Sie eigentlich gehen?“
„Wohin gehen wir?“, antwortete nun Peter und wollte die Frage selbst beantworten.
Die Polizisten hörten aufmerksam zu. Der war aber merkwürdig, ein höchst verdächtigter Zeitgenosse, welch ein obskurer Fisch der Verdächtigkeit ist ihnen da in die Fänge geraten?
„Immer nach Hause!“
Diese Antwort hatte ihnen vielleicht etwas gesagt, denn sie boten ihm ein Zuhause an.
So hakten sie nach: „Immer nach Hause, gehen wir?“
„Oh ja!“
"Wir bieten Ihnen das schönste Heim, die Sie sich vorstellen konnten." Der Polizist, angesichts der düsteren, nur von einem schummrigen Straßenlaternenlicht überspülten Szene, machte mit der Hand eine Kreisbewegung vorm Gesicht, das er gegen seinen Kollegen hin gewendet hielt, damit der Bescheid wußte, mit wem es sie da zu tun hatten. Es handelte sich nur um die Klärung der Frage, ob gutmütig oder allgemeingefährlich. Damit war für diesen eigentlich die Sache gegessen: einen harmlosen Spinner lassen wir einfach in Ruhe.
"Wir nehmen ihn mit!“, hetzte jedoch der andere, der Untergebene. Weil bei solchen Uniformierten gibt es stets einen Oben und einen Unteren.
„Harmlos, harmlos!“
„Wer weiß, wer weiß!“
„Hm!“
Jago dann: „Wir sind schließlich in Bayern!“
Und da kann man wenn immer aufgrund von Verdacht eines Hetzers jeden wegsperren.
„Schaden tut's bestimmt nicht.“
„Hat's auch nichts genützt, so hat es wenigstens nicht geschadet!“, erwiderte der Aufgestachelte. Darin sollte er sich schwer täuschen, dieser Othello.
Entschlossen und unter die Arme gegriffen, wurde der strampelte Peter wie ein schwerer Sack in den Fond des Polizeiautos verfrachtet. Hier geriet er in Panik, er schlug gegen die Sitzkopfstützen und das Gitter, ein Beamter sprang von der anderen Seite ins Fahrzeug hinein und legte den renitenten, strampelnden Hampelmann Handschellen an. Dieser wehrte sich zwar weiter, aber es half nichts, er saß in der Falle.
Einer der Polizisten raunte ihn ins Ohr, wonach er wirklich schwieg: „Wohin zieht es uns? Immer zu den Müttern.“ Peter kannte diesen Spruch natürlich und er ließ ihn nachdenklich werden, trotzdem es aus jenem Mund wie eine ordinäre Zote kam.
Im Revier ging es weiter mit der näheren Personendatenaufnahme.
"Wo möchten Sie geboren sein?"
Er schluckte. Sagte er die Wahrheit, würde ihm nicht geglaubt werden. Da es im Konjunktiv stand, hatte es einen zukünftigen Aspekt. Geburt und Tod lagen ja so nebeneinander wie nichts sonst.
"Wanderer, wo wirst Du begraben liegen?
Unter Palmen am Meer oder unter Linden..."
"Wo wir uns finden...". Dazu lachte der sarkastische Polizist prustend. Das könnte heißen, er als Pistolenbesitzer machte den Verdächtigen möglicherweise den Garaus: im Töten würden sie sich einig werden, der Gefangene und der ihn Gefangenhabende.
"Da fällt mir übrigens ein schönes Heim ein."
Man kann sich vorstellen, wie es mittlerweile im Kopf von dem Dichter aussah.
Pause.
„Es ist das beste Etablisement, das wir Ihnen bieten können.“
Pause. In dieser schnaubte Peter schon wie eine Lokomotive.
"Kennen Sie sich aus in Bamberg?" Eine rhetorische Frage. "Aber natürlich, diese Stadt ist ja seit Jahren ihre zweite Heimat geworden." Inzwischen hatten die Ordnungshüter die Daten von diesem komischen Kauz, Schabernack treibenden Til Eulenspiegel und wirren Kasper, herausgefunden.
"Obere Sandstraße!"
Kunstpause.
"Na, klingelt's jetzt?"
Wer wußte in Bamberg nicht, was dort stand. Man könnte von der Straße fast in die Zimmer der Eingesperrten hineinglotzen. Für die Insassen eine doppelte Strafe. Ein dreifache, wenn sie zu einer Partymeile umfunktioniert wurde. Dabei muß man sich diese Partystimmung so vorstellen, wie ein Sex-Laden hieß: „Ehehygiene“.
Peter würde es allmählich schwummrig zumute: diese Aussicht war, wie wir bald gut nachvollziehen werden, der worst case, der Super-Gau, der Schlimmst-Mögliche-Unfall.
Eine Nacht in der Zelle mußte sein, bis die Ordnungshüter geprüft hatten, ob Knast oder Psychiatrie fällig wäre für diesen komischen Kauz.
Und so schütteten sie weiter Öl ins Feuer.
Der sächsische Dichter war insofern ein gebranntes Kind: Bautzen, Moabit, Stasi-Gefängnis und und. Deshalb auch hat er sein angestammtes Heimatland verlassen, vom Freistaat Sachsen in den Freistaat Bayern, von Osten nach dem westlichen Oberfranken, vom mittlerweile Regen in die Traufe, er war geflohen und hat sich hier niedergelassen, in diesem gelobten Land. Die Jahre in den quälenden Zellen der Staatssicherheit waren für Peter Schnetz ein Martyrium, ein Traumata, die Hölle. Als er allmählich zur Besinnung kam oder auch schon früher, hatte er also ein Déjà-vu-Erlebnis der unangenehmsten Art. Er rüttelte und schüttelte voll Panik und Verlorenheit und Wir-Können-Es-uns-Nicht-Ausmalen an den Stäben der Zelle, unausgesetzt, die ganze Nacht durch, so daß er am nächsten Morgen, als er entlassen worden ist, blutige Hände besaß, beidseitig.
Bald darauf starb er.

Als die Mauer fiel, habe ich ihm gesagt: „Du bekommst jetzt Entschädigung.“ Er hat mich wütend angeschaut, als wäre ich der Staatssicherheits-Chef persönlich. Er hat aber ohnehin von der Sozialfürsorge geliebt hierzulande. Naja, glücklicherweise trennten sich bald unsere Wege.
Imponiert hat er mir insofern, daß er seine Bücher selbst vertrieben hat, von einem Buchladen, von einem Lehrstuhl, von einem Interessenten zum anderen ziehend, um sein neuestes Werk anzubieten. Ich habe den Eindruck gehabt, viele lächelten darüber, aber die meisten haben ihm ein Buch abgenommen. Er hat leider keinen großen Verlag gefunden, aber alles unternommen, um bekannt zu werden, selbst in „Who-is-Who in der deutschen Literatur“ hat er sich eintragen lassen und den diversen Nationalbibliotheken des Landes, selbst der bayerischen, die als einzige keinen müden Heller für ihren Wahlbürger übrig hatte, hat er die Bücher übergeben.
Einige seiner Werke habe ich irgendwo herumliegen. Sein bestes Gedicht, für mich, heißt: „Warum ich gerne eine Frau sein möchte.“ oder „Ich möchte gerne eine Frau sein!“
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