Aus dem Leben eines Obdachlosen - K 5 Frühmorgens

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AUS DEM LEBEN EINES OBDACHLOSEN - K 5 FRÜHMORGENS

Thema gestartet
von pentzw
am 07.04.2021 - 20:27 Uhr
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pentzw  8 Uhr - Lagerfeuer am Morgen
Ein Mann, Hände vor der Brust verschränkt, steht dort, hinter ihm Bauarbeiter, die hinter im Boden buddeln, hocken und werkeln - ein Anführer, ein Reintreiber, ein Hasardeur. Überall nehmen sie Teile der Erde in Besitz, verändern sie und versperren den Zugang, den Du nur kriegst, wenn Du selbst etwas Ähnliches tätest wie Boden-in-Besitz-Nehmen.
Angst: bald würden diese Männer die ganze Erde untertan gemacht haben und wo ist noch ein Platz frei für solche wie ich, die in diesem Tun einfach keinen Sinn erkennen können?

Ein fünf oder sechs Meter breiter Streifen Gebüsch und Gestrüpp trennt die Gruppe vom Fluß und ich ziehe meinen Mantel fester um mich, als mir der bitterkalte Wind, der über die nahe Wasseroberfläche pfeift, ins Gesicht peitscht. Wie man sich freiwillig solcher Unbill aussetzen kann, ist mir schleierhaft, dennoch sitzt eine kleine Gruppe Männer und Frauen dort, offenbar unempfindlich für Kälte und Feuchtigkeit des Morgens, zusammengedrängt um eine Tonne mit brennendem Holz hier unweit vor einem offenen Tor in der Mauer eines heruntergekommenen, zusammengefallenes Lagerhauses.
Wer will schon alleine bleiben? Ich beginne zu verstehen, weshalb sie sich dort zusammengedrängt haben und ich gehe auf sie zu.
Sie mustern mich argwöhnisch, als ich näher komme.
„Hallo!“, sage ich und lasse mich in einer Lücke im Kreis nieder.
„Mein Name ist Sowieso."
Ich ziehe eine Zigarettenschachtel heraus und reiche sie herum. Man muß seinen Einstand machen, wenn man wo anders hinkommt und aufgenommen werden will.
Scheel schaue die Personen aus den Augenwinkeln an, direkt traue ich niemanden ins Gesicht blicken. Ziemlich ruhig sind sie. Aber natürlich wird es etwas stiller geworden sein, als ich als Neuer erschienen bin. Sie werden neugierig sein und mich verdeckt taxieren. In einer offenen Gesellschaft der Obdachlosen ist mit jeder Art von Menschentyp zu rechnen.
Einer aus der Reihe hebt jetzt den Kopf, geneigt zu mir, etwas zaghaft grüßend die Hand erhoben.
Da ich befürchte, mit unangenehmen Fragen behelligt und in Verlegenheit gebracht zu werden, fühle ich mich gedrängt, irgend etwas zu tun. Ich wende mich zu zwei neben mir Sitzenden: „Was trinkt ihr beide?“
Sie heben ihr Bierglas mit jeweils gleichen Flaschenetiketten. „Doppelbock!“
„Jo!“, sagt einer anderer. Ob er das zu uns gesagt hat, ist unklar. Er hat den Blick dabei unentwegt in das Feuer gerichtet und quasi zu sich selbst gesprochen. Wahrscheinlich.
„Und Du?“, fragt einer zu mir her.
„Nichts!“.
„Oh, das geht nicht!“, und langt nach hinten, zieht eine Flasche hervor und reicht sie mir.
„Danke, ist nett!“
„Gern!. Hau rein!“
Ich mache mit meinem Feuerzeug die Flasche auf. „Klack.“
Proste nach vorne zu ihm.
„Auf die Gesundheit aller!“, und wende meinen Kopf im Kreis, dem ein oder anderen das Prost entbietend.
Dann haue ich mir das Gesöff hinter die Binde. Ich bin kein Biertrinker, aber der Gruppendruck zwingt mich dazu. Ich reiße mich zusammen, damit mir das Bittere, wie es immer noch empfinde, des Bieres nicht zu offensichtlich die Lippen verzerrt, um nicht den Eindruck zu vermitteln, Spielverderber zu sein.
Schweigen. Und jeder kann den anderen insgeheim beobachten, obwohl er so tut, als sei nur das Lagerfeuer von Interesse.
Bei einem Jüngeren drückt die schiefe Haltung des Kopfes Durchtriebenheit aus und in den zusammengekniffenen Augen Zynismus. Liegt dieser Eindruck in den Lichtreflexen des Feuers?
Ältere Männer fixieren ihre Flaschen. Einige fluchen zwischendurch wie: "Aufs Leben ist doch geschissen!" Andere schütteln den Kopf, wohl kaum von dieser ordinären Aussage pikiert und schockiert, wohl eher von Erinnerungen beschissener Erlebnisse aus ihrem Leben heimgesucht.
Einer erzählt, daß er in Regensburg an den Donauauen des Nachts von Jugendlichen mit Baseballschlägern zusammengeschlagen worden ist, wobei ihn sämtliche Zähne herausgeschlagen worden sind und lacht dazu mit blendend weißen Kunstzähnen.
Ein ledergesichtiger älterer Mann mit einer dicken Wollmütze kriecht jetzt tiefer in seinen Mantel, als eine scharfe Bö über das Wasser fegt und aus dem brennenden Holz Funken in die Luft jagt. Der Mann fixiert mich. Ich merke, wie ich Angst habe.
Hoffentlich werde ich jetzt nicht als Neuhinzugekommenen geschnitten.
Er grinst und wendet dann s wieder sein mageres Gesicht dem Feuer zu.
„Ich komme ganz gut über die Runden!", sagt ein anderer. Er hat ein Auge, bei dem das Lid fast geschlossen ist.
Vor ein paar Wochen - Antworten
pentzw  2. Mit jemanden ins Gespräch kommen

„Hör nicht auf den!“, flüstert mir eine Frau links neben mir ins Ohr.
Sie hat sich auf eine Tasche mit daran hängenden Taschen gestützt und da sie auf etwas Erhöhtem sitzt, umfasst sie sie mit den Armen, als wolle sie sie nicht loslassen.
„Der munkelt nur. Glaube denen nicht, die sagen, es gehe ihnen blendend, zumal wenn sie sagen, sie haben Unterschlupf, eine Übernachtungsmöglichkeit, Bekannte, wo sie unterkommen können. Meist sieht es bei allen nicht rosig aus, wie sie tun und sagen. Jeder schämt sich natürlich, daß er auf der Straße ist. Bis auf ein paar Ausnahmen. Die prahlen sogar damit. Aber, wie gesagt, bei den wenigsten sieht es ganz schön düster aus.“
Und dazu nickt sie vielsagend mit dem Kopf. Diesen hält sie aber ständig geradeaus, als wolle sie vertuschen und das niemand sehen kann, wie sie etwas spricht.
Es gibt mir zu denken, denn eins ist mir schon aufgefallen, daß in der Tat viele sagen, sie hätten schon ein Dach übern Kopf, aber nichtsdestotrotz ihre wenigen Habseligkeiten und Sachen nicht bei ihren Bleiben liegen lassen, stattdessen mit sich herumschleppen, was oftmals eine große logistische Herausforderung darstellt, zum Beispiel die Handrollatoren über Treppen, Stufen und Stegen zu schleppen oder eine Rolltasche, in dessen Behälter Plastiksäcke, - beutel und Papiertäschchen mit bescheidenem Hab und Gut stecken und hängen. Soweit man da immer tiefer hineinsehen kann in diesen Kuddelmuddel von Tüten, offenbaren sich selbst wieder Hunderte Tüten und Fächer, als könnten die Inhaber nichts loslassen und wegwerfen, gleich Messis alles aufbewahren müssen, womöglich mit dem Unterschied, daß sie bei ihren chaotisch wirkenden Säckchen, Beutelchen und Tütchen eine Ordnung, eine Systematik und Aufgeräumtheit haben, die ein wirklicher Chaot nicht hat.
Ja, was mir diese Obdachlose erzählt, flößt mir Vertrauen ein und ich kann es mit meinen Beobachtungen in Einklang bringen. Letzthin erst hat einer getönt: "Bei mir ist alles in Butter, ich habe immer eine Möglichkeit, nachts unterzukriechen, darfst mir glauben, haha, mir wegen braucht sich keiner Sorgen zu machen. Es geht schon!“
Selten bin ich mit jemanden so im Einklang gewesen und nachdem ich ihre Aussagen, die so viel Vertrauensgefühl und Sicherheit vermittelt hat, bestätige, gebe ich auch dies und jenes frei von der Leber gesprochen zum Besten, aber vor allem über den schweren Verlust meines „Besitzes“, wie es hat dazu kommen können, was an mir noch immer am nachhaltigsten nagt.
Sie ist ganz anteilssam, wie nur Frauen das können, so mitleidig, emphatisch und hellhörig, daß es einem richtig Spaß macht, sich wie einen dicken Sack auszuleeren, sich seine Sorgen von der Seele zu reden und all seine Steine vom Herzen loszutreten.
„Leih mir mal 3 Euro!“, kommt es wie aus der Pistole geschoßen von ihr, die mir ein paar Minuten ihr Ohr geliehen hat und wohl jetzt glaubt, sie haben mir schon so viel Vertraulichkeit entgegengebraucht, daß die Voraussetzung eingesetzt ist, mich anzubetteln, zudem in einem Befehlston.
Ist dies das Ergebnis, die Belohnung für ihr Zuhören, der Sinn ihres Mitgefühls? Fasst sie dies so auf, daß ich ihr daraufhin mein so bitter benötigtes und erworbenes Geld geben würde, weil sie mir mal für ein paar Minuten ihr Ohr geliehen hat?
Ich komme mir betrogen, hintergangen, getäuscht vor.
Würde ich selbst dieses unangenehme Gefühl nicht haben, bisse sie dennoch auf Granit und Eisen.
Mag sie es noch so überzeugend herübergebracht haben, nachdem ich sofort gesagt habe: „Nein!“, und sie: „Du kriegst sie wieder“, welches durchaus im Klang beruhigend, vertrauensvoll, bestimmend und verlässlich angemutet hat, so habe ich's bislang niemals nicht anders gehandhabt oder wenn, nur schlechteste Erfahrungen gemacht. Heißt doch auch so ein strutzdummbanaler Spruch mit so viel bitterer Wahrheit: "Bei Geld hört die Freundschaft auf."
"Du, ich verleihe nichts und ich leihe mir selbst niemals etwas von jemanden“, so bestimmt gesagt, daß es verdeutlicht: dies ist ein ehernes, unverbrüchliches Gesetz, Prinzip, Regel bei mir, die ich niemals brechen und durchkreuzen würde. Punktum.
Es kommt auch keine Erwiderung. Wahrscheinlich aber nur, weil sie plötzlich von jemanden von der anderen Seite her angesprochen wird? Oder hat sie, um die Peinlichkeit zu überbrücken, sich selbst an diesen gewendet? Jedenfalls ignoriert sie mich eine ganz schön lange Zeit. So lange, daß ich denke: das ist’s wohl nun gewesen. Eine leidlich flüchtige Bekanntschaft, ein paar Worte, scheinbar solidarisches Mitgefühl, dann aber, weil nichts aus dem anderen herauszuholen ist, Ade und Tschüs!
Enttäuschung.
So läuft das also!
Du lernst.
Du begingst zu lernen.
Keiner ist sich näher als sich selbst, das Hemd näher als die Hose und jeder Narziß in Person. So geht’s zu, wenn man überleben muß. Was ist der andere Wert für mich - ist er eine Gefahr, dann meide ihn, ist er eine potentielle Melkkuh, dann zapfe ihn an, ein voller Brotkorb, dann öffne ihn geschickt.


© Werner Pentz

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Vergangene Woche - Antworten
pentzw  3. Vormittäglicher Anfall und Getriebenwerden

a) Ein Anfall

Ich entferne mich vom Lagerfeuer, denn der Tag zieht mit einer dunklen Wolkenwand auf und die Kälte zieht trotz Lagerfeuers in die Nieren.
Am einer heruntergekommenen Fabrikhalle aus Klinkersteinen werfe ich einen Blick durch die gesichtslosen Fenster ins Innere. Hie und da sind noch abgewetzte Linoleumplatten zu sehen, dazwischen aber auch schon der Betonboden. Einige haben ihr Quartier in einigen Ecken aufgeschlagen, die aber menschenleer sind. Habseligkeiten stapeln sich neben einer eingerollten Iso-Matte, sowie Schlafsack und etlichen anderen Säcken, meist aus Plastik,
Die Kälte treibt mich wieder weiter. Ich muß den Bahnhof erreichen, bevor mein Körper zu sehr abgeschreckt wird. Schneller kann ich nicht laufen, um mich eventuell aufzuwärmen, diese Zeiten sind passé. Also schleppe deinen müden, steinigen Körper, der mit viel zu dicken Kleidungsstücken geknebelt wird, dicker Wintermantel, dicke Winterboots, zwei zwar dünne Pullover, aber da mein fetter Bauch den winterlich-gefütterten Überhang zu sprengen droht, sind sie immer noch zu dick und ich fühle mich wie ein praller Ballon kurz vorm Platzen. Aber es muss, wenn der Mantel geöffnet werden muss, immer noch eine gewisse Wärmeschicht gebildet werden können. - Wenn nur nicht die Masken wären, die Pflicht sind getragen zu werden!
Im Winter sind die Umstände so, daß man sich in seinen Kleidern eingesperrt fühlt und meine Quasi-Zigeunerseele wünscht sich Freiraum, Luft zum Atmen für die Haut und das gleiche für die Füße, vom Kopf ganz zu schweigen. Aber, wie ich gelesen habe, verbraucht der Kopf am meisten der Körperwärme oder anders gesagt, die Kälte beeinträchtigt diesen am stärksten oder so ähnlich. Jedenfalls ist die Mütze in winterlichen Umständen ein unersetzliches Kleidungsstück bei einigermaßen normal zu konservierenden Körpertemperaturen.
Endlich habe ich den Bahnhof erreicht und sofort muss ich einen Zug aufsuchen, der nicht zu weit fährt, aber weit genug, daß ich nicht dauernd aus- und umsteigen muss.
Im Winter im Zug sitzen zu können, ist gut, sehr gut, weil es nicht so kalt ist wie draußen, aber das ständige Gerumple, Getöse und Vibrieren der Zugwaggons und die psychische Beeinträchtigung durch die Angst vor den Jägern, den Sicherheitsleuten, den Schaffnern, rüttelt an meinen Nerven. Man darf nur nicht zur Rede gestellt werden, auf Fahrkarte kontrolliert und mit Sack und Pack aus dem Zug geschmissen werden!
Ich könnte es nicht mehr ertragen.
„Ein Männchen steht im Walde, ganz still und stumm. Er trägt ein purpurnes Käppchen auf seinem Kopf herum. Sag, wer mag das Männchen sein, das da steht so stumm allein?“, singe ich in meiner Angst von einem rotkäppigen Bahnschaffner zur Rede gestellt, in die Mangel genommen und aus dem Zug geworfen zu werden. Ich fange jetzt schon an, dieses Kinderliedchen zu singen, wenn ich welche oder einen in diesen Bahnhofshallen sehe.
In den heiligen Hallen der staatlichen, pseudofreimarktwirtschaftlichen Bundesbahn sich aufzuhalten ist angesichts gelbwestener Sicherheitsleute mit Handschellen nicht besonders heimelig. Man fragt sich, wie können diejenigen, die sich auf ihr Hausrecht berufen dürfen sollen, polizeiliche Maßnahmen ergreifen, also warum dürfen nicht mit hoheitlichen Mandaten betraute Personen einen vermeintlichen Hausfriedensbrecher und Bürger in Ketten legen, Handschellen anlegen, in seiner Bewegungsfreiheit derart behindern?
Meine Großmutter erzählte, daß die Wahlen 1933 von mit Maschinen bewaffneten nichtpolizeilichen Paramilitärs der sogenannten „nationalistischen Bewegung“ an den Urnen gesäumt waren.
Vor welcher „Wende“ stehen wir jetzt?
Jedenfalls scheint es mir das Ende eines freien Landes zu sein!
Der Anblick von diesen neue SS-, StaatlichenSicherheits-Personalleuten, dreht mir den Magen um.
Schnell haste ich zu einem Zug und fahre eine ganze Weile in der Gegend herum.
Als der Zug in Nürnberg endet, hoffe ich, daß er wieder in die andere Richtung fährt. Denn ich traue mich nicht aus den Waggon, auf den Bahnsteig, auf die Straße-
„Hier ist Endstation, junger Mann!“, schleudert mir ein vorbeihastender Bahnschaffner die Worte entgegen.
Ich muss also hinaus, dorthin, wo ich Gelbwestler vermute, die neue SS, die ich auch, außen stehend, tatsächlich wahrnehme, nämlich am anderen Gleis gegenüber.
Sie schauen mich an.
Ach was soll’s! Sie können dich bestimmt nicht durch die Fensterscheiben sehen, die schirmen doch das Tageslicht ab. So sitze ich eine Weile, aber erneut kommt der Schaffner auf mich zu, so daß ich mich ruckartig erhebe und aus dem Abteil gehe, aus der Ausgangstür schreite und auf dem Bahnstein trete.
Hypnotisiert wie ein Kaninchen von der Schlange starre ich sie an, denn ich bin stehen geblieben. Zwar weiß ich sehr genau, daß ich dies nicht tun sollte, weil nur noch auffälliger, stattdessen sollte ich mich besser umdrehen und in die andere Richtung blicken, was mir aber nicht gelingt. Diejenigen, die ich fixiere und mich anschauen, laufen unterdessen dabei langsam Richtung einer Unterführung, einer deutet sogar mit dem Finger in meine Richtung, um die anderen auf einen Auffälligen aufmerksam zu machen, auf mich!, was eine völlig überflüssige Geste ist, denn die anderen tun auch nichts anderes, als herzustarren, bis sie bei Erreichen der Treppen diese hastig hinunterstürmen, aus meinem Gesichtsfeld entschwinden, so daß ich plötzlich befreit bin, nach links schaue, wo sie wahrscheinlich von der Treppe herauf auf mich zugestürmt kommen, so daß ich mich nach rechts wende, loshetze, plötzlich aber meine verspannten Baumuskeln sich wie ein zu enger Anschnallgurt zusammenschnüren, saure Galle bis in den Mund hochschießen spüre und schon den bitteren Geruch schmecke, während ich mich krümme, in die Knie gehe und alles dazu mit, sowie ich ohnmächtig werde
und
wie von Geisterhand nach oben schwebe, von jemand fest am Arm gefasst, aufgehoben, hochgehievt und gekrant werde und sowie ich stehe und festes Etwas, Boden unter den Füßen spüre, ist es eine tiefe Wohltat, dieses Etwas, das da Sicherheit ausströmt, Halt gibt, zu empfinden, das Gefühl zu haben, stehen zu können wie ein Primat, wie ein Mensch halt, senkrecht und aufrecht, nur nicht horizontal und kriecherisch, sich schlängelnd und krabbelnd wie Schlagen, Echsen und Insekten.
Fremde Gesichter schauen mich an, vergeblich versuche ich gegen die Schauer anzukämpfen, die mich schütteln, denn ich schäme mich deren. Ich versteife meinen Körper. Nehmen die anderen meine Erschütterungen wahr? Wenn, dann spielen sie nicht darauf an. Ich bin ihnen dankbar.
„Wie geht es ihnen?“ „Machen Sie nicht so schnell!“ „Sollen wir sie irgendwohin bringen?“ „Wissen sie, wohin sie müssen?“ Lauter unsinnige, gutgemeinte Fragen stürzen auf mich ein, prasseln auf mich hernieder, als würde ich geschlagen werden.
Zwar bin ich erleichtert, nur aber einen Moment, als ich sehe und mir bewußt werde, daß es sich um die mich stehenden Menschen nicht um SS-Leute handelt, was sich aber schnell ändern kann - und so durchfährt mir blitzartig Angst und Schrecken und ich renne weg, haste fort, immer noch gelähmt, beeinträchtigt und etwas behindert von vorhin, denn wie mir scheint, hinke ich wie ein Bein hinter einem herhinkt, so schleppend laufe ich und entkomme...
„Rennen Sie nicht zu schnell!", höre ich noch Stimmen.
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