Aus dem Leben eines Obdachlosen - Kapitel 3. - Abends

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AUS DEM LEBEN EINES OBDACHLOSEN - KAPITEL 3. - ABENDS

Thema gestartet
von pentzw
am 22.02.2021 - 14:34 Uhr
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3. Abends

Der Wind fegt rau über den Gehsteig, so daß er weißes Schneepulver wie Sand über Dünen hinweg gleich Vorhängestores treibt.
Ausgefrorene Hände reiben sich klamm um- und aneinander, um sich zu wärmen.
Harscher Schneereif, Schneeschorf, erkaltetes schrundiges Weiß bildet sich zusehends mit der anziehenden Kälte.
Eine verwaistes Etwas schlingert über die Eisfläche, bleibt liegen, bäumt sich auf, bewegt sich wieder fort und kommt auf mich zu, eine verlorene Puppe.
Wer hat sie verloren?
Ich drehe mich weg, weil ich den Anblick schwer ertragen kann.
Einen Moment später schlägt die Puppe gegen meine Füße wie ein verlorenes Tier, das einen neuen Herrn und Begleiter sucht. Es ist ein Kobold, eine Fasnachtsmarionette, keine Schmuse- sondern Schreckfigur. Ich hebe es auf: ein Spielgefährte für einsame Stunden und das neue Kopfkissen für des Nachts zugleich.
Ich stopfe es in meinen Rucksack.
„Hier ist mein Messer,
mein Brotbeutel,
hier meine Puppe!“
Plötzlich muß ich mich an eine Mauer lehnen und keuche. Die Pumpe will nicht mehr so wie ich wohl will und soll und... Aua, zudem die Brustschmerzen, beidseitig dort, wo die unteren Rippen verlaufen.
Schnappen nach Luft, die feucht, kalt und weiß ist wie der Tod.
Weiße Nächte.
Die Höhlenbewohner, die Silhouette, die ich kurz gegen das grelle Licht gesehen habe; die Umrisse eines Mannes, der sich nach vorn beugt und die Hände gegen Unterleib oder Hüfte hält, als wollte er sich mit den Armen wärmen und den Kälteschmerz lindern. Man müsse sich so klein machen, seine Glieder ineinander verschränken wie ein Embryo, um der Kälte die wenigste Angriffsfläche zu bieten und es so am wärmsten zu haben.
Metallene Stimmen - hoffentlich nicht sogenannte „Sicherheitskräfte!“
Torkelnder Abfall.
Zerfetzte Matratzen.
Ineinander verkeilt wie eine Lämmerherde liegen Menschenkörper auf dem Boden – nur nicht darüber stolpern, sonst verletzt Du andere.
Hausrat, der seit Monaten in leeren Straßen bis zur Auflösung in Regen und Staub gelegen ist, beginnt zu brennen, erst zu schwelen, dann mit schwerem, schwarzen Rauch aufzusteigen, schließlich mit leicht lodernden, gelben Feuerspitzen zu brennen, dann mit grell-roten Flammen hochhinaus zu züngeln, daß einzelne Lohen davon wegfliegen.
Es spendet Wärme, aber auch Rauchvergiftung.
Was ist einem lieber? Diese Wahl hast Du!
Ein Gesicht, nur eine Handbreit vor meinem. Ich schrecke zurück, denn ich ich habe ihn nicht gleich gesehen.
Da sitzt ein Mann auf einer Bank im Dunkeln. Neben sich einen Plastikbeutel mit Lebensmitteln. Für mich ist kein Plätzchen frei.
Auch ich bekomme Hunger, esse einen Hering aus der Konserve, drei Meter von dem Fremden entfernt. Er beginnt zu erzählen, während ich mit den Händen den Fisch herausfingere, die ölige Tomatensoße vorsichtig aus der Dose schabe, damit ich mich nicht schneide, wobei ich höllisch aufpassen muss, nicht im schwankenden Stehen in der Kälte umzukippen. Der Mann hat sich in die Hose gemacht, unter dem Bänkchen bildet sich eine schwarze, dicke Lache. Er erzählt und erzählt. Mit einer Brötchenschnitte schabe ich den Rest aus dem Weißblech. Plötzlich steht er auf und hält zwei große, bunte Fotos in die Höhe, deutet darauf, murmelt etwas dazu – sieht aus wie eine Frau und ein Kind. „Komme mir nur nicht zu nahe!“ „Jaja, ich halte ja Abstand.“ Die Seuche will ich mir nicht auch noch an den Hals holen. Er erzählt von guten, besseren Zeiten, das ist mir nun klar. Ich werfe das Metall in einen Abfalleimer, tupfe mir mein natürliches Geschirr, meine Hände, besonders meine Mundwinkel mit einem Papiertuch ab, das ich aus dem Zugklo stipitzt habe und tue auch diese in den Eimer.
„Halt die Ohren steif!“
„Danke!“

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