Die Niederlassung - Abenteuerroman aus der Steinzeit - der Plan

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DIE NIEDERLASSUNG - ABENTEUERROMAN AUS DER STEINZEIT - DER PLAN

Thema gestartet
von pentzw
am 01.11.2020 - 18:02 Uhr
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pentzw  Ein Plan reift

Aber noch immer herrschte viel Angst, Unordnung und Aufregung. Auch Krixl konnte sich dem oft nicht entziehen. Überhaupt hatte er noch keinen Plan, keine Ahnung, wie überhaupt vorzugehen war. Nur diese Ohnmacht festigte seinen Stand. Bald jedoch musste er mit etwas aufwarten, woran sich die Stammesmitglieder orientieren konnten.
Magisch wurde er, der verzweifelten Unruhe seiner Angehörigen Leid, von der dunklen Tiefe der Höhle angezogen. In der Zurückgezogenheit fand er Ruhe und Gedankenklarheit.
Zunächst wagte er sich nur wenige Meter hinein, nicht weit, nämlich gerade einmal fünf Schritt hinter den Vorratsbergen von Schwefel, Lehm und Ton verborgen. Er kauerte sich in Hockhaltung in eine Ecke, stierte meist in den entfernten Fixpunkt der brennenden Lagerfeuerflamme und brütete vor sich hin. Er wurde hochgerissen aus dem Sinnieren von herunterfallenden Steinen irgendwo dort hinten in weiterer Schwärze der Schluchttiefe (was darin wohl vorging?).
Er ergriff einen schimmernden Stein und warf ihn wütend über die bösen Dämonen, aber auch angstverscheuchend, an die klamme, nasse und harte Steinwand.
Ein roter Fleck blieb zurück.
Er wurde von der Farbe angezogen und suchte nach weiteren solchen Steinen. Verblüffenderweise gab es sie in den verschiedensten, allerlei glimmenden Farben. Danach begann er, untermalt vom Flackern auf den erleuchteten Wandstellen, Gegenstände, Menschen und Landschaften zu zeichnen. Mit der Zeit wurde die Umgebung jenseits des großen Flusses klarer, in groben Strichen die wichtigsten Umrisse, Markierungspunkte und Gegebenheiten ins kahle, schwarze und harte Nichts gebannt.
Er verzeichnete das Revier des Gegners, den Fluss, wo sich Frauen und Kinder reinigten, die Stellen der Wachtposten, deren es meist nur ein paar waren. Versuchte den Abstand zwischen dies- und jenseitigem Ufer abzuschätzen, wobei er - fünfzehn Kerben jeweils fünfzehn Schritte - in den blauen Fluss einzugravieren. Er zeichnete die Verschanzungen diesseits des Flusses ein, wo sich im Gegensatz dazu seine Krieger verstecken und ihren Angriff starten konnten.
Allmählich nahm der Plan Gestalt an: die paar Wachen - vier maximal - auszuschalten; dann Frauen und Kinder, allerdings nur Kleinstkinder, entführen. Dazu einige Krieger ans andere Ufer; mit einem Floss hinüberpaddeln; sich im Dickicht verstecken, möglichst nahe an der Waschstelle der Frauen oder an den Wachtposten; Wachtposten in die Flucht schlagen; schnell Frauen übertölpeln - wie nur?
Jedenfalls, danach einen Rückzug sicherstellen; ohne Spuren zu hinterlassen.
Er begann weitere Zeichnungen anzulegen, die die vorhergehenden weiterführten, bis zur Höhle hierher. Es wurden beschwerliche Umwege gemacht und gezeichnet, Durchquerungen von Flüssen, Übersteigungen von Bergen jenseits vermeintlicher Pfade. Es wurde Wege gezeichnet, die im Nichts des dschungelartigen Waldes oder bestenfalls vor hohen Schluchten endeten. Diese Wege mussten erst freigelegt und geschaffen werden.
Er trat einen Schritt zurück und betrachtete die unklaren Skizzen. Sein Denken lag darin und war damit eins, aber ob der Betrachter sie auch verstand? Er würde es in verbesserter, einfacher, anschaulicher Weise noch einmal zeichnen müssen. Platz genug herrschte.
Man konnte den Fluss erkennen, die Uferseiten, aber...
Er verrückte seine Fackel um einige Meter und begann erneut dasselbe Schauspiel linien- und farbengemäß aufzubauen, wobei er sich nun mehr Zeit und Energie für Details nahm.
Er fror, also war es für heute genug. Krixl trat zurück und atmete auf. Uff, das war hart, ständig in der gleichen Haltung zu verharren, so dass die Glieder einrosteten.
Zunächst aber war das feindliche Revier umrisshaft an die Wand geworfen. Wenn er sich die Reaktionen seiner Mitkämpfer vorstellte... Ja, erst dann war das Werk gut genug, wenn eine desto heftigere Reaktion erfolgte. Die Kraft seines Entwurfes musste seine Mitkämpfer derartig in Wallung versetzen, dass sie sich schon damit vorzeitig abreagierten. Waren sie mit dem beängstigenden Fremdrevier vertraut geworden mittels dieser Zeichnung, würden sie, sobald sie in der Situation steckten, abgeklärter, überlegter und weniger abgelenkt von Furcht vorgehen...

Als er gerade zurückkam, stand hünenhaft mit gerunzelter Stirne vor ihm aufgerichtet Wullix. Er war mit dicken Fellen über seine Schultern bekleidet, mit Häuten von erlegten Tieren. Um seinen Hals hingen Zähne dergleichen Spezies. Diese imposante Kette von Opfern war Beweis seiner mannhaften Jagdkunst, die allenthalben erklingend verkündete, sobald er sich nur mit einem Körperglied rührte, was Sache war.
Krixl war stattdessen bescheiden angezogen. Ihn dagegen stieß Totes, Erlegtes, Verendetes ab. Anstatt mit Furcht und Stolz wie bei den anderen, erfüllte ihn dergleichen Kleidung mit Ekel und Trauer. Niemals hätte er dies aber bekundet, hätte man es schließlich als Schwäche ausgelegt.
Wullix drohender Anblick drückte die Frage aus: Was hast du, unterdessen wir unermüdlich an unseren Vorbereitungen werkelten, getrieben? Warum hast du dich nicht an den allseits durchgeführten Waffenbearbeitungen beteiligt?
So zuckte jener nun über dessen furchteinflössende Erscheinung und drohenden Blick die Achseln, mächtige stumme Anklage abschüttelnd, duckte sich weg und ging wieder zu seinem angestammten Platze hinüber. Wullix wendete dabei nicht seinen Blick von ihm.
Jener stieg über einen an den Wänden herausragenden Felsen auf eine Steinerhebung, die wie eine Loge, Balkon oder Kanzel über den ganzen Höhlenraum thronte. Dennoch war er dort noch nicht vom finsteren Blick Wullix befreit.
Hier hielt sich ständig auch die einzige Frau auf. Dieses Wesen wurde zurzeit nur von Krixl begehrt, obwohl ihr anzusehen war, dass sie schwanger war. Er hatte trotz dem Zuneigung zu ihr gefunden, die unerklärlicherweise nicht mit ihrer Schwangerschaft versiegte. Für die anderen war das zudem ein unverständliches Verhalten.
Damit war für Wullix das Interesse an seinem Gegenstand verloren gegangen, und er wendete sich wieder in andere Richtung, nämlich zu den mit der Arbeit beschäftigten Kriegern. Wahrscheinlich war seine Verwunderung, was wohl sein Konkurrent gemacht hatte in dunkelster, hinterster Höhle der Einsicht gewichen, dass es sich um etwas genauso Unnützes, Unerklärliches und Unvernünftiges gehandelt hatte, wie das Interessezeigen an einer solchen Frauensperson. Was konnte man schon mit einer Schwangeren anfangen?
Die Heißsporne machten sich nämlich nur über empfangsbereit Weiber her, kauerten sie hilflos und erschöpft nach einem mühsamen langen Tag auf dem Boden, vor allem nur nach einer Niederkunft, sobald die Frauen erneut zum Kinderbekommen bereit waren. Sobald Anzeichen einer Schwangerschaft deutlich wurden, verloren die Krieger wieder das Interesse am anderen Geschlecht.
In diesem Volk war der Wunsch vorherrschend, dass sie viele, möglichst viele Frauen besaßen, denn je mehr Kinder sie ihr eigenen nennen konnten, desto angesehener und stolzer waren sie. So wie Krixl mit Frauen verkehrte, nur zu seiner Lust und Zärtlichkeit, waren die anderen Männer des Stammes nicht fähig und willens. Frauen waren wie Wild, zu erjagendes Getier, welches zur Trophäe gut genug war, mehr nicht. Es passte zu Krixl nur zu gut, was er tat, denn nur Alte und Verwundete und Sonderlinge gaben sich mit Frauen in solch nutzloser Weise ab.
Das hatte wohl Mullix vorhin noch gedacht. Ja, es war ein harter Brocken, der hier zu schlucken war: dass gerade Krixl jetzt ihr Führer sein sollte. Aber bitteschön, sobald sich eine passende Gelegenheit fan, spätestens nach Bewältigung der gestellten Aufgabe, fremde Weiber und Kleinstkinder erobert zu haben, würden wieder andere Zeiten anbrechen, welche andere Führer verlangten, richtige Krieger und Helden wie er einer war. Dafür würde er schon sorgen.

Die ersten warmen Tage traten ins Land. Krixl hatte sich einen aus getrockneten, gepressten Flussalgen gemachten Schwamm zu Hilfe genommen, um überflüssige, krumm oder falsch geratene Striche und Farbtupfer zu entfernen und zu retuschieren. Nach zwei Wochen schien ihm die Zeichnung vollendet, so dass er sie seinen Stammesmitgliedern vorführen wollte. Damit würde endlich der Druck nachlassen, die dringlich geforderte Offenlegung und Darlegung des Eroberungsplanes erfüllt. Danach gingen die Vorbereitungen erst richtig los.
Mit Fackeln bestückt waren alle bis zu diesem hinteren, noch lange nicht hintersten Teil der Höhle gekommen. Nachdem die ersten Erkennungsmomente bei den Kriegern eintraten, brach auch schon bei einigen Panik aus; einer warf sogar auf das feindliche Revier seinen Speer ab, der aber an der Wand abprallte und zurückgeworfen und in einen Beerensack zum vibrierenden Stehen kam. Krixl musste durch langes Herumbrüllen und Zureden seinen Ausführungen Gehör verschaffen. Dann trat die Phase des Nachdenkens ein.
Glücklicherweise hatte er unterhalb des ersten großen Bildes vom fremden Revier weitere Kopien angefertigt, die nun das Geschehen und die Veränderungen ihres Tuns in Ablauf und Folge verdeutlichten. Mit diesen verheißungsvollen Zeichnungen, die gleichfalls als reine Wirklichkeit aufgefasst wurden, heiterten sich die Blicke und Stirne der Zweifler und Angsthasen langsam wieder auf. Wenn es da gezeichnet stand, würde es geschehen. Sie begannen schon einen Freudentanz aufzuführen und im Kreis zu tanzen.
Er ließ es eine zeitlang geschehen, um dann die Krönung des Planes, die alle Spuren verwischende Flucht, vorzuführen. Es war schwer, dies nachzuvollziehen, und es gab keine Gewähr, dass die Krieger, sobald sie einmal ihre Beute in Händen hielten und flüchteten, sich tatsächlich um einen geordneten Rückzug scherten. Sie würden, sowie in Sicherheit sich wähnend, über die Frauen herfallen, die mit ihren Schreien Entlarvung und Gefahr heraufbeschwörten.
Alles dies musste ihnen eingepaukt werden zu unterlassen, stattdessen sich beschwerlicheren Mühen hinzugeben, nämlich Vorsorge zu tragen, dass bei ihrem Rückzug einige Männer mit aus dicken Sträuchern gebündelte Wedeln die Fußspuren hinter sich her verwischen konnten. Einmal sollte sogar ein bislang für die Jagd wichtiger Pfad mit herabfallenden Gesteinsbrocken für immer unzugänglich gemacht werden. Diese Arbeit war die mühevollste, die zuvor wochenlanges Steineschleppen und -wälzen nötig hatte. Aber kraft der Anschaulichkeit seiner Bilder gelang die Überzeugungsarbeit. Zuversichtlich ging man an die Verwirklichung des Planes.

copyright werner pentz
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