Gedichte
Das verschwundene Kind

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"Das verschwundene Kind"
Veröffentlicht am 19. August 2008, 8 Seiten
Kategorie Gedichte
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Über den Autor:

Es fällt mir nicht leicht, etwas über mich zu schreiben. Also ganz kurz: 52 Jahre alt,glücklich geschieden, Mutter von drei Superkindern, Psychologisch-technische Assistentin - fühle mich viel jünger als ich bin. Noch Fragen, dann fragt ruhig, ich stehe jederzeit Rede und Antwort.
Das verschwundene Kind

Das verschwundene Kind

Sie steht am Fenster und sieht hinaus.

Düster sieht die Welt und traurig aus.

Ihr Blick geht in die Ferne weit.

Um sie herum nur Traurigkeit.

 

In Trance putzt sie und kocht und macht,

doch hat sie schon lange nicht mehr gelacht.

Sie ist, scheint es, nur körperlich da

und das seit nunmehr fast einem Jahr.

 

Damals, als noch alles in Ordnung war,

damals ist sie ein fröhlicher Mensch gewesen.

Damals hat sie täglich den Kindern vorgelesen.

Damals strahlte sie über das ganze Gesicht,

doch seit langem nun kann sie das nicht.

 

Sie erinnert sich noch gut daran,

wie damals der letzte Tag begann,

der letzte Tag in ihrem Leben.

Zeiten wie die wird es nie wieder geben.

Sie hatte Frühstück für die Familie gemacht,

hatte über den verbrannten Toast noch gelacht.

Niemals hätte sie daran gedacht,

dass ihr so etwas geschehen kann.

Der Tag fing doch wie jeder andere an.

 

Aber dann, zur Mittagszeit,

dass Essen hatte sie bereit,

hatte sie wie jetzt aus dem Fenster gesehen.

Gleich müsste ihre Tochter um die Ecke gehen.

Gleich würde ihre Tochter dort winken,

ein paar Schritte über den Gehweg hinken,

denn so hat sie es immer getan.

Aber ihre Tochter, die kam nicht an.

 

Ihre Tochter ist ein verschwundenes Kind,

wie es etliche täglich auf der Erde sind.

Sie wurde seit diesem Tag nie mehr gesehen.

Keiner kann ihr sagen, was war geschehen.

Niemand hat ihr die Tochter zurückgebracht.

Seit dieser Zeit hat sie nie mehr gelacht,

hat täglich an ihre Tochter gedacht.

 

Viele haben sie gesucht, mit Hubschraubern, mit Hunden,

aber sie haben sie bis heute nicht gefunden.

Seitdem ist sie lebendig und gleichzeitig tot.

Seitdem betete sie nie wieder zu Gott,

denn der hat dieses zugelassen.

Sie kann ihren Schmerz nicht in Worte fassen.

 

Das Kinderzimmer ist wie es immer war

seit nunmehr über einem Jahr.

Eine kleine Hoffnung ist tief verwurzelt in ihr:

Vielleicht kommt sie ja doch irgendwann wieder her.

Wenn sie nur wüsste, wo sie ist,

wüsste, was mit ihr geschehen ist.

So aber fühlt sie sich nur leer.

Seit über einem Jahr ist ihr Leben leer,

denn ihre Tochter ist nicht mehr hier.

Ihre Augen haben keine Tränen mehr.

 

Sogar ihr Mann hat sie verlassen.

Er durfte sie nicht mehr anfassen.

Auch mit ihm reden konnte sie nicht.

Zu schwer lag auf der Seele dieses Gewicht.

Auch den Sohn haben sie ihr genommen.

Sie ist im Leben nicht mehr zurechtgekommen.

Nun steht sie hier am Fenster ganz allein

und sie ist froh, allein zu sein.

Ihren Schmerz teilen, das will sie nicht,

auch wenn sie spürt, dass sie daran zerbricht.

 

Aber sie ist nicht bereit, in den Tod zu gehen.

Sie muss hier jeden Tag am Fenster stehen.

Sie muss hier warten, vielleicht ein Leben lang

auf ihre Tochter und auf einen Neuanfang.

 

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Hörbuch

Über den Autor

Chrissy55
Es fällt mir nicht leicht, etwas über mich zu schreiben. Also ganz kurz: 52 Jahre alt,glücklich geschieden, Mutter von drei Superkindern, Psychologisch-technische Assistentin - fühle mich viel jünger als ich bin. Noch Fragen, dann fragt ruhig, ich stehe jederzeit Rede und Antwort.

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Chrissy55 Re: das verschwundene kind -
Zitat: (Original von aerztefan1412 am 24.08.2008 - 19:45 Uhr) ich kann deine worte gut bachvollziehen, denn es is mehr als schlimm ein kind zu verlieren
aber auchnoch in ungewissehit zu leben, was mit ihr sein kann, das is noch schlimmer

sehr traurges gedicht
heul
lg
marina


Danke, Marina, ja, ich weiß, dass das Gedicht sehr traurig ist. Ich habe selbst geweint, als ich es geschrieben habe, denn ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn eines meiner Kinder verschwindet und ich nicht weiß wo es ist oder was mit ihm ist. Anlass für dieses Gedicht war das kleine verschwundene Mädchen aus Leipzig, das zwischenzeitlich ja tod aufgefunden worden ist. Nicht weit von meinem Wohnort entfernt ist die kleine Seike Sörensen schon seit vielen Jahren verschwunden. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Eltern nie aufhören zu suchen und zu hoffen. Es ist wirklich tragisch.
LG Chrissy
Vor langer Zeit - Antworten
aerztefan1412 das verschwundene kind - ich kann deine worte gut bachvollziehen, denn es is mehr als schlimm ein kind zu verlieren
aber auchnoch in ungewissehit zu leben, was mit ihr sein kann, das is noch schlimmer

sehr traurges gedicht
heul
lg
marina
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Chrissy55 Re: Das -
Zitat: (Original von rumpi am 19.08.2008 - 22:18 Uhr) ist sehr traurig geschrieben.Aber ich weiß, das genau dies die Ängste sind die wir Eltern täglich ausstehen müssen.Man benötigt viel Kraft um nicht daran zu zerbrechen.Ich für meinen Teil würde auf jeden Fall zu Grunde gehen.Denn mein Leben wäre sinnlos und leer.

LG+5+Favo, Karsten


Vielen vielen Dank, Karsten, das ist genau das, was ich damit ausdrücken wollte, nicht nur die Ängste, die wir in uns tragen, sondern auch diese Leere, diese tiefe Traurigkeit, dass das Leben für Eltern irgendwie zuende ist, wenn ihr Kind verschwindet und niemand kann ihnen sagen wo es ist, was mit ihm passiert ist. Ich glaube, dass an so einem Schicksal viele Beziehungen zerbrechen.
LG Chrissy
Vor langer Zeit - Antworten
rumpi Das - ist sehr traurig geschrieben.Aber ich weiß, das genau dies die Ängste sind die wir Eltern täglich ausstehen müssen.Man benötigt viel Kraft um nicht daran zu zerbrechen.Ich für meinen Teil würde auf jeden Fall zu Grunde gehen.Denn mein Leben wäre sinnlos und leer.

LG+5+Favo, Karsten
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