Romane & Erzählungen
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Veröffentlicht am 25. Oktober 2013, 134 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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                                                                                                                     Laila Seeliger

 

 

 

 

Danke an alle, die mit viel Kraft, all ihrem Können und viel Liebe diese Jahre, als Hauptakteure und doch stets im Hintergrund, ermöglicht haben.

Es war ein sonniger Tag im Juli, an dem Luise in Hochm√ľhle an der Kirche ankam. Sie parkte ihr Auto auf der ande¬≠ren Seite des Platzes, in einer kleinen Querstra√üe. Zwei Tage zuvor hatte sie ein Gespr√§ch mit Astrid. Sie organi¬≠sierte eine Lebensmittelverteilung an Menschen, die von Hartz IV lebten. Ab n√§chsten Montag sollte Luise als Eurojobberin Astrid im B√ľro unterst√ľtzen. Um das Projekt besser kennen zu lernen, riet Astrid ihr als Kunde mal vorbei zu gehen.

 

Ansonsten betritt Luise Kirchen nur im Urlaub. Aber auch in Hochm√ľhle war die K√ľhle, die einem an diesem Tag entgegen kam, angenehm. Luise blieb √ľberrascht stehen und lie√ü die Szene auf sich wirken. Die sonst so gewohnte Stille fehlte. In den B√§nken sa√üen ungef√§hr 70 Leute, die meisten hatten einen „Hackenporsche“, wie der Kutliner sagt, dabei. Unter der Empore standen Tische, voll mit Obst, Gem√ľse, Brot und einige Joghurts. Dann schlossen sich Tische mit allerlei Hausrat und Kleidung an. Ein Mann sprach Luise an. „Wenn Sie neu sind, m√ľssen Sie sich einfach neben den letzten in eine Bank setzten und wenn Sie dran sind, zeigen Sie der Dame vorne Ihren Hartz IV-Bescheid“. So einfach und schnell kann man eintauchen in diese andere Welt und geh√∂rt einfach dazu. Luise bedankte sich und setzte sich neben ihn. Die B√§nke davor leerten sich schnell. Am Tisch vor dem Altar gab Luise einer Frau ihren HartzIV-Bescheid. Diese schaute sich die Unterlagen genau an, informierte sie, dass sie heute Lebensmittel erhalte, aber in Zukunft in eine andere Kirche muss. Dittmer lag n√§her am Wohnort und dort gab es ebenfalls eine Lebensmittelverteilung. Luise beugte sich zu der Dame vor und √ľbermittelte die aufgetragenen Gr√ľ√üe von Astrid. Die Frau l√§chelte. „Ich soll die Sache mal ausprobieren, damit ich im B√ľro die Zusammenh√§nge besser verstehe“ erkl√§rte Luise. Die Dame gab ihr die Unterlagen zur√ľck und w√ľnschte freundlich „guten Einkauf“. Eine weitere Dame stand neben dem Tisch und gr√ľ√üte. Dann ging es los. An jedem Tisch blieben sie stehen und Luise wurde gefragt, ob sie Kartoffeln, m√∂chte, eine Zucchini, eine Paprikaschote, Blumenkohl, eine Zwiebel, Erdbeeren, zwei Bananen, Weintrauben, einen Apfel, zwei Joghurts und eine Packung K√§se. Dann legte die freundliche Dame noch ein Kilo-Graubrot in die Tasche und empfahl f√ľr die n√§chste Woche eine weitere Tasche dabei zu haben. „Wenn das Brot auf den Erdbeeren liegt bekommt man dies nicht so sch√∂n nach Hause“ sagte sie und w√ľnschte eine sch√∂ne Woche. Luise war √ľberw√§ltigt. F√ľr einen Euro hatte sie eine volle Tasche und die Bedienung erinnerte sie an Tante Emma L√§den, die bis in ihre Kindheit noch vereinzelt bestanden hatten und dadurch etwas Aufregendes hatten.

 

Zu Hause angekommen machte Luise erst einmal eine gro√üe Sch√ľssel Obstsalat. Die Ware war halt nicht mehr so frisch, um sie ein paar Tage aufzuheben. Ansonsten w√ľrden die Ehrenamtlichen in der Kirche die Sachen auch nicht geschenkt bekommen. Im K√ľhlschrank fand sie noch zwei Eier und etwas Milch. Sie holte das Mehl aus dem Schrank und so gab es erst einmal ein herrliches Mittagessen. Der Rat der freundlichen Dame beruhte offensichtlich auf l√§ngere Erfahrung, stellte Luise fest. Am Brot war der eine Kanten etwas mit Erdbeersaft getr√§nkt. Also wurde zum Abendbrot genau diese Seite angeschnitten und der restliche Obstsalat dazu gegessen. Das Gem√ľse stellte sich als etwas haltbarer heraus. Mit einem Salamirest und Reis dazu, ergab dies am n√§chsten Tag eine super Mahlzeit.

 

Am n√§chsten Montag ging Luise zu 9:00 Uhr ins B√ľro, was sich in einer Ladenwohnung befand. Astrid erwartete sie schon. In einem kleinen Raum, der als Wohnung wohl eher als halbes Zimmer bewertet worden w√§re, befanden sich zwei Schreibtische, mit einem Rechner und einem kleinen Tisch mit zwei St√ľhlen. Dort arbeitete Astrid. Neben der T√ľr stand noch ein Schrank. Auf der Erde t√ľrmten sich Papiere und zahlreiche Kartons. H√§uslich konnte man dies eher nicht nennen. Der gro√üe Raum links neben der Eingangst√ľr, war als Durchgang, mit einem gro√üen Einbauschrank und drei Schreibtischen ausgestattet. Hier sa√üen Beate, Gisela und Marita. Gisela war als Urlaubsvertretung schon seit Jahren dabei. Beate und Marita arbeiteten dort t√§glich. Auch hier lagen auf den Tischen hohe Stapel von Papieren und Luise wunderte sich wie man hier noch etwas finden konnte.

Die erste Aufgabe hatte Astrid vermutlich schon am Vortag extra f√ľr Luise bei Seite gelegt. Denn als sie fertig war, ein halbes Dutzend Plakate mit einem Datumsaufkleber zu versehen, begutachtete sie die Arbeit sehr kritisch. Dann l√§chelte sie und meinte „Im Basteln warst du wohl immer gut“. Test bestanden. Sie war zufrieden und Luise erleichtert. Astrid war eine gro√üe und schlanke Frau mit auff√§llig gro√üem Mund. Ihre Bewegungen hatten etwas Kantiges und erinnerten an Marionetten, wenn sie weit ausladende Armbewegungen machten. Astrid schien immer in Bewegung. Wenn sie telefonierte, war es ein Wunder, dass sie nicht stolperte, da sie in diesem kleinen Raum auf und ab lief und dabei immer wieder an die Kartons stie√ü. Es kam vor, dass sie das Telefonat unterbrach und Luise kurz sagte was sie als n√§chstes erledigen kann, begleitet mit einer ausladenden Armbewegung. Auch ihr Kopf schien viele Bewegungen gleichzeitig zu machen. Als N√§chstes, nachdem sie ein paar Minuten beim telefonieren beobachtet wurde, schickte sie Luise in den gro√üen Durchgangsraum. Astrid schaute kurz um die Ecke und bat Beate ihr eine Aufgabe zu geben. „Bei der Sortierung der Ablage erh√§ltst du einen guten √úberblick“ erkl√§rte Astrid und l√§chelte Luise schelmisch an.

 

Beate erinnerte sie an eine ehemalige Chefin. Sie war recht breit gebaut und wirkte hinter dem Schreibtisch m√§chtig und doch unscheinbar. Sp√§ter zeigte sich der Grund. Sie stellte gro√üe Pflanzen mit Vorliebe neben ihren Schreibtisch, damit sie nicht sofort im Blickfeld sa√ü, wenn jemand durch das B√ľro ins Bad oder die K√ľche ging. Gisela dagegen war schlank, durchschnittlich gro√ü und hatte vorwitzige Haare. Ihre ausgestrahlte Ruhe tat, als Gegenpol, dem Raum sehr gut. Das Ablagefach von Beate war chaotisch. Zu Hause gab es bei Luise auch Stapel mit Eingangspost, die meist in einer Art Anfall Sto√üweise weg sortiert wurde. Rechnungen und Bescheide konnten monatelang gesammelt werden, bis sie den Weg in den richtigen Ordner fanden. Am Arbeitsplatz schwor Luise auf die Methode `Direktablage¬ī. Wenn man einen Zettel in der Hand hat, sollte dieser sofort von A bis Z bearbeitet und dann abgeheftet werden. Als Sachbearbeiterin funktionierte dies gut, da ohnehin jeder Fall eine eigene Akte hatte. Hier erinnerte nicht nur die Methode, sondern auch der Inhalt der Schreiben, mehr dem h√§uslichen. Luise machte sich also ran und las jedes Schreiben durch und sortierte es in die zahlreichen Ordner im Einbauschrank. Oh war sie froh, als Astrid kam und verk√ľndete, dass der Mittagstisch gedeckt war. Ablage ist schon keine erfreuliche Arbeit, aber die Ablage anderer – so hatte sie sich die Arbeit nicht vorgestellt. Zum Mittag, welches in einer gem√ľtlichen Sitzecke in der K√ľche stattfand, erschienen noch Silke und Claudia. Alle unterhielten sich, besprachen das Ein oder Andere. Die Tatsache, dass sich Silke und Claudia nicht weiter vorstellten, verwunderte Luise schon etwas. Aber da sie die Struktur noch nicht nachvollziehen konnte, wartete sie lieber ab.

 

So gingen die n√§chsten Wochen dahin. Die Arbeit war `anders¬ī als gewohnte B√ľroarbeit, aber machte im gro√üen und ganzen Spa√ü. Durch eine gewisse Unstrukturiertheit blieb es spannend. Dann erfuhr Luise, dass in K√ľrze ein Umzug bevor stand. Ab dann bestand ihre Aufgabe darin den Inhalt des gro√üen Einbauschrankes in Kartons zu verpacken. Oh, damit hatte Luise Erfahrung. War sie doch privat schon h√§ufig umgezogen und der Letzte lag gerade zwei Jahre zur√ľck. Eines Dienstags schrieb Astrid eine Anschrift in Teschen auf einen kleinen Zettel, und gab diesen Luise mit den Worten „morgen zu 9:00 Uhr f√§hrst du dort hin und nimmst die neuen B√ľror√§ume in Augenschein“. Sie erkl√§rte mittels Skizze die Raumaufteilung und bat Luise in den n√§chsten Tagen dort eine allgemeine Grundreinigung vorzunehmen. Im Erdgeschoss befanden sich gro√üe Lagerr√§ume und eine K√ľche. Im ersten Stock lagen die B√ľros. Luise seifte also drei Tage lang die Schreibtische, Schr√§nke und Fensterbretter ab und sah ansonsten niemanden. Was unten in der Halle vor sich ging, blieb ihr weitestgehend verborgen. Dann wurden die ersten Kartons und Rechner gebracht. Fortan hie√ü es alles wieder ausr√§umen, die PCs anschlie√üen und Tische r√ľcken. Der Umzug des Telefons lief nicht reibungslos, wie das Sonstige. Anfangs gab es im B√ľro von Astrid kein Telefon. Der Umzug des Anschlusses hatte nicht funktioniert. V√∂llig erschrocken starrten sich Luise und Astrid an, als nach Wochen in ihrem Raum das Telefon klingelte. Astrid ging ran. Ein junger Herr wollte gerne Max sprechen. Verwunderung stand Astrid ins Gesicht geschrieben. Einen Max gab es in diesem Verein nicht. Sp√§ter stellte sich heraus, dass die Telefongesellschaft zwei Nummern vertauscht hatte. Daher erhielten sie die privaten Gespr√§che von Max und die Vereinsanrufer landeten bei dem jungen Herrn, der t√§glich einen wild blinkenden Anrufbeantworter vorfand, wenn er nach Hause kam. Gut, dass es noch eine Hauptnummer gab, dessen Umzug zeitnaher funktioniert hatte. Durch den Inhalt der Gespr√§che verstand Max die Situation und erreichte Franziska.

 

Franziska, meistens Franzi genannt, lernte Luise erst in den neuen R√§umen kennen. Sie war die Kollegin von Beate und aus dem Urlaub zur√ľck. Gisela kam weiterhin als Urlaubsvertretung, da nun Beate nicht da war. Astrid war, wie Luise, Eurojobberin und machte nur ab und zu an einem Freitag mal frei. Dann fuhr sie zu ihrem Vater.

 

Anfang September gab es ein gro√ües Sommerfest. Silke, wie mittlerweile erkennbar war, war die Mitgr√ľnderin des Vereins. Sie hatte zur Dankesparty f√ľr die Ehrenamtlichen geladen. Hierzu wurde die Haupthalle fast vollst√§ndig ausger√§umt und davor standen Bierb√§nke, ein Grill und eine kleine B√ľhne. Es war schon beeindruckend was alles durch Ehrenamtliche organisiert wurde. Als Erstes fiel Luise ein Herr auf, der aus der Coca Cola-Werbung h√§tte entsprungen sein k√∂nnen. Sven arbeitete eigentlich bei einem regionalen Radiosender, so lag ihm die Moderation f√ľr das B√ľhnenprogramm im Blut. An diesem Nachmittag kam Luise wenig zum Schauen und Essen, denn Astrid tauchte in regelm√§√üigen Abst√§nden mit neuen Leuten auf, die sie ihr vorstellte. Mit den meisten hatte sie in den letzten Wochen schon zahlreiche Telefonate gef√ľhrt, sie f√ľr Aktionen und Standdienste eingeteilt. Nun hatte Luise die Gelegenheit zu den Namen und Stimmen ein Bild zu erhalten. So wurden sehr nette Gespr√§che gef√ľhrte und die Zeit verging unbemerkt. Als, trotz September, eine laue Sommernacht schon angebrochen war, sa√ü Luise drau√üen und unterhielt sich mit einem √§lteren Herrn. Eigentlich philosophierte er √ľber richtiges Management und andere trockene Themen. Es standen schon zahlreiche Weinflaschen auf dem Tisch, wodurch Luise nicht sonderlich verwundert war, dass der Herr immer gespr√§chiger wurde. Sie blieb beharrlich bei Cola. Am n√§chsten Vormittag erfuhr Luise, dass ihr die Dankbarkeit galt. Viele waren froh, diesen Monologen entgangen zu sein.

 

Mitte Dezember, es war ein Dienstag, war f√ľr Luise der letzter Tag als Eurojobberin. Astrid und sie waren dabei f√ľr alle Ehrenamtlichen aus den Kirchengemeinden eine Weihnachtsfeier zu organisieren. „Also bis Donnerstag“ verabschiedete sich Luise. Es lagen bereits √ľber 200 Zusagen vor. So sah Luise darin eine Art Abschiedsfeier und versprach zu helfen. Irgendwie war sie froh, nicht mehr f√ľr einen Euro arbeiten zu `m√ľssen¬ī. „F√ľr einen Euro arbeitest du?“, wurde sie im Freundeskreis oft entsetzt gefragt. „Na ja, ganz so ist es ja nicht“ erkl√§rte Luise dann, auch wenn ihre Erkl√§rung sie selbst manchmal nicht ganz √ľberzeugte. „Das HartzIV und die Miete darf nicht vergessen werden. Damit erzielt man einen Nettostundenlohn von fast 7,- Euro und davon tr√§umt so mancher Arbeitnehmer, der den ganzen Tag hart arbeitet“.

 

Donnerstag, am fr√ľhen Nachmittag, fuhr Luise die gewohnte Strecke. Im B√ľro erfuhr sie mit gro√üer Verwunderung, dass Astrid nicht zur Arbeit gekommen war. Viel √ľber die Gr√ľnde war nicht zu erfahren. Aber eigentlich ging es sie ja auch gar nichts an. Gisela stand in der Halle und schm√ľckte einen Weihnachtsbaum. In der K√ľche wirbelten zahlreiche Leute, die sie nicht kannte, und richteten ein Buffet her. In der Halle wurden 200 Sitzpl√§tze aufgebaut. Es ging zu wie in einem Ameisenhaufen. Irgendwie sah alles planlos aus, jeder wusste jedoch offensichtlich was noch zu tun war und so l√∂ste sich kurz vor der angesetzten Zeit das Kn√§uel auf und alles war erledigt. Luise fragte nicht wo die ganzen St√ľhle und Tische her waren. Die ersten G√§ste kamen viel zu fr√ľh, aber durch starke Minusgrade war ein vorzeitiger Einlass in die Halle unumg√§nglich. Sie kannte nur wenige vom Sehen. Bestand ihre Arbeit doch √ľberwiegend aus telefonieren und dar√ľber hinaus weniger in der Gemeindearbeit, als aus der Organisation zahlreicher Aktionen und die Ehrenamtlichen hierzu.

W√§hrend der Feier stellte sich Luise zu ein paar Anderen hinter das Buffet und bediente. Der Herr aus der Coca Cola-Werbung war wieder dort und legte Musik auf, und sagte ein paar einleitende Worte des Dankes an die Helferinnen und Helfer. Unvergessliche Szenen entstanden, als das Buffet er√∂ffnet wurde. Unvorstellbar wurden Menschen, wenn sie in gro√üen Gruppen auftraten. Alle standen auf und stellten sich in eine Schlange. Aus der K√ľche wurden hei√üe W√ľrstchen gebracht. Die Teller wurden mit Bergen von Essen bef√ľllt. Viele nahmen sich zwei W√ľrstchen, obwohl

auf der Platte gesch√§tzte 100 St√ľck lagen und doch 200 Personen¬† anwesend waren. Eine Frau legte einen Schokoladenweihnachtsmann, der als Deko auf dem Buffet stand, oben auf, mittel rein in den Kartoffelsalat, den sie sich genommen hatte. Das Buffet sah nach 20 Minuten aus wie ein Schlachtfeld. Luise war entsetzt.
Ein kleiner Junge ging zum Mikrofon und sang ein Weihnachtslied. Alle waren ger√ľhrt. Ein kleines Dankesch√∂n musste erst organisiert werden. Die Schokoladenweihnachtsm√§nner wurden restlos neben den Tellern festgehalten oder waren bereits in den Taschen verschwunden. Nach ca. zwei Stunden waren alle G√§ste gegangen, das Buffet leer und die Tische ein w√ľstes Durcheinander. Silke sa√ü am Rand und sah ersch√∂pft aus. Luise setzte sich neben sie und √§u√üerte verwundert ihren Eindruck. Sie l√§chelte sie an und erz√§hlte von einem √§hnlichen Fest in einer Kirche. „Du kannst dir dies nicht vorstellen, als das Buffet damals er√∂ffnet war, geriet der Einlass der G√§ste v√∂llig au√üer Kontrolle. Da Kirchen allgemein frei zug√§nglich sind, kamen zahlreiche Leute von der Stra√üe, viele Obdachlose.“ erz√§hlte Silke. „Sie holten sich St√ľhle aus einem Nachbarraum und setzten sich an das Buffet und begannen zu essen. Es war eine gro√üe Tafel entstanden und das Chaos war vollkommen“. Sie l√§chelten sich an. „Da hatten wir heute ja richtig Gl√ľck gehabt“.

„Darf ich dich mal etwas fragen?“ redete Silke, nach ein paar Minuten, weiter.

Luise nickte. „Da Astrid nun den zu Januar zugesicherten Arbeitsvertrag nicht antreten wird, kannst du dir eine weitere Arbeit im B√ľro vorstellen?“ Luises Gesicht hellte sich auf. War ihr da gerade ein fester Arbeitsvertrag angeboten worden? So tickten also die Vereinsuhren. Sie nickte und bedankte sich.

 

Nach Ihrem Weihnachtsurlaub sa√ü eine neue Eurojobberin im B√ľro. Sie hie√ü Silvia und hatte sich mit der Verteilung der Studenten-Weihnachtsm√§nner wacker geschlagen. Eine Aufgabe, die Astrid und Luise ihr als begonnenes Chaos hinterlassen hatten. Luise unterst√ľtzte Silvia nun vorerst ehrenamtlich, bei der Organisation der Aktionen f√ľr Januar, denn f√ľr Silvia war dies Neuland. Am Aktionstag fuhren sie durch Kutlin. Zahlreiche Ehrenamtliche sammelten an diesem Tag Lebensmittelspenden, die teilweise in die Halle gebracht werden mussten. Bis sp√§t abends waren sie aktiv und die Spendenmengen und die Herzlichkeit der Ehrenamtlichen vor Ort versetzte einen irgendwie in einen Rausch. Drei Tage sp√§ter erfuhr Luise mit bedauern, dass Silvia ihre Ma√ünahme fr√ľhzeitig beendet hatte. Die Zusammenarbeit mit ihr war sehr erfrischend gewesen.

 

Mitte des Monats wurde erneut gefeiert. Dieses Mal galt es eine Suppenk√ľche zu er√∂ffnen. In einer √∂rtlichen Jugendeinrichtung wurde diese, speziell f√ľr Kinder, integriert. Es gab ein rauschendes Fest, mit einem B√ľhnen¬≠programm bis in die fr√ľhen Morgenstunden und einem Buffet vom Feinsten. Gisela organisierte dieses, in dem sie stundenlang telefonierte und zahlreiche Spender gefunden hatte. Auf der B√ľhne zeigten zahlreiche Jugendgruppen der Einrichtung ihr K√∂nnen. Und hierbei konnte man wahrlich von K√∂nnen sprechen. Ob Gesang oder Tanz, die Begeisterung stand den K√ľnstlern wie den Zuschauern gleicherma√üen ins Gesicht geschrieben. Und wie sollte es anders sein, der Mann aus der Coca Cola-Werbung moderierte wieder. Dieses Mal mit einer Kollegin. Luise war begeistert. Zu dieser Gelegenheit lernte sie auch die Frau von Silke kennen. Frauke arbeitete bei der Presse und kannte die Moderatoren. Sie war auf den ersten Eindruck ein ganz anderer Typ als Silke. Sie versuchte sich als Modep√ľppchen zu geben, hatte allerdings nicht die passende Figur hierzu. Und erstaunlich jung war sie, im Vergleich zu Silke. „Aber dies ist nun mal Geschmacksache“ dachte Luise und schmunzelte in sich hinein.

 

Eine Woche sp√§ter kam Silke in Begleitung einer jungen Studentin, zu Luise ins B√ľro. „Guten Morgen, darf ich dir Conny vorstellen?“ gr√ľ√üte Silke. „Sie schreibt eine Arbeit √ľber die soziale Schere in der Gesellschaft und sucht neben Einblick in die Vereinsarbeit, eine Besch√§ftigung, die ihre Freizeit abwechslungsreicher gestaltet“ erkl√§rte sie weiter. Luise gr√ľ√üte ebenfalls. In der Zwischenzeit hatte sich die freiwillige T√§tigkeit auf fast 20 Wochenstunden ausgedehnt. Die Arbeit im B√ľro wollte jedoch nicht weniger werden. Da freute sich Luise √ľber Unterst√ľtzung durch Conny. Sie war eine kleine, zierliche Frau, die sehr auf ihr √Ąu√üeres zu achten schien. Z√§hlte Luise alle anderen Kolleginnen bis jetzt eher zu der Sorte Frauen, die praktisch und klassisch, Jeans und Pullover trugen, so war Conny eine treue H&M-Kundin. Dies mag an ihrem Alter gelegen haben, denn auch dies unterschied sie von den Anderen. Fortan wurde gemeinsam organisiert und Luise pflegte die Hoffnung, dass eine klare Aufgabentrennung eine enorme Entlastung ergab. Bei den zahlreichen W√ľnschen den √úberblick zu behalten, fiel Luise t√§glich schwerer.

 

Ende des Monats stand ein Abendtermin auf dem Programm. Zwei mal im Jahr trafen sich zahlreiche Leute aus den Gemeinden und berichteten √ľber ihre Arbeit und Probleme und tauschten Tipps aus. Ganz verwundert nahm Luise neben Silke und Frauke auf dem Podium platz. Neben ihr, zur Moderation, tauchte Sven auf. Er schien der Haus und Hof Moderator zu sein. An diesem Abend lernte Luise noch mehr Gesichter zu den Telefonstimmen der letzten Wochen kennen, mit denen sie arbeitete. Es wurde ein diskussionsfreudiger Abend mit dem Beschluss einen Beirat zu gr√ľnden. Das rapide Wachstum dieser Aktion ben√∂tigte Struktur. Daher gab Silke einen Monat sp√§ter dem Wunsch nach und stellte Luise fest ein. Nun wirbelte sie 40 Wochenstunden in diesem B√ľro, sch√§tzte trotzdem die Unterst√ľtzung durch Conny sehr und wurde das Gef√ľhl nicht los, dass es nie ein Ende gab.

 

„Was alles an uns herangetragen wird“ ging es Luise t√§glich mehrfach durch den Kopf. Es rief einmal eine Firma an, die 20 bereits ge√∂ffnete 5-kg-Dosen mit gesch√§lten Tomaten anbot. Bereits f√ľr die Produktion von Ketschup vorbereitet, gab es ein Problem mit der Verarbeitungsmaschine. Die Firma befand sich keine f√ľnf Minuten Fu√üweg von Luises Wohnung entfernt, so bot sie an, diese Dosen abzuholen. Durch die kalte Witterung m√ľssten sich die Tomaten √ľber Nacht im Auto halten. Aus Angst vor einer hinterher notwendigen Reinigung fragte sie allgemein in die Runde, ob jemand sagen kann, ob 5 kg gesch√§lte Tomaten im eigenen Saft in einen 5-Liter-Eimer passen. Die √úberlegung, die Tomaten umzuf√ľllen, da zahlreiche Eimer mit Deckel in der Halle vorr√§tig waren, erschien Luise f√ľr den Transport sicherer. Man erkl√§rte ihr einhellig, dass dies doch klar ist, denn 1 kg entspricht 1 l. „Warum gibt es dann f√ľr 1 kg Zucker, Mehl oder Wasser jeweils andere Striche auf einem K√ľchenmessbecher?“ fragte Luise irritiert. Die einhellige Meinung blieb. Luises Frage blieb unbeantwortet. Nun war ihr die Dichte von gesch√§lten Tomaten im eigenen Saft nicht gel√§ufig und wo man so etwas nachschauen konnte, fiel ihr in diesem Moment leider nicht ein. Also blieb Luise gr√ľbelnd im Flur stehen. Den Kolleginnen erschien eine Abholung durch sie offensichtlich als zu umst√§ndlich. So wurde ein Transporter hingeschickt. Am n√§chsten Morgen stand ein armer Fahrer drau√üen und wischte mit bitterer Miene die Ladefl√§che. Man hatte ihm zu √ľbermitteln vergessen, dass die Dosen bereits ge√∂ffnet waren und Eimer f√ľr den Transport sinnvoll w√§ren. Luise ging an ihm vorbei und l√§chelte etwas mitleidig.

 

Der neu gegr√ľndete Beirat bescherte Luise weitere Aufgaben. Die Mitglieder stellten Fragen, die Luise nicht beantworten konnte. So startete sie verschiedenste Umfragen. Einmal ging es um die Abholmengen, die die Ehrenamtlichen bei den einzelnen Gesch√§ften erhielten. Wichtig waren diese Zahlen, das sah Luise ein. Silke bearbeitete zahlreiche Presseanfragen. Hierzu musste sie auf alle M√∂glichkeiten vorbereitet sein. Von einem Fahrer erfuhr Luise hierzu „die 3-4 Kisten Gr√ľnzeug sind ja uninteressant, etwas Richtiges erhalten wir in diesem Gesch√§ft nicht“. Verwundert las Luise diese Zeilen. „Was ist denn `etwas Richtiges¬ī?“ fragte sie sich. „Geht es bei dieser Aktion nicht gerade um Obst und Gem√ľse – also `das Gr√ľnzeug¬ī, was immer unerschwinglicher wurde?“ Luise musste lachen. So unterschiedlich waren also die Ziele dieser Aktion. Angetrieben durch ihre Erziehung, dass Essen nicht in den M√ľll geh√∂rt, empfand Luise die Idee hinter dem Verein gut. Da stimmte sie mit Silkes Gedanken √ľberein. Nun erkannte Luise, dass Ehrenamtliche, denen es gut ging, das Augenmerk auf andere Dinge legten. Hier ging es um Fleisch, Wurst und K√§se. Das, was gerade in Deutschland in Mengen vertilgt wird. Luise erkannte, da ist noch viel Arbeit n√∂tig um alle Beteiligten in das gleiche Fahrwasser zu bringen.

Bei Besuchen wurde dies ebenfalls deutlich. Viele der Gedanken erklärten sich, wenn man die Kunden erlebte. Auch die Erinnerung an die Weihnachtsfeier passte in dieses Bild.

 

Das Telefon klingelte an diesem Tag wenig. Ungew√∂hnlich war die Ruhe und Luise erfasste gerade die neuen Rechnungen der √∂rtlichen M√ľllabfuhr. Ihr Treiben wurde von der Erkennungsmelodie ihrer Lieblingsserie unterbrochen, welches ihr Telefon von sich gab. Luise erfuhr, dass eine Kirchengemeinde in Heidemoor in ihrem Gemeindeblatt nach Ehrenamtlichen suchte, um sich der Aktion anzuschlie√üen und ebenfalls eine Lebensmittelverteilung zu organisieren. Agnes hatte bereits vor einiger Zeit mit Astrid Kontakt und hatte ihren Wunsch zur Organisation angek√ľndigt. Luise wusste davon nichts. In Heidemoor gab es eine gro√üe Hochhaussiedlung, in der viele Leute preisg√ľnstigen Wohnraum fanden. Der Bedarf an einer Lebensmittelverteilung w√ľrde regen Zuspruch finden. Zus√§tzlich befand sich am Ortsrand eine kleine Siedlung, in der Sp√§taussiedler und Asylbewerber eine Bleibe auf Zeit fanden. Auch diese Leute w√ľrden sicher das Angebot rege nutzen. Im Beirat wurde mehrmals davon gesprochen, dass benachbarte Gemeinden einer Neuer√∂ffnung zustimmen mussten. Daher war der Weg der vorherigen Ank√ľndigung nicht ganz im Sinne der Aktion, aber f√ľr Luise w√ľrde es die erste Neuer√∂ffnung werden. Sie sagte also ihre Teilnahme zu und informierte den Beirat per Mail. Letztendlich hatte Astrid dies angeleiert. Luise wartete vergebens auf eine Reaktion. Man lies sie machen.

 

Nun freute sich Luise auf den Termin. Sie hatte in Heidemoor fast drei Jahre ihrer Kindheit verbracht und w√ľrde seit Jahren diese Gegend mal wieder besuchen. Auch wenn der Termin am Nachmittag lag und dies √úberstunden bedeutete. Luise war in dieser Hinsicht flexibel. Staunend stand sie an diesem Freitag im Gemeindehaus. Mit mehr als 20 Personen hatte sie nicht gerechnet. Nun machte sich Unsicherheit in ihr breit. Hatte sie doch noch nie vor so vielen Leuten √ľberhaupt gesprochen, war sie in diesem besonderen Fall auch kaum vorbereitet, da sie inhaltlich keine Aufzeichnungen im B√ľro gefunden hatte, was f√ľr die Vorbereitung einer Er√∂ffnung wichtig war. Astrid hatte zwar w√§hrend ihrer gemeinsamen Zeit zwei Gemeinden gewinnen k√∂nnen, aber die Termine stets alleine wahrgenommen. Agnes begr√ľ√üte die Besucher und stellte Luise vor. Agnes war eine etwas zu rund geratene Frau mittleren Alters, die aber nicht dick war. Sie war halbtags berufst√§tig und lebte allein. Luise stellte die Aktion vor und erz√§hlte von der Notwenigkeit, mit einem gr√∂√üeren Auto oder gemieteten Transporter in der Umgebung Lebensmittel selbst einzusammeln und von dem Inhalt ihrer Tasche, die sie im letzten Sommer in Hochm√ľhle selbst als Kunde genossen hatte. Dann ging es um einige b√ľrokratische Arbeiten, die meist unbeliebt, aber unumg√§nglich waren. Durch die R√§ume, die zur Verf√ľgung standen, es handelte sich um einen ehemaligen Kindergarten, war der Platz recht begrenzt. Agnes hatte sich zu Luises Freude bereits Gedanken gemacht und zeigte allen Anwesenden die M√∂glichkeiten, wie die Tische aufgebaut werden k√∂nnten. Zus√§tzlich gab es einen Warteraum im Nachbargeb√§ude. Dies erleichterte die Organisation. Am Ende des Termins schrieben sich fast alle in eine Liste ein, einige notierten auch ihre nicht anwesenden Ehepartner, sodass mehr als 20 Leute voller Tatendrang einen neuen Termin vereinbarten. Diese Er√∂ffnung war nun nicht mehr aufzuhalten. Auch der Beirat h√§tte dies nicht mehr vermocht. Nach dem Termin stellte sich Paul vor. Er wohnte in Heidemoor, war jedoch in einer Kirchengemeinde in Drosselitz aktiv. Er hatte diesen Termin wahrgenommen um sich zu informieren. Er √ľberlegte, ob dies auch f√ľr dort etwas war. Nun stellte er Luise weitere Fragen, die sie vollkommen √ľberforderten. Hatte sie doch noch keine Vorstellung wie sie die Er√∂ffnung in Heidemoor bewerkstelligen sollte, so sah sie gewiss jetzt keine M√∂glichkeit sich auf zwei Er√∂ffnungen gleichzeitig zu konzentrieren.

Bei jedem Termin ergaben sich weitere Dinge, die noch gekl√§rt und geregelt werden mussten. Doch n√§herte sich der Er√∂ffnungstermin zu Luises Erstaunen recht z√ľgig.
 

Am ersten Aktionstag in Heidemoor bat Luise um Unterst√ľtzung. Sie verabredete sich mit Conny. An diesem Freitag, ein strahlend sch√∂ner Sommertag im Juni, wurde es ernst. Luise war gespannt wie alles funktionierte. Jeder der zahlreichen Ehrenamtlichen werkelte und fragte ab und an mal Luise etwas. Meistens ging es um die Art der Sortierung. „M√ľssen die Bl√§tter von den Radieschen entfernt werden?“ „Ab wann gilt eine Tomate als M√ľll?“ Die Anwesenden waren erfahrene Hausfrauen, aber gerade bei dem Thema `wie lange kann man etwas noch essen¬ī gingen die Meinungen erstaunlich weit auseinander. Eine Frau erkl√§rte Luise „ Schade, die Champignons sind alle M√ľll, an den K√∂pfen unten sind die Lamellen sichtbar“ Luise schaute verwundert. Davon hatte sie noch nichts geh√∂rt. Champignons geh√∂rten zu ihrem Lieblingsgem√ľse und standen mehrmals in der¬† Woche auf ihrem Speiseplan. So genau hatte sie nie darauf geachtet, aber waren gro√üe Exemplare nicht immer ge√∂ffnet? Eine Diskussion entstand. Man entschied sich die Frau zu √ľberstimmen und die Champignons in die Verteilung zu legen. Von ihren Antworten hing irgendwie das Gelingen ab und sie glaubte, dass niemand so genau ahnte, wie unsicher und angespannt sie war. Aber der Tatendrang der Ehrenamtlichen und dank Connys ausgestrahlter Sicherheit erhielt Luise die n√∂tige Zuversicht. Letztendlich mussten sie diese Aktion in `ihrer Gemeinde¬ī nun w√∂chentlich organisieren und die Antworten von Luise waren eine Idee und keine Ma√ügabe. Das Team stellte sich bereits am ersten Tag als super heraus. Eintr√§chtig sa√üen drei Damen in der Sonne und sortierten Tomaten, halbierten Melonen und fanden zahlreiche Gelegenheiten zum

Lachen. So sollte ein Ehrenamt aussehen. Als die Biotonne √ľbervoll war und noch zwei Kisten mit braunen Kohlbl√§ttern daneben standen, stieg Henriette kurzerhand in die Tonne und stampfte alles so weit zusammen, dass auch der Rest hinein passte. Henriette war eine fast 60j√§hrige Frau mit so viel Elan, dass sie Luise fasst jugendlich vorkam. Die Verteilung¬† verlief reibungslos, auf die Registrierung hatte man sich gut vorbereitet und die G√§ste, wie die Abholer meistens genannt wurden, waren geduldig. Nach einem langen Tag, etwas ersch√∂pft, aber sehr zufrieden, stieg Luise in ihr Auto und fuhr noch drei Kisten Gem√ľse zu einem Wohnprojekt im Ort.

 

An den nächsten drei Freitagen war Luise weiterhin in Heidemoor. Dann hatte sich das Team so eingespielt, dass sie alleine die Sache sicher organisierten.

 

Der B√ľroalltag kehrte wieder ein.

 

Der Sommer neigte sich seinem Ende und Silke hatte eine neue Idee. Sie hatte sich ein neues Kinderprojekt ausgedacht und wollte den vorhandenen zwei Kinderk√ľchen neuen Schwung geben. Irgendwie erschien ihr die Arbeit auf der Stelle zu stehen. Conny, als j√ľngste im B√ľro, erschien ihr, vielleicht auch durch ihr Studium, als geeignet. Immer h√§ufiger befasste sich Conny mit der Kinder- und Jugendarbeit. Die Organisation der monatlichen Sammelaktionen ging weiter, aber Luise hatte das Gef√ľhl, dass das Herzblut von Conny nun etwas anderem galt. „Conny, wenn du dich gerne ganz der Jugendarbeit widmen m√∂chtest, kann ich dies verstehen“ begann Luise vorsichtig. „Aber ich m√∂chte gerne rechtzeitig von deinen Pl√§nen wissen, um mich darauf einstellen zu k√∂nnen“. Conny reagierte √ľberrascht, ja fast entt√§uscht. „Nein, mir macht die Arbeit mit dir Spa√ü und ich m√∂chte diese auch weiterhin machen“ erkl√§rte sie Luise. Es hatte sich gerade in einem Telefonat ergeben, dass eine Kundin der Aktion, die zeitweilig auch bei Sammlungen half, eine Eurojobberstelle suchte. Sicher h√§tte Luise hierzu etwas f√ľr die junge Mutter machen k√∂nnen und eine Zusammenarbeit konnte sich Luise gut vorstellen, soweit sie die Frau kannte. Gut, da hatte Luise das Gef√ľhl wohl get√§uscht. Beruhigt arbeitete sie weiter. Lief die Zusammenarbeit mit Conny doch gut und sie verstanden sich hervorragend.

Vier Wochen sp√§ter meinte Conny „wir m√ľssten mal etwas besprechen“. Luise wandte sich von dem PC ab und schaute Conny verwundert an. „Was ist denn?“ „Na ja-„ begann Conny etwas holperig und unsicher. „In letzter Zeit werde ich immer h√§ufiger von Silke um Unterst√ľtzung in der Kinder- und Jugendarbeit gebeten und nun hat sie mich gefragte, ob ich mir eine feste Besch√§ftigung f√ľr diesen Bereich vorstellen kann“. Luise kochte. Sie kannte die Gepflogenheiten im Verein. Zu gut erinnerte sie sich an die Frage, damals am Rande der Weihnachtsfeier. Aber wie kann Conny so kurz, nachdem Luise sie darauf angesprochen hatte, die eigenen Worte √ľber den Haufen werfen und Luise so `stehen lassen¬ī? Ihre Entt√§uschung formulierte Luise sehr deutlich. Conny war wie vor den Kopf gesto√üen. Die kurze Unterhaltung war Luise wohl eindringlicher im Ged√§chtnis geblieben, als ihr. In der folgenden Woche zog Conny nicht nur an einen anderen Schreibtisch. Die Stimmung wurde allgemein etwas frostig und blieb zwischen ihnen so, bis Conny Jahre sp√§ter einen anderen Arbeitsplatz fand.

 

Verschiedene EurojobberInnen waren nun bei Luise im B√ľro gewesen. Meistens hatten sie bei Franzi und Beate angefangen und aus Mangel an einem Schreibtisch sa√üen sie dann irgendwann bei Luise im B√ľro und konnten dann auch von ihr mit Aufgaben betraut werden. Lange blieben sie meistens nicht.

 

Mit Yvonne war dies anders. Sie war eine Frau der Praxis, stand mit dem PC etwas auf Kriegsfuss und zeigte, anders als Luise gewohnt war, Begeisterung f√ľr die Arbeit. Luise w√ľnschte sich wieder eine vollst√§ndige Abgabe der monatlichen Aktionsorganisation, sodass sie sich auf sonstige Dinge, wie die Beschwerden und die Akquise konzentrieren konnte. Nach anf√§nglichen Schwierigkeiten wurden Yvonne und Luise ein Team und durch die M√∂glichkeit einer weiteren Ma√ünahme blieb Yvonne zwei Jahre dabei und hatte ihr finanzielles Auskommen.

 

Der Herbst wurde turbulent.

 

Auch wenn der kleine Ort Friedsee vom Namen her ein idyllisches √Ėrtchen vermuten l√§sst, so ging es in einer der drei Gemeinden im Ort recht turbulent zu. Friedsee war von der Fl√§che her der gr√∂√üte Ort, bestand jedoch √ľberwiegend aus Wald und einem herrlichen See. Die Verteilung organisierten, wie √ľberall, zahlreiche Ehrenamtliche. Die Hauptarbeit lag in diesem Fall jedoch in vier H√§nden. Dies war an sich noch nichts ungew√∂hnliches, doch leider erfuhr Luise von verschiedenen Seiten von Misstrauen. Auf dieser Grundlage war eine harmonische Zusammenarbeit im Team nicht m√∂glich. Noch bevor Luise einen Termin fand, um sich vor Ort ein Bild zu machen, wurde die Schlie√üung verk√ľndet. Der Pfarrer der Gemeinde hatte dies beschlossen. Der Beirat sah sich machtlos. War er doch bem√ľht das Netz der Anlaufstellen noch weiter zu vergr√∂√üern, so war dies eine traurige Nachricht. Machtlos f√ľhlte sich ein paar Tage sp√§ter auch Luise. In Ihrem B√ľro standen drei Damen, ehemalige Kundinnen aus Friedsee. Sie hatten sich auf den weiten Weg gemacht um in der `Zentrale¬ī, wie sie sich ausdr√ľckten, eine Unterschriftensammlung zum Erhalt der Einrichtung abzugeben. Sie gaben ihr einen Brief und wollten eine Zusicherung. Doch die konnte Luise nicht geben. Sie erkl√§rte ihnen, dass sie den Beirat informieren¬† wird und dann wird entschieden, was eventuell unternommen werden kann.¬† Die drei Damen wurden immer aufgebrachter. Sie wollten sich nicht abwimmeln lassen und verstanden nicht, dass Luise nichts entscheiden konnte. Letztendlich stellte die Gemeinde die R√§ume zur Verf√ľgung und wenn der Pfarrer diese Aktion nicht mehr in seiner Gemeinde haben m√∂chte, so musste dies respektiert werden. Auch wenn es schade war. In der folgenden Woche, der Beirat hatte noch keine Reaktion auf Luises Mail gezeigt, rief ein Herr an. Yvonne, die neue Eurojobberin in Luises B√ľro, hob ab, auch wenn sie noch recht z√∂gerlich ans Telefon ging. Der Herr z√§hlte ihr alle Kirchengemeinden und Glaubensvereinigung in Friedsee auf und forderte sie auf, neue R√§ume zu suchen. Yvonne reagierte erstaunlich gelassen und erkl√§rte dem Herrn das, was Luise vorher den drei Damen erkl√§rt hatte. Luise freute sich. In solchen Situationen muss an einem Strang gezogen werden, ansonsten wird es schwierig. Der Beirat sah dies leider nicht immer so. Den Herrn beeindruckten die Worte jedoch wenig. Er beschimpfte Yvonne: „Wenn wir in Friedsee alle verhungern oder aus Verzweiflung von der Br√ľcke springen, so sind sie schuld daran“. Da war die Gelassenheit von Yvonne dahin. Zu kurze Zeit war sie erst dabei, um auch auf solche Anschuldigungen eine Antwort parat zu haben. Sie legte einfach auf. Luise verstand dies gut. Der Herr zeigte weniger Verst√§ndnis. Er schrieb Briefe. In diesen f√ľhrte er wieder alle aus seiner Sicht geeigneten R√§umlichkeiten in Friedsee auf und forderte mit Nachdruck, eine sofortige Neuer√∂ffnung. Luise und Yvonne erfuhren von diesen Briefen aus den unterschiedlichsten Richtungen. Im Verein selbst gingen drei der Briefe, mit identischem Wortlaut, ein. Telefonisch wurden Luise und Yvonne von einem Radiosender und dem Kreisamt gebeten eine Antwort zu formulieren, da sie auf derartige Briefe reagieren mussten und den Sachverhalt nicht kannten. Endlich reagierte Silke. Der Beirat hielt sich bedeckt und Yvonne und Luise entspannten sich etwas.

 

Die Ruhe dauerte nicht lange an.

 

In einer √∂rtlichen Zeitung erschien ein Artikel, in dem Luise zitiert wurde. Irgendjemand musste am Telefon Fragen gestellt haben und daf√ľr nicht den g√ľnstigsten Tag von ihr erwischt haben. Als Silke diesen Artikel in die H√§nde bekam, kochte sie vor Wut. Diese galt jedoch nicht dem Schreiber des Artikels, sondern Luise. Sie sa√ü gerade am PC und beantwortete Mails, als Silke zu ihr in den Nachbarraum kam. Durch die pl√∂tzlichen Worte zuckte sie unmerklich zusammen, denn sie sa√ü mit dem R√ľcken zur T√ľr. Silke stand mit hoch rotem Kopf im T√ľrrahmen und schrie sich ihre Wut heraus. Sprachlos vernahm Luise zahlreiche Vorw√ľrfe und Beleidigungen, die auf sie niederprasselten. Ohne eine Reaktion oder Erkl√§rung abzuwarten verschwand Silke wieder in ihrem B√ľro. Nur mit M√ľhe wagte Luise wieder zu atmen. Irgendwie sammelte sie aus den Beschimpfungen die Wortfetzen heraus, die den Grund dieser Wut genauer definierten. Franzi war her√ľber gekommen und schaute Luise fragend an. Auch ihr blieb der Grund erst einmal verborgen. Dies wunderte Franzi jedoch nicht. Sie war seit langem dort t√§tig und kannte derartige Wutausbr√ľche von Silke zu gut. „Komm, lass uns eine rauchen gehen“ sagte Franziska und legte ihre Hand auf Luises R√ľcken. Dabei schob sie sie leicht in Richtung T√ľr. Erst verstand Luise gar nicht was Franzi meinte. Sie rauchte doch gar nicht und sie f√ľhlte sich noch ganz erstarrt, um jetzt irgendwo hin zu gehen. Auf dem Hof, tief die k√ľhle Novemberluft einatmend, verstand auch Luise langsam, warum Franzi darauf gedrungen hatte. Hier konnte man in Ruhe reden, die Gedanken sortieren und den Kern des Problems suchen. Luise war gar nicht aufgefallen, dass Silke die ganze Zeit eine Zeitung in den H√§nden hielt und damit herumfuchtelte. Im Hochm√ľhler Anzeiger erschien ein Bericht √ľber eine soziale Einrichtung, die unter Anderem eine Suppenk√ľche anbot. Obwohl es gar nicht um die Vereinsstelle ging, zitierte man Luise. Gegen rhetorisch raffiniert gestellte Fragen von Pressemitarbeitern hatte Luise keine Chance und dies musste doch auch Silke erkennen? Luise f√ľhlte sich wie bet√§ubt. Immer noch sprachlos ging sie zur√ľck ins B√ľro. Es war kurz vor 15:00 Uhr und sie wollte die restlichen Mails noch lesen.

 

Nach solchen Augenblicken ging Luise oft zu Lea ins B√ľro. Reden tat gut, wenn die Eindr√ľcke einem im Magen lagen. Lea, Ende 50 und in der Buchhaltung des Vereines gestrandet, hatte immer mitf√ľhlende Worte. Luise erlebte unglaubliches, musste sich zur Wehr setzen und unerw√ľnschte Formulierungen erdulden. Um die Aufgaben von Luise beneidete Lea sie nicht. Auch wenn sie mit ihrer eigenen Situation ebenfalls all zu oft haderte. Lea sah sich immer wieder in der Situation, dass in ihrem Eingangskorb alles abgeladen wurde, was nicht genau zugeordnet werden konnte. Gab es etwas Neues, so wurde dies in der Buchhaltung platziert. Man nannte dies dann `neue Herausforderungen¬ī und schmunzelte vermeintlich aufbauend. Doch Lea fand nichts Aufbauendes daran. So entstanden viele Gelegenheiten, in denen Luise und Lea sich gegenseitig ihr Herz aussch√ľtteten. Dies geschah privat, denn es gab Bemerkungen aus dem Vorstand, die einen die Ohren an den W√§nden suchen lie√üen.

 

Sich dadurch f√ľr derartige Situationen wappnen konnte man nicht.

 

Eine Lebensmittelverteilung in Heidemoor hatte an einem Wochentag unter dem Vereinsnamen ge√∂ffnet und organisierte an den restlichen Tagen als Gemeinde eine Lebensmittelabgabe. Diese Umst√§nde erfuhr ein paar Tage sp√§ter eine Frau aus dem Beirat. Eine Kundin hatte dies erz√§hlt und zus√§tzlich dar√ľber informiert, dass jeder, auch aus den Nachbarorten, in Heidemoor etwas erh√§lt. Selbst im Kreis ans√§ssig, berichtete sie dies recht aufgebracht in einer Sitzung. Luise best√§tigte diese Vorgehensweise. Die Gemeinde machte daraus kein Geheimnis, sodass Luise dies bereits auf der Internetseite gelesen hatte. Dies nutzte Silke wieder f√ľr ungehaltene Worte. Dieses Mal hatte Luise jedoch Gl√ľck. Im Beisein des Beirates fielen die Worte gegen Luise etwas freundlicher aus. Es beteiligten sich so viele unterschiedliche Menschen an dieser Vereinsarbeit. Wie konnte Luise immer wieder f√ľr dessen Handeln verantwortlich gemacht werden? Sie verstand Silkes Gedanken nicht mehr. Anf√§nglich ging es um die Sache selbst. In der Zwischenzeit hatten sich zahlreiche Gruppen gebildet, die ihre eigenen Vorstellungen umsetzten. Dagegen war sie machtlos, auch wenn Luise immer wieder die Vorstellungen und W√ľnsche von Silke kommunizierte. Luise galt als Anlaufstelle, wenn eine Herausforderung zu gro√ü wurde. Doch oft sahen die Ehrenamtlichen keine Probleme und handelten nach bestem Wissen. „Gott sei Dank“ dachte Luise insgeheim. W√ľrden alle Fragen auf ihrem Schreibtisch landen, m√ľsste der 48-Stundentag erfunden werden. Luise sah jetzt schon oft kaum Zeit zum durchatmen. „Blo√ü wie mache ich dies dem Vorstand klar, ohne erneut das Gef√ľhl vermittelt zu bekommen, zu versagen?“ fragte sich Luise.

Nach einem Gesprächsversuch mit dem Pfarrer wurde die Gemeinde aus der Aktion ausgeschlossen. Luise organisierte parallel dazu eine Neueröffnung. Dadurch gab es einige Verwirrung, vorrangig bei der Pressearbeit.

 

Aber irgendwie ging es immer weiter.

 

Anfang November war es dann soweit. In Rettlingburg hatte sich ein Team gefunden und die erste Verteilung begann. Wieder fuhr Luise morgens in die Gemeinde und half die Aktion auf den Weg zu bringen. In der Zwischenzeit war Yvonne im B√ľro, was Luise etwas entspannter an die Sache heran gehen lie√ü.

 

Die R√§ume in Rettlingburg waren optimal. Es gab einen gro√üen Gemeindesaal, in dessen Mitte ein Tischkreis gestellt wurde. Pia, die ehrenamtlich die Hauptorganisation dort machte, hatte sich ein neues System ausgedacht um die Wartezeiten f√ľr die G√§ste zu verk√ľrzen. Die meisten Gemeinden verteilten mittlerweile Wartenummern. Dies erinnerte Pia zu sehr an Beh√∂rden – das wollte sie nicht in einer Kirchengemeinde umsetzen. Als Luise von dieser Planung erfuhr, war sie begeistert. Die Vorteile lagen klar auf der Hand und die Wartenummern hatten Luise schon die ganze Zeit etwas gest√∂rt. Dass diese, aufgrund des Verhaltens der G√§ste, notwendig geworden waren, hatte sie eingesehen. Nun gab es endlich eine Alternative.

Am Er√∂ffnungstag stand pl√∂tzlich Presse vor der T√ľr. Der regionale Fernsehsender wollte in der Nachrichtensendung berichten und interviewte neben Pia auch Luise. Luise hatte Pia beobachtet. Ganz ruhig und souver√§n wirkte sie mit dem Mikrofon. Als der Reporter zu Luise kam stellte sich bei ihr ein flaues Gef√ľhl im Magen ein. Irgendwie hatte Luise auch hinterher das ungute Gef√ľhl, dass man dies an ihrer Stimme heraush√∂rte. Abends schaute sie sich den Nachrichtenbeitrag an und freute sich, dass sie nur mit einem kurzen Satz vertreten war und der Beitrag, vorrangig durch Pia, gelungen war. Pressearbeit mochte Luise nicht. F√ľr die n√§chste Er√∂ffnung, sollte es noch eine geben, nahm sich Luise vor, Silke oder Sven dazu zu bitten.

 

Am Rande bekam Luise noch mit, dass auch ein Reporter einer Tageszeitung anwesend war. Im Gemeindesaal erz√§hlte eine Frau, mit Pelzmantel bekleidet und in Luises Augen mit auff√§llig viel Schmuck behangen, dass sie so froh ist, dass sie nun hier Lebensmittel erh√§lt. „Nun kann ich endlich meiner Tochter mal etwas g√∂nnen“. Etwas vorwurfsvoll dachte Luise da „wenn diese Frau sich nicht f√ľr 20,- Euro Schminke ins Gesicht schmieren w√ľrde, k√∂nnte sie sich etwas mehr leisten“. Ausgerechnet diese Frau wurde beim herausgehen von dem Zeitungsreporter angesprochen. Im Hof befand sich ein kleiner Tisch, auf dem nun die erhaltenen Lebensmittel ausgebreitet wurden und die Frau l√§chelnd in die Kamera sagte „von diesen Spenden werden meine Tochter und ich eine ganze Woche lang satt. Ich danke von ganzem Herzen daf√ľr“. Luise str√§ubten sich noch am n√§chsten Tag die Nackenhaare, als sie das Bild auf der Titelseite fand. War es doch von dem Verein ein wichtiges Anliegen, eine Unterst√ľtzung anzubieten. Inst√§ndig hoffte Luise, dass Silke dieses Titelblatt nicht in die H√§nde bekam. Vor der Reaktion graute ihr. Dabei zeigte sich zum wiederholten Mal, wie schmal der Weg war auf dem Luise unterwegs war. Einerseits gab es Vorgaben vom Vereinsvorstand und auf der anderen Seite gab es, mit der Er√∂ffnung in Rettlingburg, √ľber 1000 ehrenamtlich Aktive in der Region und die zahlreichen G√§ste, die bei unterschiedlichsten Gelegenheiten zu der Aktion sagten, was sie sich gerade dachten. Dabei viel so manches Wort, was die spendenfreudige Bev√∂lkerung etwas zur√ľckhaltender machte.

 

Lottospielen kam Luise treffsicherer vor.

 

In einem von Rettlingburg etwas weiter entfernt liegendem Ort, gab es ebenfalls einen Verein, der Lebensmittelspenden verteilte. Nun wird man vielleicht denken, in jedem Ort gibt es Superm√§rkte, da wird es f√ľr alle ortsnah etwas geben. Die Leute aus Fr√§sdorf sahen dies anders. Da die Wege zwischen den M√§rkten k√ľrzer, und die Filialleitungen bereits informiert waren, war es f√ľr sie bequemer nach Rettlingburg zu fahren. Durch die Neuer√∂ffnung gab es hier jedoch vier Verteilungen in der Woche, sodass eine Abholung fl√§chendeckend m√∂glich gewesen w√§re. Aufgrund von Gespr√§chen mit Silke, vor mehr als f√ľnf Jahren, beriefen sich die Fr√§sdorfer auf eine Zustimmung und fuhren wild umher. Luise war dies schon l√§nger ein Dorn im Auge, aber bevor die Ehrenamtlichen aus Rettlingburg nichts sagten, wollte sie an der Situation nichts √§ndern. Nun bat Pia um Hilfe. Schon mehrfach hatten sich die Rettlingburger und Fr√§sdorfer getroffen und jeden Versuch, die Abholm√∂glichkeiten mehr ortsans√§ssig zu verteilen, hatten die Fr√§sdorfer verhindert. Luise bat Silke mit zu diesem erneuten Termin. Sie hoffte, dass neue Absprachen m√∂glich wurden. Pia begann diese Besprechung und schilderte ihre Situation. Bei jedem Wunsch erkl√§rten jedoch die Fr√§sdorfer weinerlich „eine Abgabe ist hier nicht m√∂glich, diesen Markt ben√∂tigen wir unbedingt“ und Silke redete viel, sagte aber wenig konkretes. Vielleicht lag es an der Anwesenheit von Silke, dass die anderen Rettlingburger sehr ruhig waren. Vereinzelt hatte Luise versucht Pias Argumente zu unterstreichen, meistens blieb sie jedoch ungeh√∂rt. Als Luise in Silkes Auto stieg hatte sie das Gef√ľhl, dass dieser Termin wenig ver√§ndern wird. Als Silke dann stolz zu ihr sagte „da haben wir eben viel geschafft“ schwieg Luise. Die Situation in Rettlingburg blieb schwierig.

 

Schon begannen die Vorbereitungen f√ľr die Adventzeit. Bereits zum zweiten Mal durften Ehrenamtliche drei Tage lang unter einem riesigen Weihnachtsbaum im Foyer eines √∂rtlichen Fernsehsenders Lebensmittel sammeln. Die B√ľrger der umliegenden Gemeinden wurden `eingeladen¬ī ihre Spenden abzugeben. Und wie die Leute kamen. Als Luise am Abend des ersten Tages das Geb√§ude betrat, verschlug es ihr die Sprache. In einer gro√üen Halle stand ein riesiger Weihnachtsbaum, wunderbar geschm√ľckt mit Kugeln und Kerzen. Und darunter lagen Mengen von Konserven, Nudeln, Schokoweihnachtsm√§nner, aufgestellt wie eine Armee. Auch hatten Leute Spielzeug und Kinderkleidung abgegeben. Dies war ein Anblick, wie gemalt. Dieser gro√üe Baum, den Luise auf vier bis f√ľnf Meter sch√§tzte, ergab ein Bild, wie es in den sch√∂nsten Kindertr√§umen entsteht, wenn man sich den Weihnachtsbaum vorstellt und ganz viele Geschenke darunter liegen. Und dazu das strahlende Gesicht der ehrenamtlichen Dame, die seit drei Stunden die Spenden entgegennahm. Luise wusste, morgen bringe ich einen Fotoapparat mit. Die Sortierung und gleichm√§√üige Aufteilung auf die Gemeinden der Umgebung war dagegen mit nicht ganz so gro√üer Freude verbunden. Dabei erinnerte sich Luise an ihr Poesiealbum, in das ihre Religionslehrerein geschrieben hatte „Es recht zu machen jedermann, ist eine Kunst, die niemand kann.“ Wie wahr.

 

Ein paar Monate sp√§ter k√ľndigte sich hoher Besuch an. Ein weltweit bekannter Musiker hatte anfragen lassen, ob er den Verein besuchen darf. Er w√ľrde dies in jeder Stadt tun, wo er Konzerte gab. Dies war jedoch nicht so einfach. Hierzu gab es vorher genaue Protokolle, die Grundst√ľckseigent√ľmer mussten √ľber die Pressearbeit informiert werden. Dazu hatte Franzi viel zu beachten und zu organisieren. Doch dann kam der gro√üe Tag. Viele waren schon Stunden vorher aufgeregt. So einen Besuch erlebt man ja schlie√ülich nicht alle Tage. Und dann begann das Warten. Offizielle Vertreter waren schon da, so wurden neueste Informationen schnell weiter gegeben. Der Flieger hatte Versp√§tung. Dann war einige Zeit nicht klar, ob vor dem Konzert gen√ľgend Zeit blieb und letztendlich kam der Lebensgef√§hrte des K√ľnstlers und besichtigte die Vereinsr√§ume. Alle standen daneben und l√§chelten, aber irgendwie hing die Entt√§uschung schon merklich in der Luft. Diese verschwand dann rasch, als ganz spontan Freikarten f√ľr das Konzert verschenkt wurden. Auch wenn nur zwei Stunden bis zum Beginn blieben und viele keine Zeit mehr fanden sich vorher zuhause umzuziehen, so war dies ein sch√∂ner Abend.

 

Seit einigen Monaten gab es regelm√§√üige Teamtreffen. Darin wurden Neuigkeiten aus den einzelnen Bereichen ausgetauscht und so manches diskutiert. Anfang M√§rz stellte Silke eine neue Kollegin vor. Anna-Lena war nicht so neu im Verein. Aber viele kannten sie noch nicht. Bis zu dieser Zeit hatte sie sich um verschiedene Kinderaktionen gek√ľmmert und war im Hauptlager nicht weiter in Erscheinung getreten. Anna-Lena war eine gro√üe und schlanke Frau, Anfang 40, so sch√§tzte Luise. Durch ihre streng nach hinten gek√§mmten und zu einem Knoten hoch gedrehten Haaren erinnerte sie Luise an eine Frau in der Fernsehrserie, die sie immer sah. Diese Dame spielte dort eine Intrigantin. Still hoffte Luise in dieser Sitzung f√ľr Anna-Lena auf eine freundlichere Rolle, √ľbernahm sie doch eine F√ľhrungsposition. Damit erreichte der vor zwei Jahren noch klein und beschaulich erscheinende Verein den Charakter einer Firma.

 

Der Wind sollte sich auch merklich drehen.

 

Wenn Emails eingingen, dass Leute gerne ehrenamtlich den Verein unterst√ľtzen m√∂chten, und diese waren nicht wenige, wurden sie zu einem Infotreff eingeladen. Dort erfuhren sie etwas zur Vereinsgeschichte und zu einzelnen Aktionen. Danach unterhielten sich nun verschiedene Mitarbeiter mit den Leuten, um deren St√§rken zu erfragen. Die Eins√§tze sollten effektiver werden. Ganz nachvollziehen konnte Luise diese Vorgehensweise nicht. Soll Ehrenamt nicht vorrangig Spa√ü machen? Irgendwie klang dies nach Vorstellungsgespr√§ch. Und davon hatte Luise schon zahlreiche erlebt, an die sie sich nicht gerne zur√ľck erinnerte. Zu schnell wurde einem dabei etwas angedichtet, was durch ein Missverst√§ndnis entstand.

 

Und dies lies gar nicht lange auf sich warten.

 

Edgar hatte vor einiger Zeit bei Luise angerufen und erz√§hlt, dass er Peter kennt. Dieser hatte von einer Spendensammlung erz√§hlt, bei der er im n√§chsten Monat gerne mit dabei sein m√∂chte. Luise freute sich. Neue Leute konnte sie immer gebrauchen und wenn diese √ľber Bekannte dazu kamen, waren sie bereits √ľber den Verein gut informiert. Peter hatte, wie Luise zu sagen pflegte, bereits eine Inventarnummer. Er war seit Jahren aktiv dabei und war f√ľr alles begeisterungsf√§hig. Genau solche Leute brauchte der Verein. Nach einigen Aktionstagen, Luise verstand sich gut mit Edgar, schlug sie ihn vor, als f√ľr eine Veranstaltung jemand f√ľr die Organisation gesucht wurde. Anna-Lena fragte, ob von den Anwesenden aus dem Team jemand die Einsatzf√§higkeit von Edgar best√§tigen konnte, da brauste Silke schon auf. „Edgar ist unm√∂glich und macht, was ihm in den Sinn kommt. Konzepte interessieren ihn nicht. Der ist g√§nzlich ungeeignet.“ „Wenn Luise“ so Silke weiter „sich bei ihren Aktionen auf ihn einl√§sst, ist dies ihre Sache. Aber bei¬† allgemein organisierten Dingen will ich Edgar nicht dabei haben“. Damit war der Vorschlag abgelehnt. Wochen sp√§ter kam heraus, dass eine Verwechslung vorlag. Silke und Edgar arbeiteten von nun an super zusammen, denn die erste wirkliche Zusammenarbeit wurde von beiden Seiten als sehr angenehm empfunden.

Luise war nicht zum letzten Mal sprachlos.

 

Seit ein paar Monaten gab es regelm√§√üige gr√∂√üere Brotspenden von einer Brotfabrik aus dem Nachbarort. Dessen Pressestelle hatte sich bei Luise gemeldet. Bis dahin war das einsammeln der einzelnen Brotspenden in den B√§ckereien recht m√ľhselig und zeitaufw√§ndig. Auch wenn selbstverst√§ndlich die vereinbarten Abholungen dadurch nicht ersetzt wurden, so war die Freude √ľber dieses tolle Angebot gro√ü. Der Wunsch, diese Spendenbereitschaft pressewirksam zu nutzen, wurde daher vom Verein gerne unterst√ľtzt. Die ersten Brote wurden in Anwesenheit der Firmenleitung verteilt. Silke hatte einen Termin hierzu vereinbart. Die Ehrenamtlichen sahen Luises Bem√ľhungen, die zu dieser Zusammenarbeit f√ľhrten. Die Entt√§uschung √ľber Luises Abwesenheit wurde ihr am n√§chsten Tag von dem Pfarrer ausgerichtet. Luise entschuldigte sich und beteuerte ihr Bedauern. Sie war in einer anderen Gemeinde, wo es Schwierigkeiten mit den R√§umen gab. Diese waren nicht zur Gemeinde geh√∂rig und es stand ein Umzug bevor. Auch diesen Termin hatte Silke vereinbart und Luise hingeschickt. Dann wurden statt Brote Osterhasen gebacken und in einer Gemeinde an die G√§ste verteilt. Hierzu wurde ein hoher Kirchenvertreter geladen. Die Presse dr√§ngelte sich in den engen Gemeinder√§umen und Silke immer ganz vorne. Luises Anwesenheit fiel nicht weiter auf.
Dann folgte eine Idee, die¬† zus√§tzliche Spenden einbrachte. Auf einem Volkslauf wurden m√∂glichst viele L√§ufer davon √ľberzeugt das T-Shirt mit dem Firmen- und dem Vereinslogo zu schm√ľcken. Die Firma spendete dann f√ľr jeden km ein Brot zus√§tzlich. Dank der ehrenamtlichen √úberzeugungsarbeit vor dem Start, war die Resonanz umwerfend. Im darauf folgenden Jahr sollte diese Idee mit einer anderen Firma aufgegriffen werden. An Erfolge anzukn√ľpfen und daraus Dauerbrenner zu machen entsprach Silkes Traum von Erfolg. Allen beteiligten war es klar, dass beim ersten Mal immer improvisiert werden musste und darin lag der Charme solcher Veranstaltungen, der den Ehrenamtlichen seit Jahren so viel Begeisterung einbrachte. Dadurch trugen sich die Leute etwas z√∂gerlich in die Liste ein, als Hilfe gesucht wurde. Als Edgars Name erschien, trug sich Luise ebenfalls ein. Da wusste sie, dieser Sonntagvormittag konnte nur lustig werden. Am Freitag, gegen Mittag, erfuhr Luise dann, dass Silke kurz vorbei schaut um die Aktion auf der B√ľhne bekannt zu geben, aber ansonsten privat Besuch hat und keine Zeit. Auch war niemand sonst als Fahrer organisiert worden und so blieb alles an Luise h√§ngen. Sie sollte pl√∂tzlich die Hauptverantwortliche sein. So hatte sie sich den Sonntag nicht vorgestellt. Samstag, noch bis sp√§t privat unterwegs, fuhr sie nachts zum Lager und tauschte die Autos. Dadurch konnte sie am Sonntag etwas sp√§ter los, denn der Startpunkt des Laufes lag dichter an ihrer Wohnung, als am B√ľro. Dass Luise in der Nacht noch das Auto beladen und vorher zahlreichen `M√ľll¬ī aus dem Kofferraum heraus r√§umen musste, st√∂rte sie nur m√§√üig. Sie kannte die Leute zu gut, die ansonsten mit diesem Auto unterwegs waren. Um 7:00 Uhr auf dem Platz traf Luise auch Edgar bereits. Sogleich machten sie sich daran, die eintreffenden L√§ufer √ľber die Aktion zu informieren und die Logos an dessen Shirts zu heften. Mit zahlreicher Unterst√ľtzung wurde auch dieser Tag zufrieden abgeschlossen, als die L√§ufer gestartet waren. Die Helfer verabschiedeten sich, gaben Luise Flyer zur√ľck, die sie zus√§tzlich verteilt hatten und eh sich Luise versah, stand sie mit Edgar alleine da. Er erkl√§rte ihr gerade, dass er es ebenfalls eilig hat, da noch eine Familienfeier anstand, da tauchte Silke noch einmal auf. Luise bat sie bei den Kartons zu bleiben, damit sie das Auto holen kann. Luise hatte keine Lust die Sachen alle zu schleppen. Silke dachte jedoch anders. Einen kleinen Karton schnappte sie sich, „ wenn ich jetzt zu meinem Auto gehe, komme ich an deinem vorbei. Ich lege die Sachen dann dort ab“. Noch eh Luise etwas sagen konnte, war Silke, mit ihrem Besuch, der mit leeren H√§nden ging, verschwunden. W√ľtend schleppte Luise die restlichen drei Kartons zum Parkplatz, stopfte alles mit viel M√ľhe irgendwie in das kleine Auto. „Ein `Danke¬ī w√§re nett gewesen“ dachte Luise auf der Fahrt nach Hause und drehte das Radio lauter.

 

Am Abend fragte sich Luise mal wieder, warum sie sich solche Aktionen eigentlich antat. Irgendwie war es bereits Programm. Nach dem Spa√ü folgte eine Portion Frust. `Du machst dies f√ľr die Anerkennung der w√∂chentlichen Arbeit, also zur Unterst√ľtzung der Ehrenamtlichen¬ī meldete sich dann ihr Bauchgef√ľhl.

 

An einem Dienstagnachmittag klingelte bei Luise das Telefon. Es war kurz nach Ostern. Eine Frau, Gast in einer Gemeinde in Heidemoor, bat um eine M√∂glichkeit in Zukunft nach Hochm√ľhle gehen zu d√ľrfen. Luise erkl√§rte ihr die Struktur und dass es keine M√∂glichkeit gab au√üerhalb des Wohnortes Lebensmittel zu erhalten. Die Frau wurde grantig. Sie klagte Luise ihr Leid. Die Ehrenamtlichen hatten sie aus ungekl√§rten Gr√ľnden „auf dem Kieker“ und bedienten sie schlecht. Immer erhielt sie `total vergammeltes¬ī Obst und ganz wenig Gem√ľse. „Sie darf nie etwas aussuchen, muss nehmen was ihr gegeben wird und ihr Wunsch sich nur Biologisch zu ern√§hren, wird ignoriert“ so die Frau weiter. Luise erkl√§rte ihr, dass ca. 1/3 der Spenden aus Biol√§den stammten, jedoch auf dem Apfel nicht draufstand wo er her war, als er zur Gemeinde gebracht wurde. Daher ist eine Unterscheidung nicht m√∂glich, zumal dies einen nicht zu bew√§ltigenden Aufwand darstellen w√ľrde. Die Frau lie√ü nicht locker und Luise gab sich geschlagen. Sie versprach mit den Ehrenamtlichen zu sprechen und sie zur√ľck zu rufen. Insgeheim wusste sie bereits, was sie bei diesem R√ľckruf sagen w√ľrde. Aber vielleicht hatten die Verteiler in den Gemeinden noch ein Argument, welches Luise gerne aufgriff. Mit dem festen Vorsatz der Frau helfen zu wollen, rief Luise in der Gemeinde an, in der die Frau sich unverstanden und schlecht behandelt f√ľhlte. „So unterschiedlich k√∂nnen Eindr√ľcke sein" stellte Luise wieder einmal fest. Man erz√§hlte ihr, dass die Frau sich erst kurz vor Schluss eine Nummer holt, dann sofort rein m√∂chte und sich allgemein sehr uneinsichtig gab. Letzteres konnte Luise von dem Telefonat best√§tigen. Ferner erfuhr sie, dass mit der Frau schon Gespr√§che gef√ľhrt wurden und sie weiterhin dabei blieb, dass die schlechte Bedienung System hatte. Nun hatte Luise die Lust verloren der Frau zu helfen. Den Gedanken die Gemeinde anzurufen, wo die Frau stattdessen abholen wollte, verwarf sie. Die Ehrenamtliche dort hatte derartigen Stress nicht verdient. War sie doch erst ein paar Wochen Hauptverantwortliche, hatte sich spontan bereit erkl√§rt und dadurch noch recht unsicher. Luise z√∂gerte den R√ľckruf hinaus. Am Freitag, Luise hatte bereits den Finger kurz vor dem Knopf um den Anrufbeantworter einzuschalten, klingelte dieses. Sie z√∂gerte kurz, ging jedoch noch ran. Da h√∂rte sie recht vorwurfsvoll „Sie wollten sich doch zur√ľckmelden. Hat das System in ihrem Verein, dass sie Beschwerden ignorieren?“. Luise setzte sich noch einmal, war der Rechner auch schon heruntergefahren, so schwante ihr schnell, dass das Wochenende noch etwas auf sich warten lassen musste. „Nein“ antwortet sie. „selbstverst√§ndlich ignorieren wir Ihre Sorgen nicht. Ich habe die Ehrenamtlichen in der Gemeinde blo√ü noch nicht erreicht“¬† log sie schnell und hoffte damit Zeit bis Montag zu erlangen. Die Frau gab sich damit jedoch nicht zufrieden. Wieder h√∂rte sich Luise deren Vorw√ľrfe an, versuchte einiges so zu hinterfragen, sodass sie der Frau die Meinung der Ehrenamtlichen mitteilen konnte, ohne dies direkt zu tun und erkl√§rte ihr immer wieder den Vereinssinn und das Prinzip der Aktion. An ein Ende des Gespr√§ches war nicht zu denken. Die Frau kam immer wieder mit neuen Argumenten, waren sie auch noch so weit hergeholt. So blieb sie beharrlich bei der Meinung Luise ist pers√∂nlich daf√ľr verantwortlich, dass sie am Dienstag `vern√ľnftige¬ī Lebensmittel erh√§lt, und nicht verhungert. Schlie√ülich neigte sich der Monat dem Ende und die Frau hatte kein Geld mehr. Luise frage die Frau, was meinen Sie mit Vern√ľnftig? Es gibt meistens Obst, Gem√ľse und Brot. Das war doch eine gute Unterst√ľtzung um den Speiseplan zu bereichern. Die Frau begann von neuem einen Wortschwall. Dabei lie√ü sie sich √ľber die Qualit√§t aus und wiederholte, dass sie Vegetarierin sei und sich nur biologisch ern√§hre. Auf solche wichtigen Fakten wurde keine R√ľcksicht genommen. Da Luise bereits Informationen aus der Gemeinde hatte ohne dies zugeben zu wollen, erz√§hlte sie der Frau, dass sie, nach dem Telefonat, pers√∂nlich im Lager die Qualit√§t der Ware gepr√ľft hatte. Diese war, bedenkt man die Tatsache, dass dies unverk√§ufliche Spenden waren, super. Derart schlechte Sachen, wie die Frau sie beschrieben hatte, waren nicht zu finden. Dann fragte Luise „welche Nummer hatten Sie denn zum Beispiel letzte Woche?“ Darauf berichtete die Frau bereitwillig, dass sie immer erst kurz vor 13:00 Uhr dort ist und unter den letzten 10 G√§sten war. Ferner erw√§hnte sie, dass sie keine Zeit h√§tte sich stundenlang anzustellen und die Ehrenamtlichen wissen doch, dass sie noch kommt. „Da wird es doch m√∂glich sein f√ľr mich noch etwas aufzuheben“ schloss sie ihre Ausf√ľhrung. Luise schluckte. Was sollte man dazu noch sagen. Sie beschloss erst einmal zu versuchen, die Frau in Erkl√§rungsnot zu bringen. Erkl√§rungen ihrerseits w√ľrden nicht ankommen. So fragte Luise „was meinen Sie mit "sie haben keine Zeit"? Sie sagten doch, sie sind erwerbsunf√§hig.“ „Eben“, antwortete diese. „Sie haben wohl keine Ahnung zu wie vielen Terminen ich w√∂chentlich muss? Zum Arzt und zwei Mal in der Woche zur Physiotherapie“. Luise dachte still „Psychotherapie w√§re angebrachter“ und versuchte der Situation etwas Fr√∂hliches abzugewinnen. Dann erz√§hlte die Frau von ihrer kleinen Rente, die unter 500,- Euro betrug und daher das Einkaufen zu einer zeitaufwendigen Sache wurde. Luise empfahl ihr zus√§tzlich Grundsicherungsrente zu beantragen. Dieser Vorschlag wurde mit dem Argument der Zeitknappheit jedoch erschlagen. Luise wollte endlich Feierabend machen und beschloss direkter zu werden. „Sie sagten eingangs, dass die Qualit√§t der Lebensmittel bei uns sehr schlecht sei und sie vieles in den M√ľll tun m√ľssen. Ist es dann nicht Zeitverschwendung zur Gemeinde zu gehen? √úberlegen sie doch mal ob es nicht effektiver sei am Dienstag auf die Unterst√ľtzung zu verzichten und in dieser gesparten Zeit zum Grundsicherungsamt zu gehen.“ Dieser Vorschlag machte die Frau ein paar Sekunden sprachlos. Luise ergriff die Chance und w√ľnschte ein sch√∂nes Wochenende. Nun aber schnell den Anrufbeantworter an, bevor das Telefon noch einmal klingelte. Luise nahm ihren Rucksack und schloss das B√ľro ab. Ein paar Minuten wollte sie sich noch nehmen und ging zu Lea, ihr ebenfalls ein sch√∂nes Wochenende zu w√ľnschen. Bereits auf der Treppe h√∂rte sie Lea telefonieren. Auf die Idee, dass die Frau eine andere Vereinsnummer im Internet gefunden hatte und nun Lea den ganzen Salm, inkl. der Beschwerde, dass Luise einfach aufgelegt hatte, erz√§hlte, w√§re Luise nie gekommen. Sie setzte sich auf den Gymnastikball vor Leas Schreibtisch, wippte fr√∂hlich vor sich hin und ihr l√§cheln wurde immer breiter, als sie h√∂rte, dass Lea der Frau √§hnlich antwortete.
Nach dem Gespr√§ch f√ľhlten sich beide Wochenendreif und verabredeten sich spontan auf einen entspannenden Sonntagsspaziergang.

 

Es folgten noch einige √§hnliche Telefonate und letztendlich wurde die Frau in einem Gespr√§ch mit der Pfarrerin dazu gebracht die Regeln zu akzeptieren. Luise wurde klar, dass die Ehrenamtlichen zwar sie um Unterst√ľtzung baten, vor Ort jedoch die Dinge viel leichter l√∂sbar waren.

 

Vermeiden ließen sich solche Anrufe durch diese Erkenntnis nicht.

 

Ebenfalls Gemeinden in Heidemoor betreffend rief ein paar Monate sp√§ter ein Herr bei Luise an. Er war an einem Mittwoch in der Gemeinde und erhielt dort keine Lebensmittel, weil er keinen Ausweis vorlegen konnte. Luise erkl√§rte ihm, dass er den Ausweis bei der Anmeldung ben√∂tigt, da in Heidemoor mehrere Stellen existieren und auf dem Ausweis der Wohnort steht. „Ich bin Schwerbehindert“ erkl√§rte der Herr Luise entr√ľstet. „Und?“ fragte Luise etwas unsicher. Diesen Hinweis konnte sie nicht einordnen. „Na wissen Sie denn gar nichts?“ fragte der Herr. „Ich, als Blinder Mensch, erhalte keinen Ausweis in Deutschland“. Luise zog die Stirn kraus. Davon hatte sie noch nichts geh√∂rt. Der Herr sprach weiter, ohne dass Luise etwas gesagt hatte. „Von der Stimme klingen sie noch j√ľnger, was haben sie eigentlich in der Schule gelernt? Behinderte werden in Deutschland als Menschen zweiter Klasse behandelt.“ Luise wollte sich so einen Bl√∂dsinn nicht anh√∂ren und unterbrach den Herrn unh√∂flich. „Entschuldigung, aber dies ist so nicht korrekt“ entgegnete Luise. „Meine Klasse hatte selbst eine Patenschaft f√ľr eine Schulklasse in einem Behindertenzentrum gehabt und wir unternahmen Ausfl√ľge mit den Rollstuhlfahrern und hatten viel Spa√ü.“ berichtete Luise dem Herrn. „Von Gleichg√ľltigkeit und Ignoranz waren wir weit entfernt“. Sie wusste auch, dass diese Rollis, wie sie liebevoll genannt wurden, auch Ausweise hatten. Eine flog immer zu ihrer Oma nach Spanien. Der Herr wiederholte seine Auffassung, dass er keinen Ausweis bekam und stellte Luise mit seiner Wortwahl als L√ľgnerin dar. Luise wusste in diesem Augenblick, dass sie unh√∂flicher nicht werden konnte. Aber solche L√ľgen wollte sie sich nicht anh√∂ren. „Na, da haben sie ja Gl√ľck, dass sie noch leben“ √§u√üerte Luise. „Bis 1990 galt ja schlie√ülich das Alliiertengesetz. Demnach waren diese berechtigt jederzeit auf der Strasse Ausweiskontrollen durchzuf√ľhren und wer keinen dabei hatte, h√§tte erschossen werden k√∂nnen“. Der Herr legte auf. Dass diese Geschichte noch nicht vom Tisch war, sp√ľrte Luise. Aber dies war ihr egal. Sie atmete erst einmal tief durch und ging in die Mittagspause. Dabei machte sie sich zahlreiche Gedanken. Wie krank war eigentlich die Gesellschaft? Was ging in den K√∂pfen der Leute vor? Ratlosigkeit machte sich bei Luise breit. Sie tr√∂stete sich damit, dass durch die Vereinsarbeit diese Leute f√∂rmlich zusammengerufen wurden und sie durch die geballte Kraft an queren Gedanken blo√ü √ľberfordert war.

 

Ein paar Tage sp√§ter rief der Herr wieder an und erz√§hlte unbeirrt seine Geschichte aufs Neue, als ob er erstmalig anrief. Luise fragte ihn nach seinem Wohnort ohne auf die Sache mit dem Ausweis nochmals einzugehen. Er nannte einen Stra√üennamen, den Luise gleich im Internet suchte. Ein Segen war diese Erfindung in solchen Situationen. Man konnte Ortskenntnis vorgaukeln. Luise erkl√§rte dem Herrn, dass er in der Verteilstelle am Mittwoch ganz falsch sei und bot ihm an, in der entsprechend zust√§ndigen Gemeinde anzufragen, ob eine Bedienung ohne Wartezeit m√∂glich w√§re. Ferner hatte sie, mit der Vorahnung eines weiteren Anrufes, die Telefonnummer vom Amt in Heidemoor herausgesucht. Diese gab sie dem Herrn mit dem Hinweis, dass er dort Amtshilfe erhalte. Es w√ľrde zur Beantragung eines Ausweises eine Person zu ihm nach Hause kommen und alles f√ľr ihn erledigen, da es f√ľr ihn als Sehbehinderten nicht zumutbar w√§re zum Amt zu kommen. Luise hatte dieses Angebot ebenfalls im Internet gefunden. Der Herr wurde jedoch wieder ausfallend. Beschimpfte Luise „sie haben ja keine Ahnung“ und erkl√§rte ihr, dass er in der entsprechenden Gemeinde schon mal war und dort sehr unfreundlich bedient wurde. Innerlich krampfte sich bei Luise alles zusammen. Diese Worte erinnerten sie an die zahlreichen Telefonate mit der Frau ohne Zeit. Sie versprach einen R√ľckruf und Kl√§rung. √úber dieses Angebot bedankte sich der Herr, jedoch w√ľrde er sich wieder melden. Luise telefonierte also mal wieder mit der Leitung der Dienstagsverteilung. Dort erfuhr sie von den tats√§chlich statt gefundenen Besuchen und einem Vorfall, den die Ehrenamtlichen veranlassten an seiner Situation zu zweifeln.
Er stand in der Schlange und schob sich an den Tischen vorbei um Lebensmittel zu erhalten. Dabei hatte er den Blindenstock unter den Arm geklemmt um die H√§nde f√ľr die Tasche frei zu haben. Eine Hilfe beim Tragen der Tasche wies er ab. Eine Sekunde zu sp√§t sah eine ehrenamtliche Dame die Holzkiste unter dem Tisch hervorstehen und ihr stockte bereits der Atem, als der Herr ganz selbstverst√§ndlich einen Schritt bei Seite machte und um die Kistenecke herum ging. Dies hatten mehrere Leute mitbekommen, die sich nur fragend anschauten. Niemand wagte sich etwas zu sagen. Es war pl√∂tzlich totenstill im Kirchenraum. Da der Herr danach nicht mehr erschien, er√ľbrigte sich bisher eine genauere Kl√§rung.

 

„Vielleicht haben viele einfach nur Langeweile“ √ľberlegte Luise. „`Brot und Spiele¬ī war vor 1000 Jahren bereits ein bew√§hrtes Mittel. Sollte sich der Mensch nicht ge√§ndert haben?“ Luise f√ľhlte sich ratlos und leer.

 

Am Abend hatte sie eine Verabredung mit einer Freundin, die in einem Jobcenter arbeitete. Ihr erzählte sie von dieser Geschichte. Obwohl sie in einem Nachbarort arbeitete, kannte sie diesen Herrn sogleich mit Namen und erzählte von dessen Auftreten dort, und dem Hausverbot, welches er erhielt. Luise konnte

gar nicht mehr aufhören zu lachten.

 

Es darf aber bei all diesen Situationen nicht vergessen werden, dass zahlreiche Anrufer sehr freundlich und hilfsbereit waren.

 

Immer wieder meldeten sich, meistens √§ltere Menschen, die einen Garten mit Obstb√§umen hatten. Teilweise trugen diese so reichlich, dass das Obst gerne gespendet werden sollte. Solche Vermittlungen machten Luise gro√üe Freude. Zus√§tzliche Abholungen wurden immer gerne entgegen genommen. Da die Ernte jedoch recht beschwerlich werden konnte, summierten sich die Anrufe, die um Ernte baten. Zu schade war der Anblick, wenn das Obst vergammelt vom Baum fiel oder von den V√∂geln geholt wurde. Luise konnte dies nachvollziehen. Auch sie fand dies schade, musste sich jedoch eingestehen, dass auch sie keine Lust hatte auf derartige Wochenendvergn√ľgen. Auch die Ehrenamtlichen waren meistens nicht mehr so jung und diese zu einem Ernteeinsatz zu bewegen war Schwerstarbeit. Vereinzelt gelang es dennoch. Daf√ľr war Luise den Leuten sehr dankbar. In einem Ort waren die Ehrenamtlichen pfiffig. Sie hatten mehrere gr√∂√üere Familien als G√§ste und vermittelten solche Erntem√∂glichkeiten direkt an die Empf√§nger. Dadurch, so wurde Luise berichtet, entstanden mehrere Freundschaften, sodass sich die Gartenbesitzer in Zukunft direkt an die Familien wandten und sehr zufrieden waren.

 

In solchen Augenblicken erkannte Luise den Sinn in ihrer Arbeit und stand am nächsten Morgen gleich doppelt motiviert aus dem Bett.

 

Bereits beim Fr√ľhst√ľcken erinnerte sich Luise, was heute dringend erledigt werden musste. Silke ben√∂tigte den Pressetext. Die n√§chste Aktion zum Erntedankfest stand bevor. Gleich als erstes wollte Luise dies machen, denn unbeliebte Dinge wollte sie schnell von Tisch haben. Die Welt der Presse war Luise unkalkulierbar und dadurch ein Dorn im Auge.
Nun sa√ü sie wieder vor einer leeren Seite und √ľberlegte, bis ihr die Idee kam. Vor Ostern hatte sie, nach ihrem Empfinden, einen so sch√∂nen Text geschrieben, der von Silke vollst√§ndig umgeschrieben wurde. Darauf hatte sie nicht schon wieder Lust. So √∂ffnete sie die Datei mit der Presseinfo zur Adventzeit, die ebenfalls von Silke bis zur Unkenntlichkeit abge√§ndert worden war, und √§nderte lediglich das Datum und den Ort. Schnell erledigt, schickte Luise diesen Text an Silke und war mit sich zufrieden. Zwei Tage sp√§ter erhielt Luise eine Mail von Frauke. Mit recht belehrendem Ton erkl√§rte sie ihr die nun √ľbernommene Zust√§ndigkeit. Ferne erfuhr Luise weiter „solche Formulierungen gingen √ľberhaupt nicht“. Frauke hatte einen ganz neuen Text als Anlage geschickt und erkl√§rte unmissverst√§ndlich, „so wird diese Presseinfo raus geschickt!“ Zu gro√üe Lust versp√ľrte Luise eine Info an Silke zu verschicken. Zu offensichtlich war die Tatsache, dass sie als vermeintliche Verfasserin abgelehnt wurde und es nicht um die Formulierungen an sich ging. Mehrfach hatte Luise bereits den Verdacht gehabt, aber Lea, darauf angesprochen, riet ihr dies gleichg√ľltig hinzunehmen. So schluckte Luise auch dieses Mal ihre Wut herunter.

 

Es meldete sich Svenja bei dem Verein und stellte sich f√ľr eine ehrenamtliche Arbeit im B√ľro vor. Schnell wurde beschlossen, dass Luise Unterst√ľtzung erhalten sollte. Svenja war eine junge Frau, die unentschlossen nach einer Studienrichtung oder einer Ausbildung suchte und dadurch auf der Stelle stand. Svenja erkl√§rte, sie wollte die B√ľroarbeit dazu nutzen, sich im Klaren zu werden, ob ihr diese T√§tigkeit liegt. Luise riet ihr zu einem Praktikum, aber dies war Svenja schon zu konkret und verpflichtend. Sie brauchte die Ungezwungenheit des Ehrenamtes, was jedoch das Amt nicht bereitwillig zugestand.
Wie bei vorherigen Unterst√ľtzungen bat Luise um Organisation der n√§chsten Aktion, um sich auf das T√§gliche besser konzentrieren zu k√∂nnen. Dazu geh√∂rte auch das Verfassen der Presseinformation. Luise erz√§hlte Svenja von der Mail aus dem September und empfahl diese zu √ľbernehmen und lediglich mit dem Datum der Adventzeit und dem Wort „Schokoladenweihnachtsmann“ abzu√§ndern. Svenja war jedoch hoch motiviert und schrieb etwas eigenes, nachdem sie zahlreiche Texte aus der Vergangenheit gelesen hatte. Obwohl Luise darum bat, ging dieser Text ohne gegenlesen heraus. Mittlerweile war Silke wieder daf√ľr zust√§ndig Pressetexte freizugeben. Die Antwort ging prompt bei Luise ein. Silke schrieb „langsam muss du doch mal begriffen haben wie man einen Pressetext verfasst und so geht es gar nicht.“ Luise erkl√§rte ihr per Mail ihre Unkenntnis, was Svenja verschickt hatte, und dass sie um ein gegenlesen gebeten hatte. Als Anlage schickte sie die Schnellversion, so wie sie es Svenja empfohlen hatte. Als Antwort erhielt Luise eine Belehrung, dass es zu ihren Aufgaben geh√∂rte, die Arbeit der Ehrenamtlichen zu √ľberwachen und solchen Unsinn von ihr, als viel besch√§ftigte Vorsitzende, fern zu halten hatte. Zu dem anliegenden Text √§u√üerte sich Silke mit „geht doch halbwegs, da l√§sst sich noch etwas draus machen“. Luise schwankte zwischen erneuter Wut und Belustigung dar√ľber, dass Silke den Text von Frauke, die ja Journalistin war, kritisierte. Wenn die Beiden davon w√ľssten…

 

Nach dem Weihnachtsurlaub ging Luise gut erholt und voller Tatendrang ans Werk. Jedoch verflog dieser rasch. Als sie die Emails lesen wollte, war das Programm leer. Einem Herzanfall nahe suchte sie Fruchtgummis, um sich abzureagieren. Dies war eine alte Marotte von ihr. Was geschehen war bastelte sich im Laufe des Tages zusammen, als Richard feststellte, dass der gesamte Ordner verschwunden war. Ein Sch√ľlerpraktikant, so erz√§hlte man beil√§ufig, sa√ü vor ein paar Tagen auf dem Platz.¬† Luise erinnerte sich an die rhythmisch auftretenden Meldungen „auf ihrem Desktop befinden sich ungenutzte Dateien. Sollen diese jetzt entfernt werden?“, die sie stets verneinte. „Waren die Mails auf dem Desktop gespeichert?“ Richard¬† hielt dies f√ľr durchaus realistisch. Hatte er den Rechner doch nicht eingerichtet. Gut, dass er ihr zustimmte, dass dieser Speicherort nicht g√ľnstig war. Luise gab sich ihrem Schicksal hin.

 

Der Kontakt zu Paul war nie abgebrochen, jedoch hatte Luise von den gemeindeinternen Ideen wenig mitbekommen. Kurz vor Weihnachten wurde sie nach Drosselitz gebeten. Luise wohnte in der N√§he. So konnte sie diesen sp√§ten Nachmittagstermin mit einem sch√∂nen Spaziergang verbinden und freute sich. Eine weitere Neuer√∂ffnung bedeutete nicht nur aus dem B√ľro heraus zu kommen. Die Ehrenamtlichen vermittelten immer so viel Freude und Tatendrang. Da lie√ü sich Luise gerne anstecken.
Der Er√∂ffnungstermin wurde f√ľr Anfang Januar beschlossen. Luise kam dies recht √ľbereilt vor. Dann erfuhr sie, dass die Vorbereitungen bereits sehr konkret waren.

 

An diesem Donnerstagmorgen lief Luise wieder nach Drosselitz. Schnee lag nicht, aber die Luft war k√ľhl. Es war Luises 40 Geburtstag. Als sie ankam hatte das Team bereits die Tische f√ľr die Verteilung aufgestellt und gleichzeitig mit ihr kam das erste Fahrzeug mit Lebensmitteln. So konnte die Sortierung sofort beginnen. Die Ehrenamtlichen hatten sich die Arbeit in anderen Gemeinden angeschaut. So gab es nur wenig Fragen. Die Tische in dem gro√üen Warteraum mit K√ľchenzeile wurden f√ľr die Vorbereitungen genutzt. In einem Nebenraum fand die Registrierung statt. F√ľr die Verteilung gab es keinen weiteren Raum. Die Tische standen im Treppenhaus. Dieses war recht eng, hatte jedoch den Vorteil eines zweiten Ausganges. An die Erfahrungen aus Rettlingburg ankn√ľpfend, hatten Luise Frauke und Sven gebeten anwesend zu sein. Man konnte im Vorfeld nie sagen ob die Presse kam, obwohl es sich meistens um den regionalen Sender handelte, bei dem die Beiden arbeiteten. Terminlich konnte es jedoch niemand einrichten. Auch Silke schien sich nicht daf√ľr zu interessieren. Eine gute viertel Stunde vor Er√∂ffnung tauchte einer den drei Radiosender auf. „Sch√∂n, ohne Kamera kann ich ganz entspannt sein“ dachte Luise noch, bis im Vorgespr√§ch pl√∂tzlich gesagt wurde „wir sind in 5 Minuten auf Sendung“. Luise schluckte. Live? Womit hatte sie dies verdient. Jetzt gab es jedoch keine Zeit mehr dar√ľber nachzudenken. Auch wenn sie sehr nerv√∂s war, stellte sich innerlich eine gewisse Ruhe ein. Luise hatte es geschafft und der Vorteil am Radio wurde ihr im Nachhinein klar. Sie kannte wenige Leute die am Vormittag zuh√∂rten, zumal niemand von dem Sendetermin wusste. So verlief auch diese Er√∂ffnung mit viel Spa√ü und zahlreichen zufriedenen G√§sten.

 

Langsam wurden f√ľr Luise die Neuer√∂ffnungen Routine.

 

Agnes meldet sich bei Luise und trug eine Idee an sie heran. Sie hatte von anderen Vereinen geh√∂rt, die Kochb√ľcher heraus gaben und fand die Idee gut. Im Alltag der Verteilung stellte sich immer wieder heraus, dass zahlreiche Gem√ľsesorten unbekannt waren. Gerade in Gemeinden, in denen viele Menschen aus anderen Kulturkreisen lebten, gab es hierf√ľr Bedarf. Oft wurden bereits von den Ehrenamtlichen Rezepte und Kochtipps, sozusagen √ľber den Ladentisch, weiter gegeben. Luise erz√§hlte Silke von der Idee und wollte die Sache unterst√ľtzen. Silke erkl√§rte ihr, dass diese Idee nicht neu sei und sie schon l√§nger daran arbeitete. Dann ging es erstaunlich schnell. Vorher hatte Luise nichts von einem derartigen Plan geh√∂rt, nun hatten Silke und Frauke bereits ein paar Wochen sp√§ter mehrere¬† Ehrenamtliche, die dieses Projekt st√ľtzen wollten und Frauke ein Konzept. Dies wurde bei einem Start-up Meeting an einem sch√∂nen Sommerabend im Juni allen vorgestellt. Luise war rein informativ eingeladen worden. Galt es schlie√ülich eine Zusammenarbeit mit den Gemeinden zu organisieren und Luise hatte die Kontakte. Bei diesem Treffen erfuhr sie, dass es kein normales Kochbuch werden sollte, welches, auf preiswerte und einfache K√ľche aus war. Es ging ihnen hierbei um die Vorstellung des Projektes. Aus jeder Gemeinde und von Leuten aus dem √∂ffentlichen Leben sollten preiswerte Rezepte kombiniert werden. Durch die Angabe von Preisen wurde dies sehr weit in den Vordergrund gestellt. Luise war nicht ganz √ľberzeugt. Preise sind schnell veraltet und Luise ist eher f√ľr Best√§ndigkeit. Gerade bei Rezepten k√∂nnte man ein zeitloses Buch erstellen, dessen Anschaffung sich f√ľr Jahre lohnte.

 

In den n√§chsten zwei Wochen waren alle aktiv. Sieben Ehrenamtliche planten, wirbelten und organisierten. Dann entdeckten die ersten beiden, dass dies Zeitaufwendiger wurde, als gedacht und konzentrierten sich wieder mehr bzw. vollst√§ndig anderen Dingen in ihrem Leben. Die Sache geriet etwas ins Stocken. Silke kam in das B√ľro und bat Luise um Unterst√ľtzung. Auch hatte Frauke in den letzten Tagen bereits mehrfach bei Luise angerufen und um Preisrecherche gebeten. Luise verbrachte dazu an einem Abend drei Stunden in einem Supermarkt in ihrer N√§he. Dieser geh√∂rte zu einer Kette, mit der der Verein viel zusammen arbeitete. Sie ging die Regalreihen entlang und notierte sich alle Preise von den Artikeln, die sie in den Rezepten am Vormittag entdeckt hatte. Luise wiederholte diese Aktion in einem Discounter und schickte Frauke eine Aufstellung. Dann verabschiedeten sich Silke und Frauke f√ľr zwei Wochen in den Urlaub. Schnell informierten sie noch, dass sie einen Verlag gefunden h√§tten und dieser einen Abgabetermin Anfang September erwartet. Frauke hatte mit den Leuten im Verlag gesprochen und hatte die Idee, das Kochbuch zum Weihnachtsgesch√§ft vorstellen zu wollen. Zahlreiche Stimmen wurden laut „das schafft ihr nie“. Es gab allgemeine Informationen, dass ein Buchprojekt mindestens ein Jahr in Anspruch nimmt. Frauke lie√ü sich jedoch nicht beirren. Mit zahlreichen Instruktionen blieben Luise und ihre Kollegin zur√ľck. Als sie diese erhielten, schauten sich beide an. „Typisch!“ kam es wie aus einem Mund, dann mussten sie lachen.

 

Angelika war eine Frohnatur, die nicht so schnell etwas ersch√ľtterte. Sie hatte sich daran gew√∂hnt durchs Leben zu schlagen, wie man so leichthin sagt. Erstrebenswert war diese Situation zwar nicht, aber das Leben l√§sst einem manchmal wenig Wahlm√∂glichkeiten. Angelika schaffte es, jeder Situation etwas Positives abzugewinnen. Und sei es nur mit einer gro√üe Portion Selbstironie. Luise bewunderte sie daf√ľr. Daher freute sie sich auch auf eine Zusammenarbeit mit ihr.

 

Letztendlich wirbelte Angelika Tag ein, Tag aus, f√ľr dieses Buch und kam kaum noch zu etwas anderem. Luise beschr√§nkte sich darauf, neben dem Tagesgesch√§ft, Informationen aus den Gemeinden an Angelika weiter zu leiten. Die verbliebenen Ehrenamtlichen fuhren in die Verteilungen und sprachen pers√∂nlich mit den Leuten, die die Rezepte einreichten. Die Buchpr√§sentation fand wie geplant statt, auch wenn Luise von diesem Termin so kurz vorher erfuhr, dass sie die Ehrenamtlichen nicht mehr informieren konnte. Da es sich um einen Pressetermin handelte, wollten Silke und Frauke unter sich bleiben. Sie f√ľhlten sich, als offizielle Autoren des Buches, vor den Kameras wohl. Yvonne hatte die Platzierung in ausgew√§hlten Buchl√§den organisiert. Als die B√ľcher dann Palettenweise geliefert wurden, waren Yvonne und Luise wieder gefragt. Jeder Gast in den Gemeinden, der in der ersten Dezemberwoche Lebensmittel abholte, sollte ein Exemplar geschenkt bekommen. Daf√ľr galt es wieder Statistiken auszuwerten, Besucherzahlen zu erfragen und Kartons zu packen. Wie viel Tonnen Papier Yvonne und Luise in den n√§chsten Tagen bewegten, konnten sie nicht sagen. Sie sp√ľrten jedoch jedes einzelne Exemplar in ihren Knochen. Warum B√ľcher lose auf Paletten gestapelt wurden, blieb ihnen dabei unerschlossen. Die Freude bei der Verteilung entsch√§digte sie wieder etwas. Geschenke, gerade in der Adventzeit, werden meistens mit viel Dankbarkeit entgegen genommen.

 

Drei Wochen sp√§ter j√§hrte sich die Gr√ľndung dieser Aktion zum f√ľnften Mal. Hierzu sollte es einen festlichen Gottesdienst geben. Durch die Kochbuchaktion war die Planung f√ľr Luise im Verborgenen geblieben. Sie erfuhr erst von den Pl√§nen, als ihre Unterst√ľtzung gefragt wurde. Innerhalb einer guten Woche sollte sie nun, mit Yvonne zusammen, zahlreiches organisieren. Zus√§tzlich gab es in der Adventzeit einige Spendenaktionen, die ebenfalls bei ihnen lagen. Luise f√ľhlte sich √ľberfordert. Der Berg an Arbeit wuchs t√§glich und als Frauke dann unmissverst√§ndlich unzufrieden war mit Luises Vorgehensweise, hielt sie diesen Druck nicht mehr aus. Auf dem Nachhauseweg brach sie im Auto in Tr√§nen aus. Zu viele Gedanken kreisten ihr mal wieder im Kopf herum. Und wie sie es auch drehte und wendete, immer gab es aus den letzten Tagen passende Worte von Silke, Frauke oder Anna-Lena, die ihr diesen L√∂sungsweg verstellten. Wie der Zufall dies wollte erblickte Luise in diesem Augenblick einen freien Parkplatz, genau vor dem Haus ihres Hausarztes. Dieser hatte am Donnerstag eine Nachmittagssprechstunde, die noch lief. Eine halbe Stunde sp√§ter ging im Verein ein Fax mit einer Krankmeldung ein. Sollten sich die drei Damen doch erst einmal allein einig werden, wie sie sich diese Veranstaltung vorstellten. Luise tat nur Yvonne leid, denn damit lag die 5-Jahrfeier in ihren H√§nden.

 

Bereits 18 Monate vorher war Luise einmal beim Arbeitsamt gewesen. Die Arbeit mit den Ehrenamtlichen machte ihr so viel Freude, aber die zahlreichen Widerspr√ľche und der damit verbundene Druck von Oben war kaum auszuhalten. Sie hatte einen Arbeitsvermittler um ein Gespr√§ch gebeten und legte ihm dabei drei anonymisierte Mails vor. Der freundliche Herr las diese und war entsetzt. Inhaltlich hatte Luise neutrale Texte gew√§hlt, aber der Umgangston erschreckte ihn. Als Luise dazu erkl√§rte, dass diese Mails alle von unterschiedlichen Vorgesetzten stammten, empfahl er ihr Bewerbungen zu schreiben und schnellstm√∂glich dort zu verschwinden. Zus√§tzlich gab er ihr noch die Information mit auf den Weg, dass bei einer K√ľndigung keine Speerfrist eintritt, wenn Mobbing nachweisbar ist. Luise verlie√ü das Arbeitsamt mit einem guten Gef√ľhl. Nun hatte sie die Best√§tigung, dass sie nicht √ľberempfindlich war und das jemand hinter ihr stand. Dies gab ihr wieder Kraft weiter zu machen.

 

Gleich zu Beginn des Jahres trafen sich Fachleute der Landwirtschaft und der Tourismusverb√§nde aus aller Welt, auf dem Messegel√§nde in Kuttlin. Dort erhielt der Verein f√ľr zehn Tage einen Stand. Abends und am Ende der Messe wurden zahlreiche Lebensmittelspenden abgeholt, die im Lager sortiert und an Wohnprojekte weiter gegeben wurden. Mit Begeisterung schrieben sich die Ehrenamtlichen f√ľr den Standdienst ein und lie√üen die Spendendosen f√ľllen. Bei Lea hielt sich die Begeisterung etwas in Grenzen. Meistens blieb es an ihr h√§ngen die Kleingeldt√ľten zu z√§hlen und zur Bank zu bringen. Luise witzelte schon immer „du hast wohl eine Kupfer- und Eisenallergie?“. Die Lebensmittelspenden begeisterten Luise auch mehr. Sie fuhr, ebenfalls ehrenamtlich, am letzten Messetag immer ins Lager und war mit dabei, wenn die Transporter kamen. Bis sp√§t in die Nacht sortierten dann zahlreiche Leute, durch die das Lager wie ein riesiger Ameisenhaufen erschien. Zum Schluss wurde alles irgendwo verstaut und verderbliches wurde noch in der Nacht verteilt.

 

Drei Wochen sp√§ter fand, ebenfalls in Kuttlin, eine Fachmesse statt, auf der die Hallen mit Obst und Gem√ľse geschm√ľckt wurden. Um diese Dekoration ebenfalls vor der M√ľlltonne zu retten, trafen sich am Nachmittag √ľber 300 Ehrenamtliche, ausgestattet mit Rollwagen und Kisten. Damit wurden die Hallen systematisch abgesammelt und in LKWs verladen, die durch zahlreiche Firmen und Institutionen zur Verf√ľgung gestellt wurden. Tonnenweise, teilweise exotisches Gem√ľse aus aller Welt, wurden dann in eine extra gesuchte Halle gebracht und am Wochenende sortiert. In den folgenden Wochen wurden die Abholungen durch die Kirchengemeinden eine wahre Wonne. Luise war in dieser Zeit viel im Lager, um all die Herrlichkeiten zu bestaunen.

Der nächste Sommer kam und die Zeiten wurden wieder ruhiger.

 

Immer wieder gingen bei Franzi Anfragen f√ľr Sch√ľlerpraktika ein. Diese organisierte sie meistens gerne. Die M√∂glichkeit als Sch√ľler in das Berufsleben herein schnuppern zu k√∂nnen, fand sie gut. Dazu gab es das Konzept, dass jeder Bereich des Vereines f√ľr ein/zwei Tage erlebt werden sollte. Die Gemeindearbeit geh√∂rte ebenfalls dazu. Luise erhielt mal wieder eine Vermittlungsanfrage von Franziska. Sie erfragte den Wohnort um die Wege nah zu halten und rief eine Gemeinde an. Meistens waren die Ehrenamtlichen sofort bereit dazu. Einen Tag Unterst√ľtzung durch einen Sch√ľler bedeutete f√ľr die zahlreichen Mittsiebziger weniger Kartons tragen zu m√ľssen und die Damen in der Verteilung nahmen sich derer gerne gro√üm√ľtterlich an. Dieses Mal machte die Tochter einer Lagermitarbeiterin ein Praktikum. Dies erfuhr Luise jedoch erst sp√§ter. Sie teilte der jungen Frau die Anschrift und den Tag mit und w√ľnschte viel Spa√ü. Sie sollte um 10:00 Uhr dort sein.
Zwanzig¬† Minuten vorher sah Luise zuf√§llig aus dem Fenster und sah √ľberrascht zu, wie die fast 18-j√§hrige Frau drau√üen stand und rauchte. Es war un√ľblich, dass die Praktikanten vorher noch ins B√ľro kamen. Daher ging Luise raus und fragte „was machst du den hier? Wenn du jetzt nicht schnell los f√§hrst, wirst du es kaum p√ľnktlich schaffen.“ Zur Antwort erhielt sie nur Schweigen. Luise fragte nach. „Hast du den Termin vergessen?“ „Nein, ich geh dort nicht hin“ erkl√§rte diese nur knapp. „Was soll das hei√üen?“ hakte Luise nach. „Ich geh dort nicht hin“ wiederholte die junge Frau nur. Luise wurde sauer. Offensichtlich war sie trotz ihres Alters nicht in der Lage die Situation zu verstehen. „Und warum nicht?“ wollte Luise nun wissen. „Ich kenne dort niemanden“ lautete die Antwort. Im Leben ist Zuverl√§ssigkeit und P√ľnktlichkeit wichtig, gerade im Berufsleben. In der heutigen Zeit wird es immer schwieriger etwas Vern√ľnftiges zu finden, da kann man sich so etwas nicht erlauben, wenn man keine HartzIV-Karriere anstrebte. Dies teilte Luise der Praktikantin unmissverst√§ndlich mit und ging ins B√ľro. Sie rief die Ehrenamtlichen an und teilte mit, dass die Praktikantin nicht kommen wird. Die Entt√§uschung war deutlich zu h√∂ren. Gerade im Sommer sind Ehrenamtliche mal im Urlaub und durch die Anfrage von Luise wurde keine Vertretung organisiert.
Entt√§uscht und etwas sauer nahm Luise ihre Arbeit wieder auf. F√ľnf Minuten sp√§ter klingelte das Telefon. Die Mutter der Praktikantin war dran. Sie war in dieser Woche krank. Sie √ľberh√§ufte Luise mit Vorw√ľrfen. „Du kannst doch meine Tochter nicht anbr√ľllen“. Dagegen werte sich Luise. Gebr√ľllt hatte sie nicht, vielleicht etwas zu direkt und harsch ihre Meinung gesagt, aber „deine Tochter ist schlie√ülich keine 12 mehr“ erkl√§rte sie der Mutter. „Sie ist erwachsen und sollte verstanden haben, dass ein Praktikumsvertrag eine Verpflichtung darstellt.“ So kam ein Wort zum anderen.

Als die Mutter zwei Wochen sp√§ter wieder im Lager war, erz√§hlte sie allen KollegInnen von Luises Verhalten, aus ihrer Sicht. Offensichtlich hatte die Tochter zahlreichen M√ľll erz√§hlt. Dies ging sogar soweit, dass sich vier Frauen zusammen taten und Luise offen anp√∂belten und beleidigten. Luise verstand langsam das Verhalten der Praktikantin. Auch die Mutter war offensichtlich dem Verhalten einer Zw√∂lfj√§hrigen noch nicht entwachsen. Der Apfel f√§llt nicht weit vom Stamm. Die Beleidigungen h√∂rten erst auf, nachdem Anna-Lena mit den Frauen im Lager ein ernstes Wort geredet hatte.

 

Immer wieder gingen bei Franziska Anrufe zu größeren Spenden ein. Dieses Mal waren es mehrere Paletten Joghurts, die zur Abholung bereit standen. Meistens blieb Luise der Grund der Spende verborgen. Sie genoss es jedoch am Fenster zu stehen und zuzuschauen, wenn die Mengen aus einem LKW ausgeladen wurden. Dann wusste sie, dass die Gemeinden wieder zufrieden vom Hof fahren werden und freute sich mit ihnen.

 

Zum Jahresanfang gab es neue Ver√§nderungen. Anna-Lena hatte sich verabschiedet. Ein anderer Job wird ihre ganze Zeit in Anspruch nehmen. Da wird die Zeit ansonsten knapp. Lothar, vor vielen Jahren als Fahrer begonnen, schrieb nun `Organisationsleitung¬ī unter seine Mails. Schon seit Oktober war er bei zahlreichen Gespr√§chen und Veranstaltungen mit dabei und wurde von Anna-Lena eingearbeitet. Ende Januar sah Luise den geeigneten Augenblick und bat Lothar um ein Gespr√§ch. Es war kurz vor Feierabend als er im B√ľro erschien und sich neben den Schreibtisch setzte. „So, was kann ich denn f√ľr dich tun?“ Auf der einen Seite gab es den Vereinsvorstand, der Luise viele Freir√§ume lie√ü, was jedoch auch bedeutete, dass sie sich nicht wirklich daf√ľr interessierten, was an Luises Arbeitsplatz alles los war. Freir√§ume klangen seinerseits gut, aber es hatte auch etwas von Lotterie. Wenn irgendjemand einen Wunsch √§u√üerte, so musste Luise bei der Entscheidung ihr Bauchgef√ľhl erst einmal unterdr√ľcken und √ľberlegte, was die Vorgesetzten wohl dazu dachten. „Wie einfach w√§re dies alles, wenn ich nur endlich eine Glaskugel bek√§me“ dachte Luise in solchen Augenblicken etwas schmunzelnd. Aber es nutze nichts, sie musste ohne Orakel ihre Entscheidungen treffen. Und dies ging selten ohne Schrammen einher. Auf der anderen Seite gab es die Ehrenamtlichen, die in den Jahren eine gute Portion Selbstbewusstsein aufgebaut hatten. Sie flehten oder erbettelten von Luise eine Zustimmung zu ihren Ideen. Was sollte sie tun? Zu oft konnte sie die W√ľnsche viel zu gut nachvollziehen.

 

Luise f√ľhlte sich seit Monaten wie in einem Schraubstock.

 

Dieses Gef√ľhl versuchte sie Lothar zu erkl√§ren. Sie hatte Andeutungen aufgeschnappt, dass personelle Ver√§nderungen in der Planung standen und sich selbst zahllose Stunden den Kopf dar√ľber zerbrochen "Was m√∂chte ich?" Diese √úberlegungen, die darauf hinaus liefen, dass sie andere Aufgaben im Verein √ľbernehmen m√∂chte, teilte sie Lothar mit. „Aber √ľberleg dir das genau“ sagte er, „ich habe mitbekommen wie schwer es Axel hatte“. Er machte Luise 20 Minuten lang die Idee madig. Luise sa√ü da wie ein begossener Pudel. Letztendlich schaffte sie es jedoch, dass Lothar zwar darauf bestand, dass sie sich noch einmal Gedanken dar√ľber machte, aber f√ľr die n√§chste Woche Gespr√§chsbereitschaft signalisierte.

 

Zwei Wochen sp√§ter, in denen Lothar weitere Gespr√§che aus Zeitmangel wie er sagte, immer wieder verschob, stand Silke vor der gro√üen Landkarte in Luises B√ľro. In dieser waren die Kirchen markiert, die Lebensmittel verteilten und dort war gut zu sehen, wo es noch `wei√üe Flecken¬ī gab. Luise ging zu ihr. „Gleich kommen zwei Herren von einer Wohnungsbaugesellschaft“ erkl√§rte Silke, „die bieten uns hier wahrscheinlich R√§ume an“. Sie deutete mit der Hand auf die Karte. In dem Gebiet gab es zahlreiche Einfamilienh√§user, aber nachdem die G√§ste in Drosselitz auch recht zahlreich erschienen, war Luise √ľberzeugt: `HartzIV-Empf√§nger gibt es √ľberall¬ī. „Das w√§re super“ erkl√§rte sie Silke. „Aber ohne Kirchengemeinde?¬† Geht dies denn?“ fragte Luise. Silke l√§chelte, „dass k√∂nnen wir als Verein doch auch“.

 

Weitere zwei Wochen sp√§ter rief Lothar bei Luise an und bat sie in sein B√ľro. Er erkl√§rte ihr, dass sie sich mehrere R√§ume anschauen k√∂nnen und entscheiden d√ľrfen, welche sie haben m√∂chten. Lothar fuhr mit Luise zur Besichtigung. √úber ihren Wunsch nach Ver√§nderung wurde nicht mehr gesprochen. Im Auto sah Luise die Gelegenheit Lothar darauf anzusprechen. „Silke sieht dich nicht in der gew√ľnschten Position“ teilte er ihr knapp mit, dann wechselte er das Thema. Luise schaute gedankenverloren aus dem Fenster. Die Fahrt f√ľhrte sie weit n√∂rdlicher als gedacht, nach Prosthausen. Beirren lies sich Luise davon nicht, auch wenn ihre Stimmung etwas gelitten hatte. Eine ehemalige Ehrenamtliche hatte mal festgestellt, eigentlich kann man an jeder Ecke eine Verteilung er√∂ffnen. HartzIV-Empf√§nger gibt es mittlerweile so viele, es werden immer welche in der N√§he wohnen. Voller Euphorie begann Luise also mit der Planung. Unterst√ľtzung wurde ihr zwar zugesichert, aber die Erfahrung, dass sich diese in Grenzen halten wird, hatte sie bereits mehrfach gemacht. Das war Luise egal. Im Internet organisierte sie eine kostenlose K√ľcheneinrichtung, die gl√ľcklicherweise Thomas abends abholte und mit einem Mann aus dem Lager wieder aufbaute. Thomas war seit einem halben Jahr bei dem Verein und hatte im B√ľro angefangen, bis er die Liebe zum fahren entdeckte. Seit dem war er unerm√ľdlich unterwegs. Von einer Nachbargemeinde erhielt sie 100 St√ľhle geschenkt, die alle gereinigt werden mussten. Den Mann aus dem Lager konnte Luise √ľberreden die gesamte Bodenfl√§che zu reinigen und, da er Handwerker war, traf er sich danach mehrfach mit Chris. Sie war ebenfalls Handwerkerin und Luise wusste, Handwerker sind nicht unbedingt auf ihren Bereich festgelegt. In den neuen R√§umen gab es zahlreiche Dinge auszubessern und zu reparieren. Luise war in den n√§chsten Wochen unerm√ľdlich unterwegs und organisierte auch an den Wochenenden im Internet einiges. Als Silke und Frauke aus dem Urlaub zur√ľck waren, ging die Presseinfo heraus, dass Ehrenamtliche gesucht wurden. Dann begann Luise einmal in der Woche den Interessenten die Aufgaben zu erkl√§ren. Unterst√ľtzt wurde sie hierbei aus dem Beirat. Nach nur zehn Wochen war es soweit. Es war Er√∂ffnung. Luise hatte anf√§nglich noch ein schlechtes Gewissen, denn es war ihr nicht gelungen die Fenster noch putzen zu lassen. Aber daran schien sich niemand zu st√∂ren.

Luise sa√ü an der Registrierung und begr√ľ√üte mit Martin die G√§ste. Dabei gab es viel zu erkl√§ren, denn die Anmeldung verlief etwas anders ab, als viele G√§ste sie aus anderen Gemeinden kannten. Das System aus Rettlingburg wurde √ľbernommen. Henriette wirbelte in den hinteren R√§umen und unterst√ľtzte das neu gebildete Team bei der Sortierung. Eine halbe Stunde vor dem Startschuss fand sich verschiedene Presse ein. Dieses Mal hatten Silke und Frauke sich Zeit genommen. Luise war froh dar√ľber mal keine Interviews geben zu m√ľssen. Lothar und Susanne hatten auch vorbeigeschaut. Etwas verwundert war Luise nur √ľber die Tatsache, dass Frauke und Silke hereinspazierten, mit der Presse sprachen und dabei mit keiner Silbe Luise oder das Team vor Ort gr√ľ√üten. Aber im Grunde kannt sie dieses Verhalten schon. Hatte Silke in einer Mail Luise mal erkl√§rt, dass sie selbst in einfachsten Mails an Ehrenamtlichen niemals von "ich" sprechen darf. Selbst "wir" ist eine Formulierung, die allein Silke selbst und h√∂chstens Frauke nutzen d√ľrfen. Mitarbeiter handelten in diesem Verein stets in dritter Person, im Hintergrund, unbeachtet und ungew√ľrdigt. Was z√§hlte war f√ľr Luise eine reibungslose Verteilung. Und gelungen war die Er√∂ffnung, denn die G√§ste schienen zufrieden. Nur das z√§hlte.

Da keine Gemeinde hinter dieser Stelle stand, wurde das Team, obwohl es durchaus nach ein paar Wochen selbstst√§ndig gewesen w√§re, nicht allein gelassen. Henriette, ihre Freundin Birgit und Luise fuhren jede Woche nach Prosthausen und behielten die F√§den in den H√§nden. Mitte Juli gelang es noch einen Transporter f√ľr diese Stelle zu bekommen. Die ersten Male fuhr Luise selbst. Dann kam Bernd, ebenfalls von Henriette angeworben. Auch wenn dieser Tag in der Verteilung eine angenehme Abwechslung zum B√ľroalltag war, so sp√ľrte Luise die fehlende Zeit doch merklich. Ganz au√üer Acht gelassen hatte Lothar in der Planung dies nicht. Kurz vor der Er√∂ffnung kamen zwei Eurojobber zu Luise ins B√ľro. Grzegorz befasste sich mit der Statistik und Beate sollte von Luise eingearbeitet werden. Wenn Luise nicht anwesend war, ging Beate an das Telefon und kl√§rte Einzelheiten mit Fahrern anderer Gemeinden, soweit sie dies konnte. Auch wenn Luise vereinzelt merkte, dass sie Einzelheiten aufschnappte und annahm, so war die Situation f√ľr Luise unbefriedigend. Sie hatte nur selten R√ľckmeldungen zu Beates Formulierungen. An eine Einarbeitung, wie Luise dies aus anderen

Arbeitspl√§tzen kannte, zeigte Beate selten Interesse. Mehrfach bat Luise sie an ihren PC um etwas mit ihr zusammen zu machen und Erkl√§rungen weiter zu geben. Beate hatte dann meistens sehr schnell etwas zu tun, verlie√ü das B√ľro und tauchte erst nach l√§ngerer Zeit wieder auf. Wo sie in der Zwischenzeit war, entzog sich Luises Kenntnis. Luise schob dies auf fehlende Motivation, denn Beate war fast 60 und in diesem Alter als Eurojobberin eingesetzt zu werden, ist sicherlich nicht spa√üig. Also nahm Luise die Unterst√ľtzung die sie bekam und schwieg.

 

An einem Mittwoch Ende Juni meldete sich der ehrenamtliche Fahrer aus Rettlingburg. Ein Filialleiter hatte ihn bei der gestrigen Abholung angesprochen und von einer Neuer√∂ffnung in einem Nachbarort f√ľr Anfang August gesprochen. Er w√ľnschte sich eine Abholung durch ihn. Er sicherte dem Herrn eine Kl√§rung zu und informierte Luise. Sie haderte mit ihrem Gewissen. Einerseits war Luise klar, dass eine Abholung dort erneuten √Ąrger mit den Fr√§sdorfern bedeutete. Andererseits gab es das ungeschriebene `Gesetz¬ī, dass die W√ľnsche der Sponsoren Priorit√§t haben. Luise rief in Fr√§sdorf an. Sie erkl√§rte die Situation und versprach die Ehrenamtlichen aus dem Nachbarort heraus zu halten, sowie die Filialleitung von einer Abholung durch die Fr√§sdorfer zu √ľberzeugen, wenn ¬†sie im Austausch in Rettlingburg ein Gesch√§ft an drei Tagen in der Woche abgaben. Luise verursachte mit diesem Vorschlag Entr√ľstung. „Dies d√ľrft ihr nicht, ihr habt unterschrieben, dass ihr nur in eurer Gemeinde abholt“. Luise stellte klar, dass der Verein in Teschen dies unterschrieben hat, die Gemeindemitglieder aus den umliegenden Orten kennen dieses Schreiben nur vom H√∂rensagen. „Andererseits“, so Luise „habt ihr dies auch mal unterschrieben“. Die Dame aus Fr√§sdorf wurde ungem√ľtlich. „Silke hat uns dies gestattet und wir ben√∂tigen die Waren aus Rettlingburg dringend, da unsere G√§stezahlen st√§ndig steigen.“ Luise versuchte es noch einmal diplomatisch. „Ein Versprechen von Silke, das vor der Gr√ľndung der Gemeindeverteilungen gegeben wurde, hat seine Grundlage verloren. Die Situation ist nun ver√§ndert. Im Fr√§sdorfer Anzeiger habe ich gelesen, dass ihr ca. 1000 G√§ste im Monat unterst√ľtzt. In Rettlingburg sind dies in jeder Gemeinde ebenfalls fast 1000 Leute und es gibt vier Stellen.“ Bei ihrer Ausf√ľhrung wurde Luise mehrfach unterbrochen. Wiederholte die Frau aus Fr√§sdorf doch beharrlich das Versprechen durch Silke, was f√ľr sie weiterhin bindend sei, so verlief das Gespr√§ch erstaunlich ruhig. Luise kochte innerlich und blieb ebenfalls beharrlich bei ihrem Argument. Sie drehten sich im Kreis. Luise wurde klar, dass niemand nachgeben wird und auf eine vern√ľnftige Sachebene wird man in diesem Telefonat auch nicht mehr zur√ľck finden. Sie erkl√§rte der Fr√§sdorferin „wir kennen nun beide Standpunkte, und durch nochmalige Wiederholung ver√§ndert sich daran nichts. √úberlegt euch was ich dem Filialleiter sagen soll. Bis zur Er√∂ffnung sind es ja noch ein paar Wochen. Ich sehe das Gesp√§rch damit als beendet an.“ Luise atmete noch drei Mal tief durch und legte dann auf. Die Fr√§sdorferin hatte nichts mehr erwiedert. Ein paar Tage sp√§ter erhielt Luise eine Mail weitergeleitet. Ein Herr aus einem Fr√§sdorfer Stadtteil hatte an Silke geschrieben. Er beschwerte sich √ľber Luise und beschimpfte sie arg. Silke wollte mit ihr √ľber diese Mail sprechen und bat sie in ihr B√ľro. Luise schrieb ein Ged√§chtnisprotokoll zu diesem Telefonat. Sie sah sich durch die Tatsache, dass Beate mitgeh√∂rt hatte, auf der sicheren Seite. Sie distanzierte sich von dem Vorwurf, die Frau aus Fr√§sdorf angeschriehen zu haben. Als Luise im T√ľrrahmen erschien, schaute Silke kurz von ihrem PC auf und fragte sie „Musste das sein?“ Luise schluckte. Dann reichte sie Silke das Schreiben mit den Worten „hier steht alles, was ich dazu sagen kann“, drehte sich um und ging zur√ľck in ihren Schreibtisch. Beate schaute sie erwartungsvoll an. „Und?“ Luise zuckte mit den Schultern. „Silke hatte vorher bereits ihre Meinung gefasst. Was ich sagte, spielte gar keine Rolle. Sie wird dich auch nicht befragen“ Dann zitierte sie Silke. Beate schaute sie ungl√§ubig an. Luise hatte fast das Gef√ľhl, dass Beate langsam begriff, welcher Wind in diesen R√§umen wehte.

Ein paar Tage sp√§ter erhielt Luise wieder eine Mail. Silke hatte dem Herrn aus Fr√§sdorf geantwortet. Sie √ľberflog zwar fl√ľchtig die Zeilen, aber schenke diesen Worten keine gro√üe Aufmerksamkeit. Sie war nicht in der Stimmung sich √ľber dieses Thema wieder aufzuregen. Eben hatte sie mit einer Ehrenamtlichen telefoniert, von der sie schon l√§ngere Zeit nichts geh√∂rt hatte. Es war ein nettes Gespr√§ch. Sie hatten viel gelacht und die Frau erz√§hlte Luise von ihrem Besuch bei ihrer Tocher und ihrem Enkelkind.
Silke best√§tigte in ihrer Mail die Vorw√ľrfe √ľber Luise und machte Erkl√§rungsans√§tze, indem sie das `hitzige Temperament¬ī beider Telefonpartnerinnen als bekannt darstellte. Zus√§tzlich machte sie einen Schlichtungsvorschlag mit einem gemeinsamen Gespr√§chstermin. Als in der folgenden Woche Lothar sich bei Luise meldete und ihr mitteilte, dass es erst in drei Wochen zu einem gemeinsamen Treffen kommen wird, weil er erst einmal Urlaub hatte, las Luise die Mail noch einmal genauer. Sie wusste nicht wieweit die Fr√§sdorfer solches Treffen w√ľnschten, aber ihr war klar `Silke und die Fr√§sdorferin in einem Raum, da hat Sachlichkeit keinen Platz¬ī. Die Gedanken drehten sich. Dann kam Luise zu einer Entscheidung. Sie ben√∂tigte Hilfe. Sie rief in Rettlingburg an und vereinbarte f√ľr n√§chsten Tag ein Treffen aller Gemeindeverteter. Das Entsetzen √ľber die Mail aus Fr√§sdorf war auch bei denen gro√ü. Sie kannten die Fr√§sdorferin zu gut und √§rgerten sich immer wieder √ľber deren Dreistigkeiten. Dabei best√§tigten sie Luise ihre Zufriedenheit mit ihrer Arbeit und der Fahrer, der die Neuer√∂ffnung gemeldet hatte, versprach seine Unterst√ľtzung bei dem Gespr√§ch. Er wollte den Standpunkt der Rettlingburger direkt vertreten. Luise war froh dar√ľber. Sie sah sich mit dem R√ľcken an der Wand. Was war da besser, als die Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen. Mit dieser Zusicherung konnte Luise beruhigt ins Wochenend gehen.

In zahlreichen Gespr√§chen mit den Ehrenamtlichen hatte Luise erfahren, dass deren Situation ebenfalls stetig angespannter wurde. Die G√§ste forderten immer gr√∂√üere Mengen. Immer wieder wurde von einer Verpflichtung gesprochen, die es nicht gab. Ein Verein kann nicht f√ľr politische und gesellschaftliche Probleme herangezogen werden. Jedoch gaben die Ehrenamtlichen diese Formulierungen allzu leicht weiter. Luise verstand dies. Hatte sie doch bei den Besuchen in den Gemeinden schon mehrfach beobachtet, wie sehr die Freude am Ehrenamt stieg, wenn mit beiden H√§nden gegeben werden kann. Einfacher wurde der Umgang f√ľr Luise durch das Verst√§ndnis¬† nicht. Zuoft sah sie sich in der Zwickm√ľhle. Ihr Verstehen stand den Vorgaben gegen√ľber.

In der folgenden Woche bat Silke sie erneut zu einem Gespr√§ch. Silke √§usserte ihren Eindruck, dass Luise nicht gut auf sie zu sprechen sei und bat Gr√ľnde zu erfahren. Luise erl√§uterte ihr, wie sie sich f√ľhlte. Genau erinnerte sich Luise sp√§ter nicht an die zahlreichen Worte. Zu emotional war dieses Gespr√§ch verlaufen und Luise √§rgerte sich w√§hrenddessen, dass sie Lea nicht zur Unterst√ľtzung dazu gebeten hatte. Zu oft hatte sie bereits die Erfahrung gemacht, dass Silke rethorisch ihr √ľberlegen war. Aber im entscheidenen Augenblick dachte sie nie daran. Was sich Luise ins Ged√§chtnis gebrand hatte war Silkes direkte Frage „Was w√ľnschst du dir ganz konkret von mir?“ Diese Worte kamen g√∂nnerhaft, fast, als wolle sie Luise sagen `ich kann alles erreichen, wenn ich will und wenn du mich nett bittest, mache ich auch etwas f√ľr dich¬ī. Luise √§rgerte sich √ľber diese Art, daher brauchte sie nicht lange nachzudenken. Auch wenn ihr bewusst war, dass Ehrlichkeit manchmal schwer verdaulich war, so sah sie hier den richtigen Augenblick. „Mehr Interesse an meinen Aufgaben, die an mich herangetragen werden, damit solche Mails, wie aus Fr√§sdorf, besser im Sinne des Vereins geregelt werden k√∂nnen und das du hinter deinen Mitarbeitern stehst und deren Entscheidungen nach aussen hin st√ľtzt.“ Silke schmunzelte. „Ja, ich stand nicht hinter dir – besser, ich stand vor dir und habe dich vor den Vorw√ľrfen aus Fr√§sdorf abgeschirmt“. Luise wurde blass. Sie hatte es wieder geschafft, was Luise nicht f√ľr m√∂glich gehalten hatte.¬† „Nein Silke“ erwiederte sie, „du hattest mich nicht gefragt wie ich das Telefonat sah, sondern durch deine Frage `musste das sein¬ī klar gemacht, dass du Herrn Dr. mehr vertraust, obwohl er das Gespr√§ch √ľberhaupt nicht mitbekommen hatte. Z√§hlt den bei dir auch die Best√§tigung durch Beate √ľberhaupt nichts?“. Dann kam das Thema Treffen zum Kl√§rungsgespr√§ch zur Sprache. Luise informierte Silke √ľber den Wunsch aus Rettlingburg bei diesem Termin dabei zu sein. Dies lehnte Silke kategorisch ab. Wieder war sie zu einem Standpunkt gekommen, ohne die W√ľnsche anderer sich erl√§utern zu lassen und zu respektieren. Letztendlich versprach Silke f√ľr die Zukunft mehr Verst√§ndnis. Luise zweifelte an der Umsetzung und f√ľhlte sich nach diesem Gespr√§ch wie durch einen Fleischwolf gedreht. Wiedermal f√ľhrte ihr direkter Weg danach zu Lea ins B√ľro. Ihr Verst√§ndnis war nur ein geringer Trost. Letztendlich war der Rat von ihr „schluck es runter…“. Diesen befolgte Luise dann auch erstmal.

Trotzdem liessen sie die Gedanken an das Gespr√§ch den ganzen Abend nicht los. Es nutzte nichts. Das Gespr√§ch war vorbei. Noch am n√§chsten Morgen, auf dem Weg zur Arbeit, f√ľhlte Luise eine bet√§ubende Leere. Diese ver√§nderte sich mit jedem Kilometer, den Luise dem B√ľro n√§her kam. Die Gedanken kreisten.`Was soll ich machen, wenn ich Silke gleich sehe, ist es gut ihr meine Gef√ľhle mitzuteilen und damit klar zu machen wie verletztend sie war, oder ist es besser die ganze Sache unter einem Schweigen zu begraben und auf neue Ereignisse zu hoffen, die diese Sache in Vergessenheit geraten lassen¬ī. Luise begann zu weinen. Sie war nicht mehr in der Lage ihre Gef√ľhle zu definieren. Auf dem halben Weg entstand ein Bauchgef√ľhl, dem Luise nachkam. Sie fuhr an der n√§chsten Kreuzung nach links und wendete. Von einer Sekunde auf die andere waren ihre Tr√§nen versiegt. Sie entspannte etwas und hatte das Gef√ľhl, ein Klo√ü im Hals l√§sst sich nun herunter schlucken.

Sie fuhr direkt zu ihrer Haus√§rztin. Sie musste ein j√§mmerliches Bild abgegeben haben, denn diese bescheinigte ihr einen Zusammenbruch. „Medikamente gibt es f√ľr sie nicht“ sagte sie zu Luise, „aber ich empfehle ihnen jeden Tag eine Bewerbung zu schreiben“. Wieder hatte Luise diesen Rat erhalten. Es ging ihr etwas besser. Auch wenn das Problem damit nicht aus der Welt war, so hatte sie nun Zeit zu entspannen und fast im Anschluss lag ihr Urlaub. Danach sah die Welt sicher schon wieder anders aus. Mittags rief Lothar bei ihr an. Er erkundigte sich nach ihr. Ihm war klar, dass den Arbeitgeber dies nicht zu interessieren hatte, aber er fragte trotzdem nach dem Grund ihres Fehlens. Kurz nannte Luise den nicht mehr aushaltbaren Druck und ma√ügeblich das Gespr√§ch mit Silke am Vortag. Sie h√∂rte wie Lothar schluckte. Auch f√ľr ihn gab es Augenblicke in denen er sich der Launen vom Vorstand ausgesetzt f√ľhlte. Das war ihm schon anzusehen gewesen.

Luise fand noch am Nachmittag im Internet eine Beratungsstelle f√ľr Mobbingopfer. Es tat gut einmal mit Unabh√§ngigen √ľber ihre Gef√ľhle zu sprechen, auch wenn sie die Gespr√§che mit Lea sehr sch√§tzte. An den zwei Tagen vor ihrem Urlaub erfuhr Luise, dass Beate offensichtlich alles im Griff hatte. Ein paar Sachen gab es, die sie liegen gelassen hatte. Aber das war auch nicht anders zu erwarten gewesen. Auch wenn Luise immer noch nicht wusste, wie Beate einiges regelte, da sie nie dabei war, so war ihr dies im Moment egal.

Zwei Wochen nach ihrem Urlaub hatte der Alltag sie wieder voll im Griff. Viel hatte sie nicht erfahren, was in ihrer Abwesenheit alles los war. „Nichts“ hatte Beate erwiedert, als Luise sie fragte. Henriette und Birgit organisierten nun in Prosthausen alles alleine, so wie es vereinbart worden war. Auch Edgar war w√∂chentlich dort. Beate war nun auff√§llig oft bei Lothar im B√ľro. Immer wieder kehrte sie zur√ľck und erz√§hlte zusammenhanglos ein paar Dinge. Luise erwiederte das eine oder andere dazu, schenkte dem Ganzen jedoch keine gro√üe Bedeutung.


Henriette war mal wieder im B√ľro, die n√§chste Vorstandsitzung stand an. Sie fragte Luise beil√§ufig, wie die Zusammenarbeit mit Beate lief. Sie erkl√§rte ihr, dass die Vertretung ganz gut gelaufen war. Zusammen arbeiteten sie wenig, eher parallel. Beate machte irgend etwas, fragt nichts und hatte sich angew√∂hnt, jede √Ąusserung von Luise zu hinterfragen. Dies geschah meistens, wenn Luise ein Telefonat mitbekam und ihr hinterher mitteilte „ich h√§tte der Person noch dies empfohlen, oder jenes gesagt“. Ganz bewusst achtete Luise auf die Formulierung, damit sie Beate keine Anweisungen erteilte. Ihre Erfahrungen, auch Silkes Standpunkt zu einigen Dingen, wollte sie ihr vermittelt. Luise war klar, wenn aus `ihrem B√ľro¬ī etwas an Silke herangetragen wurde, war sie daf√ľr verantwortlich, egal wer von ihnen dies gemacht hatte. Die Erinnerung an die Presseinfo von Svenja war noch zu allgegenw√§rtig.

 

Im Herbst hatte Luise noch einmal eine Woche Urlaub. Danach sollte die Eurojobberstelle von Beate beendet sein. √úber eine Verl√§ngerung wurde noch verhandelt. Eine Woche vorher kam Beate stralend von einem Gespr√§ch mit Lothar. Sie erkl√§rte ihr, dass ihr gerade eine Anstellung angeboten wurde, ab n√§chste Woche. Daher ist sie ab morgen in ihrem Resturlaub, damit die Vertretung gesichert ist. Luise war √ľberrascht. Noch √ľberraschter war sie, als Henriette und Lothar sie zu einem Gespr√§ch baten und ihr erkl√§rten, dass Beate und sie `auf selber Augenh√∂he, gleichberechtigt¬ī in Zukunft die B√ľroarbeit aufteilen sollten. Eine Einarbeitung bis Ende M√§rz setzten sie voraus. Dies ver√§nderte den Alltag kaum. Einarbeitung verband Luise mit der Weitergabe von Erfahrungen und Informationen. Nach ihrer Urlaubswoche erhielt sie von Beate, auf ihre Frage „Was war denn so los?“, wieder nur ein knappes „Nichts“. Beate war noch h√§ufiger besch√§ftigt im Haus unterwegs, √ľberlie√ü das Telefon dabei Luise. Auf die Frage hin „was machst du gerade?“ erhielt Luise ein schweigen. In der Zwischenzeit hatte Beate auch Informationen von Lea mit den Worten „Ach komm, h√∂r doch auf!“ kommentiert, was Luise etwas beruhigte, da das Misstrauen damit nicht an ihr liegen konnte. Trotzdem fragte sie Beate eines Tages „Sag mal, Beate, was hat dich eigentlich veranlasst mir nicht mehr zu glauben?“ als sie wiedermal diesen Satz h√∂rte. Beate verliess das B√ľro mit zielstrebigem Gesichtsausdruck und entzog sich wiedermal einer Antwort. Daraufhin beschloss Luise in der Nikolauswoche Henriette um Rat zu fragen. Sie berichtete von ihren Beobachtungen. Henriette betonte die Einarbeitungspflicht und das Miteinaner auf selber Augenh√∂he und versprach mit Beate zu reden. Gleich im Anschluss wurde Beate zu ihr gebeten. Wieder zur√ľck im B√ľro, sa√üen sie zu dritt dort und arbeiteten still vor sich hin. Luise sah mal wieder in ihre Mails und entdeckte ein paar Zeilen von Beate, bei denen sie in Kopie gesetzt worden war. Es betraf eine Anfrage an beide, zu der sie sich abstimmen sollten. Nun hatte Beate dies fr√ľher gelesen und unmittelbar geantwortet. Luise fragte, ohne Beate dabei anzuschauen „Ach, du hast ja schon geantwortet, warum hast du diese Mail nicht eben mit mir abgestimmt. Ich war doch hier?“ Beate erkl√§rte, Luise sah so besch√§ftigt aus, da wollte sie nicht st√∂ren und ansonsten war die Antwort doch klar. Luise drehte sich zu Henriette um. In ihrem Gesicht sah Luise gro√üe Fragezeichen, daher erkl√§rte sie „ich m√∂chte bitte in Zukunft gefragt werden, wenn du in meinem Namen eine Mail versendest“. Im Stillen hoffte Luise, dass Henriette durch diese Szene sie nun verstand. N√§chsten Tag lief Luise wohl ohne L√§cheln im Gesicht durch die R√§ume, als sie Lothar traf. Er fragte sie „und alles in Ordnung?“ Sie berichtete ihm von dem Gespr√§ch mit Henriette und ihrer Ratlosigkeit zur Einarbeitung. „Ach du machst das schon“ sagte dieser und ging weiter seinen Weg. Luise f√ľhlte sich allein gelassen.

 

Das neue Jahr war gerade 14 Tage alt, als Lothar f√ľnf Minuten vor der Teambesprechung bei Luise und Beate im B√ľro erschien. Er erkl√§rte, dass nur noch einer von ihnen daran teilnehmen sollte, wer, sollten sie entscheiden. Da Luise f√ľr diesen Termin zwei Themen vorgemerkt hatte, bat sie den Anfang machen zu d√ľrfen. Lothar entschied daraufhin spontan, „Beate geht heute!“ und lie√ü in seinem Gesichtsausdruck keinen Zweifel, dass dies eine Aufforderung war, das B√ľro sofort zu verlassen. Luise gab Beate noch schnell einen Zettel mit den Themen und bat um Kl√§rung. Als sie allein waren gab Lothar ihr ein Schreiben. Luise begann zu lesen. Er dr√§ngelte. „Unterschreib mal schnell, ich muss dann auch in die Besprechung“. „Danke, ich besitze schon eine Waschmaschine“ witzelte Luise und starrte weiter auf das Blatt in ihrer Hand. Schon die √úberschrift machte ihr klar `hier sind Witze nicht angesagt¬ī. Sie versprach ihm das Schreiben nach der Besprechung abzugeben, damit wollte er sich jedoch nicht zufrieden geben. `Arbeitsanweisung¬ī la√ü Luise. Es ging um die Best√§tigung, dass sie sich der Pflicht zur Einarbeitung von Beate bewusst war. In einem zweiten Absatz, betitelt mit `Nebenabrede¬ī wurde Luise mitgeteilt, dass √úberstunden am 31.03. des Folgejahres verfallen, wenn sie nicht als Freizeitausgleich genommen wurden. „Dies gilt ab jetzt oder auch f√ľr die Stunden aus der Vergangenheit?“ fragte sie misstrausch. Lothar best√§tigte ihr, dass er alle Stunden meinte und dr√§ngte sie erneut zur Unterschrift. Er wollte nicht zu sp√§t zur Besprechung kommen. Luises Gedanken drehten sich mal wieder. Sie f√ľhlte sich wieder mit dem R√ľcken an der Wand und unterschrieb. Als sie wieder alleine war begann sie zu rechnen. Lea stand als Beraterin nicht zur Verf√ľgung. Sie war ebenfalls in der Sitzung. Dass durch die alleinige Teilnahme die Kommunikation untereinander gef√∂rdert werden sollte, war Luise gleich klar gewesen. `Aber die Sache mit den √úberstunden?¬ī Luise schaute auf die zahlreichen Zeiterfassungsb√∂gen und erkannte schnell, dass ihre Stunden nicht in dem gerade vergangenen Jahr zusammen gekommen waren. In der Zeit, seit Yvonne nicht mehr dort war, hatte sie vieles alleine erledigen m√ľssen. Da sa√ü sie so manchen Abend recht lange.

 

Als Beate zur√ľck war erz√§hlte sie ihr von dem zweiten Absatz. Auch sie war entr√ľstet. Luises Bitte, unmittelbar, also ab morgen, ihre Stunden abbummeln zu d√ľrfen, bef√ľrwortete Beate daher auch sofort. Blo√ü bat sie um eine zweit√§gige Unterbrechung, da sie einen Termin hatte und das B√ľro ansonsten unbesetzt w√§re. Luise stimmte dem zu und teilte Lothar mit, dass sie in den n√§chsten dreieinhalb Wochen zuhause bliebe. Es war Lothar anzusehen, dass er ein Veto herunter schluckte, er verstand Luises Reaktion. Sie musste schliesslich ihren Freizeitausgleich nehmen. Auch stand in dieser Zeit wieder die Fachmesse auf dem Programm, so dass Luise nun Zeit f√ľr Standdienst, ehrenamtlich versteht sich, hatte. Beate sah sie am Abend beim Abbau, als sie im Lager aushalf. Sie war wenig gespr√§chig und Luise erhielt wieder ein knappes „Nichts“ auf ihre Standardfrage. Diese hatte sie sich vor Zeiten angew√∂hnt, als Anna-Lena ihr mal erkl√§rte `Informationsschulden sind Hohlschulden¬ī, als sich Luise beschwerte, dass sie nicht informiert wurde.

 

Sie genoss die freie Zeit sehr und interessierte sich nicht weiter um die Vereinsarbeit. In diesem Jahr feierte der Verein 20-j√§hriges Bestehen. Aber Luise hatte bereits beschlossen, damit sie in ihrer Freizeit ehrenamtlich daf√ľr t√§tig wurde, mussten schon sehr au√üergew√∂hnliche Aktionen auf dem Programm stehen.

Am letzten Abend schaute Luise im Internet nach ihren Dienstmails. Sie wollte sich einen √úberblick verschaffen, ohne sich wieder ein `Nichts¬ī anh√∂ren zu m√ľssen. Dabei wunderte sie sich √ľber ein paar Zeilen und fand in keiner anderen Mail den Zusammenhang. So schaute sie im Papierkorb nach. Was sie dort fand, brachte sie wieder mal aus der Fassung. Beate hatte mehrere Mails, eine sogar ganz privat an Luise, einfach gel√∂scht. Offensichtlich wollte sie ihr bewusst Informationen vorenthalten. `Vermindert entspannt¬ī wie sie mit Lea diesen Zustand immer wieder kopfsch√ľttelnd betitelte, ging sie schlafen. Irgendwie kamen Luise diese Situationen absurd vor. Doch bereits beim Fr√ľhst√ľck drehten sich mal wieder ihre Gedanken. „Welche Vorgehensweise war die schlauste?“ √ľberlegte sie. Sollte sie mit Beate oder erst mit Lothar reden, Henriette anrufen und sie um Rat und Hilfe bitten? Auf dem Weg ins B√ľro nahm sich Luise ganz fest vor, Lothar um einen erneuten Gespr√§chstermin zu bitten. Sie war am √ľberlegen, ob sie Lea und Silke dazu bitten sollte. Doch im B√ľro wurde sie von einer Mail begr√ľ√üt. Diese war vom letzten Abend. Lothar bat zu 10:00 Uhr in den Besprechungsraum. Toll dachte Luise noch, dann brauche ich nicht aktiv zu werden. Dass Beate dabei sein sollte ignorierte sie erst einmal. √úberraschender Weise war Henriette anwesend. Lothar formulierte recht vorsichtig, so schien es Luise „Wir haben den Eindruck, dass du dich, trotz Unterschrift, weiterhin verweigerst, Beate einzuarbeiten. Was kannst du dazu sagen?“ Sie schaute alle drei Anwesende ruhig an und begann. „Seit der Unterschrift hatte ich mit Beate nicht mehr zusammen gearbeitet. Ansonsten m√∂chte ich an die Gespr√§che im Dezember erinnern, in denen ich um Rat zur Einarbeitung bat. Ich zeigte auf, dass ich mich mit meinem Latein am Ende sehe und Beate in meinen Augen resistent gegen√ľber meiner Art der Einarbeitung scheint.“ Sie wunderte sich √ľber ihre eigene innere Ruhe. Luise hatte das Gef√ľhl diese Szene von au√üen zu beobachten und nicht selbst Teil davon zu sein. Zum ersten Mal vermisste sie keine neutrale Unterst√ľtzung durch Lea. Lothar formulierte den n√§chsten Vorwurf. „Weiter haben wir den Eindruck, dass du, unabh√§ngig von Beate, generell jeden `wegbei√üen¬ī w√ľrdest, der mit dir im Team zusammen arbeiten soll“. Er nutzte diese Formulierung, die Anna-Lena gepr√§gt hatte. Luise erinnerte an die Zeit mit Yvonne und dass diese doch ein Zeichen daf√ľr sei, dass dem nicht so war. Zwischenzeitlich wurde Beate aus dem Raum gebeten. Als sie ging, redete Luise einfach weiter. Der Grund f√ľr diese Entscheidung blieb Luise verborgen. W√§hrend ihrer Ausf√ľhrung wurde sie mehrfach von Lothar unterbrochen. Was sie jedoch merkw√ľrdiger Weise nicht aus der Ruhe brachte. Lothar wiederholte seinen Eindruck zur Verweigerung und erg√§nzte „daher sehen wir uns gezwungen dir eine Abmahnung zu erteilen“. Luise schaute Henriette an. Sie hatte einen Gesichtsausdruck, als ob sie einen sauren Drops im Mund hatte und nickte zustimmend. Irritiert blickte Luise zu Lothar. Er nickte ebenfalls leicht und schaute Luise direkt in die Augen. Dabei versuchte er freundlich zu erscheinen, verkniff sich jedoch einen leichten Anflug von einem L√§cheln. Luises Bauchgef√ľhl √ľbernahm. F√ľr Logik war diese Situation zu abstrakt. Sie stand ganz langsam auf, schaute Lothar ebenfalls in die Augen und erwiderte „wenn ihr dies so seht, dann sehe ich keine M√∂glichkeit f√ľr eine weitere Zusammenarbeit. Ich entscheide mich daher lieber f√ľr 360 Tage ALGI“. Luise drehte sich um, stellte den Stuhl an den Tisch und verlie√ü den Raum.

 

Ihr direkter Weg war wieder in Leas B√ľro. Sie war gerade total in Hektik und hatte kaum ein Ohr. Luise erkl√§rte ihr nur kurz „ich komme nachher noch einmal hoch, ich habe gerade gek√ľndigt und gehe jetzt packen“. Lea blieb mitten im Satz der Mund offen stehen. Mit weiten Augen schaute sie Luise an. Diese lie√ü Lea mit dieser Neuigkeit allein. Als Luise ins B√ľro kam, war Beate bereits auf dem Weg nach oben.

 

Luise setzte sich an den PC und schrieb eine `Bitte um einen Aufl√∂sungsvertrag¬ī. Die K√ľndigungszeit √ľber noch weiter zu arbeiten, dazu sah sie sich nicht in der Lage. Danach ging sie ins Lager und holte sich eine Klappkiste. Luise sortierte die pers√∂nlichen Dinge aus ihrem Schreibtisch. Davon hatten sich in sechs Jahren zahlreiche angesammelt. In der Zwischenzeit bot sich ihr immer wieder wechselnder `Besuch¬ī. Luise hatte den Eindruck, in den oberen B√ľros ging es zu wie in einem Ameisenhaufen, an dem sich ein Wanderer mit einem Stock zu schaffen gemacht hatte. Nach 20 Minuten erschien Silke. Sie war angerufen worden. Sie setzte sich an Beates Schreibtisch, Luise gegen√ľber, und fragte resolut „Was ist denn hier eigentlich los?“ Luise gab ihr das Schreiben. Silke lass und stellte trocken fest „na ja, dies ist ja auch von langer Hand geplant.“ Dieser Satz sollte bei Luise letztmalig Verwunderung ausl√∂sen. „Wie kommst du darauf?“ fragte sie. „Dieses Schreiben ist viel zu perfekt formuliert, als dass du dies eben geschrieben haben kannst.“ „Genau deshalb gehe ich jetzt“ erwiderte Luise, ihre Packt√§tigkeit unterbrechend. „Sechs Jahre verkannte Talente“. Danach h√∂rte Luise von Silke nur noch Formulierungen, wie „√ľbereilte Einscheidung“, „wir k√∂nnen doch √ľber alles reden“, „du wirst diesen Schritt bereuen“. Luise packte weiter und dementierte Silkes Worte lediglich vereinzelt. Irgendwann, Luise hatte nicht mehr auf die Zeit geachtet, sa√ü Silke zusammengesunken auf dem Stuhl und fragte recht kl√§glich: „Und, was wird jetzt?“ Luise unterbrach ihr Packen erneut, lehnte sich √ľber den Schreibtisch zu Silke her√ľber, begann zu l√§cheln und sagte „ich werde nicht krank, ist doch sch√∂n, nicht?“ Silke sprang wie gejagt auf und verlie√ü das B√ľro.
Luise holte ihr Auto vor die T√ľr, lud die Kiste ein und begann ihren Rundgang durch das Haus. Nicht zu jedem war die Neuigkeit bereits vorgedrungen und sie wollte sich schlie√ülich von denen verabschieden, mit denen sie gerne zusammen gearbeitet hatte. Lothar unterbrach sie jedoch dabei und zitierte sie heraus. Es war in der Zwischenzeit, aus aktuellem Anlass, ein Sondermeeting anberaumt worden. Silke und Lothar, wahrscheinlich auch Henriette, wollten ihre Version der Geschehnisse darstellen.

 

Luise stieg in ihr Auto und dachte noch einmal kurz an die Ehrenamtlichen. Das Gef√ľhl, diese im Stich gelassen zu haben, kam dieses Mal nicht auf. Ihr Handeln f√ľhlte sich bedingungslos richtig an.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich danke denen, die mich zu diesen Zeilen ermuntert haben und durch kritische Kommentare den Text zu dem gemacht haben, was er nun geworden ist. Sie wissen schon wer gemeint ist.

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LailaSeeliger

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Gast Konnte gar nicht aufh√∂ren zu lesen... Spannend... Und es menschelt in jedem Absatz. Beste W√ľnsche f√ľr die Zukunft von Luise.
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