Romane & Erzählungen
Das papierne Gefängnis - Teil 12

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"Die Macht des Symbols..."
Veröffentlicht am 07. August 2013, 62 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Über den Autor:

Mit Vorliebe schreibe ich Drabbles, Krimis und Kurzgeschichten... Ich liebe diese fabelhaft pointierten Miniatur-Geschichtchen. Zur Abwechslung schreibe ich auch gern mal eine erotische Geschichte... Ansonsten hoffe ich auf viele geneigte Leser und freue mich über jeden ehrlich gemeinten Kommentar. Zwei Städte sind mir neben Berlin besonders wichtig: Paris und Venedig... 09.Mai 2015 Ich habe heute erfahren, dass Silvi Bredau ...
Die Macht des Symbols...

Das papierne Gefängnis - Teil 12

 

Bleistift




Das papierne Gefängnis


Teil 12


Die Macht des Symbols...




 


Erzählung

Das papierne Gefängnis... Teil12

Die Macht des Symbols...

Pünktlich fünfzehn Minuten vor der vereinbarten Zeit traf ich am nächsten Tag in der französischen Botschaft ein. Der Botschafter, ein überaus smarter Mann im vorgerückten Alter, gab mir schnell die Hand und verzog sich aber wieder hinter seinem Schreibtisch. Dann schaute er mit wichtiger Miene auf seine goldene Rolex-Armbanduhr und sagte, »Monsieur Sommerfeld, Sie haben genau zehn Minuten, mir ihr Anliegen vorzutragen. Sollte es mich allerdings nicht tangieren, ist

dieses Gespräch augenblicklich beendet.« Ich nickte, »Selbstverständlich, Herr Botschafter.«

Dann berichtete ich ihm in ausgewählten und wohldurchdachten Worten von der ziemlich geheimnisvolle Geschichte mit dem geheimen wissenschaftlichen Experiment seiner Landsleute im preußischen Berlin des Jahres 1902. Geduldig hörte mir der Botschafter bis zum Schluss zu und als ich mit meiner Geschichte zu Ende war, beugte er sich vor und sah mir in die Augen, »Monsieur Sommerfeld, was glauben Sie, wen Sie vor sich haben, einen Volltrottel? Wen glauben Sie mit diesem Quatsch beeindrucken zu können? Das glaubt Ihnen doch kein Mensch!« Er sprach die Worte ruhig und

gelassen aus, er wurde nicht wütend und hatte sich vollkommen im Griff. Ich hatte mit einer weitaus heftigeren Reaktion gerechnet. Sogar mit einem Rauswurf. Nichts dergleichen jedoch geschah, er sprach weiterhin in einem sehr ruhigen Tonfall mit mir, aber…

...er beendete dieses Gespräch auch nicht. »Nun, Herr Botschafter, lassen Sie uns doch nur für einen Moment von der Hypothese ausgehen, ich hätte recht und diese ganze abenteuerliche Story entspräche im vollen Umfang, in allen Punkten der Wahrheit. Was glauben Sie, würde die Presse und die Medien dazu sagen, wenn ich neben dieser handfesten Story zugleich auch einen glasklaren und unwiderlegbaren Beweis für meine These präsentieren würde. Was

glauben Sie, würde das für ein Licht auf die Republik Frankreich werfen? Einige der berühmtesten Wissenschaftler Frankreichs haben im Jahr 1902 in Berlin ein Experiment mit lebenden Menschen durchgeführt und sie dann über 110 Jahre lang lebendig begraben. Was glauben Sie, welche der großen deutschen Boulevardgazetten würde sich am meisten darüber die Hände reiben und mir einen Millionenhonorar für diese phantastische Geschichte bieten?«, bluffte ich. Der Botschafter erhob sich aus seinem Sessel, ging zum Fenster, kehrte mir den Rücken zu und schaute hinunter auf die Straße. Mit auf dem Rücken verschränkten Händen stellte er mir nach einer Weile eine bedeutsame Frage,

»Nehmen wir nur einmal rein hypothetisch für einen kurzen Augenblick an, Ihre Aussage entspräche zumindest teilweise tatsächlich der Wahrheit. Was verlangten Sie dann als Gegenleistung für Ihr Schweigen?«

Ich lächelte, »Sie werden es kaum glauben, Herr Botschafter, Euer Exzellenz, aber ich verlange nichts, oder besser gesagt, fast nichts...«

Er drehte sich überrascht zu mir herum und war offensichtlich sehr erstaunt über meine Antwort. »Wie nichts? Weshalb sind Sie denn überhaupt hier?« »Nun, ich bin vor allen Dingen deshalb hier, weil ich möchte, dass die betreffende Versuchsperson einfach nur ihren Status als

französische Staatsbürgerin wiedererhält und anschließend auch wieder einen gültigen französischen Pass in ihren Händen hält. Nicht mehr und nicht weniger.«

Der Botschafter lachte, »Sie beginnen mich langsam zu amüsieren, Monsieur Sommerfeld. Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass sich die Republik mit dieser obskuren, ja fast bin ich geneigt zu sagen, geradezu abenteuerlichen Geschichte von Ihnen damit erpressen lässt.« »Das ist keine Erpressung, Herr Botschafter, denn diese Frau besaß ja schließlich einmal die französische Staatsbürgerschaft. Sie hat sie in der ganzen Zeit übrigens niemals verloren. Es geht nur darum, die Form der heutigen Zeit angemessen anzupassen.«,

erwiderte ich. »Außerdem glaube ich kaum, dass sich die Republik Frankreich ebenso der Lächerlichkeit preisgeben will, wie es im Jahre 1906 der deutsche Kaiser unfreiwillig getan hat, als er dem Schuster Wilhelm Voigt das Recht auf einen Pass verweigerte. Und dieser dann daraufhin in einer äußerst medienwirksamen und spektakulären Aktion den preußischen Militärstaat vorführte. Auch bekannt, als der Hauptmann von Köpenick. Ich denke, dieser Fakt dürfte selbst Ihnen hinlänglich bekannt sein Herr Botschafter, denn auch dort ging es damals lediglich um das Ausstellen eines gültigen Passes.« Der Botschafter schwieg eine geraume Zeit. »Sie argumentieren sehr geschickt, Monsieur Sommerfeld, das traut man Ihnen so auf

Anhieb gar nicht zu.« »Danke, Herr Botschafter, aber ohne Not hätte ich es gewiss nicht gewagt, Euer Exzellenz mit solchen Dingen zu belästigen.«, gab ich zurück. Der Botschafter indes konnte sich ein Lächeln jedoch nicht verkneifen. »Sie gestatten aber, bevor wir überhaupt etwas unternehmen, dass wir die von Ihnen genannten Fakten auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen müssen.«, meinte er resolut. »Ich bitte förmlich darum, Herr Botschafter, denn wir haben absolut nichts zu verbergen.«, bestärkte ich ihn in seiner Meinung. »Dann bräuchte ich zunächst einmal die Personalien jener Dame und im Übrigen die aller beteiligter Personen, sowohl von französischer, als auch von deutscher Seite,

wie Sie sicher verstehen werden.« »Natürlich. Also da wären zuallererst die Versuchsperson selbst, Charlotte Bonnet. Sie wurde am 14. Februar 1875 in Paris, als siebentes Kind und einzige Tochter des Schreiners Jaques Bonnet und dessen Ehefrau Irene Bonnet geboren. Beide Eltern starben jedoch noch bevor Charlotte ein Jahr alt war. Sie kam daraufhin in einem Pariser Waisenhaus unter. Weiterhin wären da noch die beiden Curies, die bekanntlich über jeden Verdacht erhaben sein sollten und die preußische Physikerin, Frau Doktor Elsa Neumann. Sie wurde am 23. August 1872 in Berlin geboren und starb leider in sehr jungen Jahren, am 23. Juli 1902 ebenfalls in Berlin. Wir nehmen an, dass ihr früher tragischer Tod

die Ursache zum Abbruch, oder zum Vergessen des Experimentes gewesen sein könnte.«, berichtete ich dem Botschafter, der sich währenddessen ein paar Notizen gemacht hatte. »Wo befindet sich die überlebende Versuchsperson im Moment, Monsieur Sommerfeld?«, kam prompt die Frage des Botschafters hinterher geschossen.

Jetzt musste ich allerdings grinsen, »Nun, Sie können davon ausgehen, dass sie sich in Sicherheit befindet, Herr Botschafter und zu gegebener Zeit werden Sie sie natürlich zu Gesicht bekommen und dann selbstverständlich auch mit ihr reden können.« Ein leises, aber verständnisvolles Lächeln huschte über das markante Gesicht des

erfahrenen Diplomaten. Im Anschluss an meine Ausführungen betätigte er einen Klingelknopf und kurz darauf betrat der mir suspekte Sekretär des Botschafters den Raum. Der Botschafter flüsterte kurz mit seinem Sekretär und übergab ihm dann den Notizzettel, über dessen Inhalt ich dennoch zu gern mehr Kenntnis gehabt hätte Während der Botschafter noch etwa zehn Minuten angeregt mit mir plauderte, wurde meine Legende offenbar bereits einem ersten Schnelltest unterzogen. Denn bereits eine viertel Stunde nach diesem Gespräch erschien der Sekretär wieder und reichte seinem Chef stumm einen voll beschriebenen A4-Zettel. Der Botschafter kehrte mir wieder den Rücken zu und studierte im hellen

Tageslicht intensiv, das ihm gereichte Blatt. Danach faltete er den Zettel zusammen und legte ihn auf seinen Schreibtisch. Er wandte sich zu mir herum, »Auch wenn sich scheinbar einige der persönliche Daten mit ihrer Aussage zu decken scheinen, Monsieur Sommerfeld, so werden Sie verstehen, dass wir ihren Hinweisen, bezüglich des von Ihnen genannten Experimentes und der angeblich daran beteiligten Personen natürlich noch genauer nachgehen müssen. Über unser weiteres Vorgehen bis zu einer definitiven Entscheidung werden wir Sie gegebenenfalls baldmöglichst informieren. Bitte unternehmen Sie nichts, bevor wir die Sache nicht endgültig geklärt haben, Monsieur Sommerfeld. Sollten

sich aber dennoch irgendwelche Hinweise in der Presse oder den Medien finden, die über den von uns besprochenen hypothetischen Fakt berichten, so betrachten wir dieses Gespräch als nie geführt, Monsieur Sommerfeld. Ich denke, Sie haben dafür vollstes Verständnis.« »Natürlich, Euer Exzellenz.«, bemühte ich mich zu versichern. »Ich lasse Ihnen nur schon mal ein Passbild jener betreffenden Person da, um die es geht. So kann ich Ihnen wohl am besten behilflich sein, wenn Sie die Person bereits schon mal visuell im Ausschlussverfahren checken lassen wollen.« »Sie handeln sehr umsichtig und durchaus mit taktischem Geschick, wenn ich diese Formulierung einmal benutzen darf.«, sagte

der Diplomat und schaute sich das Passfoto von Charlotte an. Er lächelte. »Darf man auch erfahren, welcher Profession Sie nachgehen, Monsieur Sommerfeld?«, fragte der Botschafter. Ich reichte ihm meine Karte, »Privatdetektiv, ich bin nur ein kleiner, unbedeutender Privatdetektiv, der eine dubiose Leidenschaft für alte Schachbücher besitzt, Euer Exzellenz.«

Der Botschafter nickte abermals lächelnd, »Oh, das erklärt dann natürlich so einiges, Monsieur Sommerfeld.« Er machte ein freundliches Gesicht und gab mir erneut die Hand. »Es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen.« »Die Freude war ganz meinerseits, Herr Botschafter, habe die Ehre.«

Damit war ich entlassen und die Audienz beendet. Die Saat war nun ausgebracht und ich hegte durchaus die berechtigte Hoffnung, dass sie nicht auf ganz unfruchtbaren Boden gefallen war. * Die nächsten zwei Wochen vergingen wie im Fluge und Charlotte lernte sehr schnell. Sie war intelligent und wissbegierig. Ständig fragte sie mich etwas Neues und erwartete auf alle Fragen stets eine kompetente und sachkundige Antwort. Mit dem Internet lernte sie bald schneller und pfiffiger umzugehen, als ich es ihr erklärt hatte. So konnte ich ihr auch einige kleinere Aufgaben aus meiner Detektei zur Recherche übertragen, die sie sogar mit

Bravour löste. Eines Tages, um die Mittagszeit klingelte das Telefon und der Sekretär des französischen Botschafters war am Apparat. Er fragte mich ganz unverblümt, ob ich noch an dem 'Fall Bonnet‘ interessiert wäre. Als ich ihm versicherte, dass mein Interesse an der Sache nach wie vor ungebrochen sei, bestellte er mich auf den Nachmittag in die Botschaft ein, um den 'Fall Bonnet‘ endgültig abzuschließen, wie er es nannte. »Und vergessen Sie bitte nicht, ihre kleine charmante Freundin mitzubringen, Monsieur Sommerfeld, damit sich der Herr Botschafter selbst ein Bild von jener sagenumwobenen Dame aus dem 19. Jahrhundert machen kann.«, gemahnte mich der Sekretär und

beendete erneut abrupt das Gespräch. Mir gefiel seine Art nicht und schon gar nicht die Formulierung, wie er Charlotte bezeichnet hatte. Auf mein Zeichen hin, hatte Charlotte mit dem Zweithörer das Gespräch mit angehört. Verstört stellte sie das mobile Telefon wieder in die Ladebox. »Ich habe kein gutes Gefühl bei diesem Gespräch gehabt, mon amour, dieser Mensch führt nichts Gutes im Schilde.«, sagte sie leise. Ich hatte genau denselben Eindruck. Auch mich beunruhigten seine Worte und vor allem aber die zutiefst abscheuliche Grabeskälte in seiner Stimme. »Aber wir kommen nicht drumherum, wir müssen leider dorthin. Unser Vorteil ist, dass wir vorgewarnt sind und vorgewarnt, heißt

auch vorbereitet sein.«, versuchte ich Charlotte etwas zu beruhigen. Sie nickte, aber man sah ihr ihre Angst vor einer Falle sehr genau an. Wie oft konnte sie den Angriffen noch ausweichen, noch zumal sie das Gefühl hatte, in die Höhle des Löwen zu gehen, wie sie mir selbst sagte.

»Du machst dort keinen Schritt ohne mich, ich werde immer an deiner Seite sein und ich werde dich keinen einzigen Augenblick aus den Augen lassen, mon chérie. Sei also unbesorgt, es kann dir nichts geschehen, denn ich werde es nicht zulassen. Ich verspreche es.«, sagte ich und nahm sie fest in meine Arme. Am späten Nachmittig kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreichten wir das neuerbaute,

unspektakuläre Botschaftsgebäude. Der Tag war dämmrig und diesig. Die Sonne war anscheinend überhaupt nicht richtig aufgegangen und ein eiskalter Nebel senkte sich vor der herannahenden frühen Abenddämmerung herab. Drei Tage noch bis zu Charlottes Geburtstag. Welchen, das wollten wir dann klären, wenn alles vorbei, geregelt und in trockenen Tüchern wäre. Noch bevor ich den Klingelknopf an der Eingangspforte drücken konnte, ertönte der Summerton an der Türöffnung. »Rat‘ mal wer zum Essen kommt?«, sagte ich und betrat mit Charlotte das Gebäude. Selbstverständlich wurden wir bereits erwartet, denn man hatte uns schon bei der Annäherung an das Botschaftsgebäude

ausgemacht. Hinter uns fiel die Tür fest ins Schloss und als ich mich kurz umdrehte, registrierte ich, dass diese Tür keine Klinke hatte, sondern nur einen Knauf. Kein gutes Zeichen, dachte ich noch. Aber auf der Treppe empfing uns ein smarter Angestellter der Botschaft, der uns sehr freundlich begrüßte und in die Räumlichkeiten des Botschafters führte. Er bat uns in den breiten Polstersesseln des geräumigen und modern eingerichteten Büros Platz zu nehmen. In Kürze würde uns der Botschafter aber zur Verfügung stehen, eine dringende dienstliche Angelegenheit habe leider zu einer kleinen Verzögerung geführt. Dann verschwand er durch eine Seitentür und ich hatte nicht einmal sehen können, wie er sie geöffnet hatte.

Minutenlang tat sich gar nichts und ich hielt nur Charlottes Hand fest. Plötzlich öffnete sich die Flügeltür und der Botschafter kam uns freundlich und überschwänglich gut gelaunt entgegen. »Aha, wen sehe ich, Madame Bonnet! Ich habe schon viel von Ihnen gehört und freue mich Ihnen endlich persönlich begegnen zu können. Und Monsieur Sommerfeld, welche Freude, Sie zu sehen. Ich bin untröstlich, dass Sie etwas warten mussten, aber nun ist alles geregelt. Ich kann Ihnen gleich zu Anfang eine große Überraschung mitteilen, Madame Bonnet...«, wandte er sich nun direkt an Charlotte und überschüttete sie quasi überfallartig mit einer wahnsinnig schnellen Rede in französischer Sprache, der ich

absolut nicht folgen konnte. Ich bekam nicht einmal den Sinn dieser Rede mit, bei dem ein Wort das andere jagte, während der smarte Botschafter wie ein hochtalentierter Bühnenkünstler großartig mit den Händen gestikulierte und mit einer Vielzahl von Worten regelrecht jonglierte. Was dann geschah, überraschte mich mindestens genau so, denn Charlotte beantwortete seine Rede mit einen brillanten, eloquenten Feuerwerk an Redewendungen und sich übersprudelnden Sätzen, wie sie nur eine leidenschaftliche Französin hervorbringen kann. Plötzlich hob der Botschafter beide Arme und rief: »Bon, Madame Bonnet, Sie haben mich überzeugt.« Auf mein Fragezeichen im Gesicht antwortete er wie entschuldigend, »Voila, Monsieur

Sommerfeld, ich selbst konnte mich soeben sehr deutlich davon überzeugen können, dass Madame Bonnet tatsächlich eine waschechte Pariserin ist, nur damit es Ihnen hilft diese rasante Situation etwas besser zu verstehen. Weiterhin habe ich ihr zu verstehen gegeben, dass der Präsident der Republik von seinem Recht Gebrauch gemacht hat, Madame Bonnet die von Ihnen beantragte französische Staatsbürgerschaft rechtskräftig zuzuerkennen, obwohl noch nicht einmal alle wirklich wichtigen Fragen zu diesem geheimen wissenschaftlichen Experiment von 1902 umfassend geklärt werden konnten. Aber wenigstens hinsichtlich ihrer Herkunft scheinen nun keinerlei Zweifel mehr zu bestehen und das hat mich und damit den

Präsidenten in erster Linie überzeugt. Das heißt, ein ganz kleines Identitätsproblem gibt es trotzdem noch. Und sollten Sie tatsächlich jene Charlotte Bonnet sein, für die Sie sich ausgeben, dann dürfte es Ihnen auch überhaupt keinerlei Mühe bereiten, uns von ihrer wahren Identität zu überzeugen. Richtig ist, dass wir keine Sterbeurkunde einer 1875 geborenen Charlotte Bonnet gefunden haben, was aber noch gar nichts bedeutet. Sie könnte ausgewandert sein oder das Schicksal könnte sie in den Wirren zweier Weltkriege nach sonst irgendwohin verschlagen haben und so weiter.« Der Botschafter machte eine Pause und fuhr dann fort, »Aber auf der Geburtsurkunde jener wahren Charlotte Bonnet wurde ein klares, signifikantes

Identifizierungsmerkmal schriftlich exakt festgehalten, Sie wissen nicht zufällig, Madame, wovon ich rede?« Charlotte wurde sofort eine Spur blasser um die Nasenspitze. »Natürlich weiß ich wovon Sie reden, Herr Botschafter. Sie meinen das Muttermal auf meiner rechten Schulter. Einen Kreis mit einem gleichmäßig gevierteiltem Inhalt.«

Der Botschafter starrte sie mit offenem Mund an, als hätte Charlotte ihm das Geheimnis der ungelösten Formel für die Quadratur des Kreises offenbart. »Wären Sie denn auch bereit, diesen Fakt von unserer Botschaftsärztin, Madame Colbert, betätigen zu lassen, Madame Bonnet?« »Nur wenn Monsieur Sommerfeld zugegen

sein darf, um sicherzustellen, dass alles mit rechten Dingen zugeht.«

Der Botschafter nickte, »Wenn es Ihr ausdrücklicher Wille ist, Madame, dann soll es so sein.« Er drückte auf den Klingelknopf und eine junge Frau mit einem blonden Pferdeschwanz öffnete die Tür. Sie stellte sich kurz vor. »Ich bin Doktor Susanne Colbert, die hiesige Botschaftsärztin, wenn Sie mir bitte in den Nebenraum folgen wollen, Madame Bonnet?« Charlotte sah sich hilfesuchend nach mir um. »Ich werde Sie begleiten.«, sagte ich und folgte den beiden Frauen ins Nebenzimmer. Die Ärztin bat Charlotte inzwischen die rechte Schulter frei zu machen. Also wusste sie genauestens Bescheid, es war ja auch nicht

anders zu erwarten. Als das Muttermal an Charlottes rechter Schulter sichtbar wurde, warf die Ärztin einen langen Blick darauf. »Danke, Madame Bonnet, das genügt mir, Sie können sich wieder anziehen.« Dann ging sie zurück zum Botschafterzimmer und öffnete eine Seite der Flügeltür. Sie nickte dem Botschafter zu und zog sich dann zurück. Der Botschafter kam lächelnd auf Charlotte zu, »Na sehen Sie, wie ich sagte, nur eine simple Formalität.« Dann setzte er sich umständlich seine Lesebrille auf und öffnete eine lederne Mappe, »So möchte ich Ihnen nun, Madame Bonnet, in aller Form ihren Pass überreichen, der Sie als Bürgerin der Republik Frankreich mit allen Rechten und Pflichten ausweist. Ein paar Bedingungen sind natürlich daran

geknüpft, die Sie mir bitte freundlicher Weise noch quittieren möchten, Madame Bonnet. Erstens: Sie verpflichten sich zu absolutem Stillschweigen gegenüber jedermann über das von französischer Seite durchgeführte Experiment aus dem Jahre 1902 und sofern es einen weiteren Interessenkreis berühren sollte, ist nur der Präsident der Republik Frankreich berechtigt, Sie zu autorisieren dieses Schweigen zu brechen. Gleiches gilt auch für Sie, Monsieur Sommerfeld. Und zweitens: Sie, Madame Bonnet, verpflichten sich, keine weiteren diesbezüglichen Forderungen an die Republik Frankreich zu stellen, die sich aus dem Ergebnis des Experimentes ergeben haben, oder noch ergeben könnten.

Und drittens: Der Präsident hat aus verständlichen Sicherheitsgründen verfügt, dass Ihr Geburtsdatum um exakt einhundert Jahre zurückverlegt wird, Ihr Geburtsdatum ist jetzt der 14. Februar 1975 und dürfte den tatsächlichen physiologischen Gegebenheiten ihrer Person, Madame Bonnet, wohl auch eher entsprechen. Erklären Sie sich einverstanden, Madame Bonnet, die festgelegten Bedingungen anzuerkennen und einzuhalten?«, fragte der Botschafter und schaute Charlotte über seinen Brillenrand hinweg an. Charlotte lächelte, »Selbstverständlich erkenne ich diese Bedingungen an und freue mich über die positive Entscheidung des Präsidenten, Herr Botschafter.« Der Botschafter neigte seinen

Kopf und legte aus der Mappe ein Maschine geschriebenes Blatt auf den Tisch, »Dann darf ich Sie beide bitten, hier zu unterschreiben, Madame Bonnet und Monsieur Sommerfeld.« Charlotte setze ihre Unterschrift unter das Papier und ich danach ebenfalls. Anschließend übergab der Botschafter Charlotte ihren frisch ausgestellten, aktualisierten Pass und eine notariell beglaubigte Abschrift ihrer neuen Geburtsurkunde. Anschließend gratulierte er ihr dazu. Mir nickte er freundlich zu und wandte sich abschließend noch einmal an Charlotte, »Damit dürfte dieses bedauerliche Kapitel ihres Lebens für Sie, Madame Bonnet, glücklich zu Ende gegangen sein und wir hoffen, dass es nachträglich auch keinerlei

Konsequenzen für Sie weiter geben wird. Die Republik betrachtet diese Angelegenheit ab sofort, als für erledigt, Madame. Ich wünsche Ihnen im Namen des Präsidenten, ein glückliches Leben.«

Er reichte uns abschließend die Hand und wir verließen wieder in Begleitung des freundlichen Herren, der uns hergebracht hatte, die Diensträume des Botschafters. Unterwegs umarmte ich Charlotte und drückte sie fest an mich. »Siehst du, es ist doch alles gut gegangen, sogar besser als wir erwartet hatten.«, sagte ich und Charlotte drückte fest meine Hand, während wir uns auf den Ausgang hin zubewegten. Wir waren gerade im unten im Erdgeschoss

angekommen, als plötzlich das Licht in den Gängen zu flackern begann und dann ganz ausfiel. Unser Begleiter rief uns aufgeregt zu, »Kommen Sie schnell, in dem Kellergang hier unten, da brennt noch Licht, dort gibt es einen Lieferantenausgang der über den Hof auf die benachbarte Straße führt.«

Allein diese Bemerkung hatte mich sofort stutzig gemacht. Nur weil das Licht ausfiel, sollten wir einen äußerst fragwürdigen Weg durch den Keller eines unbekannten Gebäudes nehmen, um einen separaten Seitenausgang zu benutzen? Dennoch folgten wir dem Begleiter, der uns rasch die Tür zu einem Kellergang öffnete. »Bitte gehen Sie bis zum Ende des Ganges und biegen dann nach rechts ab. Dort stehen sie dann auch schon

vor der Hoftür und beeilen Sie sich, bevor das Licht womöglich hier auch noch ausfällt…«

Ich nickte und packte Charlotte bei der Hand. Gemeinsam rannten wir den Gang entlang. Ich hörte noch, wie die Kellertür hinter uns ins Schloss fiel und von außen abgeschlossen wurde. Das ist doch eine verdammte Mausefalle, dachte ich sofort und stürmte mit Charlotte im Schlepptau durch den Gang, dem scheinbar rettenden Hofausgang entgegen. Als wir etwa die Hälfte der Strecke geschafft hatten, fiel in dem Kellergang ebenfalls das Licht aus und eine gespenstische Finsternis umfing uns. »Halt an!«, rief ich Charlotte zu. Wir blieben beide abrupt stehen und ich wühlte suchend in meiner ledernen Umhängetasche, nach

meiner Hochleistungstaschenlampe. »Wenn wir wie blind in der Dunkelheit weiterrennen, stürzen wir womöglich noch in eine Fallgrube im Boden, dann können wir uns vielleicht überhaupt nicht mehr verteidigen oder wir würden sogar getrennt.«, beschwor ich sie. Dann hatte ich endlich die Lampe gefunden und hängte mir die Tasche wieder um den Hals. Die Hände musste ich unbedingt freibehalten. Ich griff wieder nach Charlottes Hand und schaltete die Leuchte ein. Ein gleißender Lichtkegel, erzeugt von 17 superhellen LED’s, leuchtete den Gang schlagartig mit grellweißem Licht aus. »Komm!«, rief ich und zerrte Charlotte mit mir vorwärts. Unsere Schritte hallten durch den betonierten Kellergang. Auf einmal entdeckte

ich vor uns einen schmalen Spalt im Boden, aber Charlotte hatte bereits schon einen Fuß auf den Spalt gesetzt. Zum Glück konnte ich sie gerade noch festhalten und riss sie zurück. Mit einem dumpfen Knall, öffnete sich eine große Luke im Fußboden und die metallene Abdeckplatte verschwand polternd in der Dunkelheit. Charlotte stieß einen spitzen Schrei aus und klammerte sich an mich. Vor uns gähnte nun ein breites schwarzes Loch, aus dem modrig kalte Luft aufstieg. Tief unter uns hörten wir Wasser rauschen.

»Wir müssen da hinüber springen. Wer weiß, was uns hier unten sonst noch alles noch zustoßen kann.«, sagte ich hastig und ging drei Schritte zurück, um Anlauf zu nehmen. Mit einem weiten Satz war ich über das Loch

im Boden hinweg auf der anderen Seite gelandet. »Und jetzt du.«, rief ich Charlotte zu. Sie nahm ebenfalls Anlauf und auch sie übersprang das finstere Loch, während ich sie auf der anderen Seite auffing. Wieder griff ich nach ihrer Hand und zog sie mit mir fort. Das grelle Licht der Taschenlampe gab uns ein wenig Sicherheit. Wir hatten vielleicht noch fünfzehn Meter bis zum Ende das Ganges zu laufen, als Charlotte plötzlich stehen blieb und mich zurückhielt, »Jean, sie sind hier, ich kann sie ganz deutlich spüren, sie sind gleich bei uns…« Sie hatte den Satz kaum zu Ende gesprochen, als sich vor uns eine Tür in der Nische der Kellerwand öffnete und zwei Gestalten aus der Tür kamen. Sie betraten

den Gang und begaben sich sofort in unsere Richtung. Sie hatten es nicht sonderlich eilig und kamen beständig näher. Aus ihren Augen flammten auf einmal jeweils zwei helle Lichter auf, die immer größer wurden und sich sogar zu langen heißen Flammen entwickelten. Schwarze Magier! Mir sträubten sich sofort die Nackenhaare, aber es blieb uns beiden keine Zeit mehr für irgendwelche überlegten Gegenmaßnahmen. Schließlich hatten sie uns erreicht, und das Licht in ihren Augen verlosch. Einer von ihnen packte mich mit einer Wahnsinnskraft in seiner riesigen eiskalten Hand an den Hals und drückte fest zu. Der zweite ergriff Charlotte ebenfalls am Hals und würgte sie heftig. Die Taschenlampe war mir in dem Getümmel aus der Hand

gefallen und beleuchtete nun gespenstisch vom Fußboden aus, diese ungleiche Kampfszene. Inzwischen hatte der zweite Magier Charlotte mit einer Hand an ihrem Hals hochgehoben und presste sie mit brutaler Gewalt gegen die Kellerwand. Die Lichterflammen in seinen Augen waren gerade vollständig erloschen und ich hörte nur noch das leiser werdende Röcheln aus Charlottes Kehle. Die Sinne begannen mir bereits zu schwinden, als ich in meiner Not nach dem silbernen Brieföffner suchte. Ein kurzes Aufbäumen und ich hatte mit letzter Kraft den Brieföffner aus der am Gürtel befestigten Lederscheide herausgerissen. Die silberne Schneide drückte ich nun kurz gegen die Hand des schwarzen Magiers. Der brüllte nun

wie unter einem wahnsinnigen Schmerz auf und ließ augenblicklich meinem Hals los. Ich japste nach Luft, wie ein Fisch auf dem Trocknen. Beinahe wäre es zu spät gewesen. Ich hatte ihm, ohne Gewalt angewendet zu haben, mit der silbernen Schneide des Brieföffners drei Finger seiner rechten Hand abgetrennt. Die abgeschnittenen Finger des Magiers waren auf den Boden gefallen und zerfielen sofort darauf zu grauem Staub. Er sprang auf die Füße und rannte vor Schmerz brüllend weiter in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Dann hörte ich nur noch einen Aufschrei und er war durch die offene Bodenluke in das dunkle Loch gestürzt. Einen Moment darauf war das Aufklatschen eines Körpers auf eine Wasseroberfläche zu

vernehmen. Obwohl ich kaum noch atmen konnte fasste ich mich, und sprang mit einem gewaltigen Satz den zweiten schwarzen Magier an. Zum Letzten entschlossen, hielt ich ihm die silberne Schneide des Brieföffners direkt an den Hals, »Lass sie sofort los, oder ich pulverisiere dich auf der Stelle, du verdammter Dreckskerl!«, zischte ich ihn an wie eine giftige Kobra. Die Worte verfehlten ihre Wirkung nicht, denn augenblicklich ließ er Charlottes Hals los. Sie rutschte an der Wand herunter und fiel leblos wie eine Marionette auf den Boden. Der Magier hatte sofort die Macht des Silbers an seinem Hals gespürt und sank in sich zusammen.

»Solltest du es wagen, auch nur daran zu denken, deine Augenfeuer zu aktivieren, zerfällst du eine Sekunde später ebenfalls zu Staub, nur damit das klar ist, ich hab nämlich überhaupt kein Problem damit, dir den Garaus zu machen.« Er nickte stumm und ergeben und atmete schwer. Ich hob Charlotte hoch und setzte sie aufrecht an die Wand, wo sie einen Moment später etwas Luft schöpfen konnte und danach dann langsam wieder zu sich kam. »Geht es wieder, mon chérie?«, fragte ich sie. Charlotte schlug die Augen auf und sah mich verwirrt an. »Leben wir?«, fragte sie mich tonlos.

Ich nickte, »Wir leben und wir haben sogar einen

Gefangenen gemacht.«, antwortete ich ihr leise und wandte mich trotz meiner immer noch bestehenden Atmungsprobleme, dem auf dem Boden sitzenden Magier zu. »Wer bist du?« »Wen kümmert‘s, wer ich bin. Ich bin ein Niemand. Aber Ihr müsst ein ganz hoher Herr sein, denn nur bedeutende Fürsten besitzen eine so mächtige Waffe, wie Ihr sie euer Eigen nennt. Allein die furchtbare Nähe zu eurem massiven Silber macht mich schwach und gebrechlich. Dieses verdammte Silber, es stiehlt mir fortwährend meine gesamte Lebensenergie.« Er wälzte sich mühsam herum und fasste in das graue Pulver, was vor kurzem noch die drei Finger seines Kameraden waren und atmete erleichtert auf.

»Ahh, Graphit, murmelte er befreit, das hilft etwas.« »Sag mir nur, warum gerade Charlotte?«, fragte ich ihn. Der schwarze Magier grinste schwach. »Sie trägt seit ihrer Geburt das Symbol und hätte damit das Weib des obersten schwarzen Magiers werden können, sobald sie geschlechtsreif gewesen wäre. Aber sie ist ihm zuvor entflohen und hat sich in Paris auf der Straße prostituiert. Damit war sie unrein und kam nicht mehr als Gemahlin in Frage. Sie hätten beide eine eigene neue Dynastie gründen können und er wäre damit nicht mehr so abhängig von der Macht den schwarzen Dämonen. Stattdessen hat er sich später von einem unbedeutenden Verehrer dieses

Weibes, mit einer Silberkugel erschießen lassen, dieser Narr. Dabei hoffte er noch auf ihre Reinigung, wenn er sie für die nächsten einhundert Jahre wegschließen würde. Denn eine Frau mit diesem Symbol zu finden, ist extrem selten. Aber dafür ist er dann selbst im Reich der ewigen Finsternis untergegangen. Kurz bevor er starb, gab er noch den Tötungsbefehl und der jetzige oberste schwarze Magier wollte vor kurzem diesen Befehl widerrufen um sich selbst mit diesem magischen Weib zu vereinen. Leider kamt Ihr ihm dazwischen, mein Fürst. Ihr wart einfach zur falschen Zeit am falschen Ort und so ist euer beider Todesurteil, beschlossene Sache. Da ich es nicht mehr zu richten vermag, wird es ein anderer für mich tun. Irgendwann...

Ihr hättet dieses Schachbuch niemals besitzen dürfen, zumindest nicht mehr, nachdem die Zeit der Reinigung bereits vorüber war.«

Er stöhnte auf und wand sich auf dem Boden. »Die Nähe zu eurem Silber wird mich töten, ich bin jetzt bereits schon hochgradig vergiftet und spüre schon mein baldiges Ende herannahen.«, flüsterte er völlig erschöpft. Ich nahm seine Hand und zog sie über die Graphitreste auf dem Fußboden. Eine Spur von dankbarem Lächeln huschte über sein schon grau und faltig gewordenes Gesicht. »Ist der Botschafter auch ein schwarzer Magier?«, fragte ich. Er schüttelte den Kopf. »Sein Sekretär aber schon?« Er nickte. »Als Menschen werden wir geboren, aber das dunkle Profil der Macht der schwarzen

Dämonen lässt uns zu schwarzen Magiern werden. Sie gewähren uns kleine Privilegien und wir helfen ihnen dafür, über die Menschen zu herrschen. Denn allein können sie niemals lange über die Menschen gebieten. Nur als Diktatoren gelingt es ihnen hin und wieder eine gewisse Zeitlang. Sie bedienen sich der Hülle eines schwarzen Magiers, schlüpfen praktisch in sie hinein und regieren dann selbst. Aber erfahrungsgemäß wenig erfolgreich. Ihr Symbol ist immer ein Kreis, der wie auch immer, in vier Teile aufgeteilt ist. Allein in Deutschland ist es ihnen zweimal im 20.Jahrhundert für einige Zeit gelungen, die Macht an sich zu reißen. Meist aber sind es die schwarzen Magier, die die Menschen in den verschiedenen Ländern regieren. Oder

denkt Ihr, eure obersten Führer sind von ganz allein in diese Positionen gekommen? Die meisten von ihnen erliegen im Umgang mit den schwarzen Dämonen den Verführungen durch Geld und Macht, die ihnen die schwarzen Dämonen gewähren und werden so langsam und unmerklich selbst zu schwarzen Magiern. Eines Tages wachen sie auf und sind dann selbst zu einem schwarzen Magier geworden, können somit nicht mehr zurück in ihr altes Leben. Sie müssen dann aber den Befehlen der schwarzen Dämonen bedingungslos folgen und können ihnen nicht mehr ernsthaft wiederstehen.« Er machte eine kleine Pause um sich zu erholen, aber sein Atem ging bereits sehr schwer.

»Es gibt natürlich auch immer wieder Ausnahmen.«, fuhr er nach einer Weile bereits sichtlich geschwächt fort. »Zum Beispiel der Germane Arminius, als er im Jahre 9 mit seinen zahlenmäßig und technisch unterlegenen germanischen Horden drei unserer besten Legionen im Teutoburger Wald so vernichtend schlug. Wie konnte das geschehen?« Er lachte leise in sich hinein. »Arminius besaß eine massive Silbermaske und sein Schwert hatte er in Rom heimlich ganz aus Silber machen lassen. Er wusste selbstverständlich, wo und wie er uns am besten treffen konnte.«

Der schwarze Magier grinste schwach. »Oder ein anders Beispiel, Jeanne d’Arc. Wie kommt es, dass ein 17jähriges einfaches

Bauernmädchen eine ganze Armee anführt und Schlachten gewinnt, wie sie selbst überlegene und erfahrene Feldherren nicht gewinnen konnten? Ich sage Euch, es ist die Macht des reinen Silbers. Denn solange sie die Rüstung aus reinstem Silber am Leibe trug, war sie unverwundbar und führte ihre Soldaten erfolgreich an. Erst ein bestochener Landsknecht hatte ein paar ihrer Rüstplatten am Oberarm aufgebogen. Als es einem unser besten Bogenschützen gelang, sie mit einem Pfeil dort zu treffen, erst dann stürzte sie schwer verwundet vom Pferd. Nachdem einige ihrer eigenen Landsknechte ihr auch noch die Rüstung ausgezogen und das Silber dieser Rüstung gestohlen hatten, war sie praktisch nackt und wehrlos. Nur so konnten wir die

Schlacht dann gegen das Weib, Jeanne d’Arc, gewinnen.« Wieder grinste er matt.

»Egal, was ihr Menschen unterschreibt. Ihr unterschreibt immer dort, wo euer Arzt, euer Versicherungsvertreter, oder wer auch immer, ein Kreuzchen für euch macht. Dies ist die gängigste Kurzvariante. Wenn ihr wählen geht, kreuzt ihr immer einen vorgezeichneten Kreis an. Eine Partei, eine Person es ist völlig bedeutungslos, so erfahren es die schwarzen Magier und ihr alle verstärkt damit die Macht ihres Symbols in der Welt. Sie haben euch fest in der Hand und ihr könnt ihnen nicht entkommen, seid ihnen praktisch auf Treu und Glauben ausgeliefert...« Er schwieg augenblicklich und rang mit einem

entsetzlich verzerrten Gesicht mühsam nach Luft. Charlotte hatte ihn die ganze Zeit über stumm und mit angstgeweiteten Augen angestarrt. Sie brachte kein Wort heraus. Dann bäumte sich der schwarze Magier noch einmal auf und seine Augen starrten plötzlich in die Leere einer unendlichen Ferne. Eine Minute später begann er zu grauem Staub zu zerfallen. Nach drei Minuten war nur noch ein Häufchen Graphitstaub von ihm übrig. »So hatte es mir Graf Lubomirski beschrieben, denn er hatte diesen Vorgang beim Tod des schwarzen Magiers schon einmal genau so beobachtet.«, flüsterte sie mit verängstigter Stimme. »Sag, Jean, müssen wir jetzt auch sterben?«, fragte mich Charlotte traurig und starrte auf das graue Pulver am Boden.

»Nicht solange wir kämpfen und uns verteidigen können. Wie wir jetzt wissen, haben wir sogar eine ziemlich gefürchtete Waffe, die uns für den Notfall zur Verfügung steht. Und wir werden unseren Haushalt daheim mit noch mehr silbernen Gegenständen ausstatten, ich denke da besonders an silberne Löffel und Messer und Gabeln. Wir werden zwar immer wieder tüchtig viel blank putzen müssen, aber es wird uns dauerhaft schützen. Kein schwarzer Magier wird es je wagen, unsere Wohnung zu betreten, es wäre dann nämlich sein sicherer Tod. Aber bevor noch mehr solche Typen auftauchen, sollten wir erst einmal von hier verschwinden, mon chérie, denn dieser Ort ist nicht sicher.« Charlotte nickte und reichte mir

ihre Hand. Dann reinigten wir unsere Sachen vom Staub und wir gingen vorsichtig weiter den Gang entlang, bis wir an jene Tür kamen, die tatsächlich auf den erwähnten Lieferantenhof führte. Kurz darauf hatten wir das Areal glücklich und unversehrt verlassen können. * Etliche Wochen nach diesem unliebsamen Ereignis verriet mir Charlotte mit einem glücklichen Lächeln, dass sie schwanger sei und noch vor Weihnachten unser Kind zur Welt bringen würde. Unsere Freude darüber war natürlich grenzenlos und wir begannen uns auf Familienzuwachs einzustellen. Von den schwarzen Magiern hatten wir seit dem nichts mehr gehört und unser Leben schien

sich langsam wieder zu normalisieren. Natürlich hatten wir unser Domizil auch aufgerüstet und alles mit so viel Silber wie nur möglich ausgestattet. Von der Teekanne, über die Trinkbecher, Bestecke, bis hin zum Kamm und dem mehrarmigen Leuchter, alles aus massivem Silber. Diese Maßnahmen erschien uns notwendig und wir fühlten uns zuhause nun auch wieder relativ sicher. Drei Tage vor dem Heiligen Abend meinte Charlotte, dass es nun soweit wäre und sie in die Klinik zu Entbindung müsste. Sie fühlte, dass das neue Leben seinen Anspruch auf seine Daseinsberechtigung geltend machte. Noch in der Nacht, bei stürmischsten Wetter, mit Blitzen und Donner, gefolgt von einem Blizzard, der Unmassen von Schnee und

Hagel über das Land jagte, gebar Charlotte ihr erstes Kind. Es war ein gesundes Mädchen und mit lautem Schrei aus ihrer kräftigen Stimme war sie in dieser kalten und außerordentlich stürmischen Nacht auf diese Welt gekommen. Auf ihrer rechten Schulter befand sich das Muttermal. Wie wir es schon im Voraus geahnt hatten. Ein Kreis mit einem Kreuz.... Wir benannten das kleine Mädchen nach Charlottes Mutter, Irene. Der Arzt, der die Entbindung geleitet hatte, untersuchte das Kind eingehend und bescheinigte uns, dass das kleine Mädchen völlig stabil und wohlauf sei, es sogar vor bester Gesundheit nur so strotze.

»Machen Sie sich bitte keine Sorgen, meinte

er lächelnd, denn dieses kleine Menschenkind wird von nun an unter einem ganz besonderem Schutze stehen, es wird ihm nichts Böses je widerfahren können, vertrauen Sie uns.«, sagte er und übergab das in eine warme Decke gewickelte Kind an die überglückliche Charlotte. Dann drückte er auch mir lachend die Hand, »Natürlich auch meine Gratulation an den glücklichen Vater.«, sagte er sehr freundlich und schlug mir jovial auf die Schulter. In der Iris seiner Augen glommen für den Bruchteil eines Augenblicks, zwei winzige gelbliche Flämmchen auf...

***



















Impressum Cover: selfARTwork Covermotiv: Egon Schiele_Frauenbildnis mit großem Hut_Gerti Schiele_1910 © by Louis 2013/8 Update: 2018/10

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Über den Autor

Bleistift
Mit Vorliebe schreibe ich Drabbles, Krimis und Kurzgeschichten...
Ich liebe diese fabelhaft pointierten Miniatur-Geschichtchen.
Zur Abwechslung schreibe ich auch gern mal eine erotische Geschichte...
Ansonsten hoffe ich auf viele geneigte Leser und freue mich über jeden ehrlich gemeinten Kommentar.
Zwei Städte sind mir neben Berlin besonders wichtig:
Paris und Venedig...

09.Mai 2015
Ich habe heute erfahren, dass Silvi Bredau am Samstag, dem 25. April 2015 verstorben ist.
Ich schäme mich meiner Tränen nicht...
Louis

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FLEURdelaCOEUR 
Wow, ein Ende mit allem Drum und Dran, sogar ein kleines Augenzwinkern ....
Jetzt weiß ich auch, warum ich dir keine Coins vermachen darf, weil das ominöse Zeichen, der Kreis mit dem Kreuz, mit der magischen 7 in Verbindung steht ...
Deine 12teilige Erzählung gefällt mir sehr, weil du überaus unterhaltsam besondere Ereignisse des 20. Jahrhunderts mit einer reizvollen fiktiven Geschichte verbindest und auch noch lehrreiche Schlüsse daraus zu ziehen weißt. Zielsicher und fantasievoll führst du den roten Faden durch ein kompliziertes Netz von Fakten und Ereignissen .... Es war mir eine Freude, das zu lesen!
LG fleur
Vor langer Zeit - Antworten
tooshytowrite ~ danke! Beinahe wär ich verhungert, weil ich die Nase nicht vom Bildschirm kriegen konnte. Oh wow!
Vor langer Zeit - Antworten
niki013 
Lieber Louis
ich war gerne auf Besuch bei dir ,,,
habe mich gut unterhalten, klasse geschrieben

liebe Grüße dieNiki
Vor langer Zeit - Antworten
Bleistift 
Hallo, liebe Niki,
herzlichen Dank für das Lesen der Geschichte, den Kommi und die Geschenke... Ich habe mich sehr gefreut, dass Dir die Story gut gefallen hat und ich Dich damit auch gut unterhalten konnte. :-)
LG zu Dir...
Louis :-)
Vor langer Zeit - Antworten
Sylke Ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt, es war spannend, interessant ... eine Reise durch die Welt.
Liebe vermag, böse Magie in Schach zu halten. Doch Frieden wird nicht in diese kleine Familie kommen. Doch ich wünsche ihr alles Gute.
Auch dir, dann kannst du uns noch öfters so angenehm unterhalten.

LG von Sylke
Vor langer Zeit - Antworten
Bleistift 
Liebe Sylke,
wow, ich bin jetzt erst mal total überrascht. Das ist ja wie Ostern, Weihnachten, und Geburtstag zusammen...
Herzlichen Dank fürs Lesen, die netten Kommentare und die Favos :-)
Ich freue mich, wenn Dir meine Geschichte bis zum Schluss gut gefallen hat. :-)
Ganz herzliche Grüsse zu Dir..
Louis :-)
Vor langer Zeit - Antworten
Loraine Louis - CHAPEAU - von Anfang bis Ende. Jede Nacht mit dem warten auf das nächste Kapitel hat sich gelohnt. Tolle, spannende, leidenchaftliche, gut recherchierte Geschichte - wunderbar geschrieben. Danke - das Du uns solch eine magische Möglichkeit auf Deine besondere Weise erzählt hast. Liebe Grüße Loraine
Vor langer Zeit - Antworten
Bleistift 
Liebe Loraine,
danke für das Lesen und die freundlichen Kommis von Dir zu meiner Geschichte und natürlich auch für das große Lob. :-)
LG Louis :-)
Vor langer Zeit - Antworten
Loraine Das Lob ist vollkommen berechtigt lieber Louis - also bitte ANNEHMEN! Erfreue mich mit einer neuen tollen Geschichte, Du schreibst wunderbar. LG Loraine
Vor langer Zeit - Antworten
EllaWolke Sag Du noch mal ...

hier steckt von allem etwas drin
Einige Moccalöffel voller Humor.
ein paar Prisen Politik,
einige Messerpitzen Erotik,
und viele viele Liter Spannung!
DANKE
Gern dabei gewesen
Vor langer Zeit - Antworten
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