Kurzgeschichte
Die Schauspielschülerin

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"Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann. (Jean Paul)"
Veröffentlicht am 02. April 2013, 10 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Tatiana Navrotskaya - Fotolia.com
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Über den Autor:

Unter dem Pseudonym MerleSchreiber veröffentliche ich seit dem Jahre 2012 Gedichte und kleine Kurzgeschichten. Neben Alltagsthemen möchte ich auch tabuisierte Lebenswelten so aufbereiten, dass sie das Interesse und den Zugang zu den Herzen der Leser finden.
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann. (Jean Paul)

Die Schauspielschülerin

Einleitung

An Demenz Erkrankte verlieren viele ihrer Fähigkeiten, jedoch reicht oft ein Impuls, um längst verschüttete Emotionen und Erinnerungen wieder wachzurufen.....



"Ich hoffe allerdings, Ihr Auto macht etwas her und ist groß genug. Denn ich habe ziemlich viel Gepäck", sagte die alte Dame.







Text: MerleSchreiber




Die Schauspielschülerin


Ein Fernsehfilm über einen an Alzheimer erkrankten Mann hatte Sonja nach langer Zeit wieder an diese Frau erinnert. Die Frau, die sie vor vielen Jahren als Mitglied eines kirchlichen Besuchsdienstes einmal die Woche für zwei Stunden besucht hatte.

Die alte Dame war weit über achtzig gewesen und im fortgeschrittenen Stadium demenzkrank. Sonja empfand die Besuche speziell bei dieser Patientin oft als sehr schwierig, weil sie von ihr an

manchen Tagen scheinbar gar nicht wahrgenommen wurde. Und ein andermal zeigte sie sich dann wieder äußerst gesprächig und erzählte aus einer längst vergangenen Zeit. Nie wusste man, wie man mit ihr dran war.


Einmal saß Sonja schon über eine Stunde da. Sie hatte alles versucht, um mit der alten Dame in ein Gespräch zu kommen. Aber diese sah scheinbar durch ihre Besucherin hindurch und schwieg hartnäckig. Die Stille hockte wie ein riesiger Koloss zwischen ihnen. Sonja hörte das Ticken ihrer Armbanduhr. Das monotone Geräusch schrie sie an. "Tick...tick...tick"

Und nach einiger Zeit hörte sich das an wie "Geh...geh...geh." Nein, sie konnte diese Atmosphäre hier nicht länger ertragen. "Ich muss dann mal wieder", sagte sie, räusperte sich und stand auf. Da bemerkte sie das gerahmte Hochzeitsbild, das hinter ihr an der weißgekalkten Wand hing. Eine außergewöhnlich schöne Frau mit makellosem Teint und pechschwarzen Haaren war da am Arm eines stattlichen jungen Mannes zu sehen. Sie war fasziniert von diesem Anblick und sagte spontan: "Auf diesem Bild sehen Sie aus wie die junge Audrey Hepburn. Sehr hübsch, so

richtig zum Verlieben!" Von einem Moment auf den anderen bekam die Angesprochene strahlende Augen, war plötzlich total präsent und antwortete freudestrahlend:

"Nicht wahr, Sie meinen auch, dass ich Schauspielerin werden sollte. Alle Leute sagen das! Ich habe die Bewerbungsunterlagen schon fertig. Nächste Woche werde ich mich an der Schauspielschule in München bewerben."

Sie sah Sonja prüfend an und fügte hinzu: "Würden Sie mich dorthin fahren?" "Hm, ja - gerne", stammelte Sonja etwas überrumpelt. Sie ging zur Zimmertüre und hatte schon ihre Hand auf der

Klinke, da rief ihr die Patientin mit einem fordernden Unterton in ihrer Stimme hinterher: "Ich hoffe allerdings, Ihr Auto macht etwas her und ist groß genug. Denn ich habe ziemlich viel Gepäck", "Keine Sorge, ich habe ein großes Auto", erwiderte Sonja amüsiert.

"Ach ja, wann soll ich denn kommen?" "Rechtzeitig. Kommen Sie rechtzeitig", bekam sie zur Antwort. Und dann war die alte Dame auch schon wieder ganz weit weg, irgendwo in den unergründlichen Weiten ihrer Vergangenheit.

Als Sonja in der nächsten Woche zum Besuchsdienst kam, stand bereits ein

Auto vor der Haustüre. Es machte etwas her, denn es war groß, schwarzglänzend und es hatte getönte Scheiben.......

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Hörbuch

Über den Autor

MerleSchreiber
Unter dem Pseudonym MerleSchreiber veröffentliche ich seit dem Jahre 2012 Gedichte und kleine Kurzgeschichten. Neben Alltagsthemen möchte ich auch tabuisierte Lebenswelten so aufbereiten, dass sie das Interesse und den Zugang zu den Herzen der Leser finden.

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Bleistift 
"Die Schauspielschülerin..."
Trotz aller darin enthaltener Dramatik ist dies wieder eine von Dir wunderbar aufgeschriebene Geschichte, die absolut aus dem Leben gegriffen sein kann und die ich deshalb auch wieder gern gelesen habe...
Ich glaube sogar, sie bekommt heutzutage gewiss noch einen höheren Stellenwert,
angesichts der aktuellen Situation, wo doch so viele gehen...
LG
Louis
Vor ein paar Monaten - Antworten
MerleSchreiber Ja, Louis, das ist eine absolut authentische Geschichte, genau so erlebt. Du hast recht, schon allein aufgrund der demografischen Situation und der technischen Möglichkeiten der Lebensverlängerung wird es immer mehr demente Menschen geben.
Vielen Dank für alles und liebe Grüße zu Dir, Merle
Vor ein paar Monaten - Antworten
AngiePfeiffer Ach Merle ...
mit dieser toll geschriebenen Geschichte triffst du mitten ins Herz.
Zumal meine Mutter dement ist - im Endstadium.
Liebe Grüße
Angie
Vor ein paar Monaten - Antworten
MerleSchreiber Oh, dann weißt du ja sehr gut, was das heißt. Meine Mutter steckt mittlerweile auch mittendrin, Angie. So ein Gespräch, wie ich es bei "Dann schreib ich ein Gedicht, Mama" dokumentiert habe, wär heut - wie so vieles andere - nicht mehr möglich.
Hab vielen Dank, ganz liebe Grüße, Merle
Vor ein paar Monaten - Antworten
Valerina 
Jetzt musste ich erstmal ganz tief durchatmen, liebe Merle
und an vorigen Sonntag denken, als ich meine Omi im Seniorenheim besucht habe. Wir haben zusammen im Fotoalbum geblättert.
Da war ein Foto, auf dem sie mich als Baby in den Armen hielt.
Sie schaute erstaunt und sagte nach einer Weile, mit Tränen in den Augen: "Das ist Valerinchen, wo ist sie geblieben?" Ich streichelte sie liebevoll und sagte ihr, dass ich das bin. Da wurde sie zornig, beschimpfte mich als Lügnerin. Es war ein trauriger Sonntag.
Aber noch überwiegen schöne Stunden, in denen wir oft zusammen singen und ich spüre, wie stolz sie darauf ist, dass sie sämtliche Kinderliedertexte auswendig kann. Ich lobe sie dann und das gefällt ihr sehr ;-)
Du hast das berührend geschrieben, da steht so viel mehr, als dort steht!

Vielen Dank und liebe Grüße
Valeri
Vor ein paar Monaten - Antworten
MerleSchreiber Ach Valeri, jetzt muss ich aber schlucken. Es ist sehr, sehr berührend, was du von dem Besuch bei deiner Oma erzählst. Das ambivalente Verhalten ist ja ganz typisch für demente Menschen und für die Betreuer und Angehörigen ist es extrem schwierig, damit umzugehen.
Danke für dein schönes Feedback zu meiner Geschichte.
Liebe Grüße, Merle
Vor ein paar Monaten - Antworten
Brubeckfan Liebe Merle,
mir ging es wie Gunda damals, und Deine kleine präzise wärmende Geschichte, sie kann einen einstimmen, egal auf welcher Seite der Situation man dann stehen wird.
Viele Grüße!
Gerd
Vor ein paar Monaten - Antworten
MerleSchreiber Stimmt, das ist auch ein Aspekt, lieber Gerd. Man könnte auch auf der anderen Seite sitzen. Wäre ich das, würde ich mir wünschen, da sitzt wer bei mir, der mich und mein seltsames Verhalten nicht persönlich nimmt. Und was noch schön wäre: Humor sollte er/sie auch noch haben ;-)
Übrigens: Gunda konnte einen so wunderbar motivieren.
DANKE und liebe Grüße, Merle
Vor ein paar Monaten - Antworten
Brubeckfan Ich glaube, das Schlimmste für den Patienten sind die gelegentlichen hellen Momente: Was sagte ich grade? So ein Blödsinn, wie peinlich, was denken die Leute nun ... Da müßte man noch Selbstironie haben, und "Kopf"-Leiden so akzeptieren wie "Bein"- oder "Magen"-Leiden.

Viel Kraft und auch Rücksicht auf Euch selbst
wünscht Dir und Angie und Valerina und ... und ...
Gerd
Vor ein paar Monaten - Antworten
Enya2853 Liebe Merle,
in dieser Geschichte sind es die Zwischentöne, die so viel erzählen. Du hast es einfach sehr gut nahegebracht.
Für Angehörige und Betreuer ist es sehr schwer, sie kommen oft an ihre Grenzen. Wie es in den Kranken aussieht, können wir nur vermuten.
Ich habe gerade zu diesem Thema für eine Anthologie eine Geschichte mit Titel "Dämmerstunden" geschrieben.
Eine Dame, die ich betreute, nannte es anfangs so, wenn ihr vieles entglitt, sie sich nicht mehr erinnerte.
Danke für deinen Text, der mich sehr berührt.
Liebe Grüße
Enya
Vor ein paar Monaten - Antworten
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