Krimis & Thriller
Ermittlungsverfahren gegen den lieben Gott

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"...Wir sind so gläubig, wir glauben alles über einen Menschen zu wissen und wissen doch nichts..."
Veröffentlicht am 29. März 2013, 46 Seiten
Kategorie Krimis & Thriller
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Über den Autor:

Mit Vorliebe schreibe ich Drabbles, Krimis und Kurzgeschichten... Ich liebe diese fabelhaft pointierten Miniatur-Geschichtchen. Zur Abwechslung schreibe ich auch gern mal eine erotische Geschichte... Ansonsten hoffe ich auf viele geneigte Leser und freue mich über jeden ehrlich gemeinten Kommentar. Zwei Städte sind mir neben Berlin besonders wichtig: Paris und Venedig... 09.Mai 2015 Ich habe heute erfahren, dass Silvi Bredau ...
...Wir sind so gläubig, wir glauben alles über einen Menschen zu wissen und wissen doch nichts...

Ermittlungsverfahren gegen den lieben Gott


Bleistift






Ermittlungsverfahren

gegen den lieben Gott


Thriller




Ermittlungs-verfahren gegen den lieben gott

Nun wurde es nach dem langen, harten Winter endlich doch noch Frühling. Die Sonne hatte längst die letzten Reste von Eis und Schnee zu Wasser zerschmolzen und nasse Pfützen glänzten überall auf den Wegen und Straßen der Stadt. Die ersten Krokusse reckten ihre Köpfe mit leuchtenden Farben der Sonne entgegen und verkündeten überall mit zart aufsprießenden Knospen, den verspätet herannahenden Frühling. Die Kinder eroberten wieder die in der kalten Jahreszeit verwaisten

Spielplätze zurück und es schien, als würde die Stadt nach dieser viel zu langen Kälteagonie wieder zu neuem, unablässig pulsierenden Leben erwachen. Bertram D. grinste, als sich mit einem metallischen Klicken stählerne Handfesseln um seine Gelenke schlossen. Das Urteil des Gerichtes nahm er mit Genugtuung zur Kenntnis. Nach nunmehr neun Jahren Haft würde er endlich seinen ersten Frühling wieder in Freiheit verbringen dürfen. Er war jetzt sechsunddreißig geworden und neun Mal hintereinander hinter schwedischen Gardienen Geburtstag zu begehen, hatten ihm gereicht. Gelobt sei, in drei Tagen würde er den Umständen nach, wieder ein freier Mann sein. Mit Auflagen freilich, aber in Freiheit, sagt er

sich. Unbezahlbar... Manche Dinge kann man eben nicht kaufen...für andere gibt es Master-Card, zitierte er im Geiste einen Werbespot aus dem Fernsehen und grinste erneut in sich hinein. Die Menschenrechtskommission der Europäischen Union hatte kritisiert, dass Bertram D. einer nachträglich verhängten Sicherungsverwahrung unterzogen werden sollte, wie es die Berliner Staatsanwaltschaft gefordert hatte. Da er weiterhin von den Psychologen als potentiell gefährlich eingestuft wurde und sich vehement einer psychiatrischen Behandlung widersetzte. Und sein Verteidiger hatte in dieser Verhandlung soeben diesen wichtigen Prozess für ihn

gewonnen. Es würde also keine zusätzliche Sicherungsverwahrung für ihn geben, denn die deutsche Justiz hatte es bei seiner letzten Verurteilung verabsäumt, eine solche Maßnahme für ihn festzulegen. Schließlich saß er nicht zum ersten Mal wegen so einer, seiner Meinung nach simplen Bagatelle ein. Lächerlich das Ganze damals, als alles begann, nur lappatutti, da war doch nichts. Als 16jähriger Schulabgänger hatte er in der Pause eine Schülerin aus der der vierten Klasse, in einem Gebüsch auf dem Schulgelände sexuell missbraucht. Dafür bekam er achtzehn Monate Jugendhaft. Bertram D. kannte sich also in den Gepflogenheiten bestens aus und nun endlich waren also auch die verhassten neun Jahre im

Erwachsenen-Knast herum und in der Gesellschaft galt seine Strafe nun endgültig als verbüßt.

Viel zu lange übrigens, für diesen beschissenen Zwei-Minuten-Fick, mit diesem kleinen Biest, das sich zu allem Übel, noch so überraschend heftig gewehrt hatte. Schließlich sei sie es gewesen, die ihn mit ihrem harten Lederschuh derart fies in den Hoden getreten hatte, dass er sogar noch heute mit extremen Schmerzen im Genital zu kämpfen hatte. Aus Wut und Schmerz hatte er dem Mädchen die Kehle zugedrückt und erst nachdem sie dann endlich still geworden war, habe er sie genommen. Wenn sie ihn nicht so brutal getreten hätte, wäre das alles bestimmt nicht passiert, beschwor er die Richter in seiner

Verhandlung. Sie hätte doch nur stillhalten brauchen und niemand wäre zu Schaden gekommen, beteuerte er. Das habe er ihr auch immer wieder gesagt, doch sie wollte nicht hören und hatte sich weiterhin heftig gegen ihn gewehrt. Er dagegen, er wollte doch nur ein bisschen Spaß haben. Ja, er hatte ihr sogar versprochen, dass er ihr nicht wehtun würde. Und wenn sie sich still verhielte, wäre sogar alles ganz schnell vorbei. Einen Augenblick lang so schien es wenigstens, als würde das Mädchen es akzeptieren und hörte tatsächlich auf, sich seiner zu erwehren. Als er dann aber in sie dringen wollte, hat sie ihm diesen äußerst hinterhältigen Tritt in den Hoden verpasst, der ihn zudem so schwer verletzte. So sei es bedauerlicherweise zu

diesem tragischen Unfall gekommen. Denn ein Unfall war es zweifellos, schließlich hätte er ja nicht die Absicht gehabt, die Kleine umzubringen. Er sei doch kein gemeiner Mörder. Außerdem habe sie, als er sie verlassen hatte noch geatmet, das würde er sogar unter Eid beschwören können. Die Richter folgten seinen Erklärungen und denen seines damaligen Anwaltes jedoch nicht, denn viel zu schwer wog das regelrecht erdrückende Beweismaterial gegen ihn. Daraufhin verurteilte ihn das Gericht klar und deutlich zu dieser hohen Haftstrafe. In Tat und Schuld angemessen, wie es in der eindeutig formulierten Urteilsverkündung hieß... Der Tag seiner Entlassung rückte also

unaufhaltsam näher und in drei Tagen wäre er endlich wieder ein freier Mann. Die Zeit im Knast hatte ihn deutlich gezeichnet und war keinesfalls spurlos an ihm vorübergegangen. Tiefe Falten durchzogen fortan sein Gesicht und gelegentlich zitterten ihm seine Hände, so wie die eines alten Mannes, oder eines Alkoholkranken. Die Bedingungen denen er ausgesetzt war, hatten ihn körperlich und seelisch vorzeitig stark altern lassen. Offensichtlich hatten einige der Beamten in der JVA gegenüber den übrigen Gefangenen durchblicken lassen, aus welchem Grund Bertram D. ganze neun Jahre lang zu Gast in ihrem Etablissement war. Mal ganz davon abgesehen, dass ihn die ständigen Schmerzen in seinen Genitalien sein Leben

lang begleiten würden, war er daraufhin permanent den übelsten Drangsalierungen seiner Mitgefangenen ausgesetzt. Er war damals zwar noch jung, zudem auch kräftig gebaut und konnte sich manchmal sogar gegen einige dieser hinterhältigen Attacken recht erfolgreich zur Wehr setzten. Aber es kam oft genug vor, dass sie ihn zu dritt, oder zu viert, mit einem Stück Seife im Handtuch, unter der Dusche hemmungslos verprügelten. Oder ihn gelegentlich Urin in sein Essen gossen, wenn er nicht wie ein Schießhund darauf aufpasste.  

Freunde fand er in der JVA jedenfalls keine und die vielen Attacken und Gehässigkeiten nahmen während der Zeit der Haft nicht ab, im Gegenteil. Selbst Jahre später eintreffende

Neuankömmlinge wurden umgehend über die Haftgründe von Bertram D. instruiert. Sie alle beteiligten sich genüsslich an den Schikanen gegenüber ihrem Mitgefangenen. Auch Ganoven haben bis zu einem gewissen Grad eine Ehre und mit so einem wie ihn, wollte sich gewiss niemand gemein machen. Beschwerden über Angriffe auf seine Person verliefen immer wieder ergebnislos im Sande, weil die angeschuldigten Gefangenen zusammenhielten und übereinstimmend gegen ihn aussagten. So trauerte Bertram D. den Haftbedingungen keinesfalls nach. Er war im Gegenteil heilfroh, seinen langjährigen Peinigern nach nunmehr neun Jahren der Hölle auf Raten, lebendig entkommen zu sein. Die drei Tage, sagte er sich, die sitz' ich noch

auf einer Arschbacke ab und dann können sie mich alle mal. Grinsend ließ er sich mit auf dem Rücken gefesselten Händen von den Justizbeamten aus dem Gerichtssaal abführen und zurück in die JVA überstellen.


**

Wolkenverhangen und mit Nieselregen begann der neue Tag über der Stadt. Es würde gewiss kein schöner Tag werden, denn der Regen würde sich verstärken und in einen leichten Dauerregen übergehen, so die Voraussicht der Metrologen. Unter den Bewohnern dieser Stadt gab es aber einen, für den es das schönste Wetter seit neun Jahren war und das wollte er genießen. Als sich für Bertram D. in Berlin-Plötzensee

die Tore zur Freiheit öffneten, schaute er minutenlang in den regnerischen Himmel und ließ sich die Regentropfen über sein deutlich gealtertes Gesicht und über seinen kurzgeschorenen, grauhaarigen Schädel laufen. »Wisst ihr was der Unterschied ist, zwischen euch kleinen Scheißern und mir?«, schrie er in Richtung des längst wieder geschlossenen eisernen Tores. »Ihr seid immer noch da drinnen und ich, ich bin hier draußen, ihr Drecksäcke! Verfaulen sollt ihr, bis in alle Ewigkeit!...« Dann wischte er sich das Wasser aus dem Gesicht, spukte verächtlich gegen das verschlossene Tor, drehte sich herum und stapfte zu Fuß durch den stärker werdenden

Regen, in Richtung der großen Stadt. Tage später meinte es die Sonne bereits gut und schickte ihre wärmenden Strahlen auf den nassen Asphalt der Straßen und leckte ihn trocken. Ein blauer Himmel mit sanft dahingleitenden Kumuluswolken, verkündete einen wunderschönen Frühlingstag. Im kleinen Tiergarten, in Berlin-Moabit, saß ein etwa sechzig Jahre alter Mann mit einem weißen Bart auf einer Parkbank und genoss die ersten warmen Sonnenstrahlen dieses Frühlings. Er hatte seine gefütterte Winterjacke geöffnet und seine beiden Gehstützen gegen die Bank gelehnt. Seit geraumer Zeit hatte er sich zum ersten Mal in diesem Jahr, wieder zu einem länger

andauernden Spaziergang entschlossen. Außerdem konnte er sich nicht sonderlich gut zu Fuß bewegen und so saß er auf der Parkbank, ließ sich von der Sonne wärmen und schaute versonnen dem Treiben der Passanten zu, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite an ihm vorbei liefen. Jugendliche, übermütige Radfahrer traten in heftig die Pedalen und jagten auf ihren Bikes die Straße entlang. Eine Mutter schob ihren Kinderwagen durch das Gewühl und an der nahegelegenen Bushaltestelle spuckte alle zehn Minuten ein Linienbus gleich dutzendweise Fahrgäste aus, die sich flugs unter die vorbeieilenden Passanten mischten. Neben dem Eingang eines großen

Supermarktes hatte ein etwa siebenjähriges blondes Mädchen in einem dunkelblauen Anorak weiße Kreidestriche auf den Gehweg gemalt. Das Kind trug einen langen, leuchtend roten Schal um den Hals. Nun sprang es andauernd hin, und her hüpfend, über die Kreidestriche auf dem Fußboden hinweg. Ihr roter Schal war wie ein roter Faden, an welchem sich das Auge immer wieder festmachte. Er hüpfte ständig auf und nieder und war dennoch die einzige feststehende Konstante, in dem sich ewig bewegenden und ständig verändernden bunten Straßenbild. Der alte Mann auf der Parkbank beobachtete versonnen lächelnd das spielende Mädchen. Erinnerte es ihn doch an seine eigene, längst vergangene und weit entfernt zurückliegende

Kindheit. Aber er konnte sich dennoch nur allzu gut daran erinnern, wie er selbst einst als Kind, genauso wie jenes Mädchen dort drüben, über diese aufgemalten Kreide-Kästchen gehüpft war. Nun ja, mit dem Hüpfen ist's ja jetzt wohl Essig, dachte er und blickte wehmütig auf sein steifes Bein. Lang, lang war es her. Er kramte in den Taschen seiner Winterjacke und förderte eine Schachtel Zigarillos und eine fast leere Schachtel Streichhölzer hervor. Und nachdem er sich einen Zigarillo angezündet hatte, paffte er entspannt, blaue Rauchwolken in den sonnenbeschienenen Himmel. Eher zufällig richtete sich sein Blick, auf die neben dem Supermarkt gelegene hohe dunkle Toreinfahrt. An der Ecke zu dieser Toreinfahrt,

lehnte ein unscheinbarer Mann, mittleren Alters, in einer alten verschlissenen Lederjacke. Scheinbar las er interessiert in einer Tageszeitung. In Wahrheit aber glitten seine Augen immer wieder über den oberen Rand der Zeitung hinaus und verfolgten stattdessen stark fokussiert, das hüpfende Mädchen auf dem bemalten Gehweg vor dem Supermarkt. Die Augen des alten Mannes hingegen verdichteten sich im Sonnenlicht zu schmalen Sehschlitzen und er richtete nun seine ganze Aufmerksamkeit auf den Zeitungsleser an der Ecke. Irgendetwas machte ihn in seinen Augen suspekt. Und richtig, er hatte sich nicht geirrt, denn nach einer kurzen Weile faltete der Mann in der Lederjacke entschlossen die

Zeitung zusammen, schob sie in die Jackentasche und ging langsam auf das spielende Kind zu. Der Alte konzentrierte sich nun voll auf die Bewegungen jenes Mannes und urplötzlich keimte in ihm ein unheimlicher Verdacht auf. Was zum Teufel…, dachte er und ergriff seine Stützen. Mühsam stemmte er sich hoch und trat den Zigarillo auf dem Parkweg aus. Ohne dabei jedoch den Mann aus den Augen zu lassen, der jetzt bereits mit dem Mädchen sprach. Der Mann in der Lederjacke holte aus seiner Innentasche eine Art Barbie-Puppe und zeigte sie kurz dem Mädchen. Das nickte, dann griff auch schon seine Hand nach der kleinen Hand des Mädchens und er ging mit ihr in Richtung der Toreinfahrt zurück. Nun hielt es den Alten nicht

mehr an seinem Platz. So schnell er konnte, hinkte er über die schmale Rasenfläche zur Straßenseite. Inzwischen war der Mann mit dem Mädchen bereits in der dunklen Toreinfahrt verschwunden. Nun war guter Rat teuer, jede Menge Fahrzeuge in der grünen Ampelphase verhinderten, dass der Alte zügig über die Straße kam. Er steckte einfach seine Stütze in die Waagerechte aus und betrat hinkend die Fahrbahn. Laut hupend hielten die Autos an und ließen den Alten die Fahrbahn überqueren. »He, Alter, wohl besoffen was? Da hinten ist ne‘ Ampel für dich. Willst du dich noch totfahren lassen, du Penner?«, rief einer der haltenden Kraftfahrer aufgebracht durch die heruntergelassene Seitenscheibe. Der Alte

ignorierte all das Gehupe und die beleidigenden Worte. So schnell er konnte, folgte er den beiden durch die Toreinfahrt. Als er den Torbogen passiert hatte erkannte er, dass er sich auf einem Baustellengelände befand. Wohnungsbausanierung im Komplex.

Die Wohnungen waren alle längst leergeräumt worden und im Innenhof wurde jede Menge Baumaterial gelagert. Auf dem Baustellengelände selbst aber traf er keine Menschenseele an. Offensichtlich wurde an diesem Tag auf der Baustelle nicht gearbeitet. Auch von dem Mann in der zerschlissenen Lederjacke und dem Mädchen keine Spur. Nun war es sich seiner Sache ganz sicher, hier geschah in diesem Augenblick ein Verbrechen an diesem Kind. Denk schneller,

Fritz, dachte er, wo könnten sie hinein gegangen sein. Er ließ seinen Blick in der Runde auf dem Hof schweifen. Vier Hofeingänge gab es und bei allen standen die Türen offen. Den Weg über den großen Hof zu dem hintersten Eingang, den schloss er aus. Alles zu weit, schlussfolgerte er, solange hab ich nicht gebraucht, um über die Straße zu kommen. Weiter. Er lauschte mit angehaltenem Atem ganz still auf irgendwelche Geräusche vom Hof. Es war nichts zu vernehmen, außer dem üblichen Verkehrslärm und der kam nur von der Straße her. Soweit können sie doch noch gar nicht gekommen sein, dachte er und sein Blick fixierte den ersten Eingang. Entschlossen hinkte er auf den ersten Eingang zu. Eine

Treppe zu seiner Rechten führte nach unten, in die Kellerräume. In dem halbdunklen Keller sah er eine verschlossene massive eiserne Tür. Es handelte sich um eine Luftschutztür aus dem zweiten Weltkrieg. Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit. An der Tür und dem Rahmen erkannte er einen glänzenden stählernen Riegel, der aber erst kürzlich dort angeschweißt sein konnte. Ein riesiges messingfarbenes Vorhängeschloss hing davor. Verschlossen, bestimmt ein separates Baustofflager für die Bauleute, folgerte er. Wieder lauschte er in das Haus hinein. Die Tür im linken Parterre war nur leicht angelehnt. Die rechte Tür war geschlossen. Durch einen schmalen Türspalt drang ein

Fetzen Helligkeit aus der linken Wohnung, in den ansonsten dunklen Hausflur. Instinktiv trat er an die Tür heran und öffnete sie vorsichtig ein wenig mit seiner Unterarmstütze. Ein muffiger Hauch, wie er in alten, lange unbenutzten Wohnungen entsteht, strömte ihm entgegen. Der Spalt wurde größer und er vernahm aus dem Inneren der Wohnung ganz leise, eine gedämpft klingende Männerstimme. Er zwängte sich sachte durch den Türspalt hindurch und betrat schier lautlos den Korridor der fast leergeräumten Wohnung. Ohne ein einziges Geräusch zu verursachen, gelangte er durch den schmalen Flur. Gleich rechts im nächsten Zimmer, dessen Tür halboffen stand, sah er, was er insgeheim schon vermutet hatte. Auf einer alten zerflederten Couch, lag

das Mädchen und dieser Mann saß über ihr. Seine Hosen hatte er bereits heruntergelassen und hielt mit einer Hand dem Mädchen den Mund zu. Der Mann in der Lederjacke, konnte den alten Mann nicht sehen, denn er hatte sich mit dem Rücken zur Tür auf das Mädchen gesetzt. Ihr roter Schal und ihr zerrissenes Unterhöschen lag auf dem total verdreckten Fußboden und ihren grünen Pullover, den hatte er ihr schon bis unter den Hals, nach oben geschoben. Er redete ununterbrochen auf das völlig verängstigte Mädchen ein und versuchte vergeblich sie zu beruhigen, während aus der Kehle des Kindes nur ein gurgelndes Geräusch zu vernehmen war. Er hatte ihre kleine Hand gepackt und ließ sie damit seinen bereits erigierten Penis

bearbeiten. In dem Moment, als er in sie eindringen wollte, vernahm er ein sausendes Geräusch. Das war das Letzte, was er hörte, denn der alte Mann war lautlos in das Zimmer getreten und schlug den Mann in der Lederjacke mit der rechten Hand seine silbrig glänzende Aluminiumstütze über dessen kurzgeschorenen, grauhaarigen Schädel. Er traf dem Mann mit voller Wucht unmittelbar hinter dem rechten Ohr an den Kopf. Blut spritzte sofort gegen die vergilbte und sich zum Teil schon von der Wand abgelösten Tapete. Lautlos kippte er von der Couch und fiel auf den dreckigen Fußboden. Er zuckte noch ein paar Mal kurz und wand sich auf dem Boden, als seine Augen plötzlich in eine

unendlich weite Ferne starrten. Der alte Mann mit dem weißen Bart sah nun in die angstgeweiteten Augen des kleinen Mädchens und lächelte sie sanft an. »Es ist vorbei, sagte er ruhig, du brauchst nun keine Angst mehr zu haben. Der Böse da, der kann dir nichts mehr tun«, sagte er und zeigte mit seiner Stütze auf den am Boden Liegenden, unter dessen Körpermitte sich nun eine Urinpfütze gebildet hatte.

»Komm, jetzt werden wir dich erst einmal wieder anziehen und dann gehen wir deine Mama suchen«, sagte er freundlich und reichte dem Mädchen seine Hand. Ängstlich und immer noch zitternd, ergriff sie die Hand des alten Mannes. Er setzte sich zu ihr auf die schmutzige Couch und stellte sie auf den

Fußboden. Dann zog er sie wieder an, nahm ihren Schal, reinigte ihn vom Schmutz des Fußbodens, so gut es eben ging und legte ihn ihr wieder um den Hals. »So, sagte er, na siehst du, das sieht doch schon gleich viel besser aus. Willst du mir denn nicht sagen, wie du heißt?« »Jasmin Berger, heiß' ich«, kam stoßweise die zitternde Antwort aus dem dünnen Stimmchen des Mädchens. Vor Angst brachte sie immer nur einzelne Silben heraus. »Und.. wer.. bist.. du?«, fragte sie aufschluchzend, blass im Gesicht und immer noch unter Schock stehend. Der Alte überlegte einen Augenblick lang und sagte dann, »Ich bin der liebe Gott, Jasmin. Ich kam hier

nur vorbei, um nach dir zu sehen und als ich sah, dass du in Gefahr warst, da musste ich dir einfach beistehen, ich konnte doch nicht zulassen, dass dir irgendetwas Böses geschieht«, sagte der alte Mann ruhig.

Sie nickte. Der Alte stemmte sich auf, »Nun gib mir bitte mal meine Stütze, denn ich kann nämlich nicht mehr so gut laufen«, bat er sie. Das Mädchen reiche ihn seine Stütze und ohne sich noch einmal umzudrehen, verließen die beiden das Haus. Draußen im Hof sagte er zu ihr, »Nun musst du mir helfen. Am besten, du legst deine Hand auf meine obendrauf, während ich mich an der Stütze festhalte. Willst du das für mich tun und mich stützen, Jasmin Berger?« Das immer noch zitternde

Mädchen nickte wiederum stumm. »Gut, sagte er. Dann machen wir das so«. Gemeinsam verließen sie durch die Toreinfahrt den Innenhof. An dem nächsten Münzfernsprecher blieb der Alte stehen, »So, Jasmin Berger, ich muss nur schnell noch einmal telefonieren, damit man uns hier abholt und dann fahren wir dich gleich zu deiner Mama, ist das okay?«, fragte er sie. Sie nickte erneut, während der Alte zum Hörer griff und den Polizeinotruf wählte. Nach dem Anruf wandte er sich wieder dem Mädchen zu, »Jetzt wird alles gut«, sagte er und hielt sie fest bei der Hand. Drei Minuten später bog ein Streifenwagen der Polizei um die Ecke und hielt neben der Toreinfahrt. Zwei Polizisten sprangen aus dem Fahrzeug und einer

wandte sich an den Alten, während der andere auf das Baustellengelände rannte. »Sind Sie Friedrich Bauer?«, fragte der Beamte den alten Mann. Der nickte, »Und das ist Jasmin Berger. Sie sollte sofort zu ihrer Mutter gebracht werden«.

Der Beamte nickte,

»Das klären wir gleich, Herr Bauer, wenn Sie erst einmal in unserem Fahrzeug Platz nehmen würden. Ich kümmere mich inzwischen um das Kind«.

Mit Blaulicht und Martinshorn, bog nun auch ein Rettungswagen um die Kurve und fuhr direkt durch die Toreinfahrt auf den Hof. Kurz darauf war auch die Kripo eingetroffen und während der ältere, der beiden Kommissare

sich an den alten Mann wandte, rannte sein jüngerer Kollege ebenfalls auf das Baustellengelände. »Herr Bauer?« Wieder nickte der Alte. »Hauptkommissar Oberländer. Wie ich höre, haben Sie über den Polizeinotruf angegeben, jemanden erschlagen zu haben?« »Das ist sehr wahrscheinlich auch korrekt«, sagte der Alte tonlos. »Sind Sie verletzt?«, fragte der Polizist. »Mir geht es gut, Herr Kommissar und ich bin unverletzt, aber kümmern Sie sich doch bitte um das Kind«. »Das geschieht bereits, Herr Bauer, sein Sie also unbesorgt. Ich denke aber, Sie werden uns sicher noch einiges zu erklären haben, Herr Bauer?«, meinte der

Kommissar. »Das werde ich, Herr Oberländer, das werde ich.« »Nun gut, wenn es so ist würde ich Sie bitten, einstweilen in unser Fahrzeug umzusteigen und Sie begleiten uns dann anschließend ins Präsidium«.

Der Alte nickte und quälte sich mühsam wieder aus dem Funkstreifenwagen der Polizei heraus. Danach hinkte er langsam hinüber zu dem schwarzen Mercedes, auf dessen Dach immer noch die Blaulichtlampe rotierte. Inzwischen war der jüngere Kommissar vom Baugelände zurückgekehrt und schüttelte schon von weitem den Kopf. »Nichts mehr zu machen, Chef, tatsächlich mausetot, der Mann. Äußerst unschöne

Schweinerei übrigens da drinnen«. »Okay, sagte Oberländer, wissen wir denn schon um wen es sich handelt?« »Nein, der Mann hatte keinerlei Papiere dabei, nur so eine Art Puppe, vermutlich eine Barbie-Puppe und ne‘ aktuelle Tageszeitung, das war alles. Die Spurensicherung ist übrigens schon unterwegs, Chef«. »Gut, wir sind dann hier wohl fertig, ich schaue mir nur noch einmal kurz den Tatort an und Sie haben inzwischen mal ein Auge, auf unseren Mann hier«, er wandte seinen Kopf in Richtung des Mercedes. »Geht klar, Chef, ich kümmere mich darum«, erwiderte der Kommissar. Oberländer ging durch den Torbogen und musterte die Baustelle. Dann begab er sich zu dem ersten

Hauseingang und stieß die angelehnte Tür auf. Muffige Feuchtigkeit strömt ihm entgegen. Er nickte dem grüßenden Streifenpolizisten zu, der sich unten im Hausflur postiert hatte. Vor der Wohnungstür im Parterre links, blieb er stehen und betrachte sich etwas genauer das ausgefranzte Loch in der Tür. An dieser Stelle hatte sich einstmals das Schloss zur Wohnungstür befunden. Uralt, war aber wohl schon vor längerer Zeit mit Gewalt herausgeschlagen worden, dachte er und schob mit seiner Schuhspitze die Tür zur Wohnung ganz auf. Er betrat den kurzen Flur. Als er in das Tatort-Zimmer kam, hatte der Mediziner gerade seine Tätigkeit beendet. Er zuckte mit den Schultern und sagte mit einem deutlichen Bedauern in der Stimme,

»Tja, da hat jemand ganze Arbeit geleistet, ein einziger Schlag von hinten und der war sofort tödlich, Herr Kommissar. Der Schlag traf ihn unmittelbar hinter dem rechten Ohr. Ein Rohrstück vielleicht, würde ich sagen, aber etwas Genaueres…« »…wie immer erst nach der Obduktion«, ergänzte Oberländer und nickte. »...Todeszeitpunkt?« Der Notarzt zuckte erneut mit den Schultern, »Keinesfalls länger als dreißig Minuten her, würde ich meinen. Die Blutspritzer an der Wand beginnen auch gerade erst zu trocknen«. Der Kommissar schaute auf seine Uhr und nickte abermals, dann warf er noch rasch einen Blick auf die Leiche, um deren Kopf sich

mittlerweile auch eine große Blutlache gebildet hatte. »Danke Doktor, sagte er, wir sind jetzt hier fertig und wenn unsere Spurensicherung durch ist, können Sie die Leiche des Opfers in die Pathologie abtransportieren lassen«. Der Notarzt winkte ab, »Ich weiß bereits Bescheid, Ihr Kollege hatte mich schon informiert«. Oberländer verabschiedete sich, »Also bis später dann und schicken Sie mir bitte ihren Bericht ins Präsidium, Doktor«.

Er verließ das Haus und ging zurück zum Fahrzeug. Sein Kollege ließ den Motor an und Oberländer setzte sich auf den Beifahrersitz. »Wir können...«, sagte er, während seine Hand nach oben auf das Dach langte, um die

blaue Rundumleuchte zu entfernen.

Langsam setzte sich die schwarze Limousine in Bewegung und fuhr zurück ins Polizeipräsidium.

Eine Stunde später saß der alte Mann dem Hauptkommissar in dem kärglich möbelierten Vernehmungszimmer gegenüber, als es an der Tür klopfte und der jüngere Kommissar seinen Kopf durch den Türspalt steckte, »Entschuldigung Chef, haben Sie mal eine Sekunde, es ist wirklich dringend«. Unwirsch unterbrach Oberländer die Vernehmung. »Einem Moment bitte, Herr Bauer, ich bin gleich zurück«. Der Alte machte eine verstehende Geste mit

der Hand. Der Kommissar verließ den Raum und wurde gleich draußen auf dem Flur vom Oberstaatsanwalt angesprochen, »Oberländer, wissen Sie überhaupt, mit wem Sie es da drinnen zu tun haben?« »Ich denke schon, Herr Oberstaatsanwalt, Friedrich Bauer, Rentner, hat zufällig den Vorgang beobachtet und ist dem Täter in den Innenhof gefolgt…« »Ich denke schon… Sie sollten sich besser mal vorher schlau machen, wen Sie da vor sich haben, Oberländer. Dieser Fritz Bauer ist, oder besser, er war einstmals ein Kollege...,

Ex-Kriminaloberkommissar bei der Berliner Mordkommission, stand kurz vor der Beförderung zum Hauptkommissar, als er von einem Ganoven bei dessen Verfolgung

angeschossen wurde. Dabei wurde ihm das rechte Sprunggelenk zertrümmert und trotzdem hat er den Täter noch stellen können. Das Bein ist aber nie wieder geworden und seitdem ist er pensioniert. Ist jetzt wohl an die sieben Jahre her«. Oberländer schluckte, »Entschuldigung, Herr Oberstaatsanwalt, das habe ich natürlich nicht gewusst, ich bin erst seit fünf Jahren hier in Berlin in der hiesigen Mordkommission«. »Nicht gewusst..., wann machen Sie endlich mal ihre Hausaufgaben, Herr Hauptkommissar? Wissen Sie eigentlich, gegen wen ich hier jetzt wegen Todschlags, oder Notwehr ermitteln muss? Gegen den lieben Gott, denn das Mädchen ist inzwischen

im Beisein seiner Mutter durch eine Kinder-Psychologin befragt worden. Auf die Frage, ob sie den Mann kannte, der sie befreit hat, soll sie laut Protokoll, wortwörtlich geantwortet haben: Ja, der liebe Gott hat mich gerettet.

Denn so hatte er sich dem Mädchen gegenüber vorgestellt, …als der liebe Gott!«


***






































Impressum Cover: selfARTwork Coverfoto: Thorben Wengert_pixelio.de Text: Bleistift

© by Louis 2013/3 Update: 2019/5



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Über den Autor

Bleistift
Mit Vorliebe schreibe ich Drabbles, Krimis und Kurzgeschichten...
Ich liebe diese fabelhaft pointierten Miniatur-Geschichtchen.
Zur Abwechslung schreibe ich auch gern mal eine erotische Geschichte...
Ansonsten hoffe ich auf viele geneigte Leser und freue mich über jeden ehrlich gemeinten Kommentar.
Zwei Städte sind mir neben Berlin besonders wichtig:
Paris und Venedig...

09.Mai 2015
Ich habe heute erfahren, dass Silvi Bredau am Samstag, dem 25. April 2015 verstorben ist.
Ich schäme mich meiner Tränen nicht...
Louis

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EllaWolke Viel braucht es hier nicht
KLASSE!!!
Vor langer Zeit - Antworten
cooki Mir kommen da die Trännen, wirklich toll dieses Thema beschrieben. Mir verschlägt es die Sprache.
Ich weiß kar nicht wieso ich es mir eingemerkt habe, denn jetzt habe ich es in einem durch gelesen, musste wissen wie es zu ende geht. Zum Glück ja gut.

Liebe Grüße
Eva
Vor langer Zeit - Antworten
KaraList Sexualverbrechen, die an Kindern verübt werden - ein Thema, das Dich ganz offensichtlich beschäftigt und berührt - wen nicht? Auch ein anderes Buch von Dir beschäftigt sich ja mit dieser Thematik.
Eine spannend geschriebene Geschichte, die Dank des "lieben Gottes" ein gutes Ende hat.
LG
Kara
Vor langer Zeit - Antworten
Herbsttag Alle nicht therapierbaren "Bertrams" sollten dem "lieben Gott" kennenlernen, das wäre mein Wunsch! Meine Herrn, wie lebensnah erzählt. Ira
Vor langer Zeit - Antworten
Sylke 
War es der liebe Gott, war es ein von Gott gesandter Engel?
Es war wohl die beste Antwort, die das Kind bekommen konnte, die ihm am wenigsten Schaden zugefügt hat.
Es ist schade, dass die Engel nicht immer rechtzeitig zur Stelle sind, wohl auch, weil kaum einer mehr an Engel glaubt.
Es ist erleichternd zu lesen, dieses Mal kam die Hilfe nicht zu spät, dieses Mal wurde die kleine Kinderseele nicht zu sehr verletzt.

LG in deinen Sonntag von Sylke
Vor langer Zeit - Antworten
Frettschen Der liebe Gott ...
Schade nur, dass er nicht überall sein kann.
Eine wunderbare Geschichte. Spannend, verstörend und erwärmend zugleich.
Bin ganz hinundhergerissen ...
Gut gemacht.
Vor langer Zeit - Antworten
schnief Eine fesselnde wenn auch bedrückende Geschichte, klasse geschrieben.
Liebe Grüße Manuela
Vor langer Zeit - Antworten
baesta Wow, kann ich da nur sagen. Eine Geschichte mit Gänsehautfaktor und noch mehr Zivilcourage.

LG Bärbel
Vor langer Zeit - Antworten
Loraine Was für eine Geschichte - lieber Louis - mit großem Können - Spannung und durchaus realen Erlebniselementen zusammengefügt. Mit einem sehend fühlenden Herzauge vermischt - der liebe Gott. Was für ein Schluss. Dieser liebe Gott hat trotz Handycap eingegriffen - ist tätig geworden - hat nicht weggesehen. Toll. Danke Dir für diese Geschichte! Beste Bachgrüße Loraine
Vor langer Zeit - Antworten
Ameise Es gibt noch Gerechtigkeit zumindestens in dieser Geschichte. Ich war von Anfang bis Ende gefesselt. LG Ameise
Vor langer Zeit - Antworten
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