Romane & Erzählungen
Der beste Chef dieser Welt - eine Glosse

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"Der beste Chef dieser Welt - eine Glosse"
Veröffentlicht am 28. März 2013, 26 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Der beste Chef dieser Welt - eine Glosse

Der beste Chef dieser Welt - eine Glosse

Der Chef , Corporate identitiy und Weihnachten

 

 

War das eine Überraschung heute Morgen. Kommt man durch die EingangstĂŒr, wer steht da? Der Weihnachtsmann und sein Knecht Ruprecht! Toll verkleidet. Der Weihnachtsmann in Rot und Weiß, der Knecht in Schwarz und Braun. Und wer steckte da hinter?  Der Chef!! TatsĂ€chlich der alleroberste Chef! Als Weihnachtsmann oder Nikolaus oder so. MĂŒhe hatte er sich gegeben, sein markantes Gesicht und sein lichtes Haar unter der großen Kapuze und viel Watte zu verstecken. Doch sein windelweicher, weißbehandschuhter HĂ€ndedruck zerstörte jede Illusion. Das war wirklich der Chef. Etwa unglĂŒcklich in Sack und Asche gekleidet der Ruprecht oder der Schwatte nebendran. Wahrscheinlich hatte der herzensgute Chef voll in den Auspuff seines Uraltdiesels gegriffen um bei der Maskierung seiner SekretĂ€rin ein wenig nachzuhelfen. Also schwarz war ihr Gesicht. Nur auf den knallroten Lippenstift hatte sie nicht verzichtet. Zaghaft mit der Rute winkend wirkte sie verschĂŒchterter als normal. Jedem Angestellten zog der Chefnikolaus/Weihnachtsmann eine WeihnachtsmannmĂŒtze ĂŒber den Kopf und drĂŒckte ihm einen mittelgroßen Schokoladenaldinikolaus in die Hand mit den Worten: "Frohe Weihnachten. Und in den letzten Tagen der Vorweihnachtszeit wollen wir doch alle nur mit einem LĂ€cheln und lieben Worten an die Arbeit gehen, nicht wahr?“ Bei einigen beugte er sich zwinkernd vor und flĂŒsterte ihnen ins Ohr: "Sie wissen schon, corporate identity!" Wahrscheinlich hat er wieder mal etwas aufgeschnappt, was sofort und rigoros umgesetzt werden musste. Darin war er absolut kompetent. Da er sich immer zu dem etwas kleinen SekretĂ€rinnenruprecht herunterbeugen mĂŒsste, um von ihr den Namen des jeweiligen Angestellten mehrmals zu erfragen, weil die dicke Kapuze sein sowieso nicht besonders gute Gehör behinderte, bildete sich so nach und nach eine Schlange vor dem BegrĂŒĂŸungskomitee, was bei einigen zu sichtbaren Entzugserscheinungen fĂŒhrte, da ihnen der notwendige MorgensbĂŒrokaffee vorenthalten wurde.

 

Aus dem Kopierraum konnte man dann deutlich vernehmen, wie die Ermahnungen des Nikolausweihnachtsmannchefs in die verbale Tat umgesetzt wurden. "Diese blöden SaftsĂ€cke! Jetzt stehen da schon zwei Schilder, und trotzdem packt irgendein Harry immer das Umweltschmutzpapier in die obere Kassette! Deutlicher geht’s doch wohl wirklich nicht! Umweltschutzpapier in die UNTERE Schublade. Nur Hirnis und Volltrottel in dem Laden hier!" Das war die Stimme unseres Azubis, der jetzt schon damit beschĂ€ftigt war, die Listen zu kopieren, die er nach den Feiertagen fĂŒr seine betriebsinterne Weihnachtsgeschenk-Tauschbörse verteilen wollte. Mit der 10%igen VermittlungsgebĂŒhr hatte er im letzten Jahr ein nettes GeschĂ€ft gemacht.

Aus dem klimatisierten Serverraum hörte man anfĂ€nglich nur ein freundliches Flehen. "Ach Allerliebster, Herzallerliebster, spuck doch bitte heute mal ein paar Bits und Bytes mehr aus! Tu mir den Gefallen. Sonst hĂ€ngt wieder die ganze Belegschaft in meinem Zimmer und beschwert sich ĂŒber die Schneckenpost im Netz. HAST DU GEHÖRT?  Mach voran du Lahmarsch, sonst zieh ich dir jedes RAM-Baustein einzeln und zwar ohne BetĂ€ubung und UNTER SPANNUNG!!"

 

Vor der Damentoilette hatten sich zwei untergeordnete SekretĂ€rinnen in den lockigen Haaren, die aber voneinander abließen, als sie mich vorbeischleichen sahen. Hinter meinem RĂŒcken ging es aber wohl wieder zur handgreiflichen Sache. "Wenn du Zimtzicke dem noch einmal schöne Augen machst, dann zieh ich dir vor versammeltem Haus den Fummel von deiner Orangenhaut, dass es nur so kracht! Lass die Augen und Finger von dem, der gehört mir. Und wenn der hundertmal sagt, ‚ach FrĂ€ulein, bringen sie mir doch eine kleine Mohnschnecke mit, wen sie in die Kantine gehen! Die bringe ICH ihm und nicht DU"

 

Ein BĂŒro weiter traute ich meinen Ohren nicht so recht. Es war weder Mitternacht noch war ich in meiner Wohnung. Die Töne kamen nicht aus der Nachbarwohnung sondern tatsĂ€chlich aus dem BĂŒro. „Nun komm schon. Geh rein. Zier dich nicht so. Mach doch nicht immer so Probleme. Das ist doch ganz einfach. Siehst du, ein StĂŒckchen bist du doch schon drin. Noch etwas. Das geht gaaanz leicht.“ Dann ein Wutschrei! Karl Heinz aus der Buchhaltung war es wohl. „Du blödes MiststĂŒck gehst jetzt rein, sonst steck ich dich in den Reißwolf!!“ Ich traute meinen Ohren nicht und befĂŒrchtete das Schlimmste. Aber glĂŒcklicherweise hörte ich hinter der TĂŒr die neue Kollegin sĂŒffisant leise sĂ€useln: „Ach, lieber Karl Heinz, da steckt doch wieder ein BĂŒroklĂ€mmerchen dran. Dann kann das doch nicht gehen nicht gehen.“ Karl Heinz wurde wĂŒtend: „Warum stellen die uns kein FaxgerĂ€t hin, in das man auch BlĂ€tter MIT BĂŒroklammer reinschieben kann. Ich kann doch nicht an alles denken. Die sind doch sonst so schlau. ABER DAS BRINGEN DIE NICHT!“ Ich atmete erleichtert auf. Nur das Übliche. Karl Heinz und die Technik.

 

Aktenordner fielen im BĂŒro gegenĂŒber auf den Boden. SchranktĂŒren schlugen zu und wurden wieder aufgerissen. „Ich fass das nicht!! Das geht wochenlang so. Und ich denke, mit jedem Tag wird der Calvados milder!! Milder! Ich blöde Kuh. Nix milder! Da zieht die Tussi sich jeden Morgen ein TĂ€sschen von dem Zeug ohne mein Wissen rein und blubbert mir kichernd was von einer ‚Apfelkur’ vor. ‚An apple a day keeps the doctor away’ muss ich mir dann immer anhören. Dabei habe ich nie einen Apfel gesehen. Jetzt weiß ich, warum die morgens immer so guter Stimmung war! Immer ein kesses Liedchen auf den Lippen.“ Ich warf einen Blick durch den TĂŒrspalt und sah die gute Seele des Hauses, die in einem halben Jahr auf einer Weltumseglung den Vorruhestand genießen wollte. Die gute Frau hatte der verdatterten Aushilfskraft den Kopf auf die Schultern gelegt. Doch da wurde sie lauter: „Und so was nennt sich KOLLEGIN!! FĂŒllt immer Wasser nach und glaubt, ich merke das nicht!! Und die hatte auch noch wochenlang Recht damit! Ich habe das wirklich nicht gemerkt. MILDER!! Da ist ja nur noch Wasser drin in der Flache. Und ich dachte, ich hĂ€tte die so gut hinter der Ablage klein c bis  groß D versteckt.“

 

Sie schluchzte weiter vor sich hin, als ich endlich mein BĂŒro erreichte. Ich öffnete die TĂŒr. Ich erschrak. Mir stockte der Atem. Da stand er vor mir, mein geliebter Kollege, der von morgens bis abends von seinen AbnahmebemĂŒhungen faselte, der aber immer blitzschnell zugriff, wenn ich meine 300g Trauben-Nuss, eine TĂŒte Haribo-Colorado oder eine Schachtel ChampagnertrĂŒffel auf den Schreibtisch legte. Und dann jammerte er mir stundenlang was vor. Jetzt aber knirschte er zahnschmelz- oder gebissgefĂ€hrdend mit den gebleckten ZĂ€hnen. Mit erhobenem Brieföffner stand er vor mir. „WO HAST DU DEN MÄUSESPECK VERSTECKT? RÜCK IHN RAUS ODER ICH MACH DICH ALLE!!“ Mein letztes StĂŒndchen schien geschlagen zu haben. Ich versuche, mein ganzes Leben schnell vor mir ablaufen zu lassen, aber irgendwie bekam ich den Film nicht in die Spule. Ich stolperte rĂŒckwĂ€rts, stieß gegen den Schrank, aus deren oberer Etage die TĂŒte mit dem frischen MĂ€usespeck fiel. Dann hatte ich einen auch mir einmal zustehenden Blackout. Ich kam erst wieder richtig zu mir, als ich mit meinem nun friedlichen Kollegen die Kantine fĂŒr ein spĂ€tes BĂŒrofrĂŒhstĂŒck betrat. Als ich dort unsere SekretĂ€rin heulend an einem Tisch sitzen sah, mittlerweile wieder in Zivil, und ich bemerkte, wie das kleine unscheinbare MĂ€uschen aus dem Archiv ihr mit einem Stofftaschentuch, das sie immer wieder mit ihrer Zunge anfeuchtete, die Rußflecken aus dem Gesicht rieb, und die gute SekretĂ€rin schluchzte: „Ich mach so was nicht mehr. Das kann er von mir nicht verlangen. Immer verlangt er so was von mir. Ich kann nicht mehr!“ , da wusste ich, dass es ein Tag wie jeder andere war. Gut, die ChefsekretĂ€rin wird wohl ihr Leben lang mit ihrem neuen Trauma zu kĂ€mpfen haben. Sie wird wohl an keinem Dieselauspuff mehr problemlos vorbeikommen. Aber es gibt ja Therapeuten.

 

Die guten, besinnlichen Worte des guten Chefs hatten also nichts genutzt, und zur Corporate identity hatten auch die WeihnachtsmĂŒtzen nicht viel beigetragen.



Laudatio fĂŒr die Chefs dieser Welt

 

Vorausschicken möchte ich gleich zu Beginn, dass es wahrscheinlich Ähnlichkeiten gibt mit dem einen oder anderen Chef dieser Welt, unter denen die Angestellten, Arbeiter und Sklaven ihr Bestes tun; Tag ein und tagaus. DafĂŒr kann ich aber nichts. Und das sei bitte zur Kenntnis genommen.

 

Wir stellen uns einmal eine Firma vor, angesiedelt irgendwo im MittelstÀndischen. Diese Firma stellt seit vielen Jahren mitten in einem historisch nicht uninteressanten innovative Gedanken her. Das hatte viele Jahre funktioniert, auch wenn der eine oder andere Gedanke so innovativ gar nicht war. Aber das merkte kaum jemand. Am Rande der Altstadt wurde diese Firma geduldet und ab und zu auch mal ein wenig gepflegt, wenn es dem Image des Standortes dienlich war.

 

Seit fast einem Jahrzehnt, und das ist schon eine recht lange Zeit, hatte der Mutterkonzern, der sich vor noch lĂ€ngerer Zeit diese mittelstĂ€ndische Firma einverleibt hatte, ihr einen neuen Chef vorgesetzt. Dieser Chef war aber wohl eher nicht der richtige Mann am richtigen Platz, er war nĂ€mlich ein Kompromisskandidat. Das kommt ja nun hĂ€ufiger vor und ist gar nicht so selten. Einige Bewerber besaßen ĂŒberhaupt keine Qualifikation, anderen wurde von Mitarbeitern der Firma abgeraten, da sie um den Zustand der Firma wussten, wieder andere gerieten zwischen die MĂŒhlsteine rivalisierender Gruppen des Aufsichtsrates. Nachdem an beiden Enden die Kandidaten aussortiert worden waren und die Qualifizierten abgesagt hatten, da blieb ein unscheinbares MĂ€nnchen ĂŒbrig. GemĂŒtlich sah er aus, irgendwie zum Knuddeln. Zumindest auf Distanz gesehen. Er blinzelte unglĂ€ubig in die Runde und freute sich wie ein Schneekönig, nachdem er endlich begriffen hatte, dass er der AuserwĂ€hlte war. Er fĂŒhlte sich fast so, wie er sich jedes Jahr Weihnachten bei der Bescherung gefĂŒllt hat.

 

Und dann fing er an, mit eisernen Besen zu kehren. Kompetenzen wurden neu geordnet, neue Möbel wurden bestellt, mit einem Wort, es wehte ein frischer Wind. Um den Betrieb fĂŒr sich und andere ĂŒberschaubar zu halten, strich er dann an allen Ecken und Enden und sein Ausspruch machte die Runde: Lieber klein, aber dafĂŒr fein. Die verbliebenen Mitarbeiter nahmen dieses mit Erstaunen zur Kenntnis, denn so groß war der Betrieb nun wirklich nicht, aber sie arrangierten sich. Und im Laufe der Zeit arrangierten sie sich immer besser, denn sie durchschauten den Hintergedanken dieses Leitspruches sehr bald: Nicht nur klein und fein, nein auch: lieber unwesentlich als bedeutungsvoll. Und so konnte sich jeder sein eigenes Refugium in dieser kleinen Welt schaffen, ohne großartig belĂ€stigt zu werden.

 

Nun wird manch einer fragen, ob dadurch nicht die EffektivitĂ€t des Betriebes gelitten habe. Nun, so effektiv war der Laden vorher auch nicht. Er fristete wie ein kleines zierliches BlĂŒmchen im Schatten eines großen Baumes sein Dasein, nahezu unbemerkt, aber eben auch nicht störend oder gar auffĂ€llig. Also eher unauffĂ€llig, vom Mutterkonzern fast vergessen und mit Nachsicht betrachtet. Unter diesen UmstĂ€nden ließ sich gut leben. Wenn ab und an ein Mitarbeiter am Sinn des Ganzen zweifelte, wenn er begann, sich auffĂ€llig zu verhalten, was bedeutete, er kritisierte, bezweifelte oder drehte ein wenig durch im Anblick der dahin schleichenden Bedeutungslosigkeit, dann setzte unser guter Chef auf gruppendynamische Prozesse. Er ließ es entweder laufen oder aber er zitierte diesen armen Störenfried herbei. In sein Zimmer. Und wollte sich alle Probleme anhören. Und das war dann immer wieder ein Erlebnis fĂŒr den Mitarbeiter. Er kam mit schriftlichen Konzepten und neuen Ideen munter, voller Selbstbewusstsein und Zuversicht in das Chefzimmer, wurde freundlich begrĂŒĂŸt, durfte reden, aber das war es dann auch. Er konnte dann feststellen, dass der gute Chef ĂŒberhaupt nicht zuhörte und nach kurzer Zeit damit begann, den Mitarbeiter mit Geschichten aus seiner Jugend, seiner Ausbildungs- und Studienzeit und aus seinen ersten Berufsjahren zu fesseln. Nach zwei Stunden war der Mitarbeiter dann fertig und endgĂŒltig geprĂ€gt fĂŒr das weitere Leben in diesem Betrieb. Und der Chef ging dann davon aus, dass er alle Probleme auf friedliche Art und Weise in vollkommener Harmonie gelöst hatte. Und daran glaubte er wirklich. Da irgendwann alle Mitarbeiter diese harte Schule durchlaufen hatten, herrschte oberflĂ€chlich wieder Frieden. Jeder machte was er wollte, ab und an kam jemand tatsĂ€chlich auf eine fruchtbare, innovative Idee, womit dem Sinn und Zweck des Betriebes Rechnung getragen wurde, und nur ganz selten versuchte jemand, aus diesem goldenen KĂ€fig auszubrechen.

 

Und der Chef tat alles, um seinen Mitarbeitern das Leben in diesem KĂ€fig so angenehm wie möglich zu gestalten. Bewusst und unbewusst. Ein schöner, menschenverbundener Zug war es, bei jedem Diktat sehr nah hinter der SekretĂ€rin zu stehen, um jeden Buchstaben auf dem Monitor sofort nach seinem Erscheinen genau zu ĂŒberprĂŒfen. Blitzschnell war sein Finger auf der Mattscheibe, wenn er einen Fehler wahrnahm. Der Monitor sah entsprechend aus. Seine letztes Weihnachtsgeschenk, einen Organizer, brachte er jeden Morgen mit in sein BĂŒro und ließ die neuen Daten von der SekretĂ€rin in das Netzwerk einspeisen. Wozu? Keine Ahnung. Denn nachweislich waren keine betriebsrelevanten Termine darauf vermerkt, wenn ĂŒberhaupt etwas darauf vermerkt war. Denn mit der Delete-Taste hatte er so manches Problem. Was vielleicht mit seinen dicken Fingern und den kleinen Tasten zu tun hatte. Wenn es doch einmal geklappt hatte, dann wusste jeder, der Zugriff auf das Netzwerk hatte, und das waren eigentlich alle, bis auf die Putzfrauen, wann der Chef mal wieder Kartoffeln vom Markt besorgen musste. Und das wiederholte sich jede Woche. Die Einarbeitungszeit fĂŒr den Organizer dauerte ĂŒbrigens vom 24. Dezember bis zum 23. Februar des Folgejahres. In der Zeit war ein entspanntes Arbeiten im Betrieb möglich. Ab und an hörte man nur hinter der fest verschlossenen TĂŒr des Chefzimmers ein Stöhnen, Toben, Schreien oder Schluchzen. Ein Azubi löste ihn dann aus seiner Vereinsamung. Einschalten, Terminbuch anwĂ€hlen, Termin eintragen, Termin speichern, ausschalten, Ende Februar klappte es. Versuche, das GerĂ€t als Notizbuch in den wenigen Besprechungen zu nutzen, scheiterten glĂŒcklicherweise sehr schnell. Technische Probleme löste der Chef, wenn er sie löste, auf seine Art und Weise: langsam und nicht zu hektisch oder gar nicht. Manchmal tat er einem aber auch schon ein wenig leid. Es fanden sich so wenig Mitmenschen, die ihn aus seinem aussichtslosen Kampf erlösten. Niemand teilte ihm im letzten Jahr mit, welches technische Problem dafĂŒr zustĂ€ndig war, dass er nun schon zum dritten Mal in der - zugegebenermaßen sehr steilen -  Parkhausauffahrt stehen geblieben war. Er fuhr raus, blieb oben in starker SchrĂ€glage stehen, und dann war der Motor auf einmal aus. Einfach so. Mit wehendem Mantel und verwegen auf dem Kopf sitzenden HĂŒtchen stĂŒrmte er erbost zurĂŒck in den Betrieb, verlangte von der SekretĂ€rin ein sofortiges TelefongesprĂ€ch mit der Werkstatt. Drei Mal geschah das im letzten Jahr. Und die Werkstatt war nicht in der Lage, den technischen Fehler zu finden. MitfĂŒhlende Mitarbeiter schoben den alten Mercedes immer aus der Ausfahrt hoch auf die Straße und ließen ihn dort stehen. Die herbeizitierten Mechaniker versuchten dann, den Wagen zu starten. Und er lief. Nach dem dritten Mal begann der Chef ganz leise, auch an sich zu zweifeln. Als rational veranlagter Mensch glaubte er jedoch nicht an Voodoo-Zauber. Dass sein Problem in der Auffahrt immer dann auftrat, wenn er den Tank fast leer gefahren hatte und durch die starke SchrĂ€glage das bisschen Benzin im Tank nicht mehr den Weg zum Motor fand, das wollten wir ihm schon sagen, aber irgendwie fand sich bisher keine passende Gelegenheit dazu. Wir haben uns vorgenommen, ihm die ErklĂ€rung in einem anonymen Brief zukommen zu lassen, demnĂ€chst. Vielleicht.

 

Zum guten Arbeitsklima trug er auch in alltĂ€glichen Lebenslagen bei. Es wurde von allen erfreut wahrgenommen, dass er jedem Mitarbeiter fusselfreie StaubtĂŒcher zukommen ließ, damit diese endlich ihre fingerabdruckĂŒbersĂ€ten Monitore reinigen konnten. Bei seinen Besuchen in den BĂŒros des Betriebes unterließ er es eigentlich nie, die Mitarbeiter auf von ihm wahrgenommen Fehler fingerzeigend hinzuweisen. Seine SekretĂ€rin bekam eine Zehnerpackung.

 

Eines Morgens schreckte jedoch die ganze Belegschaft kollektiv auf. Der Chef schrie. Er schrie auf dem Flur. Er schrie auf dem Flur vor den Herrentoiletten. Und er schrie lange. Er rief nach dem Verantwortlichen. Er rief nach dem Verantwortlichen fĂŒr das Toilettenpapier auf der Herrentoilette. Doch der Verantwortliche hörte ihn nicht. Und das machte ihn wĂŒtend. So richtig wĂŒtend. Es war ein GlĂŒck, dass die fĂŒr das Toilettenpapier in den Herrentoiletten zustĂ€ndigen Putzfrauen um diese Zeit, es war zehn Uhr vormittags, nicht mehr und noch nicht im Hause waren. Sie hĂ€tten nĂ€mlich einen schönen Schreck bekommen. Denn der Chef schrie fĂŒrchterlich. Und in seiner typischen Art machte er diese wichtige Angelegenheit zur alleinigen Chefsache. So etwas sollte in seinem Betrieb nie wieder passieren. Nie wieder! Wutschnaubend bat er seine SekretĂ€rin, in der Herrentoilette einmal nachzusehen. Nach den Toilettenpapierrollen zu sehen und ihm bestĂ€tigend zu berichtigen. Doch diese weigerte sich einfach. Eigentlich unerhört, denn bisher hatte sie das noch nicht gewagt. Die Arbeit einfach so zu verweigern. Wir wissen alle nicht, was sie dazu getrieben hatte. So ein Graus kann auch unsere Herrentoilette nicht sein. Es fand sich jedoch wieder besagter Azubi, der den Organizer des Chefs organisiert hatte. Dieser tat, worum ihn der Chef bat. Ja, er bat ihn, denn seine Hochachtung vor dem Azubi war enorm gewachsen, nachdem dieser den Organizer und den Chef so eintrĂ€chtig zusammen gebracht hatte. Der Azubi betrat mutig die Herrentoilette, schaute sich grĂŒndlich um und konnte dann die wutauslösende Tatsache berichten: Ja, der Chef hat Recht. Auf der Herrentoilette, zumindest in der hinteren Kabine, und das war die vom Chef bevorzugte Kabine, in dieser Kabine befand sich keine einzige Ersatzrolle Toilettenpapier. Nicht eine. Die Rolle auf dem Halter war zwar neu und nahezu ungebraucht, aber es war in dieser Kabine keine Ersatzrolle vorhanden! Unerhört, skandalös, mussten wir dem Chef nun wirklich alle Recht geben, da wir vom GebrĂŒll auf dem Flur gelockt, die BestĂ€tigung durch den Azubi aus erster Hand mitbekamen. Und da der Chef diese Angelegenheit zur Chefsache erklĂ€rt hatte, wurde von der SekretĂ€rin mit dem Chef im Nacken eine Aktennotiz und ein harscher Brief an die Putzfrauen verfasst. Um vier Uhr, also rechtzeitig vor Arbeitsschluss, war alles fertig. Und es war gut so. Denn seit dem Tag fehlte in keiner Kabine der Herrentoilette mehr die Ersatzrolle Toilettenpapier.

 

Kaum war diese Angelegenheit zur Zufriedenheit aller geregelt, wurde vom Chef bei seinen GĂ€ngen durch das GebĂ€ude festgestellt, dass in einem kleinen Kellerraum, der als Archiv fĂŒr völlig unwichtige Ablagen aus grauer Vorzeit genutzt wurde, die Farbe an den WĂ€nden nicht mehr taufrisch war. Unerhört, fand der Chef, denn seine Meinung war, dass jeder Raum des Betriebes wie eine Visitenkarte der ganzen Firma aufzutreten habe. Was sollte denn ein unvoreingenommener Besucher denken, wenn er, nichts Böses ahnend, den sorgfĂ€ltig verschlossenen Raum im hintersten Keller betreten wĂŒrde. Sodom und sonstige SĂŒndenpfĂŒhle wĂŒrde ihm doch da nur einfallen. Und das ginge ja wohl nicht. Also wurde der freundliche Azubi beauftragt, die WĂ€nde des besagten Kellers zu streichen. Da dieser mittlerweile seine Bedeutung seit dem Organizerproblem erkannt hatte, stöhnte er. Er muckte auf. Mit Erfolg. Der gute Chef sagte alle Termine fĂŒr die kommende Woche ab. Der gute Chef beauftragte seine SekretĂ€rin, in einer Buchhandlung ein Buch ĂŒber Papierfalten mit einer Anleitung zum Falten einer MalermĂŒtze aus Zeitungspapier zu besorgen. Und so geschah es. Alle Termine wurden abgesagt, die SekretĂ€rin besorgte eine Papierfaltanleitungsbuch und musste dann nach dieser Anleitung aus der Sportseite der Tageszeitung einen schönen Papierhut falten. Das gelang ihr auch nach etwa einer Stunde. Am kommenden Montag musste der gute Chef dann feststellen, dass keine Farbe vorhanden war. Er tobte wieder einmal ein wenig herum, weil ihn keiner darauf aufmerksam gemacht hatte, beruhigte sich aber, als der Azubi sich anbot, Farbe zu besorgen. Den Azubi sah von uns keiner mehr an diesem Montag. Aber am Dienstag konnte es los gehen. Azubi, Farbeimer und Farbroller, Chef mit altem Kittel und feschem Papiermalerhut machten sich gemeinsam auf den Weg in den Keller. Keiner ließ sich diesen Anblick entgehen. Alle hatten zufĂ€llig gleichzeitig auf dem Flur zu tun. Es heiterte die Stimmung ungemein auf. Das Arbeitsklima an diesem Tag stimmte. Es stimmte die ganze Woche, denn diese Miniprozession war jeden Morgen um acht Uhr zu beobachten. Allerdings ging am Mittwoch der Chef voran. Dass er am Dienstag dem Azubi gefolgt war, das war wohl ein Versehen, das er schnell korrigiert hatte. Wir stellten uns in der Woche schon die Frage, wieso man fĂŒr einen Kellerraum von zwölf Quadratmetern und völlig frei zugĂ€nglichen WĂ€nden vier Tage zum Streichen der WĂ€nde benötigt. Allerdings waren wir uns dann auch einig, dass man nicht immer und bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Kompetenz eines Chefs anzweifeln muss. Das taten wir dann vorerst auch nicht mehr. Die SekretĂ€rin des guten Chefs wurde dann auch noch reichlich eingespannt; morgens um neun musste sie einen kleinen FrĂŒhstĂŒcksimbiss in den Keller bringen, um zwölf eine Kleinigkeit zum Mittagessen und um drei dann ein wenig Kaffee mit GebĂ€ck. Und zum Feierabend dann sogar zwei Flaschen Bier. Da war der Chef schon großzĂŒgig. Am Freitag waren sie dann fertig. Wie viel Farbe auf die WĂ€nde gekommen war, wissen wir nicht. Wie viel Farbe auf dem Kittel und auf dem MalerhĂŒtchen war, das konnten wir nur schĂ€tzen. Der Azubi war allerdings sauber. Wir hatten uns zuvor schon gewundert, warum er keinerlei Schutzkleidung angezogen hatte. Anscheinend brauchte er sie nicht. Denn er war völlig sauber. Entweder konnte er professionell WĂ€nde streichen, oder aber der Chef hatte ihm vier Tage lang in seiner Funktion als oberster Ausbilder gezeigt, wie man das macht. Die Belegschaft war im VerhĂ€ltnis 18 zu 1 geteilter Meinung. Da wir geheim abgestimmt hatten, war nicht klar, wer der eine war. Eine Woche spĂ€ter verfĂŒgte dann die Mutterfirma, dass von den 6 KellerrĂ€umen 3 fĂŒr jede Art von Schmutz-MĂŒll genutzt werden sollten. Der gestrichene Raum gehörte dazu. Die Weitsicht unseres Chefs hatte sich also ausgezahlt. Die MĂŒllentsorger hatten eine wirklich vorzeigbare Visitenkarte unseres Betriebes vor Augen.

 

Und so setzte es sich fort. Der Chef wusste immer genauer Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Und er wurde darin immer konsequenter. Er machte sogar ab und an ein kleines SpĂ€ĂŸchen, weil er ab dem Kellerstreichen von Besuchern immer öfter fĂŒr den Hausmeister gehalten wurde. Nach dieser unbedingt notwendigen praktischen Arbeit im jetzigen MĂŒllkeller suchte er eifrig nach neuen Aufgaben, die seine Verbindung zur richtig arbeitenden Klasse festigten. Und man muss sagen, dass unser Betrieb seit dem einen wirklich guten, sauberen, gepflegten Eindruck auf Kunden und Besucher macht. Einige sind allerdings schon ein wenig irritiert, wenn sie in der Eingangshalle an dem zigarettenkippen- und papieraufsammelnden Hausmeister vorĂŒbergehen und diesen dann wenig spĂ€ter im Chefzimmer hinter dem mit BlĂŒmchen hĂŒbsch dekorierten Schreibtisch vorfanden. Aber das legte sich. Nur neue Kunden und Besucher reagieren noch so. Alte Besucher und Kunden haben damit kein Problem mehr.

 

Ach ja, fast hĂ€tten wir die Ausgangsfrage vergessen. Es ist halt manchmal wirklich schwer, da es das eigentlich nicht gibt, was man einem Chef so gerne wĂŒnschen oder schenken wĂŒrde.

 

Nachtrag: Der Funke an Wahrheitsgehalt in dieser Geschichte wird dadurch ein wenig bekrÀftigt, dass der Chef heute wieder einmal mit einem Sack Kartoffeln in der linken und einem Bund Porree in der rechten Hand vom Pförtner gesehen wurde.

 

 

 

 

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