Romane & Erzählungen
Wie KirschblĂŒten im Wind - Kaze no sakura no you ni

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"Wie KirschblĂŒten im Wind - Kaze no sakura no you ni"
Veröffentlicht am 14. Januar 2013, 56 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Über den Autor:

Ich bin ein pessimistisches FrĂ€ulein, dass schon seit ihrer Kindheit einen Narren an der asiatischen Kultur als auch der Sprache gefressen hat. Demnach lerne ich fleißig japanisch. Eine Weile lernte ich auch zusĂ€tzlich koreanisch aber, das ist dann unter dem ganzen Stress untergegangen. Außerdem habe ich gemerkt, dass mich die japanische Sprache doch mehr fasziniert. Genauso wie ich verrĂŒckt nach Asien bin, liebe ich auch den Sport Basketball. ...
Wie KirschblĂŒten im Wind - Kaze no sakura no you ni

Wie KirschblĂŒten im Wind - Kaze no sakura no you ni

Einleitung

Oh nein, was hat sich Lilian, denn dabei nur gedacht ausgerechnet nach Japan auszureisen und dort ihre ersten Tage als frisch gekĂŒrte Ärztin anzugehen. Ob das auch funktionieren wird? Ganz alleine in Japan, ohne Familie und Freunde. Sollte sie nicht doch lieber zurĂŒckreisen? Genau diese Entscheidung fĂ€llt ihr eines Tages umso schwerer als sie eine nostalgische Begegnung macht...


~Das Cover habe ich selbst per Gimp gestaltet~

Prolog


Endlich! Sie hatte es geschafft. Eine KirschblĂŒte nach der anderen fiel auf das grĂŒne, im Sonnenaufgang schimmernde Gras. Von hier oben sah Osaka am frĂŒhen Morgen noch viel schöner aus.

Erschöpft aber zufrieden lehnte sie sich an den großen Kirschbaum und blickte mit verschrĂ€nkten Armen hinauf in seine vielen eleganten Äste. Jeder von ihnen war um und um ĂŒbersĂ€t von KirschblĂŒten, in einem zarten Rosa. Eine nach der anderen bahnte sich ihren Weg vom Wind begleitet in die weite

Welt - wie sie einst.
Sie liebte es einfach, dieses wunderschöne rosa BlĂŒtenmeer zu beobachten. Es entspannte sie. Langsam schloss sie ihre Augen und erinnerte sich an frĂŒher. An ihre Zeit in Deutschland. An ihre Kindertage, Familie, Schule, Studium, bis hin zu ihrem jetzigen Leben in der Gegenwart. Wie schnell doch die Zeit verging.

 

Es kam ihr so vor, als ob sie erst gestern noch 13 Jahre alt war. Und jetzt? Jetzt war sie reife 25.

War sie denn glĂŒcklich? Eigentlich mĂŒsste sie glĂŒcklich sein. Sie hatte alles erreicht, wovon sie nur in ihrer Kindheit trĂ€umte. Sie war jetzt Ärztin, arbeitete und lebte zudem noch in ihrer Lieblingsstadt Osaka. Und trotzdem. Trotzdem fehlte etwas.
Aber was? Was nur?

Traurig öffnete sie ihre Augen und entfernte sich ein bis zwei Schritte vom Baum. Sie sah die Sonne. Damals wusste sie nicht, wieso man Japan als das "Land der aufgehenden Sonne"

bezeichnete abgesehen von seiner geographischen Lage im Osten, aber jetzt konnte sie es viel besser verstehen. Die Sonne war zwar weit entfernt aber fĂŒhlte sich dennoch sehr warm und wohlig an. Als, ob sie, sie berĂŒhren wĂŒrde. Es hinterließ ihr ein prickelndes GefĂŒhl auf ihrer Haut.

 

 

Ja, es war ein Samstagmorgen. Langsam fuhren auch schon die ersten Menschen zur Arbeit los. Aus der ruhigen Stadt wurde jetzt eine laute GeschÀftsregion. Eltern verabschiedeten sich von ihren Kindern, welche gemeinsam mit ihren Freunden zur Schule aufbrachen.
Lilian wusste in diesem Moment, was ihr fehlte. Was sie schrecklich vermisste. Was der Grund fĂŒr ihr plötzliches Traurigsein war.
Es war die Einsamkeit. Ihre Familie und Freunde lebten in Deutschland. Nur sie wohnte hier in Japan. Sie allein.

Still tropfte eine TrÀne nach der anderen

auf ihre kalten, weißen HĂ€nde. Sie weinte. Was sollte sie denn machen? Nur TrĂ€nen wĂŒrden sie jetzt trösten und fĂŒr immer treu und ergiebig begleiten.
„Ach, was wolltest du auch Ärztin werden und im Ausland arbeiten. Ausgerechnet auch noch in Japan!", fluchte sie innerlich und biss dabei wĂŒtend dieZĂ€hne zusammen.
„Aimo!", ertönte auf einmal eine weiche, mĂ€nnliche Stimme.
Geschockt hörte sie auf zu weinen. Wer war das? Wer könnte sie denn in Japan ĂŒberhaupt kennen? Diese Stimme - sanft und bestĂŒrzt zugleich.

 

 

„Aimo!", ertönte auf einmal eine weiche, mĂ€nnliche Stimme.
Geschockt hörte sie auf zu weinen. Wer war das? Wer könnte sie denn in Japan ĂŒberhaupt kennen? Diese Stimme - sanft und bestĂŒrzt zugleich.

 

Der Aufbruch in ein neues Land und eine neue Welt

„Okaa-san sieh mal die Wolken! Sie sehen aus wie ein flauschiges Himmelsschloss", rief Keisuke mit großer Begeisterung und schmiegte dabei seine Wange eng an die Luke des Flugzeuges. Wenn er ausatmete, konnte er sehen wie die Scheibe beschlug.

„Aber%

 

in diesen schweren Zeiten noch Trost spenden konnte. Immerhin war die Scheidung von ihrem Ehemann nicht einfach gewesen. Wie oft hatte er sie wegen angeblichen GeschÀftsreisen sitzen gelassen! Wie oft hatte er bei der Erziehung des Kindes nicht geholfen! Aber all das war jetzt vorbei.

Erleichtert sah sie ihre zweijĂ€hrige Tochter an. Wie sĂŒĂŸ sie in ihrer kleinen Latzhose schlief. Ihre schwarzen Haare, die sie heute frĂŒh am Morgen in zwei Zöpfe gebunden hatte, waren völlig zerzaust und fielen wie ein Pony in ihr Gesicht. Behutsam strich Mikoto die Haare aus dem

Gesicht ihres Kindes und kĂŒsste es zĂ€rtlich.
Mutter hatte recht: Die Kinder sind wirklich der grĂ¶ĂŸte Schatz auf Erden!

... drei Stunden spÀter ...

„Sind wir da?", flĂŒsterte Keisuke mĂŒde und streckte sich dabei. Ein Donnerschlag und das

 

Prasseln des Regens an der Fensterscheibe hatten ihn aus dem Schlaf geweckt. Erschöpft und zugleich verwirrt rieb er seine Augen und versuchte sich zu orientieren. EnttĂ€uscht musste er feststellen, dass sie immer noch im Flugzeug saßen.

„Nein, mein Schatz. Der Flug dauert noch eine Weile. Schlaf du ruhig weiter", beruhigte ihn die Mutter und gab ihm einen liebevollen Kuss auf die Stirn. Keisuke aber war enttĂ€uscht. Wut und Zorn brannten in seinen Augen. Nur schwer unterdrĂŒckte er diese und biss wĂŒtend die ZĂ€hne zusammen.

„Keisuke? Was ist los mein Schatz?"

„Du hast gesagt der Flug wird nicht lange dauern, okaa-san. Jetzt sitzen wir schon seit sieben Stunden im Flugzeug und ich sehe immer noch kein Deutschland", schrie der Junge zornig und verschrĂ€nkte im Nachhinein als er zu Ende gesprochen hatte, die Arme.

 

Sehen konnte man nun einen schmollenden, kleinen BrummbĂ€r, der ungeduldig aus dem Fenster in die grauen, regnerischen Wolken schaute, die ab und zu von einem Blitz erhellt wurden. Im Hintergrund hörte man die Passagiere flĂŒstern:
„Was fĂŒr ein ungezogenes Kind! Schreit einfach seine Mutter vor fremden Leuten an!"

Mikoto bemerkte die Unruhe und versuchte ihren Sohn zu beruhigen:
„Aber Keisuke, Deutschland ist nun mal weit weg. Sehr weit weg sogar. Du musst dich einfach nur gedulden."

„Wieso mĂŒssen wir ĂŒberhaupt nach

Deutschland? Gibt es denn gar keine Arbeit in Honshu?", unterbrach der kleine Junge seine Mutter und sah ihr dabei flehend in die Augen:
„Ich will nicht nach Deutschland. Ich möchte kein Außenseiter sei. Werde ich dort eingeschult?"

 

 

Mikoto fehlten die Worte. Ihr Sohn behielt in allem, was er sagte recht aber das Leben bot nun mal nichts anderes. Sie konnte ihnen nichts anderes bieten. Die Arbeitslosenrate in Kobe war in den vergangenen Wochen drastisch gestiegen. Ihr blieb keine andere Alternative als auszuwandern. Außerdem war da auch noch Kochiru, ihr Ex, von dem sie sich erst neu geschieden hatte. Die Auswanderung kam wie gerufen fĂŒr die junge, alleinerziehende Mutter. Nur wie sollte sie dies ihren Kindern erklĂ€ren?

Verzweifelt atmete Mikoto tief aus und

lehnte sich erschöpft nach hinten in den Sessel.

„Ich kann dir auf all deine Fragen jetzt keine Antwort geben aber ich verspreche dir, wenn du Ă€lter bist sollst du alles erfahren, mein Schatz", antwortete sie mĂŒde und strich ihm dabei nochmals liebevolldurch die Haare.

Keisukes Gesichtsausdruck verÀnderte sich

 

abrupt. Der schmollende Mund formte sich zu einem kleinen LÀcheln und auch der Ausdruck seiner Augen strahlte vollstes Mitleid und VerstÀndnis aus. Langsam nahm er die streichelnde Hand in seine kleinen HÀnde und gab ihr einen kleinen Kuss:
„Gomennasai okaa-san. Mir war eben langweilig und Angst hatte ich auch wegen dem Gewitter. Außerdem bin ich aufgeregt. Ich weiß doch gar nicht, was mich alles dort erwartet. Verzeih mir bitte, dass ich dich so angeschrien habe."

„Ist schon gut. Ich weiß selber noch nicht, was uns in Deutschland erwartet. Aber hey, sieh es als ein großes, spannendes Abenteuer an, na!", zwinkerte Mikoto, um ihren Sohn glĂŒcklich zu stimmen.

...Derweil in Deutschland...

„Mama?"

„Ja, mein Schatz."

 

 

„Hört es denn gar nicht mehr auf zu regnen?" Es ist doch Sommer, oder nicht?", fragte Lilian enttĂ€uscht und beobachtete vom Fenster aus, wie die Tropfen vom Himmel auf die Erde fielen. Ja, der Himmel weinte regelrecht. Und das bereits 7 Tage. Sie hatte es allmĂ€hlich satt.

„Auch im Sommer gibt es Gewitter und Schauer, mein Sprössling."

Ein leises Seufzen vernahm man daraufhin. Gelangweilt stĂŒtzte Lilian ihr Kinn auf die HĂ€nde. Der Begriff "Schule" schlich sich in ihr kleines Köpfchen ein. Nachdenklich sah sie auf ihre SchultĂŒte und ihren Schulranzen. Nur noch zwei Monate, dann wĂŒrde es soweit sein.

Kann man in der Schule genauso viel Spaß haben wie im Kindergarten? Und wie sind Lehrer?

All diese Fragen schwirrten um den Kopf des sechsjÀhrigen MÀdchens. Aus Drang, Antworten zu bekommen, sprang sie aufgeregt

 

vom Stuhl und rannte auf ihre Mutter zu, die in der KĂŒche den Abwasch erledigte.

„Duu, Mama?"

„Ja, mein Schatz."

„Wie ist die Schule denn so?"

„Die Schule?"

„Hmm, ja, die Schule."

„Naja, anfangs ist sie ganz lustig. Man lernt eine Menge neuer Leute kennen und neue Sachen, die sehr viel Spaß machen. Nur..."

„Ja? Nur? Was nur, Mami?"

„Mir ist aufgefallen, was fĂŒr ein großes MĂ€dchen du doch geworden bist, Lilly. Es werden Zeiten kommen, da wirst du mir von deinen Abenteuern erzĂ€hlen, die du so im Leben erlebt hast."

„HĂ€?", antwortete das kleine MĂ€dchen verwirrt.

 

„Verstehe ich nicht", schmollte sie.

„Du wirst es noch frĂŒh genug erfahren, mein Schatz."

„Aber Mamiii. Ich will es jetzt wissen", jammerte sie und zupfte ungeduldig am Rock ihrer Mutter.

„Na na na, dann wĂŒrde doch die ganze Spannung weggehen."

„Welche Spannung? Mami du verwirrst mich!"

„Und das ist auch gut so, mein Schatz. Jeder muss selbst seine Erfahrungen sammeln, um zu sehen was richtig ist und was nicht. Wie gesagt es wird eine Zeit kommen, in der meine Worte nicht mehr so chinesisch klingen."

„Bis dahin platze ich vor Neugier. Ich gehe lieber ins Bett."

„Ohne eine heiße Schokolade?"

„Ja!", knurrte Lilly enttĂ€uscht.

 

 

 

-04:00 Uhr morgens-

Mikoto schnallte ihren Sohn sorgfĂ€ltig an als dieser langsam seine Augen öffnete. MĂŒde schaute er sich um: die Passagiere waren alle in Aufruhr und kontrollierten noch einmal ihr GepĂ€ck, ob es auch sicher verstaut war, bevor sie sich danach hinsetzten und die Gurte festzogen.

MĂŒhsam bĂŒckte er sich nach vorn, um den Zustand seiner kleinen Schwester abzuchecken. Da lag sie. Die Haare total zerzaust und leicht verschwitzt. Die Luft im Flugzeug war aber auch sehr schlecht und stickig. Immerhin brauchte er sich aber keine Sorgen um sie zu machen, denn im Sicherheitsgurt festgeschnallt wiĂŒrdedas fĂŒr sie bestimmt eine weiche Landung werden - wie auf einer flauschigen Wolke.
„Was sie wohl gerade trĂ€umt?", dachte er sich und beobachtete nebenbei wie ihr Babybauch

 

beim Ausatmen kleiner und beim Einatmen grĂ¶ĂŸer wurde.

„Ist sie nicht niedlich, mein Schatz?", fragte ihn schließlich seine Mutter und strich der Kleinen die verschwitzten StrĂ€hnen vorsichtig aus dem Gesicht. Ungern wollte sie ihr schlafendes Baby aus dem wunderschönen Traumland holen.

„Attention, please! We will find ourselves on Germany in the next 15 Minutes. Please sit down and fasten yourself tightly!"
„Atenshonpurizu. Tsugi no 15-bu de watashitachiha Doitsu ni jibun jishin o mitsukeru. Suwaru to ni shikkari to sore

o shime kudasai. Arigato gozaimasu!"

„Das erste war doch Englisch, nicht wahr, okaa-san?"
„Ja, mein Liebling. Wir sind bald da. Es dauert

 

nicht mehr lange. Habe ich dich auch fest angeschnallt, Keisuke?"
„Ja, hast du, okaa-san"
„Lass mich mal schnell sehen." FĂŒrsorglich kontrollierte sie sicherheitshalber, ob sie auch den Gurt ordentlich festgezogen hatte.
„okaa-san, mache dir keine Sorgen. Du hast ihn festgezogen. Ganz sicher."
„Schon okey, mein Schatz. Ich glaube dir ja."
„Aber wieso zupfst du immer noch an meinem Gurt herum?"
„So sind MĂŒtter nun mal. Sie sind immer in Sorge um ihre Kinder und kontrollieren deshalb alles, nur um auch wirklich sicher zu gehen, dass ihnen nichts geschieht. Verstehst du das, mein Engel?"

Keisuke nickte erschöpft und rieb sich das rechte Auge. Dann aber schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf: tou-san.
„okaa-san, warum hat dann tou-san mich nie kontrolliert?"

 

Mikoto sah ihren Sohn fragend an: „Dein Vater? Wie meinst du das, mein Junge?"
„Erinnerst du dich noch als wir auf dem Rummelplatz in Shibuya waren? Da warst du noch mit Kiki schwanger. Du bist damals kurz auf die Toilette gegangen und tou-san fuhr mi

 

Kochiru, du konntest dir noch nicht mal bei sowas wichtigem deine TagtrĂ€umerei verkneifen! Typisch, fĂŒr dich!

„Bitte, nicht traurig sein, okaa-san!" Es ist ja nichts passiert." „okaa-san?"

Ach, wieso rege ich mich ĂŒberhaupt auf. Es war richtig die Scheidung einzureichen

„okaa-san?"

„Huh? Entschuldige mein Junge. Auch mir geht langsam die Energie aus."
„Keisuke, was dein Vater gemacht hat, war auf gar keinen Fall richtig, hörst du? Auch du wirst irgendwann mal heiraten und eine Familie grĂŒnden. Mache das bitte bei deinen

Kindern nicht, okey, mein Schatz?"
„Yosh, okaa-san."

„Attention, please! We are now on Germany. Please, avoid walking and sit down. The pilot is now getting ready to land. We also ask to strap

 

the seat belts, again."
 

„Wareware wa Doitsu ni y? ni narimashita. Hok? o sake, sore o irete kudasai. Pairotto wa chakuriku suru junbi o shite imasu. Wareware wa mata, futatabi Sutorappu ni shitoberuto ni tsuite shitsumon shimasu. Okage de futatabi."

Endlich wir sind da. Endlich sind wir in Deutschland. Von jetzt an wird alles anders. Alles wird besser fĂŒr uns. Es wird keinen mehr geben, der unser FamilienglĂŒck zerstört oder aufs Spiel setzt.

Keisuke versuchte das Lachen zu

unterdrĂŒcken als das Flugzeug zur Landung ansetzte und die Erde unter ihnen immer grĂ¶ĂŸer wurde. Es kribbelte einfach viel zu sehr

 

in seinem Bauch.

„okaa-san, es kitzelt", schrie er prustend „Mit dem Flugzeug fliegen macht doch Spaß", kicherte er und hielt seinen Bauch fest, wĂ€hrend die kleine Kiki lauthals zu weinen anfing.

„okaa-san, ich glaube Kiki gefĂ€llt die Landung gar nicht", kicherte er weiterhin und wischte sich die TrĂ€nen aus den Augen, die vom vielen Lachen kamen.

Das ist viel zu komisch. Mein Sohn erfreut sich ĂŒber den Adrenalinausstoß und meine Tochter bekommt Angst. Dieses Bild muss ich unbedingt verewigen.

Mit diesen Gedanken kramte sie schnell ihre Kamera aus der Handtasche und hielt es schnurstracks in die Luft.
„Sagt alle, Chiisu!"
„CHIISU"

~KLICK~

 

Amenbou?

 

Ein kalter Windzug ließ die Familie, der frisch geschiedenen Mutter, frösteln. Sie schlang die Arme um ihre Tochter noch fester und wickelte sie ordentlich in ihren dicken Schal ein, damit sie es auch schön warm hatte. Kiki durfte sich auf gar keinen Fall erkĂ€lten. Jetzt, wo sie gerade in Deutschland angekommen waren, wĂ€re eine Erkrankung ihres Babys nicht besonders gĂŒnstig fĂŒr sie. Den Deutschkurs hatte sie zwar in Japan absolviert, um ĂŒberhaupt einreisen zu können aber trotzdem blieb ihr dieses Land fremd. Weder kannte sie

Ärzte, noch hatte sie andere Bekanntschaften gemacht. Mit einem großen Seufzen hielt sie Keisuke mit der freien Hand fest. Es gab großen Trubel und die Menschen rannten und kamen von allen Richtungen. Mit letzter Kraft erkĂ€mpfte sie sich in den Bus, der die kleine Familie in das Innere des Flughafens transportieren sollte. Eins hatten Deutschland und Japan schon einmal gemeinsam: Die

 

Heizungen in den Bussen schienen einwandfrei zu funktionieren. Wohlig kuschelte sich Keisuke in den weichen Arm seiner Mutter. Dass er dabei von mehreren Menschen zerquetscht wurde, nahm er in aller MĂŒdigkeit in Kauf. Bei seiner Mutter war es immer am Schönsten. Auch in einem stickigen, einengenden Bus. Die Fahrt dauerte nicht lange. Bereits wenige Minuten spĂ€ter wurden Mikoto und ihre Kinder wieder dem eisigen Wind konfrontiert. Ein GlĂŒck, dass es am Haupteingang des Flughafens keine Schlange gab. Nur noch das GepĂ€ck musste abgeholt werden bis die Reise mit dem Bus nach Heidelberg weitergehen sollte. Viel hatte die kleine Familie nicht mitgebracht. In einem großen, schwarzen Koffer war ihr gesamtes Hab und Gut sicher verstaut. Nachdem auch dieser leise hinter den dreien hertuckerte, musste nur noch ein Hindernis ĂŒberwĂ€ltigt werden: Die Passkontrolle

 

 

MĂŒde rieb sich Keisuke das linke Auge und stĂŒtzte sich schlĂ€frig an den Mantel seiner Mutter, die gerade mit dem Vorzeigen der PĂ€sse beschĂ€ftigt war.

„Dauert es noch lange, kaa-san?"

„Ist das ihr Sohn?"

„Ja, sein Name ist Keisuke", nickte Mikoto unsicher wegen ihrem schlecht ausgesprochenen Deutsch und strich ihm dabei zĂ€rtlich durchs Haar.

„Hallo, kleiner Keisuke", begrĂŒĂŸte ihn der Polizist herzlich „warte mal kurz! Ich habe hier eine Kleinigkeit fĂŒr dich", und kramte aus seiner Jackentasche einen Lutscher heraus.

„Wenn es ihnen natĂŒrlich Recht ist, Frau Hino?", bat er Mikoto höflichst um Erlaubnis, bevor er Keisuke mit der SĂŒĂŸigkeit beglĂŒcken konnte. Die junge Mutter hatte nichts 

 

einzuwenden, warum auch, und nickte lĂ€chelnd zur BestĂ€tigung. Keisukes Augen weiteten sich als er die bunte HĂŒlle des Lollis sah. Im Nu war die MĂŒdigkeit vergessen. Keisuke sagte natĂŒrlich nicht nein zu solch einem verlockenden Angebot.

„Amenbou!", lachte er begeistert und streckte die Hand danach aus.

„Japanisch, fĂŒr Lolli", klĂ€rte Mikoto den Polizisten auf.

„Ich wĂŒnsche Ihnen eine gute Reise und erfolgreiches Gelingen, Frau Hino!", gab er ihr den Pass zurĂŒck. Mikoto verbeugte sich daraufhin nur mit einem kleinlauten Danke. Sie hatte Angst ihr gelerntes, brĂŒchiges Deutsch, anzuwenden. Was, wenn sie sich blamieren wĂŒrde? Was, wenn ihr angeeignetes Deutsch einfach nicht ausreichen wĂŒrde? Die EnttĂ€uschung wĂ€re viel zu groß als das sie es in ihrem jetzigen Zustand verkraften konnte.

 

Wo steckt Papa?

 

Der neue Tag brach in Deutschland bereits an. Von Minute zu Minute wurde es immer heller. Eine gemĂŒtlich-ruhige AtmosphĂ€re erfĂŒllte den Bus. Jeder aber wirklich jeder Passagier hatte sich in seine Jacke eingewickelt und schlummerten im Garten des Traums mit einem friedlichen LĂ€cheln. Ja, manche Kinder sogar hatten sich in ihre Reisedecken gekuschelt, weil die KĂ€lte andersrum nicht zu besiegen war. So auch Keisuke. Zufrieden und erschöpft schloss er seine Mutter in eine liebevolle Umarmung und schmiegte

seinen Kopf eng an ihre Brust. WĂ€hrend Mikoto ihm gleichmĂ€ĂŸig sanft ĂŒber den Kopf strich, summte sie leise ein Wiegenlied. Sein Wiegenlied um genau zu sein. Kaum vernehmbar sang Keisuke die Silben mit:

Sato no miyage ni, nani morota.

Denden daiko ni, shou no fue. 

 

 

„Du kannst es ja schon auswendig", flĂŒsterte seine Mutter ihm ĂŒberrascht ins Ohr. „Du hast es mir doch auch jeden Abend vorgesungen damit ich besser einschlafe, okaa-san", blickte er ihr daraufhin schlĂ€frig in die Augen. „Jeden Abend mit einer warmen Tasse Milch. Und otou-san hat mir dann immer aus meinem dicken MĂ€rchenbuch vorgelesen", fuhr er fort „bevor wir dann.....du, otou-san, Kiki und ich uns enganeinander kuschelten und einschliefen." Keisuke wanndte nun seinen Kopf zur Seite und legte ihn auf den Schoß seiner Mutter. Es waren jetzt vier Monate vergangen seitdem er zuletzt seinen Vater gesehen hatte. Er kam, um seine Koffer zu packen und ihn ein letztes Mal in die Arme zu nehmen. Widerwillig schloss er seine Augen. Er wollte einfach nicht mehr daran denken. Immer wenn er das tat, sah er ihn vor seinem geistigen Auge: wie er lachte, mit ihm spielte, seiner Mutter einen Kuss auf die Wange gab oder Kikis Windeln wechselte.

 

Die Erinnerungen an diese Zeit raubten ihm jedes Mal seine kostbare Kraft. Sein Rachen brannte fĂŒrchterlich und TrĂ€nen benebelten unwillkĂŒrlich sein Sehfeld. Es tat einfach weh an ihn zu denken. Ihn zu vermissen und noch einmal mit ihm spielen zu wollen. Aber schluchzen wollte er nicht. Schluchzen war fĂŒr ihn viel schlimmer als weinen. „Hilf mir! Bitte, halt mich! Mir geht es gerade gar nicht gut!" Damit assoziierte er es, wĂ€hrend weinen lediglich Trauer ausdrĂŒckte, womit er noch selbst fertigwerden konnte und auf niemanden angewiesen war.  „Okaa-san?"  „Ja, mein Schatz." „Stimmt es, dass er nie wieder kommen wird?" Mikoto war nun wieder traurigen Augen konfrontiert. Sie sah wie sich in ihnen die schmerzliche FlĂŒssigkeit voll Kummer ansammelte, sanft auf ihren HĂ€nden aufschlug und gleichmĂ€ĂŸig eine warme Spur hinterließ. Es war mehr als offensichtlich, dass er mit „er" seinen Vater meinte.

 

Die junge Mutter schluckte bei dem Anblick ihres Sohnes einen schweren Kloß runter. Wie sollte sie ihm milde klar machen, dass es fĂŒr die nĂ€chsten Jahre wahrscheinlich kein Wiedersehen geben wĂŒrde? Wie sollte sie ihm sagen, dass er sie nicht mehr liebte und sie nun getrennt lebten? „Mein Junge.....dein Vater.....er ist auf einer langen GeschĂ€ftsreise in Canada. Deswegen hat er auch seine Koffer gepackt", lĂ€chelte sie ihn warm an, wĂ€hrend ihr Herz innerlich von abertausenden Messerstichen gepeinigt wurde. Keisukes Augen leuchteten bei dieser Antwort ĂŒberglĂŒcklich auf: „Und ihr seid auch nicht böse aufeinander?" „Nein, mein Liebling. Wie kommst du denn darauf?" „Weil ich gehört habe wie otou-san dich angeschrien hat und du dann ihn." „Ach....das war nur ein Spiel." „Ein Spiel?" „Genau. Die Erwachsenen spielen dieses Spiel oft. Es geht darum wer seinen GegenĂŒber besser anschreien kann. Der geht dann als Sieger hervor."

 

Keisuke besann sich fĂŒr einen kurzen Moment. „Also ich mag das Spiel gar nicht. Kiki und ich werden dann wohl beim Lach-Wettbewerb bleiben."

 

 

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Über den Autor

ShiningEnzian
Ich bin ein pessimistisches FrĂ€ulein, dass schon seit ihrer Kindheit einen Narren an der asiatischen Kultur als auch der Sprache gefressen hat. Demnach lerne ich fleißig japanisch. Eine Weile lernte ich auch zusĂ€tzlich koreanisch aber, das ist dann unter dem ganzen Stress untergegangen. Außerdem habe ich gemerkt, dass mich die japanische Sprache doch mehr fasziniert. Genauso wie ich verrĂŒckt nach Asien bin, liebe ich auch den Sport Basketball. Kobe Bryant und Michael Jordan sind meine Idole.
Ich finde im ĂŒbrigen, dass Sport unbedingt ins Leben integriert werden sollte. Es ist sehr wichtig und vor allen Dingen sehr gesund.
Ich bin wie viele andere aus den 90ern auch mit den Kinderserien aus Japan bzw. Nippon und Toei Animation aufgewachsen. Danke Japan auch dafĂŒr.

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