Kurzgeschichte
Ich war einfach nur normal - Du warst etwas Besonderes

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"Geschwister von behinderten Kindern haben es auch nicht immer leicht... Aber, lest selbst!"
Veröffentlicht am 06. Juli 2012, 12 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: MerleSchreiber
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Unter dem Pseudonym MerleSchreiber veröffentliche ich seit etwa fünf Jahren Gedichte und kleine Kurzgeschichten. Neben Alltagsthemen möchte ich auch tabuisierte Lebenswelten so aufbereiten, dass sie das Interesse und den Zugang zu den Herzen der Leser finden.
Geschwister von behinderten Kindern haben es auch nicht immer leicht... Aber, lest selbst!

Ich war einfach nur normal - Du warst etwas Besonderes

Einleitung

"Ich war einfach nur normal", sagte meine Schwester, die zum ersten Mal über ihre Gefühle in Bezug auf meine Behinderung sprach. Titelbild und Text: Copyright by MerleSchreiber (Juli 2012)









Es war im Sommer 1961 – Der erste

Amerikaner flog ins All. In Deutschland wurde das Kindergeld eingeführt und die Antibabypille zugelassen. Ja, und Mitte August begann in Berlin der Mauerbau. Aber davon bekamen meine Leute auf ihrem Bauernhof im Niederbayerischen nicht viel mit. Ihre Welt war damals noch recht klein. Man war zufrieden,

wenn im Stall mit dem Vieh alles in Ordnung war und die Heuernte nicht verregnet wurde.

Allerdings gab es auch für sie in diesen ereignisreichen Sommertagen des Jahres 1961 einen tiefen Einschnitt. Der Grund war, dass ich, gerade mal drei Jahre alt, einen gefürchteten Virus einfing und an spinaler Kinderlähmung erkrankte. Sie kam als Grippe maskiert daher, breitete sich in meinem Körper aus und

hinterließ mir viele bleibende Erinnerungen. Lähmungen an Händen und Beinen und als Zugabe noch ein paar fest verschnürte Päckchen, so dass man auf den ersten Blick nicht sehen konnte, was drin war. Erst nach vielen Jahren

sollten sie sich als Spätfolgen der Krankheit entpuppen.


Wir waren sechs Geschwister – vier Buben und zwei Mädels. Meine Schwester war ein paar Jahre jünger als ich. Im Gegensatz zu meinen Brüdern hatte ich zu ihr von jeher ein eher distanziertes Verhältnis. Warum das so war, darüber hatte ich mir eigentlich nie Gedanken gemacht. Bis zu jenem Tag im April vor nunmehr zehn Jahren. Um die Feierlichkeiten für den runden Geburtstag unserer Mutter zu besprechen, trafen wir uns - etwa ein halbes Jahr nach meiner Spätfolgen-Diagnose - in einem kleinen Cafe.

Wir hatten uns schon länger nicht mehr gesehen und ihr fielen meine Probleme mit den Händen auf. Nachdem sie mich darauf ansprach, erzählte ich ihr von meinem desolaten Gesundheitszustand und den neuen Lähmungen. Nachdenklich

hörte sie zu, schwieg eine ganze Weile und sagte dann plötzlich:
„Und ich habe dich immer beneidet!“
„Ach, ja", überrascht sah ich sie an und fragte: „Für was denn?“

„Na, für deine Krankheit.“ „Hä, bist du verrückt?“ „Nein, ich bin nicht verrückt. Es war so! Du warst der absolute Superstar. Ich konnte da machen, was ich wollte. Alle haben sich nur für dich interessiert.

Wenn du in die Klinik musstest, hast du neue Sachen zum Anziehen bekommen. Die Verwandten und Nachbarn kamen und haben dir Schokolade und Spielzeug gebracht, Mama hat tagelang geweint und du hast dich dann einfach aus dem Staub gemacht.“ „Denkst du, das war lustig – als kleines Kind für viele Wochen ganz alleine im Krankenhaus?“ „Nein, das denke ich nicht, aber du hast danach immer erzählt, was du alles erlebt hast, wen du kennengelernt hast und dass dir das alles sowieso nichts ausmacht. Und jeder hat gesagt: Schaut sie euch an, wie tapfer das Mädel doch ist .....! Wie es mir dabei ging, das war ihnen völlig

egal."

„Es tut mir leid, dass du das so empfunden hast“, unterbrach ich sie.

"Ja, genau so habe ich das empfunden", bekräftigte sie mit trotziger Miene und sprach dann ein wenig abgehakt weiter: „Na ja, später ist es dann ja auch noch viel schlimmer gekommen. Als du nämlich ins Internat kamst, hast du dich für mich überhaupt nicht mehr interessiert. Du hattest jede Menge neue Freundinnen von überall her und ich war ja nur die kleine dumme Schwester. Wenn du alle vier Wochen nach Hause gekommen bist, ist die ganze Familie und das halbe Dorf zusammen gelaufen. Dann wollten sie von dir hören, wie es dir

geht, was du gelernt hast und was weiß ich noch alles. Verstehst du denn nicht, du warst etwas Besonderes und ich war einfach nur normal!“ 


Betroffen von der Wucht ihres Gefühlsausbruchs hielt ich ihr entgegen:
„Ich hätte auf das alles gerne verzichtet,

das kannst du mir glauben. Ich wäre auch gerne normal gewesen.“

Doch sie ging nicht darauf ein. Nach einer kurzen Pause sprach sie weiter: 

„Oft habe ich dann heimlich deine Koffer durchsucht, habe mir deine schönen Kleider angezogen und bin vor dem Spiegel hin und her gegangen.“ „Und - wie war das für dich?", fragte ich

"bist du dabei gerade gegangen oder hast du gehumpelt?“

Jetzt sah sie mich ganz erschrocken an,

wusste sie doch nicht, wie dieser Satz von mir gemeint war. Und plötzlich waren wir uns sehr, sehr nahe. Wohl so nahe, wie noch nie zuvor. Und nach einem kurzen Moment des Zögerns nahm ich sie in meine Arme.

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Über den Autor

MerleSchreiber
Unter dem Pseudonym MerleSchreiber veröffentliche ich seit etwa fünf Jahren Gedichte und kleine Kurzgeschichten. Neben Alltagsthemen möchte ich auch tabuisierte Lebenswelten so aufbereiten, dass sie das Interesse und den Zugang zu den Herzen der Leser finden.

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mukk Deine wunderbar geschriebene Geschichte hat mein Herz erreicht. Danke dir,
Sei allerliebst gegrüßt
Ingrid
Vor langer Zeit - Antworten
MerleSchreiber Dein Herz erreicht - mehr geht nicht.
Hab vielen DANK für dieses schöne Feedback, liebe Mukk!
Herzliche Grüße von Merle
Vor langer Zeit - Antworten
Brubeckfan ... aber erst war es doch umgekehrt, nicht?: Um ein neues Baby dreht sich alles, die Großen stehen im Hintergrund.

Hier liegt ja noch nicht mal mein Taler -- aber jetzt!

Hut ab, und viele Grüße!
Gerd
Vor langer Zeit - Antworten
MerleSchreiber Hm - guter Gedanke, Gerd. Doch, wenn ich überlege ... damalige Zeit, Bauernhof, Feld- und Stallarbeit, viertes Kind.... Ich glaube, die übermäßige Freude war das nicht. Zumal ich tatsächlich schon ziemlich viel Aufmerksamkeit gebunden habe. Den Erzählungen nach hatte ich da auch das nötige Talent dazu ;-)
Vielen Dank für alles, liebe Grüße, Merle
Vor langer Zeit - Antworten
MerleSchreiber Eine Geschichte, die das Leben schrieb, Fritz.
Hab vielen Dank für das "wunderschön".
Liebe Grüße von Merle
Vor langer Zeit - Antworten
Bleistift 
"Ich war einfach nur normal - Du warst etwas Besonderes..."
Ich habe mich gerade noch einmal von dieser emotional
starken Geschichte beeindrucken lassen und empfinde
sie immer noch genau so toll geschrieben,
als ich sie damals bereits gelesen hatte...
Das sind für mich solche literarischen HighLights,
die man auch nach Jahren immer wieder noch einmal nachlesen kann...
Leider kann man aber auch nur einmal ein Herz dafür vergeben,
verdient hättest Du allerdings sehr viel mehr dafür...
Noch nicht einmal feine Silberlinge darf ich Dir
für diese Klasse Geschichte kredenzen,
jedenfalls im Moment noch nicht...
LG
Louis :-)
Vor langer Zeit - Antworten
MerleSchreiber Ich habe eh zu viele Silberlinge, Louis. Sonst würde ich mir doch gar nicht so viel Werbung leisten können ;-))
Es freut mich sehr, dass du gerade diese, meine allererste Geschichte hier auf MS, als so gelungen empfindest.
DANKE dafür und liebe Grüße, Merle
Vor langer Zeit - Antworten
Memory 
Aufwühlend und berührend.
Wie immer im Leben gibt es für alles zwei Seiten. Das schilderst du hier sehr eindringlich und persönlich.
Das beste an der Geschichte ist, dass ihr euren Frieden gefunden habt und der stille Groll deiner Schwester verflogen ist. Schlimm, wenn er euer Leben lang zwischen euch gestanden hätte.
Es ist eine sehr schwere Aufgabe für Eltern, den Spagat hinzubekommen und allen Kindern gerecht zu werden. Das ist ja schon nicht immer leicht, wenn alle auf dem gleichen "Level" sind.
Tolle Geschichte, die eigentlich in jedem Ratgeber-Buch einen würdigen Platz finden könnte.
Lieben Gruß
Sabine
Vor langer Zeit - Antworten
MerleSchreiber Da stimme ich dir zu, Sabine. Heute hat man allerdings ein Augenmerk auf das Geschwisterkind/die Geschwisterkinder. Damals ging das völlig unter. Ich danke dir für deinen schönen und anerkennenden Kommentar!
Liebe Grüße, Merle
Vor langer Zeit - Antworten
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